Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Nachruf auf Prof. Dr. Mir A. Ferdowsi

Von Zdenek Zofka

 

Prof. Dr. Mir A. Ferdowsi
Foto: privat

Die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit hat eine wichtige Stütze verloren: Am 2. Oktober 2009 verstarb Prof. Dr. Mir A. Ferdowsi, Politikwissenschaftler am Münchner Geschwister-Scholl-Institut (GSI). Kaum einer unserer Kooperationspartner war der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit so eng verbunden wie er.

Prof. Ferdowsi war im Rahmen seiner Zusammenarbeit mit der Landeszentrale als Koordinator gleich für drei Publikationen zuständig: „Internationale Politik als Überlebensstrategie“ (2009), „Weltprobleme“ (2007) und „Afrika – ein verlorener Kontinent?“ (2008).

Wie sehr für „Hassan“ – so hieß er im Freundeskreis, und ich bin stolz, zu diesem Kreis zu gehören – die Arbeit an den Büchern der Landeszentrale zum Lebensinhalt geworden war, zeigte sich daran, dass er, nach der ersten schweren Operation im Sommer 2008 kaum aus der Narkose erwacht, seine Frau Anke mit Bitten überhäufte, diese und jene Mail an die verschiedenen Autoren abzusenden, um die gerade in Arbeit befindliche Publikation der Landeszentrale unter allen Umständen zum Abschluss zu bringen. 

Und es ist ihm gelungen. Im Frühjahr 2009 erschien der Band „Internationale Politik“. Nur mit Hilfe seiner Frau war es ihm überhaupt möglich gewesen, die Behinderungen zu überwinden, die sich aus der ersten Operation für ihn ergeben hatten und die die Fertigstellung des Buches zu einer Tortur machten. In seinem ersten Entwurf für sein Vorwort spielte er dies herunter: „Das Buch entstand in einer für mich schwierigen Zeit und ich bin froh, dass es mir möglich war, es abzuschließen.“

Globale Sicherheitspolitik war das Thema, das ihm von Anfang an sehr nahe gestanden hatte.

Dagegen wandte er sich dem Thema „Afrika“ zunächst sehr zögerlich zu. Ich musste ihn geradezu überreden, immer wieder kam er mit Alternativvorschlägen. Doch nachdem er erst einmal „Blut geleckt“ hatte, ließ ihn das Thema nicht mehr los und er wurde binnen kurzer Zeit zum anerkannten Afrikaexperten.

Die Koordination für den Band „Weltprobleme“ übernahm er von seinem Doktorvater, Prof. Opitz, nachdem er schon seit vielen Jahren als Autor Beiträge für diese Publikation geliefert hatte. Auch hier gelang es ihm, als Koordinator neue Akzente zu setzen und aktuellen Entwicklungen angemessen Rechnung zu tragen.

Überwältigend war „Hassans“ lebensfroher Optimismus, der ihm – fast – bis zum Ende geblieben ist. Resignation und Selbstmitleid waren ihm fremd, zumindest zeigte er nach Außen nicht den geringsten Anflug davon. Am Telefon meldete er sich immer mit der trotzigen Bemerkung: „Ja, ich lebe noch!“, gefolgt von einem breiten Lachen, das selbst unter diesen tragischen Umständen immer noch ansteckend wirkte. Im Sommer 2009 war ich mit ihm zum Essen verabredet. Er musste das Treffen verschieben, da sich seine Gesundheit dramatisch verschlechtert hatte. Es kam nicht mehr zustande.

„Hassan“ Ferdowsi hatte kein leichtes Leben hinter sich. 1946 in Oreh bei Teheran geboren, kam er nach dem Abitur (1964) nach Deutschland. Zunächst damit beschäftigt, seine Kenntnisse in der deutschen Sprache zu perfektionieren, begann er im Mai 1967 das Studium der politischen Wissenschaften, das er 1973 mit dem Diplom abschloss. Inzwischen hatte er geheiratet, aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor.

1980 beantragte er die deutsche Staatsbürgerschaft, nachdem er schon ein Jahr vorher seine Promotion über „Johan Galtungs Ansätze und Theorien des Friedens“ abgeschlossen hatte. Sein Betreuer war Professor Dr. Peter J. Opitz, der als sein Freund und Mentor ihm bis zu seinem Tode eng verbunden blieb.

Zunächst musste Mir A. Ferdowsi sich mit Lehr- und Forschungsaufträgen durchschlagen, bis er 1988 akademischer Rat am GSI für Politikwissenschaften an der Universität München wurde. Sein beruflicher Werdegang war schwer, es galt immer wieder hohe Hindernisse zu überwinden, die er jedoch mit Ausdauer und Beharrlichkeit bewältigte. 2003 wurde er geschieden, im gleichen Jahr heiratete er ein zweites Mal.

Nachdem er sich im Jahr 2000 habilitiert hatte, wurde er 2006 zum außerplanmäßigen Professor für Politische Wissenschaft am GSI ernannt. Neben seinen Publikationsprojekten betreute er eine große Zahl von Studenten, bei denen er sich ganz außerordentlicher Beliebtheit erfreute.

Sein wissenschaftliches Leben widmete Mir A. Ferdowsi der Erforschung des Schicksals der Länder des Südens. Dass er sich so ausschließlich diesem Thema zuwandte, lag keineswegs in erster Linie an seiner Herkunft, sondern hatte wohl eher andere Gründe, wie Prof. Opitz bei seiner Trauerrede sagte: „Es war eher Ausdruck der ihm angeborenen Empathie, seiner Fähigkeit zum Mitleiden und seines Willens bei der Beseitigung dieser Leiden zu helfen.“

 

Dr. Zdenek Zofka ist Referatsleiter in der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.

 

In memoriam Mir A. Ferdowsi drucken wir sein Vorwort zur letzten von ihm betreuten Publikation „Internationale Politik als Überlebensstrategie“ noch einmal ab. Sie konnte wegen der schweren Behinderung des bereits erkrankten Koordinators nur mit Hilfe seiner Frau Anke zu Ende gebracht werden.

Mir A. Ferdowsi:

Internationale Politik als Überlebensstrategie

Vorwort

Die Geschichte des Ringens um Sicherheit und Frieden ist eine unendliche Geschichte, die sich auf allen Ebenen menschlichen Zusammenlebens vollzieht. Es ist eine Geschichte von Siegen und Niederlagen, von Tief- und Höhepunkten, von immer neu sich stellenden Herausforderungen, zeitweisem Gelingen und erneutem Scheitern. Sie wird begleitet von Träumen vom „ewigen Frieden“, denen jedoch immer ein jähes Erwachen in einer rauen und zumeist blutigen Realität folgt. Letztlich ist es die Geschichte des Sisyphus, der den Stein mühsam den Berg emporwälzt und dann doch immer wieder erleben muss, dass er mit zerstörender Wucht hinab ins Tal donnert. Das Ringen um Sicherheit und Frieden ist deshalb auch eine Aufgabe, die sich immer wieder neu stellt. Und nicht nur das: Zunehmend hat es den Anschein, als sei sie im Laufe der Zeit immer komplexer geworden und mit konventionellen Mitteln immer schwieriger zu bewältigen. Zumindest im internationalen Bereich. Hatte man sich früher der Illusion hingegeben, sich auf den Ausbau von Rüstungen, das Schmieden von Allianzen, das Herstellen von Machtgleichgewichten und Sicherheitsarchitekturen beschränken zu können, so hat man längst gelernt, dass dies nicht genügt: dass ohne Beseitigung oder zumindest Entschärfung der tieferen Ursachen – der personellen und der strukturellen, der mittelbaren und der unmittelbaren – Unfrieden und Unsicherheit immer wieder neu erzeugt werden.

Dafür gibt es viele Ursachen: humanitäre, wirtschaftliche und soziale. Armut und Ausbeutung, Arbeitslosigkeit und Unterdrückung gehören ebenso dazu wie Bevölkerungswachstum, Rohstoffmangel, überzogene Konsumerwartungen und Lebensstandards und viele andere mehr. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte man noch geglaubt, den Frieden ohne Neuordnung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen, ohne Beseitigung von Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus und ohne die Sicherung von Menschen- und Minderheitsrechten herstellen zu können. Die Entwicklungen, die nur wenige Jahre später zum Zweiten Weltkrieg führten, belehrten die Welt eines Besseren. Bei der Gründung der Vereinten Nationen wurden auch einige dieser Lehren berücksichtigt: eine Weltwirtschaftsordnung – das Bretton-Woods-System – wurde geschaffen (die sich aber schon bald als unzureichend, vor allem aber als unfair erwies); ein System kollektiver Sicherheit wurde entworfen (aber schon bald durch den Ost-West-Konflikt blockiert und beschädigt); der internationale Menschenrechtsschutz wurde eingerichtet (von der Mehrzahl der Staaten aber sogleich wieder unter Berufung auf ihre Souveränität unterlaufen und ausgehebelt). Einiges wurde erreicht, aber ist die Welt seitdem wirklich sicherer und friedlicher geworden? Ein Blick in die Kriegsstatistiken, in die jährlichen Berichte des Weltentwicklungsprogramms, der WHO, der FAO und anderer internationaler Organisationen zeigt, dass dies doch nur sehr bedingt der Fall ist. Und fügt man noch die ökologischen Gefährdungen und Gefahren hinzu, die sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts am Horizont aufzutürmen begannen – Desertifikation, steigende Meeresspiegel, verfallende Lebensräume –, so fällt die Diagnose der Sicherheitslage noch düsterer aus, werden die Aufgaben, die sich der internationalen Politik stellen, noch schwieriger.

Auch das 21. Jahrhundert lässt am Ende des ersten Jahrzehnts keine Wendung zum Besseren erkennen. Im Gegenteil, den alten Bedrohungen wurden neue hinzugefügt: ein transnational operierender Terrorismus, eine bedrohliche Proliferation von Massenvernichtungswaffen aller Art, ein zunehmendes Ringen um Rohstoffe, und schließlich eine internationale Finanzkrise, deren Auswirkungen auf das Weltwirtschaftssystem derzeit noch nicht absehbar sind, die jedoch befürchten lassen, dass sie die Lebensgrundlagen von Millionen von Menschen zerstören. Zudem befindet sich das internationale System in einem tiefgreifenden Wandlungsprozess: Während sich die am Ende des Ost-West-Konflikts herausgebildete Unipolarität als ein kurzlebiges Phänomen erwies, haben sich die Trends zur Multipolarität deutlich beschleunigt. Selbst wenn es der neuen amerikanischen Administration gelingen sollte, der gewaltigen militärischen, politischen und wirtschaftlichen Probleme Herr zu werden und das von ihrer Vorgängerin verspielte internationale Vertrauen und Ansehen wieder zurückzugewinnen, wird sie sich nicht nur mit einem Russland arrangieren müssen, das dabei ist, seine Schwächeperiode zu überwinden, sondern auch mit den neuen asiatischen Schwellenmächten China und Indien, deren Aufstieg zu Weltmächten nur noch eine Frage der Zeit ist. Der Epochenwechsel ist unübersehbar: Die Epoche westlicher Dominanz neigt sich nach fünfhundert Jahren dem Ende zu, und die Welt wird nie mehr so sein, wie sie im 20. Jahrhundert noch war. Doch wie auch immer sich die neuen Machtstrukturen entwickeln werden: Die Probleme, denen die Welt gegenübersteht, werden nur noch multilateral gelöst werden – oder gar nicht. Ob sich diese Einsicht noch rechtzeitig durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Es ist zu hoffen. Denn inzwischen geht es tatsächlich ums Überleben – um nicht weniger. Und internationale Politik ist gefordert, zu einer Strategie des Überlebens zu werden.

Es liegt nahe, dass das ganze Spektrum der Probleme, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts Frieden und Sicherheit in der Welt gefährden, durch die Beiträge dieses Bandes nicht beleuchtet werden können. Und er kann auch nicht alle Strategien und Strukturen beschreiben, die zu ihrer Bekämpfung entwickelt wurden und erprobt werden. Das konnten auch schon die vorangehenden Bände nicht, an die er anknüpft. Wie diese setzt er Schwerpunkte – vier an der Zahl: In seinem ersten Teil geht es um globale Bedrohungen sozialer, wirtschaftlicher, militärischer und ökologischer Art. Ihm folgen – zweitens – Betrachtungen über den sich auffächernden Sicherheitsbegriff, der sich endlich aus seiner Beschränkung auf die Sicherheit der Staaten löst und sich dem Problem der menschlichen Sicherheit öffnet. Ein ausführlicher dritter Teil beschäftigt sich mit aktuellen Konzepten und Strategien, die zur Schaffung von Frieden und Sicherheit entworfen wurden, und beleuchtet den Begriff der internationalen Gerechtigkeit. Den Band beschließt ein Rundblick auf die verschiedenen Regionen der Welt – auf Afrika und die asiatisch-pazifische Region, auf Europa, Lateinamerika, den Mittleren Osten und Südasien – und auf die dort sich entwickelnden Strukturen und Strategien der internationalen Politik. Obwohl jeder einzelne der insgesamt neunzehn Essays eine in sich geschlossene Einheit bildet, vermitteln sie jedoch erst in ihrer Gesamtheit das nuancenreiche Bild, in dem sich das weltweite Ringen um Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit heute darbietet.

Das internationale System überfordert in seiner Komplexität und Vielschichtigkeit schon lange die Übersicht, das Fachwissen und die analytischen Fähigkeiten eines einzelnen Wissenschaftlers. Dasselbe gilt für die Bedrohungspotenziale, denen es gegenübersteht, die es zu erkennen und zu bewältigen gilt. Insofern konnte das vorliegende Buch auch nur durch die Zusammenarbeit mit Fachwissenschaftlern aus den verschiedensten Disziplinen geschrieben werden. Ihnen allen – Kollegen und Freunden – ist an dieser Stelle zu danken, für die zahlreichen Anregungen, die ich erhielt, wie auch für ihre Geduld und Gelassenheit, mit denen sie auf meine vielfältigen Anfragen und Einwürfe reagierten. Mein Dank gilt darüber hinaus Nicole Koufou und Kathrin Nutt für die Umsicht und Sorgfalt bei der Fertigstellung dieses Bandes. Zu besonderem Dank verpflichtet fühle ich mich meinen langjährigen Freunden und wissenschaftlichen Wegbegleitern Peter J. Opitz und Dieter Senghaas. Da ich die letzten Monate durch meine schwere Erkrankung bei der Arbeit erheblich behindert war, hätte ich ohne die moralische und fürsorgliche Unterstützung meiner Frau Anke das Buchprojekt nicht erfolgreich abschließen können – dafür danke ich ihr sehr.

Mir A. Ferdowsi

 


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© Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit   •   letzte Änderung am: 25.09.2010 12:23