Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Ein Rückblick auf die deutsch-polnische Nachbarschaft*

Von Albert S. Kotowski

*Dieser Text geht auf einen Vortrag zurück, den der Autor am 4. 12. 2009 in München gehalten hat.

 

Donald Tusk als Sieger der polnischen Parlamentswahlen, 21. Oktober 2007

Foto: AP

Am Sonntag, dem 21. Oktober 2007 fanden in Polen Parlamentswahlen statt, die insbesondere in Deutschland sehr aufmerksam und mit Spannung beobachtet wurden. In den Nachrichten aller Sender und in der Presse standen die Informationen aus Warschau an diesem Sonntag an erster Stelle. Noch nie seit dem Fall der Mauer und dem Untergang des kommunistischen Systems in Osteuropa wurden soviel Aufmerksamkeit und Sorge der politischen Entwicklung und dem bevorstehenden Machtwechsel in einem der ehemaligen Ostblockstaaten gewidmet. Die Ursache dafür war die Verschlechterung der deutsch-polnischen Beziehungen seit dem Amtsantritt der Zwillingsbrüder Kaczynski, die im Jahre 2005 die Ämter des Staatspräsidenten und des Ministerpräsidenten übernahmen.

Der Wahlsieg der liberalen Bürgerplattform und ihres Leaders, Donald Tusk, am 21. Oktober 2007 wurden von der deutschen Regierung sehr begrüßt und in den deutschen Medien gefeiert. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete am Tag nach der Wahl über ein „enormes Interesse an guten Beziehungen“ und verwies auf die Äußerung der Bundeskanzlerin Merkel, die den Wahlsieg der Bürgerplattform begrüßte und die Hoffnung auf gute Zusammenarbeit in Europa und eine Entspannung des deutsch-polnischen Verhältnisses zum Ausdruck brachte. Die Zeitung berichtete: „Bundeskanzlerin Merkel setzt auf Entspannung im deutsch-polnischen Verhältnis und auf einen Schulterschluss in der Europapolitik. Die Bundesregierung hofft, dass die neue polnische Regierung des liberalen Spitzenkandidaten Donald Tusk das Angebot zum Dialog und zum Ausgleich aufgreifen wird.“

Zu Wort meldeten sich auch andere führende deutsche Politiker. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU), rechnete mit einer spürbaren Verbesserung der bilateralen Beziehungen. In Polens Außen- und Europapolitik rechnete er auch mit einem Neuanfang und wies darauf hin, dass man darauf aufbauen kann, was Persönlichkeiten wie Ex-Außenminister Władysław Bartoszewski und andere erreicht haben. Auf deren Erbe habe sich die bisherige Regierung des Ministerpräsidenten Jarosław Kaczynski eher weniger bezogen. Ähnlich äußerte sich Gesine Schwan, Koordinatorin der Bundesregierung für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Im ersten Interview nach den Wahlen erwartete sie ebenfalls eine Entspannung der politischen Verhältnisse zwischen Berlin und Warschau. Schwan wies darauf hin, dass Donald Tusk angekündigt habe, sowohl das Verhältnis zur Europäischen Union als auch zu Deutschland verbessern zu wollen. Nach ihrer Meinung wird Tusk stark genug sein, nationale Interessen zu vertreten, ohne dies zu Lasten Deutschlands oder Europas zu tun. Dies unterscheide ihn vom bisherigen Regierungschef Kaczynski. Im Wahlergebnis sah Schwan auch einen Beleg dafür, dass es nicht gerechtfertigt sei, von einer deutschfeindlichen Stimmung zu sprechen: „Die Umfragen zeigen alle, dass die Polen mehrheitlich sowohl gegenüber Deutschland als auch gegenüber Russland eher eine positive Beziehung haben wollen“.1)

In der deutschen Öffentlichkeit herrschte eine Aufbruchstimmung, man gab sich allseits zuversichtlich, dass die neue Regierung von Donald Tusk die inzwischen sehr zerfahrenen deutsch-polnischen Beziehun-gen reparieren wird. Was war eigentlich passiert zwischen Berlin und Warschau in den vergangenen Jahren, dass man von deutscher Seite auf einen Durchbruch hoffen musste?

Wenn man die Äußerungen deutscher Politiker von Ende Oktober 2007 liest, kann man sich der Vermutung nicht entziehen, an der Verschlechterung der Beziehungen seien allein die Polen, und namentlich die Gebrüder Kaczynski, verantwortlich. Diese Meinung verfestigte die in Polen berühmt-berüchtigte Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach (MdB), die in der ersten Reaktion auf das Wahlergebnis in Warschau ihre Genugtuung zum Ausdruck brachte und zugleich bemerkte: „Das, was an Ressentiments vorhanden ist, das kam von polnischer Seite“.2)

Stefan Raabe, Leiter des Warschauer Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung, analysierte in seinem Länderbericht vom Januar 2008 die außenpolitische Lage Polens insbesondere im Hinblick auf die deutsch-polnischen Beziehungen. Er betonte, dass es in der Tat im Laufe des Jahres 2007 Divergenzen mit Deutschland gegeben habe bei Themen wie der Gaspipeline durch die Ostsee, der Europapolitik, dem Umgang mit der Geschichte, den Entschädigungsansprüchen einiger durch die preußische Treuhand vertretener Vertriebener und deutschen Kulturgütern in Polen. Diese Divergenzen führten durch die Art und Tonlage der Behandlung von Seiten der polnischen Regierung zu einer Verschärfung der Krisen in den bilateralen Verhältnissen. Der im Außenministerium angesiedelte Deutschlandbeauftragte der polnischen Regierung, Mariusz Muszyn´ski (inzwischen von Tusk längst abgesetzt), goss mit aggressiven publizistischen Einlassungen und Vorwürfen gegenüber Deutschland wiederholt Öl ins Feuer des Streites.

Bedingt durch die deutsche EU-Ratspräsidentschaft, die im Gegensatz zu Polen eine Entscheidung in der Frage der Reform des Verfassungsvertrages der EU herbeiführen wollte, und durch das Problem des Abstimmungsmodus im Europarat, bei dem Deutschland durch seine Größe exponiert ist, entstand in der polnischen Öffentlichkeit der Eindruck eines Interessenkampfes zwischen Deutschland und Polen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident Lech Kaczyński auf dem EU-Gipfel in Brüssel, Juni 2007
Foto: Reuters

Das polnische Parlament unterstützte ohne die Zustimmung der Linken die Verhandlungsposition der Regierung, die ein „Quadratwurzelsystem“ bei der Stimmengewichtung durchsetzen wollte. Der Vorschlag wurde von der Regierung u. a. damit begründet, dass eine Stärkung Polens zur Verhinderung einer deutschen Hegemonie in der EU notwendig sei. Es müsse verhindert werden, dass Polen wieder einmal Opfer deutscher Interessen werde. Bis zuletzt drohte Premier Kaczynski von Warschau aus unter dem Motto „Quadratwurzel oder Tod“ mit einem Veto. Erst nach äußerst harten Verhandlungen kam es in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 2007 in Brüssel zu einem Kompromiss. Der polnische Premier bewertete den EU-Gipfel anschließend als Erfolg für Polen. Doch auf beiden Seiten ist anschließend von politischer Erpressung die Rede gewesen. Vizepremier Roman Giertych klagte, Deutschland habe Polen wie in früheren Zeiten die Pistole auf die Brust gesetzt. Das konservative Politikmagazin „Wprost“ stellte Kanzlerin Merkel auf dem Titelblatt als „Stiefmutter Europas“ dar, die lächelnd Jarosław und Lech Kaczynski an ihrer Brust stillte. Der polnische Ethikrat kritisierte das Titelblatt als geschmacklos. Die Bild-Zeitung titelte halbseitig: „Polen verhöhnen deutsche Kanzlerin“. Auslöser der „Presseschlacht“ war die Schlagzeile des Spiegels: „Wie die Polen Europa nerven“ und ein Bild, das die polnischen Staatszwillinge auf Angela Merkel reitend darstellte. Letztendlich scheiterte der Versuch der Kaczynskis, vor dem Hintergrund der Geschichte durch ein populistisch instrumentalisiertes Misstrauen gegenüber Deutschland europapolitisch Kapital zu schlagen. Der Schaden, den diese Politik anrichtete – so Raabe in seinem Länderbericht –, wurde in der Sache zwar durch das Einschwenken auf den Kompromiss in letzter Minute, der den Erfolg des Gipfels ausmachte, begrenzt. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ bemerkte am Rande der Berichterstattung über diesen Gipfel, es sei „der Dämon einer anderen, vergangen geglaubten Zeit, dessen giftiger Atem da plötzlich durch Europa streicht“.3)

Die von der FAZ aufgerufen geglaubten „Dämonen der Vergangenheit“ beschäftigen, natürlich umgekehrt, auch die Polen. Der bereits erwähnte ehemalige polnische Regierungsbeauftragte Muszyn´ski schrieb in der Einleitung einer opulenten Studie der Stiftung „Polnisch-Deutsche Aussöhnung“ und des polnischen Außenministeriums, die Ende 2007 auf Deutsch, Englisch und Polnisch veröffentlicht wurde, Folgendes: „Seit einiger Zeit reicht eine Lappalie, um das deutsch-polnische Verhältnis zu stören. Manchmal reicht ein Wort, eine Zeichnung oder eine Fotomontage und sogleich verlieren Toleranz, Verständigung und Versöhnung ihre Bedeutung. Der Geist der Geschichte, die nicht vergehen will, schwebt über allem.“ Muszyn´ski warf den Deutschen vor, seit dem 18. und 19. Jahrhundert habe sich in der deutschen Öffentlichkeit nichts geändert. Es gebe dort ein zweipoliges Bild von Polen und seinen Bewohnern. Einerseits würden die Gastfreundschaft und die Vielfalt Polens betont, andererseits werde immer wieder das Stereotyp von den Polen als Bürgern eines armen und schlecht regierten Staates verbreitet, das am Rande Europas liege und kaum in die zivilisierte Europäische Union passe.4)

Den „Geist der Geschichte“ und den „Dämon der Vergangenheit“ mitten in Europa zu Beginn des 21. Jahrhunderts heraufzubeschwören, erscheint auf den ersten Blick obsolet, ja fast lächerlich, wenn man bedenkt, wie musterhaft die deutsch-französische „historische Gegnerschaft“ nach dem Zweiten Weltkrieg überwunden wurde. Dabei schienen noch vor wenigen Jahren der politische Wandel am Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts und der epochale Transformationsprozess eine grundlegende qualitative Wandlung der deutsch-polnischen Beziehungen zu ermöglichen. Die Annäherung und Versöhnung sowie die gutnachbarschaftlichen Beziehungen, die in den letzten Regierungsjahren des Bundeskanzlers Helmut Kohl aufgebaut wurden, hätten eine feste Grundlage für die weitere Entwicklung einer Freundschaft und erfolgreichen Partnerschaft beider Nationen bilden können.

Zwischen den Versöhnungsgesten und -beteuerungen von Bundeskanzler Kohl und dem polnischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki während des Treffens beider Staatsmänner in Kreisau sowie dem Vorwurf des Ministerpräsidenten Jarosław Kaczynski an den ehemaligen Außenminister und Brückenbauer der deutsch-polnischen Versöhnung, Władysław Bartoszewski, er betreibe eine „Politik des Kniens vor den Deutschen“, liegen weniger als sechs Jahre. Die heutigen deutsch-polnischen Debatten und Streitigkeiten lassen sich aber ohne einen Rückblick auf die Geschichte der deutsch-polnischen Nachbarschaft nicht erklären.

Gehen wir also auf eine kurze Reise in die deutsch-polnische Vergangenheit.

Kaiser Leopold I. und König Johann III. Sobieski als Verbündete, 1683
Abbildung: ullstein bild

Der Bonner Jurist, Professor Marcus Lutter, der am 16. Mai 2003 die Doktorwürde honoris causa der Warschauer Universität erhielt, sprach in seiner Dankesrede über die glücklichen, goldenen Zeiten der deutsch-polnischen Geschichte und spannte einen Bogen von der Reise des Kaisers Otto III. zum slawischen Herzog Bolesław Chrobry nach Gnesen im Jahre 1000, über die Vermählungen der polnischen Herrscherhäuser mit deutschen Prinzessinnen im Mittelalter, u. a. Oda von Meißen und Königin Richeza, bis zum polnischen König Johann Sobieski, dessen Sieg über die Türken bei Wien 1683 eine unglückliche Wende der europäischen Geschichte verhindert habe.5) Man kann diesen Bogen noch weiter spannen: Deutsch-polnische Gemeinsamkeiten und friedliche Zeiten sind in der Geschichte leicht aufzufinden. Jan Józef Lipski, einer der führenden und in Deutschland populärsten Persönlichkeiten der demokratischen Opposition im kommunistischen Polen, schrieb in seinem Essay „Polen, Deutsche und Europa“ aus dem Jahre 1989, dass die Grenze zwischen dem Königreich Polen und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation Jahrhunderte lang, vom 14. bis zum 18. Jahrhundert, die ruhigste Grenze Europas war, die unverändert blieb und um die keine Kriege geführt wurden.6)

An dieser Stelle kann man die Liste der Beispiele einer friedlichen Nachbarschaft fast beliebig erweitern: Sächsische Kurfürsten herrschten als gewählte Könige der Adelsrepublik und es muss keine schlechte Herrschaft gewesen sein, wenn man bedenkt, dass die polnischen Monarchisten dem heutigen Nachkommen der sächsischen Wettiner vor wenigen Jahren die polnische Krone zugesprochen haben, sollte Polen irgendwann zum Königreich erklärt werden.

Erwähnenswert ist das Bündnis deutscher und polnischer Demokraten im 19. Jahrhundert, die deutsche Polenfreundschaft in den 1830er Jahren und die Waffenbrüderschaft auf den Barrikaden der Revolutionen von 1848/49 mit der Parole „Für Eure und Unsere Freiheit“.

Diese friedliche Entwicklung und die positiven Traditionen erlitten einen Bruch in der Zeit der Reichsgründung 1870/ 71, wobei sich die Wende zum preußisch-polnischen Antagonismus bereits in der Debatte abzeichnete, die im Juli 1848 im Frankfurter Parlament geführt wurde. Als die Polen die Aufrechterhaltung der Sonderrechte für die Provinz Posen verlangten, trat der deutsche Abgeordnete Wilhelm Jordan mit einer Rede in der Paulskirche auf, in der er die Deutschen zu einem „gesunden Volksegoismus“ in ihrem Verhältnis zu den Polen aufrief und „deutsche Eroberungen in Polen“ zu einer „Notwendigkeit“ erklärte. Beide Nationen strebten dasselbe Ziel an: die Gründung eines Nationalstaates. Aber nur den Deutschen schien es zunächst gelungen zu sein, dieses Ziel zu erreichen. Die Gesetzgebung des Kulturkampfes mit ihrer antipolnischen Tendenz und Bismarcks Kampf gegen die polnische Kirche und den polnischen Adel schufen ein neues Bild der deutsch-polnischen Beziehungen, das immer mehr den Charakter eines erbitterten Nationalitätenkonfliktes zeigte. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, mit der verschärften Germanisierungspolitik im preußischen Teilgebiet, ließen die Ausnahmegesetze des Reichskanzlers von Bülow gegen die preußischen Polen Vorurteile und Stereotypen auf beiden Seiten entstehen, die bis heute noch eine Rolle spielen und den Annäherungsprozess nachhaltig beeinflussen. Der Reichskanzler Bismarck gilt im heutigen Polen oft als Symbol negativer preußischer Polenpolitik.7) Die nationalsozialistische Besetzung Polens, die durch Terror und Vernichtungspolitik gekennzeichnet war, schließlich die Vertreibung der Deutschen aus Polen nach 1945, schufen eine Kluft zwischen den beiden Nationen, die noch heute nicht ganz überwunden ist.

Die deutsch-polnischen Beziehungen erreichten nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Tiefpunkt und wurden durch Hass, Vorbehalte und Leidgefühle überschattet. Es kam hinzu, dass zwischen den Staaten, die nach 1945 jeweils Mitglieder antagonistischer Bündnisse waren, Jahrzehnte lang keine diplomatischen Beziehungen existierten. Die Bundesrepublik verweigerte die Aufnahme von Beziehungen mit Staaten, die – wie die Volksrepublik Polen – völkerrechtliche Beziehungen mit der DDR unterhielten. Sie lehnte auch die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ab.

Für die Polen dagegen war deren Anerkennung die erste Voraussetzung für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Die kommunistischen Machthaber im Lande nutzten diese Situation und schürten die antideutsche Stimmung in Polen, um durch die Bildung einer Front gegen die „revisionistische Bundesrepublik Deutschland“ die Bevölkerung von den innerpolitischen Problemen abzulenken. Immerhin aber konnten 1963 in Warschau und Köln Handelsmissionen eingerichtet werden und das, was in der Politik fehlte – nämlich die Bereitschaft zum Dialog – wuchs langsam in den privaten Kontakten über die Oder-Neiße-Grenze hinaus.

Willy Brandts Kniefall vor dem Ehrenmal der Helden des Gettos in Warschau, Dezember 1970
Foto: Bundesregierung, B 145 Bild-00182585 / Fotograf: Engelbert Reineke

Erst in den siebziger Jahren begann sich das trübe Bild aufzuhellen – nicht zuletzt deshalb, weil die Bundesrepublik mit ihrer Ostpolitik neue Wege ging. Der berühmte Kniefall Willy Brandts vor dem Ehrenmal an der Gedenkstätte des Warschauer Gettos war dafür symbolhaft. Grundlegend für die Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen waren die Verträge mit Moskau und Warschau aus dem Jahre 1970, die die Unverletzlichkeit der bestehenden Grenzen in Europa anerkannten.

Dennoch blieb die weitere Entwicklung immer noch geprägt von den Erfahrungen des Kalten Krieges und der Weg zu konstruktiver Nachbarschaft zwischen Polen und Deutschen schien noch sehr lang zu sein. Die Furcht der Polen vor der Umklammerung und einem Wiedererwachen des antipolnischen Geistes bei den großen Nachbarn war noch zu groß und die Erinnerungen an die preußische Germanisierungspolitik und an die NS-Herrschaft waren noch zu frisch. Auch auf deutscher Seite war die Bereitschaft zum Dialog und zur Annäherung durch die innenpolitische Auseinandersetzung über die Prinzipien der deutschen Ostpolitik und durch Leidgefühle der Vertriebenen gehemmt.

An dieser Stelle muss betont werden, dass dem politischen Wandel durch die Annäherung ein gesellschaftlicher voraus eilte. Die „Pioniere der Versöhnung“ und die „Brückenbauer“,8) wie sie der ehemalige polnische Außenminister Władysław Bartoszewski,9) Preisträger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels,10) nennt, waren zunächst weniger die Politiker, sondern vielmehr die Kulturschaffenden, Intellektuellen und Vertreter der Kirchen und der Wirtschaft. Die ersten Signale kamen von deutschen Katholiken und Protestanten, deren Weg zur Versöhnung nach dem Krieg nach Auschwitz führte. Hier haben sich vor allem die 1953 von jungen Protestanten gegründete „Aktion Sühnezeichen“ und die katholische Friedensbewegung „Pax Christi“ hervorgetan. Besonders wichtig war die Rolle der Kirchen als Vorreiter des Dialogs. Hier sind beispielhaft das „Tübinger Memorandum“ evangelischer Wissenschaftler von 1962 sowie die Vertriebenen-Denkschrift der Evangelischen Kirche Deutschlands und der Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe von 1965 zu erwähnen.

Lech Walesa vor Arbeitern der Danziger Lenin-Werft, 1980
Foto: dpa

Die Stunde der Politik schlug zur Zeit der großen Wende 1989/90: Die Wahl der ersten nicht-kommunistischen Regierung Polens nach dem Zweiten Weltkrieg, der Fall der Berliner Mauer, die Wiedervereinigung Deutschlands und später der Rückzug der sowjetischen Truppen aus Ostmitteleuropa bildeten eine feste Grundlage für qualitativ völlig neue Beziehungen zwischen Deutschen und Polen. Durch diese Ereignisse wurden die Traditionslinien der russisch-preußischen Hegemonie über Polen seit Ende des 17. Jahrhunderts durchtrennt und neue Bedingungen der deutsch-polnischen und polnisch-russischen Beziehungen geschaffen.

Einer der „Brückenbauer“ im Sinne Bartoszewskis, der Historiker Klaus Zernack, langjähriger Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission, die beispielhaft für die Annäherung durch Wissenschaft steht, fasste die Ereignisse der neunziger Jahre folgendermaßen zusammen: „So sehen sich Deutsche und Polen heute von der Last der Erbschaft negativer Polenpolitik befreit und stehen an einem neuen Anfang ihrer Beziehungen. Die Grenze zwischen Deutschland und Polen, um die es im 20. Jahrhundert soviel Streit und Konfrontation gegeben hat, ist durch ihre völkerrechtliche Sicherung zum ersten Mal nicht Trennungslinie, sondern diese Grenze beginnt, die Völker zu verbinden. In den offiziellen staatlichen Beziehungen sind sich Deutschland und Polen heute in der Zusammenarbeit in allen Fragen der europäischen Einigung so nahe gerückt wie nie zuvor in ihrer Geschichte“. Aus der heutigen Per-spektive scheint die Meinung Zernacks doch viel zu optimistisch gewesen zu sein, obwohl die Oder keine Grenze mehr im weiteren Sinne dieses Wortes ist und Deutschland und Polen sich gemeinsam in der Europäischen Union gefunden haben.

Verlassen wir nun die Schlachtfelder der Geschichte und widmen uns der Gegenwart. Kurz nach der Übernahme der Regierung in Warschau gab Donald Tusk Anfang November 2007 der führenden polnischen liberalen Zeitung „Gazeta Wyborcza“ ein Interview, in dem er seine Position gegenüber Deutschland als Ministerpräsident offenlegte. Der Journalist erinnerte Tusk daran, dass er von seinen politischen Gegnern in der Kaczynski-Partei als „germanophil“ bezeichnet wird und angeblich „an einer ungesunden Faszination gegenüber dem Deutschtum“ leidet. Ferner hielt ihm die damals regierende Partei Recht und Gerechtigkeit vor, sein Großvater habe bei der Wehrmacht gedient. Tusk entgegnete, bei diesen Behauptungen handele es sich nicht um eine Frage der deutsch-polnischen, sondern der polnisch-polnischen Beziehungen. Die Wahl-Landkarte habe gezeigt, dass die Polen aus ihrem Komplex gegenüber den Deutschen herausträten; je näher der östlichen Grenze, desto mehr antideutsche Phobien, denn diese erwüchsen aus Vorurteilen und dem Mangel an Wissen über die Nachbarn.

Auf die entscheidende Frage, ob Donald Tusk und Angela Merkel eine neue Etappe der polnisch-deutschen Versöhnung beginnen werden, gab Tusk eine Antwort, die die Wahlsieg-Euphorie in der deutschen Öffentlichkeit eindämmen musste: „Die Zeit der Politik solcher Gesten, wie sie Kohl und Mazowiecki in Kreisau ausgeführt haben, ist zu Ende. Es hat die Zeit der Interessenpolitik begonnen, und wir müssen unsere Interessen verteidigen“. Tusk pointierte hier den Tenor seiner Rede vom 29. März 2007 in Berlin während der Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung zum 85. Geburtstag von Władysław Bartoszewski, in der er sagte: „Ich bin mir dessen bewusst, dass die Zeit der Politik der Gesten vorbei ist. Die große Öffnung, die Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki in Kreisau vollzogen haben, wird in den gegenseitigen Beziehungen als Wegweiser für die Zukunft gelten. Heute ist jedoch die Zeit der Interessenpolitik gekommen. Im Geiste jenes Ereignisses müssen wir uns deshalb über die Dinge unterhalten, die uns trennen. Man kann den Stil oder die Effizienz der Außenpolitik ändern, aber die Probleme in den gegenseitigen Beziehungen verschwinden nicht nur deswegen, weil sich die Regierungsmannschaft in Warschau oder Berlin ändert.“11)

Damit wurden die Weichen für die gegenwärtige polnische Deutschlandpolitik gestellt, und – das kann man wohl sagen – nicht ganz so, wie es sich die deutschen Politiker vorstellten. Aus den anfangs zitierten Stellungnahmen der deutschen Politik zum Wahlergebnis in Warschau strahlte Zufriedenheit und Entspannung: Nun würden die Polen wieder zur Vernunft der vergangenen Jahre zurückkehren und in die Bahn der konstruktiven Europapolitik zurückgeführt. Der polnische „Patient“ werde wohl bald genesen.

Eine vollständige Emanzipation des östlichen Nachbarn auf der internationalen politischen Bühne, dessen Beitritt zur Europäischen Union durch die Bundesregierung stets befürwortet und forciert wurde, wurde zwar begrüßt, aber das polnische Bestreben, als Vorsprecher der neuen EU-Mitglieder aus Osteuropa vorzutreten, wurde in Berlin sehr distanziert und misstrauisch wahrgenommen.12) Die Gründe dafür sind vielseitig und liegen sowohl im fehlenden Verständnis der deutschen Politik für die Ängste und Motive der polnischen EU- und Außenpolitik gegenüber den beiden mächtigen Nachbarn, Deutschland und Russland, als auch in der Befürchtung, die Vorbehalte Polens gegenüber Russland könnten die deutsch-russischen Beziehungen trüben.

Widmen wir uns also zunächst den Motiven der polnischen EU- und Deutschlandpolitik. Einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der polnischen Europapolitik zurzeit der Regierung der Partei Recht und Gerechtigkeit hatten Veränderungen in der Art der Formulierung ihrer Ziele und Strategie. Der außenpolitische Schwerpunkt verschob sich deutlich in Richtung der Kanzlei des Staatspräsidenten; für die Ausarbeitung der polnischen Position zum Verfassungsvertrag war das Präsidialamt verantwortlich. Alle Fäden der polnischen Außen- und Innenpolitik befanden sich in den Händen der Zwillingsbrüder Kaczynski; das Außenminis-terium hatte so gut wie keine Bedeutung, weil dessen Leiterin, Außenministerin Fotyga, zum Kreis der engsten Mitarbeiter des Staatspräsidenten Lech Kaczynski gehörte und nur seine politische Direktiven ausführte. Es gab drei Problemfelder der Europapolitik, auf denen die deutsch-polnischen Kontroversen am deutlichsten hervortraten – und mehr oder weniger immer noch Bestand haben: der Verfassungsvertrag, die Energiepolitik und die Nachbarschafts- bzw. Ostpolitik.

Polen gehört zu jenen Staaten, die ein sehr skeptisches Verhältnis zur Reaktivierung des Verfassungsvertrags haben. Staatspräsident Lech Kaczynski schrieb in einem programmatischen Artikel zur Zukunft Europas im April 2006 Folgendes: „Wir müssen Lösungen suchen, die das Funktionieren des heutigen Europa verbessern, die ihm eine neue Dynamik verleihen, die viele gemeinsame Unternehmungen erlauben, aber die nicht das derzeitige Wesen der europäischen Integration verändern“.13) Es geht um nichts anderes als darum, eine Einschränkung der Rolle von Nationalstaaten in Europa zu verhindern. Die Polen haben fast 130 Jahre um die Wiederherstellung ihres Nationalstaates gekämpft und die 1918 wiedergewonnene Unabhängigkeit zwanzig Jahre später an Deutschland und die Sowjetunion wieder verloren. Es kann nicht verwundern, dass gerade rechte und rechtspopulistische Parteien in Polen die enge Anbindung ihrer Bürger an die Geschichte der „gepeinigten“ Nation, der „Opfernation“ der großen europäischen Mächte, für eigene Zwecke instrumentalisieren.

Die nationale Komponente spielt auch im heutigen Polen eine große Rolle und es ist von der derzeitigen Regierung auch nicht zu erwarten, dass sie diese Sichtweise wesentlich ändern wird. Deshalb kann als sicher gelten, dass Donald Tusk den Protest der Brüder Kaczynski gegen die Einrichtung einer „europäischen Föderation“ nicht mildern und das polnische Konzept der Europäischen Union als das eines Staatenbundes übernehmen wird.

Allerdings nennt die Bürgerplattform andere Prioritäten in der Europapolitik, wie die Stärkung der gemeinsamen Verteidigungspolitik, die Entwicklung einer gemeinsamen Energiepolitik und den Kampf gegen den Terrorismus.

Zentrale Stellung nimmt in der Außenpolitik aller bisherigen Regierungen die Frage der Sicherheit Polens ein – sie resultiert vor allem aus der geopolitischen Lage und der historischen Erfahrung. Insbesondere die Energiesicherheit ist stark durch den hohen Grad der Abhängigkeit Polens von Rohstoffimporten bedingt: 95 Prozent des Erdöls für die polnische Wirtschaft kommt aus Russland. Etwa zwei Drittel des polnischen Gasverbrauchs kommt ebenfalls aus Importen, davon wiederum über 65 Prozent aus Russland und 26 Prozent aus Zentralasien – über die von Gazprom kontrollierte Gesellschaft RosUkrEnergo. Zugleich sind über 90 Prozent des Gasimports von der Kooperation mit Moskau abhängig. Polen verbraucht zwar wenig Gas, seine Bedeutung wird jedoch in den nächsten Jahrzehnten wachsen. Ein zweiter Faktor, der das Verhältnis Polens zur Energiepolitik bestimmt, ist die Rolle Polens als Transitland. Über die Pipeline Jamal I werden jährlich ca. 30 Mrd. m³ Gas an westeuropäische Abnehmer geliefert. Insgesamt sollten durch beide Jamal-Leitungen 67,5 Mrd. m³ Gas im Jahr transportiert werden. Trotz eingegangener Verpflichtungen hat jedoch die russische Seite den Bau der zweiten Pipeline mit den polnischen Partnern nicht aufgenommen und sich stattdessen im Projekt der Ostsee-Pipeline engagiert. Polen kritisiert dieses Projekt und stellte sich (gemeinsam mit den baltischen Staaten) erfolgreich gegen die Kreditvergabe durch die Europäische Investitionsbank. Die daraus resultierende Furcht vor dem Verlust seiner strategischen Bedeutung als Transitland sowie davor, seitens Russland einer Energieerpressung ausgesetzt zu sein, ist prägend für die polnische Herangehensweise in der Frage der Energiesicherheit.

Während also der Begriff der „Energieaußenpolitik“ in Deutschland erst seit Anfang 2006 zunehmend an Bedeutung gewinnt, wird die Frage einer weit gehenden Abhängigkeit im Bereich der Gasimporte aus Russland seit langem in Polen als eines der wichtigsten Probleme der Energiesicherheit wahrgenommen. Das Ergebnis dieser Wahrnehmung ist Polens Einspruch gegen die Ostsee-Pipeline.

Pipelinearbeiten in Russland
Foto: Reuters

Das erstrangige Ziel der polnischen Energiepolitik ist gegenwärtig die Diversifizierung der Gaslieferungen. Die Priorität der Diversifizierung ist auch das Argument gegen die eventuelle Anbindung Polens an die Ostsee-Pipeline. Polen ist nicht daran interessiert, noch mehr Gas als heute schon aus Russland zu beziehen, was die Folge einer solchen Anbindung wäre. Außerdem würde dies die Bedeutung der Jamal-Pipeline schmälern. Nicht der Gasmangel, sondern die Abhängigkeit vom Import ausschließlich von einem Partner ist das Hauptproblem der polnischen Energiepolitik. Als zusätzliches Argument dient die Tatsache, dass das Gas, das mit vereinten Kräften von Gazprom und deutschen Konzernen vertrieben werden soll, vermutlich sehr teuer sein wird, um die enormen Kosten dieser Investition zu kompensieren. Umso mehr wird in Warschau die Beteiligung an diesem Vorhaben als unrentabel angesehen. Darüber hinaus liegt nach Auffassung Polens die Ostsee-Pipeline nicht im europäischen Interesse; bedeutet sie doch die weiter bestehende Abhängigkeit Europas von Lieferungen aus Russland.14)

Ein weiterer Fragenkomplex, in dem deutliche Divergenzen zwischen Deutschland und Polen bestehen, ist die Bewältigung der Vergangenheit. Am Ende der neunziger Jahre schien die deutsch-polnische Versöhnung soweit fortgeschritten zu sein, dass man dies- und jenseits der Oder von einem „Versöhnungskitsch“ sprach. Doch zwei Initiativen, die am Ende des vergangenen Jahrhunderts vom Bund der Vertriebenen ausgegangen waren bzw. unterstützt wurden, sorgten für Spannungen, die man nicht erwartet hätte und die bis heute nicht abgebaut worden sind. Zum einen handelt es sich um ein Projekt der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, in Berlin ein Zentrum gegen Vertreibungen einzurichten, das vor allem an die Vertreibung von Millionen Deutschen aus Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern und die Vertreibung als Denkstätte dokumentieren sollte. Polnische Medien und auch Politiker starteten einen Sturm der Entrüstung und Protestaktionen. Viele deutsche Politiker zeigten Unverständnis oder hielten sich zurück.

Seit etwa fünf Jahren bemühen sich beide Seiten, einen Kompromiss zu finden; inzwischen sind die Debatten ruhiger geworden, obwohl ein Konsens noch längst nicht in Sicht ist. Das Hauptproblem liegt in der geschichtlichen Interpretation der Vertreibung.

Für die Polen ist heute noch der Begriff „Vertreibung“ nicht akzeptabel. Man betont, dass die Mehrheit der Deutschen aus den früheren deutschen Ostgebieten noch vor dem Einmarsch der Roten Armee geflüchtet sei. Nach der Besetzung dieser Gebiete wurde eine in Jalta 1944 beschlossene und durch internationale Bestimmungen abgesicherte Aussiedlung der deutschen Bevölkerung organisiert und durchgeführt, die mit einer Vertreibung nicht zu vergleichen sei. Eine kurze Periode von „wilden Vertreibungen“ soll auf die Rechnung der Roten Armee gehen. Immer noch sind nicht selten Stimmen in der polnischen Öffentlichkeit zu vernehmen, die den Transfer der deutschen Bevölkerung aus dem Osten mit der Schuld des „Dritten Reiches“ an der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges und den NS-Verbrechen an den Polen zu erklären versuchen und dies als eine Rechtfertigung interpretieren.

Bevölkerungsbewegungen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg
Quelle: Helmut Altrichter, Walther L. Bernecker, Geschichte Europas im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2005, S. 195

Für die Deutschen sind Flucht und Vertreibung ein Trauma, das eine Würdigung der Millionen von Zivilopfern verlangt. Für Unmut bei den Polen sorgt zudem seit einigen Jahren die sogenannte „Preußische Treuhand“, eine private Organisation von Vertriebenen, die Rechtsansprüche auf verlorenen deutschen Besitz im Osten stellt und gerichtlich durchzusetzen versucht. Bei der Treuhand sind auch Funktionäre des Bundes der Vertriebenen tätig. Dies stößt auf die polnischen Ängste vor deutschem Revisionismus, mit dem die polnische Bevölkerung insbesondere in den polnischen Westgebieten seit 1945 permanent zur „Verteidigung des Vaterlandes“ mobilisiert wird. Zur Zeit des Kommunismus’ diente dies der Ablenkung von innenpolitischen Problemen und der Abschottung vom Westen. Nach der Wende der achtziger und neunziger Jahre wird der vermeintliche deutsche Revisionismus vor allem durch populistische Parteien und Gruppierungen instrumentalisiert, um ihre Anhängerschaft zu mobilisieren.

Nach dem Machtwechsel in Warschau im Oktober 2007 haben sich die Verhältnisse grundsätzlich geändert, da die nunmehr an die Macht gekommene Bürgerplattform mit dem Ministerpräsidenten Donald Tusk die Führungsansprüche in der polnischen Außenpolitik zu einem der Hauptziele seiner Regierungszeit erhoben hat. Es kam, wie es kommen musste, zu Spannungen und Missverständnissen zwischen dem Staatspräsidenten – der die Außenpolitik in seinem eigenen Einflussbereich behalten will – einerseits und dem neuen Ministerpräsidenten mit seinem starken und im Lande sehr populären Außenminister Radosław Sikorski andererseits. Die Zusammenarbeit in den Europafragen gestaltet sich sehr schwer und nach den ersten hundert Tagen der Tusk-Regierung waren die außenpolitischen Ziele zwar klar formuliert, aber in vielen Bereichen haben sie noch zu keinen bahnbrechenden Änderungen geführt.

Ein deutlicher Durchbruch ist in der polnischen Russlandpolitik zu verzeichnen. Der Besuch Tusks in Moskau im Februar 2008 führte zur direkten Aufhebung des russischen Embargos polnischer Fleischprodukte und zu sichtbaren Verbesserungen der unter Kaczynski eingefrorenen polnisch-russischen Beziehungen. Dagegen wurde das Treffen mit Bundeskanzlerin Merkel in Berlin am 11. Dezember 2007 in polnischen Medien als freundlich, aber ohne Ergebnisse bezeichnet. Deutlich kritisiert wurde das Fehlen tatsächlicher Ergebnisse in den problematischen Fragen Gaspipeline, Zentrum gegen Vertreibungen und Restitutionsansprüche von Deutschen. In diesen Bereichen bleiben die Polen auf ihren früheren Positionen und erwarten ein Entgegenkommen der deutschen Regierung. Der anfangs zitierte Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Warschau, Stephan Raabe, schrieb treffend in seinem Länderbericht Ende 2007:

„Nachdem man von polnischer Seite in den letzten zwei Jahren mit einer Strategie konfrontativer Härte die polnischen Interessen gegenüber Deutschland durchsetzen wollte, versucht es die neue Regierung mit konzilianter Freundlichkeit. Nach wie vor ist allerdings aber bei der großen Mehrheit der politischen Klasse und der medialen Meinungsführer offensichtlich die Überzeugung vorherrschend, dass Deutschland in den strittigen Fragen der Europapolitik seine Politik substantiell ändern müsse, also zu einer Erfüllung der polnischen Forderungen zu bewegen sei.“

Raabe bemerkte, vielleicht habe man es von deutscher Seite mit Rücksicht darauf, den „Patienten“ Polen nicht zusätzlich zu erregen und extremen politischen Kräften im Lande nicht Nahrung zu geben, versäumt, die Fakten und politischen Motive bezüglich Gaspipeline, Vertriebenengedenkstätte und Restitutionsforderungen in hinreichender Deutlichkeit darzustellen. Gespräche selbst mit führenden Politikern in Polen machten immer wieder die Unkenntnis und das Unverständnis für die Vorgänge in Deutschland deutlich, was zu einer eher unrealistischen Erwartung dessen führe, was man von polnischer Seite tatsächlich erreichen könne.15)

Sicherlich muss man dem Kommentator recht geben, allerdings mit einer wichtigen Ergänzung: Auch in Deutschland herrscht Unkenntnis und ein Unverständnis für die polnische politische Motivation. Eine der Ursachen sind mangelhafte Kenntnisse der polnischen Geschichte, was bereits in der Schule beginnt. Immer wieder wird der Warschauer Aufstand 1944 mit dem Getto-Aufstand in Warschau 1943 verwechselt; solche Fehler passierten schon führenden deutschen Politikern. In den Medien wird noch ab und zu der Begriff „polnische Konzentrationslager“ benutzt. Hierzu nur zwei Beispiele aus der letzten Zeit. Am 24. November wurde in einem Beitrag der Tageszeitung „Die Welt“ von „polnischen Konzentrationslagern“ gesprochen. Auf eine schnelle und massive Reaktion polnischer Medien veröffentlichte die Zeitung zwei Tage später eine klare und umfassende Berichtigung.16) Am 30. November wurde in den ZDF-Nachrichten um 8:30 Uhr und um 9:00 Uhr von dem in München beginnenden Prozess gegen Ivan Demjaniuk berichtet und dabei das Konzentrationslager Sobibór als „polnisches Konzentrationslager“ bezeichnet. Diesmal protestierte sofort die polnische Botschaft in Berlin beim Fernsehsender und beim Auswärtigen Amt. Das ZDF reagierte umgehend: Der Chefredakteur Nikolaus Bender brachte in einem Brief an die Botschaft sein Bedauern zum Ausdruck und versicherte, der Begriff sei nicht bewusst verwendet worden, sondern es handele sich vielmehr um eine unglückliche Wortverwendung, die keineswegs zur Entstellung der historischen Wahrheit führen sollte. Am nächsten Tag, dem 1. Dezember 2009, wurde dieser Fehler in den „Heute“-Nachrichten um 8.30 Uhr eingestanden und berichtigt.17)

Dass die polnische Politik und die Öffentlichkeit auf solche Zwischenfälle sehr empfindlich reagieren, ist nicht nur berechtigt, sondern auch absolut verständlich. Die unmittelbaren Reaktionen der deutschen Medien verweisen allerdings auf Verständnis für die emotionellen Reaktionen des polnischen Nachbarn und auf ein Bemühen, solche Zwischenfälle sofort zu entschuldigen.  Man kann davon ausgehen, dass mit der Zeit diese Probleme langsam verschwinden werden.

Zugleich jedoch ist ein mangelndes Interesse der deutschen Medienwelt für den Nachbarn jenseits der Oder festzustellen. In der Berichterstattung erscheinen oft Nachrichten, die Nahrung für das Aufleben alter Stereotype liefern.18) Noch zu oft werden alte Stereotypen und Vorurteile herbeigerufen, ohne den Kern der deutsch-polnischen Kontroversen zu erforschen.

Reinhold Vetter, der Korrespondent des Handelsblattes in Warschau, hat in einer Halbzeitbilanz der Regierung Tusk folgendes geschrieben:

Ministerpräsident Donald Tusk bei seinem Antrittsbesuch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin, 11. Dezember 2007
Foto: Bundesregierung, B 145 Bild-00167805 / Fotograf: Steffen Kugler

„Die Regierung Tusk hat in den letzten zwei Jahren viel dafür getan, in den polnisch-deutschen Beziehungen nach den Zerwürfnissen der Jahre 2005 bis 2007 wieder einen gutnachbarschaftlichen Alltag einkehren zu lassen. Wie gut das Verhältnis auf politischer Ebene ist, haben zuletzt die kluge, abgewogene Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel zum 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges auf der Danziger Westerplatte und der Antrittsbesuch von Außenminister Guido Westerwelle in Warschau gezeigt. Verstimmt reagierte man in Warschau allerdings, als das Kanzleramt in Berlin anfangs die geplante Feier zum 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer am 9. November ausschließlich auf die Auftritte von Repräsentanten der ehemaligen vier Siegermächte und von Vertretern der früheren DDR-Opposition konzentrieren wollte. Der massive Einsatz polnischer Diplomaten hat dann immerhin dafür gesorgt, dass insbesondere Lech Wałe¸sa als eine der wichtigen Symbolgestalten des Wandels in ganz Ostmitteleuropa eingeladen wurde, was die polnische Öffentlichkeit mit Genugtuung zur Kenntnis nahm. Für Unmut sorgt weiterhin das Tauziehen um einen Sitz der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, im Stiftungsrat der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, wenngleich die polnischen Medien dazu übergegangen sind, den Fall Steinbach nicht mehr ganz hochzuspielen, wie dies jahrelang der Fall war.“19)

Dem Kommentar von Reinhold Vetter kann man ohne weiteres mit der Bemerkung zustimmen, dass man auch auf deutscher Seite um die Schadensbegrenzung der letzten Jahre und um die Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen sehr bemüht ist.

Wenn man allerdings die beiden Kommentare vergleicht, und zwar jene von Stephan Raabe vom Dezember 2007 und von Reinhold Vetter vom Dezember 2009, muss man feststellen, dass sich zwar die politische Atmosphäre wesentlich verbessert hat und man sich beiderseits um eine gute Zusammenarbeit redlich bemüht, dass allerdings die gleichen Probleme geblieben sind. Der Weg zu einer reibungslosen Zusammenarbeit in den Europafragen sowie zu einer musterhaften Nachbarschaft scheint doch noch lang zu sein.

 

Prof. Dr. Albert Kotowski ist Professor für Osteuropäische Geschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Professor für Internationale Beziehungen an der Kasimir-der-Große-Universität in Bromberg und Direktor des Robert-Schuman-Zentrums für Europastudien in Bromberg.

Fußnoten

1 „Süddeutsche Zeitung“ v. 22.10.2007

2 „Die Welt“ v. 23.10.2007

3 Länderbericht Polen: Politische Chronik 2007, hg. v. Stefan Raabe, Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Warschau vom 28.01.2008, S. 4–5.

4 Mariusz Muszyn´ski, Przemysław Sypniewski, Krzysztof Rak (Hg.), Die Deutschen über Polen und die Polen. Polen in den deutschen Medien in den Jahren 2006–2007, Warszawa 2007, S. 9–10.

5 Rafał Sikorski (Hg.), Uroczystos´c´ wre¸czenia dyplomu Doktora Honoris Causa Uniwersytetu Warszawskiego profesorowi Marcusowi Lutterowi 16 maja 2003 roku, Warszawa 2003, S. 12–13.

6 Jan Józef Lipski, Wir müssen uns alles sagen … Essays zur deutsch-polnischen Nachbarschaft. Hg. v. Georg Ziegler, Deutsch-Polnischer Verlag, Warszawa 1996, S. 254.

7 Albert S. Kotowski, Zwischen Staatsräson und Vaterlandsliebe. Die Polnische Fraktion im Deutschen Reichstag 1871–1918, Düsseldorf 2007, S. 21–30.

8 „Ehrendoktorwürde für ‚Brückenbauer’“ – so titelte das Uni-Journal den Bericht über die Verleihung der Ehrendoktorwürde für Władysław Bartoszewski an der Phillips-Universität in Marburg im Juni 2001.

9 Andrzej K. Kunert, Brückenbauer zwischen Ost und West. Władysław Bartoszewski. Publizist, Geschichtsforscher, Staatsmann, Warszawa 2000.

10 Im Jahre 1986

11 Donald Tusk, Was für eine Union braucht Polen, was für eine Gemeinschaft braucht Europa? in: „Dialog“. Deutsch-Polnisches Magazin, Nr. 80–81 (2007/2008), S. 13.

12 Mateusz Fałkowski, Agnieszka Popko, Polen und Deutsche. Gegenseitige Wahrnehmungen nach der Osterweiterung der Europäischen Union, Warszawa 2006, S. 7.

13 Lech Kaczynski, Solidarnos´´´c´ść  Europy, „Dziennik“ v. 28.04.2006, nach Piotr Buras, Gelingt Europa gemeinsam? Polens Europapolitik und die deutsche EU-Ratspräsidentschaft, Warszawa 2007, S. 16.

14 Buras, S. 26-35.

15 Freundlich, aber ohne Ergebnisse. Länderbericht Stephan Raabe, Leiter des Auslandsbüros der KAS in Warschau v. 13.12.2007.

16 www.eurotopics.net/de/archiv/results/archiv_article/ARTICLE40444-Polnische-Konzentrationslager-sorgen-fuer-Wirbel , [Stand: Dezember 2009].

17 www.msz.gov.pl/Interwencja,Ambasady,RP,w,Berlinie,w,zwiazku,z,pojawieniem,

sie,w,niemieckich,mediach,sformulowania,„polskie,obozy”.,31960.html , [Stand: Dezember 2009].

18 Dazu sagte z. B. Wolfgang Schäuble, Bundesminister des Innern, in seiner Rede beim Deutsch-Polnischen Dialoggespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Instituts für Strategische Studien am 3. November 2006 in Krakau: „Ich bin überzeugt, dass die deutsch-polnischen Beziehungen besser sind, als es gelegentlich in den Medien berichtet wird“. In: Rapporte der Konrad-Adenauer-Stiftung in Polen, Nummer 3, 2007, S. 2.

19 Polen-Analysen Nr. 62 vom 1.12.2009, hg. v. Deutschen Polen-Institut in Darmstadt, der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen und der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, S. 5–6.


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