Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Festschrift für Guy Stern

Von Werner Karg

Foto: Daniel Hintersteiner

Am 31. Januar 2005 wurde im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus ein Mann geehrt, der in seiner Person und in seiner Vita sehr viel von dem vermittelnd zum Ausdruck bringt, was das zurückliegende Jahrhundert uns Heutigen als Bürde und Verpflichtung auferlegt.
Kultusministerin Monika Hohlmeier hat Prof. Dr. Guy Stern eine Festschrift überreicht, die – in Verbindung mit der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit – von Prof. Dr. Konrad Feilchenfeldt und Prof. Dr. Barbara Mahlmann-Bauer herausgegeben wurde.

Prof. Dr. Guy Stern ist 1922 in Hildesheim geboren, musste – und konnte – 1937 als 15-Jähriger Nazideutschland verlassen. Seine Familie, die in Deutschland blieb, ist dem NS-Terror zum Opfer gefallen, sie wurde in den Osten deportiert und ermordet.

Guy Stern ist es gelungen, sich in Amerika als Person zu bewahren und die Freiheit dieses großen Landes zu nutzen. Er hat sich 1942 selbst in den Dienst der Freiheit und der Befreiung gestellt: Er war als Fallschirmspringer Teil jener Truppen, die im Juni 1944 in der Normandie gelandet sind und die unter großen Opfern Europa von der Terrorherrschaft befreit haben, die von Deutschland ausgegangen ist. Von 1945 bis heute hat sich Guy Stern als Universitätslehrer – besonders auch in München – der Verständigung zwischen Amerika und Deutschland verpflichtet gefühlt; er hat wesentlichen Anteil daran, dass wir hoffen dürfen, dass freiheitliches und rechtsstaatliches Denken wieder zum Wesenskern des geistigen Lebens in Deutschland gehören.

Kultusministerin Hohlmeier würdigte in ihrer Laudatio die Lebensleistung von Guy Stern, der sich nach dem Krieg in außergewöhnlicher Weise für die Stärkung der geistigen Grundlagen der Freiheit in Deutschland eingesetzt hat. Dabei sei es Stern stets darauf angekommen, „positive Leistungen zu würdigen und das in den Mittelpunkt zu rücken, was Menschen für Menschen im Guten und unter Opfern getan haben und immer wieder tun.“

Diese Grundhaltung ist vorbildlich für die politisch-historische Bildung heute, die – wie jede Erziehung – über keinen Königsweg, kein letztgültiges Modell, keinen Masterplan verfügt. Dies gilt in gleicher Weise für das Vertrauen auf die nachdrückliche Deskription von politischen Ordnungen und Prozessen wie für den Imperativ der Empathie, der, weil er Kritik und Diskurs ausschließt, Jugendlichen in jedem Falle zur Reibungsfläche wird. Die Anstrengungen, die Guy Stern in dem von ihm mit geleiteten Holocaust-Museum in Detroit unternimmt, zielen demgegenüber eher darauf, Beispiel der ‚Rechtschaffenheit‘ zu dokumentieren und damit auf die Wirkkraft positiver Modelle zu vertrauen.

Die Würdigung von Guy Stern als Erzieher beruht dabei auch auf der Überlegung, dass die belastbare Verankerung eines Wertekompasses nie mechanistisch funktioniert und dass politische Bildung gerade dort greift, wo sie „über die Bande spielt“. Der Sinn für das Humane, das Gespür für den Kitt der Zivilisation werden vielleicht gerade dort gestärkt, wo es nicht primär um das Politische oder Historische geht, – in der Kunst, in der Literatur, vielleicht auch im Spiel. „Menschen wachsen auch“, so Kultusministerin Hohlmeier, „an literarischen Vorbildern und gewinnen aus ihnen Stärke für das alltägliche Leben“. Dieser Gedanke hat auch die Entscheidung der Landeszentrale mit bestimmt, die neue Wanderausstellung zum Leben der Anne Frank – „Anne Frank. Ein Mädchen aus Deutschland“ – die von Staatssekretär Karl Freller im Januar in der Staatskanzlei eröffnet wurde, so zu organisieren, dass sie möglichst vielen Jugendlichen zugänglich wird.

Der Verweis auf Anne Frank belegt zudem, dass neben der erzieherischen Rolle des literarisch Überlieferten die Vorbildlichkeit einer einzelnen signifikanten Biografie zum wesentlichen Element geistiger Entwicklung und Vermittlung wird. Aus der Perspektive einer verantwortlichen Gestaltung von Bildung erwächst hieraus die außergewöhnliche Bedeutung der Lebensleistung von Guy Stern als Fachwissenschaftler, der Literatur vermittelt, und als Mensch, dessen Persönlichkeit von Politik und Geschichte entscheidend geprägt wurde. „Sie selbst“, so Kultusministerin Hohlmeier, „stellen für Lernende eine Identifikationsfigur dar: Ihr Lebensweg gibt anderen Orientierung, Ihre gelebte Vita zeichnet eine Spur, die anderen ein Weg sein kann.“

Diese Wertschätzung wird dadurch eingesäumt und gesichert, dass uns in Guy Stern eine Persönlichkeit gegenübersteht, die eben nicht bloß im Status eines Objekts der Geschichte als gleichsam lesbare Gestalt zur Verfügung steht, sondern die vielmehr auch eine Wahrnehmung seiner selbst repräsentiert, bei der im Wechsel zwischen Meta- und Objektebene geistige Autonomie entsteht. Auf diesen Zusammenhang hat Prof. Dr. Konrad Feilchenfeldt verwiesen, als er Guy Stern als jemanden würdigte, „der in Deutschland verfolgt und aus Deutschland vertrieben wurde, der sich aber ins Exil retten konnte und der damit in seinem wissenschaftlichen Werk als Exilforscher im weitesten Sinn nicht nur den Gegenstand seines Faches im Blick hat, sondern immer auch sich selbst in diesem Gegenstand reflektieren musste und reflektiert hat“.

Reflexion, Spiegelung, vielleicht sogar – wie es bei Goethe heißt: „Wiederholte Spiegelungen“ – bleiben zentrale Begriffe des Lernens und Lehrens, auf die, obschon ihnen etwas Solitäres innewohnt, zivilisierte Gemeinschaft sich gründet.

(Die Publikation, „Autobiographische Zeugnisse der Verfolgung – Hommage für Guy Stern“, ist bei der Landeszentrale verfügbar.)

 


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© Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit   •   letzte Änderung am: 12.03.2005 19:21