Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Rezension:

Barbara Thimm, Gottfried Kößler, Susanne Ulrich (Hg.)

Verunsichernde Orte. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik

Frankfurt/M. 2010
(Schriftenreihe des Fritz Bauer Instituts, Bd. 26)

Von Robert Sigel

 

Sie „ […]verfügen über Grundwissen zu feldspezifischen, psychologischen Phänomenen wie Opferidentifikation, Täter- und Gewaltfaszination sowie Abwehr von Verantwortungsübernahme“.

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Sie „ […] verfügen über psychologische Grundkenntnisse in den Bereichen:

  • Emotionen/Affekte und Emotionsregulierung
  • Übertragungsphänomene
  • Gedächtnis und Narration
  • Adoleszenz/Pubertät“

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Sie „[…] kennen das Überwältigungs- und Manipulationspotenzial von Sprache und gehen daher bewusst und sensibel mit Sprache um“

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Sie „[…] reflektieren die spezifischen psychologischen Belastungen ihrer Arbeit. Sie kennen Überlastungssymptome und nehmen sie wahr. Sie nutzen Hilfs- und Reflexionsangebote (z.B. Kollegiale Beratung und/oder Supervision).“ (S. 26ff)

Um welchen Beruf handelt es sich, der solche Fähigkeiten und Anforderungen voraussetzt? Familienberater? Jugend- und Kinderpsychologe? Lehrer? Mentaltrainer? Traumatherapeut? Jugendrichter?

Es ist das Berufsbild des Gedenkstättenpädagogen, das mit den oben zitierten Qualitätsmerkmalen beschrieben wird, wobei die genannten vier Merkmale nur eine kleine Auswahl aus dem insgesamt 42 Merkmale umfassenden Katalog darstellen. Dieser Katalog gliedert seine 42 Merkmale in fünf Kategorien, eine eher inhaltliche, welche das Wissen um die Geschichte des Nationalsozialismus und des jeweiligen spezifischen Ortes benennt, eine ethische Kategorie, eine politische, eine methodische sowie eine Kategorie, welche eine selbstreflexive Dimension beschreibt. Es handelt sich dabei, so die Autoren, um maximale Zielvorstellungen, sie sollen „Orientierung bieten und Diskussionen anregen“, „zur Selbsteinschätzung genutzt werden“ und „die vielfältigen Herausforderungen in diesem Arbeitsfeld würdigen“. (S. 23)

Dieses sogenannte „Berufsbild Gedenkstättenpädagoge“ ist nur ein Thema des Sammelbandes; Wolf Kaiser formuliert in seinem einleitenden Beitrag die Bedingungen und Zielsetzungen heutiger Gedenkstättenpädagogik, Verena Haug geht auf die gesellschaftliche Rolle der Gedenkstätten in der Gegenwart ein, weitere Beiträge thematisieren Gegenwartsbezug, Demokratielernen, Möglichkeiten kritischer historisch-politischer Bildung als Aufgaben der Gedenkstättenpädagogik. Soziale Identitäten als Bestimmungsfaktoren des pädagogischen Dialogs, Inklusivität sowie die psychologische Architektur der Gedenkstättenpädagogik werden in weiteren kurzen Beiträgen angesprochen.

Ein Kapitel „Übungen“ im sogenannten Praxisteil enthält in der Tat konkrete Arbeitsformen, die einzeln oder in kleinen Gruppen durchgeführt werden können; Inhalte solcher Übungen sind etwa „Mein Bild vom Nationalsozialismus“, „Schlüsselerlebnisse“, „Gefühle erkunden“, „Selbstverständnis der Gedenkstätte“.

Ein in seiner subjektiven Beliebigkeit etwas sonderbares Kapitel ist der „Bildteil“, in dem elf der zwölf Mitglieder des Projekts „in ihrer Gedenkstätte einen Ort aufgesucht und fotografiert [haben], der ihnen in ihrer Arbeit besonders wichtig geworden ist. Auf diese Weise ist eine Montage reflektierter Bilder entstanden […]“ (S. 16). Um eine Montage reflektierter Bilder handelt es sich hierbei gleichwohl nicht, eher um eine Reihung wenig definierter Impressionen, die wie in einem Poesiealbum das Ganze ein wenig thematisch bebildern.

Die Texte, Übungen, Bilder sind Ergebnis eines Bundesmodellprojekts, das von 2007 bis 2010 unter dem Titel „Gedenkstättenpädagogik und Gegenwartsbezug – Selbstverständigung und Konzeptentwicklung“ Pädagogen und Pädagoginnen aus zwölf Gedenkstätten aus Deutschland, Österreich und Polen in einer Projektgruppe vereinte.

Die Notwendigkeit einer bilanzierenden Selbstverständigung steht außer Frage: zwar ist die Gedenkstättenpädagogik gesellschaftlich in einem Maße anerkannt wie nie zuvor, gleichzeitig aber deutet sich eine Entwicklung an, die viele Selbstverständlichkeiten und Sicherheiten in Frage stellen könnte:

  • Gedenkstättenpädagogik, Holocaust Education überhaupt, ohne Überlebende – wie wird sie sich verändern, wie muss sie sich verändern, welchen Desideraten kann wie begegnet bzw. entsprochen werden? Welche Rolle werden Emotion und Pathos in Zukunft haben?
  • Der 23. August als der Gedenktag für Opfer totalitärer und autoritärer Regime – welche Folgen hat dieses gemeinsame Gedenken für die Gedenkstätten und ihre Pädagogik?
  • Menschenrechtserziehung an Gedenkstätten ist eine nicht nur von der EU-Menschenrechtsagentur erhobene und in einer großen Studie untersuchte Forderung – soll es sie geben, kann es sie geben?
  • Muss das Überwältigungsverbot des Beutelsbacher Konsenses 25 Jahre nach seiner Formulierung angesichts völlig neuer medialer Formen und Methoden nicht neu diskutiert, überdacht, formuliert werden?

Viele dieser Aspekte werden von den Autoren zwar angesprochen, differierende Ansichten, eine inhaltliche Auseinandersetzung, unterschiedliche Schlussfolgerungen allerdings finden sich nicht – die Projektgruppe scheint sich, von ganz wenigen Punkten abgesehen, stets einig gewesen zu sein.

Was die eingangs beschriebenen Qualifizierungsmerkmale angeht, so steht die Notwendigkeit einer Qualifizierung der in der Gedenkstättenpädagogik Tätigen außer Zweifel, auch die genannte Studie der EU-Menschenrechtsagentur hat darauf deutlich verwiesen. Inwiefern für eine solche Qualifizierung die Ergebnisse des Modellprojekts, wie sie im vorliegenden Sammelband präsentiert werden, wirklich von Nutzen sind, ist jedoch ungewiss.

Der Frage nach dem Nutzen hat die Frage vorauszu-gehen, für wen dieses Buch gedacht ist. Wer sind jene Gedenkstättenpädagogen und -pädagoginnen, an die sich die Autoren wenden? Ist es die relativ kleine Zahl der Festangestellten in den pädagogischen Abteilungen oder ist es die große Zahl der freien Mitarbeiter(innen), der Honorarkräfte, die neben einem Beruf bzw. neben Ausbildung oder Studium – oft nur vorübergehend – Gruppen betreuen, Rundgänge durchführen, Seminare (an)leiten? „Verunsichernde Orte“ – der gleichnamige Flyer wendet sich ausdrücklich an „(feste und freie) Mitarbeitende, Lehrer/innen und andere Engagierte“. Der für alle gleichermaßen verwendete Terminus „MpA – Mitarbeiter(in) mit pädagogischem Auftrag“ – vermag jedoch nicht hinwegzutäuschen über die Kluft, welche die festen Gedenkstättenpädagogen(-innen) von den freien Mitarbeitenden trennt.

So sind Forderungen wie die folgende nicht wirklich Forderungen, die sich an diese freien Honorarkräfte richten können:

„Es geht zum einen darum, den Konstruktionscharakter jeder ‚Erzählung‘, jeder Repräsentation wie Dokumentation der nationalsozialistischen Vergangenheit nachvollziehbar zu machen. Den in sie eingegangenen Perspektiven und Deutungskriterien ist nachzuspüren, sie sind zu hinterfragen und der Kritik zugänglich zu machen. Zum anderen sind vor diesem Hintergrund auch die Fragen und Probleme familialer bzw. informeller Überlieferungen in den Bildungsprozess einzubeziehen, Erzählen, Zuhören und Befragen privater Narrative sowie gemeinsames Nachdenken über deren teilweise paradoxes Verhältnis zu wissenschaftlichem und gesellschaftlich akzeptiertem Wissen münden hier idealer Weise in eine Auseinandersetzung über angemessene Inhalte und Formen der gesellschaftlich-kulturellen Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Massenverbrechen. Nicht zuletzt geht es dabei um die Beteiligung an historischer Sinnbildung.“ (S. 39/ 40)

Während für die Gruppe der professionalisierten festen Gedenkstättenpädagogen solche Reflexionen und Anforderungen durchaus als Meßlatte zu gelten haben, können sie den Arbeitsbedingungen der freien Mitarbeitenden nicht gerecht werden. Auch die erwähnten 42 Qualitätsmerkmale können nicht wirklich zum Maßstab von Eignung oder Nicht-Eignung freier Mitarbeitender gemacht werden, so wünschenswert sie prinzipiell sein mögen.

Wie etwa soll eine Honorarkraft, die eine Schulklasse durch eine KZ-Gedenkstätte führt und begleitet, folgende Maxime beachten:

„MpA sind sich bewusst, dass Gruppen bzw. einzelne Teilnehmer(innen) nicht immer völlig freiwillig kommen (z.B. im Rahmen von Schulveranstaltungen). Sie nutzen ihren Spielraum, um Freiwilligkeit zu ermöglichen.“ (S. 29) sBesonderen Nachdruck erhält diese Maxime durch eine zweite, die darauf hinweist, „die Vermittlungstätigkeit im Kontext politischer Bildung [zu verorten] und zentrale Maximen der politischen Bildung, insbesondere das Primat der Freiwilligkeit [zu beachten].“ (S. 28)

Unabhängig vom Sinn und der Berechtigung einer so eingeforderten Freiwilligkeit – wo diese konsequent durchgesetzt werden soll, muss eine solche Maßnahme als grundsätzlicher pädagogischer Rahmen von der pädagogischen Abteilung einer Gedenkstätte gesetzt werden, als Forderung an freie Mitarbeitende ist sie irreal.

Das Dilemma, die Gedenkstättenpädagogik qualifizieren zu wollen und sich dabei an höchst unterschiedliche Gruppen gleichzeitig zu richten, ohne zu differenzieren, hätte vielleicht vermieden werden können, wenn in die Projektgruppe auch Vertreter dieser freien Mitarbeitenden in repräsentativer Zahl aufgenommen worden wären. So aber werden die Forderungen, die sinnvolles und notwendiges Postulat an die festen Mitarbeiter(innen) der pädagogischen Abteilungen sind, für die große Zahl der freien zum permanenten Ausweis ihrer Kompetenzdefizite.

Wenn die Autoren mit ihren Qualifizierungsforderungen allerdings das Ziel einer grundsätzlichen und umfassenden Professionalisierung des Bereiches Gedenkstättenpädagogik zum Ziel haben, also auch des Bereichs der „freien Mitarbeitenden und Engagierten“, dann hätte dies benannt und in seinen Möglichkeiten und Folgen diskutiert werden sollen.

Betrachtet man jedoch nun Weite und Umfang der Anforderungen, welche die Autoren an eine moderne, heutige Gedenkstättenpädagogik stellen und vergleicht man damit die konkrete Praxis, so ergibt sich ein Widerspruch; die zahlreichen Ansprüche wirken irreal angesichts der realen Bedingungen. Imke Scheurich weist in ihrem Beitrag auf diese reale Situation hin, wenn sie davon spricht, dass bei Gedenkstättenbesuchen in aller Regel Führungen und Seminare von nur wenigen Stunden Dauer überwiegen, dass häufig Vorwissen und Kontextwissen fehlen, dass insgesamt die Rahmenbedingungen kontraproduktiv seien. (S.42)

Dieser Widerspruch verweist auf ein zentrales Problem der Studie: Die Projektgruppe versäumte es letztlich, die Gedenkstättenpädagogik als Teil eines größeren Vermittlungszusammenhanges zu sehen. Für den überwiegenden Teil vor allem der jugendlichen Besucher ist der Gedenkstättenbesuch, sind Rundgang und Seminare nur ein Modul eines umfangreicheren Programms, in welchem Nationalsozialismus, Entrechtung, Entwürdigung, Verfolgung, Genozid, juristische Aufarbeitung insgesamt vermittelt werden. In diesen Zusammenhang muss sich die Gedenkstättenpädagogik hineinbegeben, muss versuchen, hier ihren Platz zu definieren, versuchen, auf die Bedingungen einzuwirken, Vorbereitung und Nachbereitung mitzugestalten etc.

Der Versuch hingegen, Demokratielernen, Gegen- wartsbezug, reflexives Geschichtsbewusstsein, kritische historisch-politische Bildung neben der Vermittlung von Kenntnissen zur konkreten Geschichte des Ortes und neben der Vermittlung von Kenntnissen zur Geschichte des Umgangs mit dem Ort nach 1945 und neben der Erläuterung der Funktionen der Gedenkstätte (S. 10) in den drei Stunden eines durchschnittlichen Gedenkstättenbesuches zu verwirklichen, ist zum Scheitern verurteilt.

Die Studie schreitet so zwar den Horizont des gedenkstättenpädagogischen Diskurses ab, aber sie verharrt dabei in ihrer Beschränkung. Schlecht vorbereitete Besucher, uninteressierte Jugendliche, Schüler, die nur gezwungenermaßen kommen, Gruppen, die nicht die notwendige Zeit mitbringen, all solche Verweise auf ungenügende Rahmenbedingungen, ob zutreffend oder nicht, salvieren zwar das gute Gewissen der Gedenkstättenpädagogen, führen aber dazu, dass theoretischer Diskurs und konkrete Praxis immer weiter auseinanderklaffen.

Sollten die „verunsichernden Orte“ auch die Mitarbeiter der Projektgruppe verunsichert haben, so ist diese Verunsicherung leider wenig spürbar geworden.


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© Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit   •   letzte Änderung am: 07.04.2011 17:45