Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Interview

„Wir haben dann gesprochen und die Leute sind schließlich friedlich auseinandergegangen.“

Ein Gespräch mit Frantisek Cerny, gelernter Dreher, Journalist, Literaturwissenschaftler, Deutschlehrer und Botschafter der Tschechoslowakei und Tschechiens in der Bundesrepublik.

Interview von Werner Karg und Robert Sigel

 

Die Bilder zu diesem Interview zeigen Frantisek Cerny beim Gespräch in den Räumen des Prager Literaturhauses.
Fotos: Dr. Christa Schikorra

Frantisek Cerny war bis 2001 Botschafter erst der Tschechoslowakei und dann der Tschechischen Republik in Deutschland. Cerny, 1931 in Prag geboren, ist nicht nur – oft auch aktiver – Zeitzeuge der verschiedenen Entwicklungen in der Tschechoslowakei seit den 50er Jahren, er personifiziert auch den kulturellen Reichtum und die geistige Vielfalt, das Neben- und Miteinander von Tschechen und Deutschen im böhmischen Kulturraum. Seit 2004 ist Frantisek Cerny Vorstandsvorsitzender des Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren, das Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle und Europaabgeordneter Bernd Posselt im November 2010 besucht haben; das Literaturhaus – www.prager-literaturhaus.com – ist eine von vielen tschechischen Initiativen, die die deutschen Prägekräfte in Böhmen diskutieren und bewahren.

Landeszentrale: Herr Cerny, Sie waren Botschafter der tschechischen Republik in Berlin. Wodurch war Ihre diplomatische Tätigkeit geprägt – gerade vor dem Horizont der ambivalenten wechselseitigen Erfahrungen der Tschechen und der Deutschen miteinander?

Frantisek Cerny: Ich will Ihnen das Profil meiner Tätigkeit an einem Beispiel erläutern. Das muss so im Jahre 2000 gewesen sein. Es ging darum, dass wir hier in Tschechien ein berühmtes Pferderennen haben, genauer in Pardubice, die Velká Pardubická, ein sehr traditionelles Pferderennen, nur ein geringer Teil der startenden Pferde erreicht dabei überhaupt das Ziel. Es gibt da einen sehr schwierigen Sprung, der immer nur einmal im Jahr gesprungen wird, und da kommen einfach viele Pferde um.

Landeszentrale: Es ging um Tierschutzfragen? Das klingt merkwürdig.

Frantisek Cerny: Naja, um Tierschutz und teilweise auch um die Behandlung der Protestierenden bei den Demonstrationen gegen das Pferderennen und bei anderen Gelegenheiten. Das Eingreifen der tschechischen Polizei bei solchen Protesten war teilweise sehr brachial. Also beides zusammen, Tierschutz und Menschenschutz.

Wir waren also in unserer Botschaft in Berlin damit konfrontiert, dass Menschen sehr nachdrücklich gegen Vorfälle in Tschechien protestiert haben. Mein Stellvertreter fragte: „Was machen wir?“

Ich habe also gesagt: „Gut, zuerst wollen wir mal miteinander sprechen, sucht euch zehn Leute aus, kommt rein, dann bekommt ihr Kaffee.“ Wir haben dann gesprochen und die Leute sind schließlich friedlich auseinandergegangen. Die Polizei ist ohne Einsatz abgezogen. In der Presse, ich glaube es war in der „tageszeitung“, wurde meine Vorgehensweise zwar positiv beschrieben, aber gleichzeitig wurde bemerkt, der Botschafter sei eine „Labertasche“. Ich wusste damals gar nicht, was das überhaupt sein sollte, jetzt denk ich aber, dass das meine Arbeit ganz gut charakterisiert.

Landeszentrale: Wie lange waren Sie in Berlin?

Frantisek Cerny: Zunächst müssen Sie wissen: Ich war quasi ein Seiteneinsteiger. Ich war ja nie im diplomatischen Dienst; vor der Wende sowieso nicht, aus politischen Gründen war ich nie im Palais Czernin (Sitz des Außenministeriums in Prag auf dem Hradschin, die Red.), und auch architektonisch gefällt mir das überhaupt nicht, das ist mir zu protzig. Czernin hatte den Ehrgeiz, größer zu werden als die Burg. Czernin hat immer gesagt, ich bin über der Burg. Das war mir unangenehm. Ich hatte nie die Idee gehabt, dass ich da mal als Mitarbeiter tätig sein würde. Ich bin dann so nach der Wende hineingeraten. Ich war ja sehr gut befreundet mit denen allen, die jetzt Verantwortung trugen, mit Dienstbier und Havel. Und die haben mir dann gesagt, ich soll doch etwas fürs Vaterland tun. Das kennt man in Deutschland nicht. In Deutschland gibt es die Diplomaten, die ihre Karriere irgendwie ganz unten anfangen und ganz langsam, wenn sie fünfzig oder sechzig geworden sind, werden sie dann Botschafter. Wenn sie dann aber fünfundsechzig sind, dann müssen sie wieder aufhören, aber das wollen die dann überhaupt nicht. Ich habe da doch so meine Erfahrungen gemacht. Kennen Sie Herrn Roßbach, Dr. Anton Roßbach? Er war Botschafter hier in Prag zu Außenminister Fischers Zeiten.

Der musste aufhören, weil er fünfundsechzig geworden ist, und in dieser Zeit bin ich, ich war sogar ein paar Monate älter als er, nach Bonn gekommen. Ich war zuerst in Berlin, dann zwei Jahre in Prag, dann in Bonn, und aus Bonn dann der Umzug nach Berlin. In Berlin habe ich 2001 aufgehört. Herr Rossbach fragte mich, wie ist das möglich? Du fängst jetzt noch einmal an! Dann habe ich dem Kinkel geschrieben, weil wir uns noch aus Bonn kannten und ich ein gutes Verhältnis zu ihm hatte, und habe ihm geschildert, dass dieser Rossbach jetzt eigentlich erst angefangen hat, sich hier in Prag ein bisschen auszukennen, und jetzt muss er weg. Und der Kinkel hat mir geantwortet, ich kann das alles nachvollziehen, ich verstehe das ja, aber wenn ich eine Ausnahme mache, wollen alle nicht mit 65 aufhören, die wollen alle länger bleiben, und das geht nicht. Also ich bin jedenfalls erst 1990 nach der Wende in den diplomatischen Dienst gegangen. Vorher wäre das gar nicht denkbar gewesen, wegen meiner politischen Einstellung und auch wegen meiner Herkunft.

Landeszentrale: Was ist Ihre Herkunft?

Frantisek Cerny: Ich bin ein Prager, ich bin in Prag geboren und aufgewachsen, immer in Prag gewesen, meine Herkunft ist eine ziemlich bürgerliche, das war nicht gut im Jahre 1950. Ich habe deshalb noch nicht einmal studiert.

Landeszentrale: Sie durften nicht studieren?

Frantisek Cerny: Ich durfte zunächst nicht studieren. Mein Großvater mütterlicherseits war ein sehr hoher Beamter der Republik und ein großer Freund und Kommilitone von Masaryk (Tomáš Masaryk, 1850–1937, Gründer und erster Staatspräsident der Tschechoslowakei, die Red.), Sie können sich denken, was das bedeutet hat. Ich war jedenfalls drei Jahre Arbeiter – ich bin gelernter Dreher. Dann musste ich drei Jahre zum Militär.

1950 bis 1953 habe ich in einer Fabrik gearbeitet und dann, Ende 53, habe ich mich an der Hochschule gemeldet und wurde sogar angenommen – jetzt als bewährter Dreher. Aber dann – ich wollte damals Theaterwissenschaften und Psychologie studieren – hat man mir wieder gesagt, naja, das geht doch wieder nicht. Sie müssen jetzt etwas Technisches studieren. Das wollte ich nicht. Ich bin dann vormittags in die Vorlesung gegangen, danach hatte ich Nachmittagsschicht in der Fabrik. Dann war ich beim Militär als Bausoldat. Nach der Militärzeit bin ich endlich an der Hochschule angenommen worden und habe Germanistik studiert.

Dann habe ich, weil ich schon ziemlich alt war und mich ein bisschen um meine Eltern kümmern musste, die schon Rentner waren und kein Geld hatten, angefangen beim Radio zu arbeiten. Zuerst als externer Mitarbeiter und dann als Rundfunkredakteur.

Landeszentrale: Bei welchen Sendern haben Sie da gearbeitet?

Frantisek Cerny: Bei den Jugendsendungen des tschechoslowakischen Rundfunks und dann bei dessen Auslandssendungen. Die Auslandssendungen des tschechoslowakischen Rundfunks sind – nach BBC – die ältesten. Die Auslandssendungen gab es seit den späten zwanziger Jahren, haben sich dann weiterentwickelt, nur in der Zeit des Protektorats natürlich nicht, wurden dann aber gleich nach 1945 wieder eingerichtet. Das waren Sendungen in englischer, französischer, deutscher und spanischer Sprache.

Der Rundfunk spielte in der Tschechoslowakei eine wichtige Rolle, auch 1968, im Prager Frühling überhaupt. Man hatte damals als Journalist das Gefühl, dass man jede Woche etwas mehr machen konnte. Tabus zu brechen war unser aller Ehrgeiz.

Die Auslandssendungen waren dazu gedacht, der Welt ein positives Bild von unserer schönen sozialistischen Tschechoslowakei zu präsentieren. Das habe ich ganz gerne gemacht, weil: wir sind ein schönes Land. Aber wir haben immer mehr auch versucht darzustellen, dass es hier nicht so ganz blöde Leute gibt.

Die Sendungen wurden immer aktueller; sie waren ursprünglich für das westliche Ausland bestimmt, aber wir wurden immer mehr in der DDR gehört. Die Leute in der DDR sahen, dass hier in einem Bruderland etwas vor sich ging, was bei ihnen nicht möglich war. Wir Tschechen sind halt, das hat – glaube ich – Hitler gesagt, ein heimtückisches Volk. Jedenfalls haben wir versucht, alles Mögliche gerade in die deutschen Sendungen hineinzubringen, was der Obrigkeit in der DDR nicht gefällt. Das hatte einen solchen Erfolg, dass schon Ende 1967 in zahlreichen Orten der DDR die Störsender auf Radio Prag umgepolt wurden. Die Sendungen des Bruderlandes fanden die zu Recht gefährlicher als die des Westens. Ulbricht hat sich damals sehr bemüht, ständig einzuwirken auf dieses schreckliche Land hier, in dem sich die Konterrevolution ausbreitete. Er wollte unbedingt auch nach Prag kommen. Er war hier auch bei den Spitzen der sozialistischen Partei bei uns nicht beliebt. Und da hat man gesagt, naja, in Prag, wer weiß, aber er könnte doch nach Karlsbad kommen. Das war wieder so eine tschechische Heimtücke: Es war Sommer, ich glaube Juni, und man hat den Besuch folgendermaßen veranstaltet: Wir starten an einem kleinen Flughafen, von dem Flughafen fährt man dann mit dem Auto in die Kurstadt, es wird bekanntgegeben, dass an diesem Vormittag Ulbricht und Dubcek über die Promenade zu irgendwelchen Verhandlungen schreiten, kurz: wir machen also ein Bad in der Menge. So hat man das den Ulbricht-Leuten gesagt, und die waren einverstanden. Und in Karlsbad waren auf einmal massenhaft Menschen da, stehen zu beiden Seiten der Straße, vor allem Deutsche. Karlsbad war damals ein Treffpunkt der Deutschen, weil die Ostdeutschen nach Karlsbad durften, die Westdeutschen sowieso. Die Familien trafen sich dort. Jetzt ging man über die Promenade und von beiden Seiten wurde ständig laut skandiert „Dubcek, Dubcek, Dubcek“, an der Aussprache wurde deutlich, dass vor allem die Deutschen riefen. Keiner rief „Ulbricht“. Das war die tschechische Heimtücke, und damit haben wir einen noch größeren Feind gehabt.

Ich habe damals noch die Gelegenheit gehabt, mit Ulbricht ein Interview aufzunehmen, das mehrmals gesendet wurde. In diesem Interview haben wir darüber gesprochen, was so in unseren Ländern vorgeht, und er wollte wissen, was die Studenten bei uns für schreckliche Sachen machen. Ich habe gesagt: „Die Studenten sind überall ein revolutionäres Element. Sie sind noch nicht angepasst. Schauen Sie sich doch an – es war ja das Jahr 68 –, was sich in Amerika tut, was sich in der BRD tut oder in Paris. Da sind unsere Studenten eigentlich noch sehr zurückhaltend.“ Und dann habe ich ihn nach den Studenten in der DDR gefragt. Da sagte er diesen klassischen Satz: „Unsere Studenten studieren und singen schöne Lieder!“

Das war übrigens auch die Zeit, in der meine Tätigkeit beim Rundfunk zu Ende ging. Ich erhielt Berufs- und Reiseverbot. Ich hab dann als Deutschlehrer angefangen, bei der tschechischen Volkshochschule. Ich war die folgenden 20 Jahre eigentlich Deutschlehrer.

Landeszentrale: Woher kommt Ihre Nähe zur deutschen Sprache und Literatur?

Frantisek Cerny: Nun, ich habe ja Germanistik studiert, und natürlich hatte ich wie jeder oder fast jeder Prager schon Kontakte auch mit deutschsprachigen Verwandten und Bekannten. Ich erzähle immer sehr gerne die Geschichte von meiner Großmutter, die ist als älteste geboren worden und dann kamen noch zehn weitere Geschwister – das waren alles Männer. Ja, wirklich! Die Familie hieß Zverina – das heißt Wildfleisch. Nomen est omen. Zwei dieser Männer sind im Ersten Weltkrieg gefallen, aber die acht weiteren waren alle irgendwie in der Forstwirtschaft tätig. Der eine war ein hoher tschechischer Staatsbeamter hier am Forstministerium, zwei waren in Österreich, einer war in Galizien tätig und mein Lieblingsonkel Anton war Leibjäger von dem Fürsten Schwarzenberg – in Juboka, es gibt da zwei Linien. Diese Onkel und Tanten versammelten sich jedes Jahr zwei Mal bei ihrer ältesten Schwester. Hier in Prag. Dann saßen sie an so einem großen Tisch, der Tisch ist sogar noch in der Wohnung bei meinem Bruder. Da erzählten sie und es wurde unterschiedlich gesprochen, meistens tschechisch, die aus Österreich haben aber deutsch gesprochen und man übersetzte nicht. Das ist mein Ideal, wie es in Europa sein sollte: Seine Sprache sprechen, aber die anderen einigermaßen verstehen. Das ist ein Ideal, eine Idee, aber in dieser Familie war sie Wirklichkeit. Jedenfalls: Ich saß dort immer gerne und hörte zu. Mich interessierte, wie gesagt, Onkel Anton, das war jemand, der hat seine Geschichten immer so begonnen: Ich und der Fürst. Und dann hat er seine Erlebnisse mit Fürst Schwarzenberg erzählt. Auf diese Weise war mir die deutsche Sprache nicht so fremd, und ich habe sie dann auch studiert und schließlich bei Eduard Goldstücker mein Studium abgeschlossen

Landeszentrale: Worum ging es bei Ihrer Abschlussarbeit?

Frantisek Cerny: Goldstücker wollte unbedingt, dass ich etwas über die Prager Literatur schreibe. Das war auch seine Ausrichtung. Aber ich habe ihm gesagt: „Das interessiert mich weniger, ich würde lieber über Erich Maria Remarque schreiben.“ Der Grund: Remarque wird oder wurde im deutschen Raum eher als trivial betrachtet. Aber damals war es der bekannteste, meist gelesene, beliebteste deutsche Schriftsteller überhaupt in den sozialistischen Ländern. In der Sowjetunion hatte er Millionenauflagen. Bei uns sind alle Bücher von Remarque übersetzt worden. „Im Westen nichts Neues“, sein Hauptwerk, das als Zeitungsroman erschienen ist (ab dem 10. November 1928 in der Vossischen Zeitung, die Red.), ist umgehend, am 29. Januar 1929, auf Tschechisch in Buchform herausgekommen. Die erste Übersetzung von Erich Maria Remarque war diese tschechische Übersetzung. Ich wollte über Remarque schreiben, weil er eine interessante Persönlichkeit, eine schillernde Gestalt war. Es gibt ein deutsches Buch, das trägt den Titel „Hat Erich Maria Remarque wirklich gelebt?“ (Salomo Friedlaender: Hat Erich Maria Remarque wirklich gelebt? Der Mann. Das Werk. Der Genius. 1000 Worte Remarque. Berlin, Leipzig 1929, die Red.)

Jedenfalls schreibt Remarque so, dass man ihn wirklich gerne liest. Aber das ist in deutscher Literatur ja nicht gerade das beste Zeugnis. Die Leute wünschen, dass man komplizierter schreibt. Und da hat man ihm doch wirklich vorgeworfen, dass er ein bisschen ein Landesverräter war, und nach 1933 wurde er verbrannt und musste weg. Er hat dann in Amerika gelebt. Er war ein mondäner Mensch, er ist selber Autorennen gefahren und solche Sachen. Also: eine schillernde Gestalt, und über den habe ich dann meine Abschlussarbeit geschrieben, ich hab das gegen Goldstücker durchgesetzt. Der wollte – wie gesagt –, dass ich mich um die Prager Literatur bemühe. Und ich habe ihm gesagt: „Das hat doch Zeit.“

Landeszentrale: Das machen Sie jetzt am Ende Ihres beruflichen Lebens mit dem Prager Literaturhaus.

Frantisek Cerny: Das mache ich jetzt, ja. Goldstücker wäre wahrscheinlich zufrieden. Aber der Literaturhausplan geht ja auch auf die 60er Jahre zurück: 1964 gab es hier eine berühmte Kafka-Konferenz, diese Konferenz war so eine Art Durchbruch, seitdem konnte man auch wieder Kafka-Übersetzungen hier lesen. Das war eine wissenschaftliche Konferenz, bei der man politisch argumentiert hat: Kafka ist zwar ein Ideologe der Entfremdung und dekadent, aber wenn er so wichtig war für Prag und für die ganze Welt, dann können wir nicht so tun, als ob es keinen Kafka gäbe; das wäre gerade so – so hat man später kommentiert –, als ob wir das weltberühmte Kurbad Karlsbad krampfhaft ausradieren wollten und sagen: „Karlsbad gibt’s ja gar nicht.“

Nach dieser Konferenz jedenfalls haben wir den Literaturhausplan gefasst, allerdings in Zeiten, die schwierig zu verstehen sind für Menschen, die die kommunistische Herrschaft nicht miterlebt haben. Die Partei war hier die einzige regierende Macht, Anton Novotný war Präsident und KP-Chef. (Antonín Novotný, 1904 bis 1975, 1953 bis 1968 Vorsitzender der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, 1957 bis 1968 Staatspräsident, die Red.). Er war sehr stolz darauf, dass er in der Zeitschrift „Life“ 1966 als der schönste Staatsmann der Welt abfotografiert wurde. Und: Novotný mochte Ulbricht nicht, überhaupt nicht. Und das hätte beinahe dazu geführt, dass wir schon in den 60er Jahren eine Art Literaturhaus bekommen hätten. Wir haben eine Petition beim Politbüro eingereicht und mit vielen Worten beschrieben, dass ein Institut, das sich um Kafka bemüht, die Popularität der tschechoslowakischen sozialistischen Republik steigern könne, dass aber die Sache einen Haken habe, weil: Sie würde sehr das Missfallen des Staatsratsvorsitzenden und Parteichefs Ulbricht hervorrufen. Unsere Angelegenheit wurde wirklich auf oberster politischer Ebene vorgelesen und verhandelt und Novotný hörte kaum zu, aber in dem Moment, als das Wort Ulbricht fiel, war Novotný plötzlich wach und hat gesagt, „naja, wir sollten das Kafka-Institut vielleicht doch einrichten“. Die erste Folge war, dass an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität Professor Goldstücker beauftragt wurde, eine Art Kafka-Studiengang anzubieten; auch eine Art Literaturhaus war schon geplant, aber dann kam 1968 und es war für 20 Jahre vorbei. Als wir 1990 mit Lenka Reinerova den Plan wieder aufgegriffen haben, waren die Schwierigkeiten anderer Art; jetzt ging es um Finanzfragen.

Wir wollten ursprünglich in Prag 1 anfangen, weil ja eigentlich die Prager Literatur eher dort zuhause war. Prag ist ja geteilt in Prag 1 und Prag 2, und die von Prag 1 haben uns alles mögliche versprochen, aber wenn es um Geld ging, war es auf einmal zu teuer. Dann habe ich festgestellt, dass es Rivalitäten gibt zwischen Prag 1 und Prag 2, dass die Bürgermeisterin in Prag 2 aus ihrem Prag 2 auch ein kulturelles Viertel machen möchte. Sie hat zugehört und gesagt „Ja, ja, das ist wunderbar. Ein Prager Literaturhaus, das wird etwas sein, womit sich Prag dann auch rühmen kann.“ Es dauerte nicht mehr lange, und nach einem Monat hat sie angerufen und gesagt: „Wir haben hier so ein leeres Haus zu einer wirklich menschenfreundlichen Miete.“ Aber es kann sich ändern. Kapitalismus kann alles ändern: Kommt jemand anderer und sagt, was machen sie da? Deutsche Literatur, was soll das? Sie zahlen so wenig, da könnte man auch Chinesen oder Vietnamesen einmieten und einen Supermarkt einrichten, und die bezahlen dann richtig.

Landeszentrale: Aber so ist das Leben, und da sind Sie ein bewährter Steuermann.

Frantisek Cerny: Eher eine alte Labertasche.

Landeszentrale: Bei all den Aufgaben und Pflichten, die Sie haben, kommen Sie da noch zum Lesen?

Frantisek Cerny: Ich lese viel und ich lese hauptsächlich lange in die Nacht hinein.

Landeszentrale: Auch deutsche Literatur?

Frantisek Cerny: Auch deutsche Literatur. Mehr als richtige Fachbücher. Erst gestern habe ich ein deutsches Buch zu lesen begonnen, die Geschichte von Loki Schmidt. Ein populäres Buch. Anhand ihres Lebens schildert sie das vergangene Jahrhundert. Das ist ganz interessant.

Landeszentrale: Schreiben Sie selber?

Frantisek Cerny: Nein.

Landeszentrale: Haben Sie es auch nicht überlegt?

Frantisek Cerny: Ich habe geschrieben, als ich Journalist war, aber jetzt, nein, ich will nicht.

Landeszentrale: Sie labern lieber.

Frantisek Cerny: Ich labere lieber, ja.

 


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© Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit   •   letzte Änderung am: 07.04.2011 16:51