Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Jugendszenen in Deutschland – zwischen Islam und Islamismus

Bericht über ein Expertengespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung am 15. Dezember 2010

Von Christoph Huber

 

PD Dr. Johanna Pink, Dr. Sonja Hegasy, Dr. habil. Christel Gärtner sowie Prof. Dr. Christian Pfeiffer (von links nach rechts) auf dem Podium über „Ursachen und Hintergründe von Radikalisierung“
Bild: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.

Das Bemühen um Differenzierung und Abwägung, das die Tagung bestimmte, wurde schon in der Begrüßung durch Dr. Michael Borchard, Leiter der Hauptabteilung Politik und Beratung bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, deutlich, der darstellte, dass Ängste in Zusammenhang mit „dem“ Islam, die auch auf Unkenntnis basierten, in Europa schon seit Jahrhunderten existierten und dass muslimische Jugendliche auf keinen Fall nur als sicherheitspolitisches Problem Thema der Politik werden dürften. Er warf aber auch die Frage auf, ob und in welchem Ausmaß in bestimmten Jugendszenen eine Distanz zur Demokratie bestehe und inwiefern in diesen Szenen Gewalt als legitimes Mittel akzeptiert werde. Prof. Dr. Werner Schiffauer, Professor für vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, setzte dieses Bemühen um Differenzierung auf begrifflichem Gebiet fort:

Was ist der Unterschied zwischen Islam und Islamismus? Er verwies auf eine Studie des nordrhein-westfälischen Innenministeriums, die bei der Unterscheidung vor allem auf unterschiedliche Begriffsbestimmungen abhebt. So sei der Koran nach islamistischem Verständnis nicht nur Offenbarung, sondern auch als Verfassungstext zu lesen, die Sunna, nach gemäßigt islamischem Verständnis als „Brauch“ zu übersetzen, werde als unbedingte „Pflicht“ angesehen, die Scharia werde von Islamisten statt als ethische Norm als staatliches Gesetz verstanden und so fort.

Unter Verweis auf die Prozesshaftigkeit jeder Realität problematisierte Prof. Dr. Werner Schiffauer jedoch eine zu fixe Klassifikation nach solchen Kriterien. Er verwies darauf, dass Entwürfe einer Weltgestaltung Teil vieler Religionen sei und beispielsweise auch die christliche Befreiungstheologie Forderungen im Hinblick auf staatliches Handeln artikuliert habe. Andererseits könne auch eine weltabgewandt mystizistische Religiosität fundamentalistische Züge annehmen. Er plädierte schließlich für schwächere, flexiblere Grenzziehungen von staatlich institutioneller Seite zwischen Islam und Islamismus, um Kommunikation mit islamischen Organisationen nicht zu schnell abzubrechen. Kritisch diskutiert wurden in diesem Zusammenhang seine Ausführungen zu Milli Görüs¸ş in einem zweiten Beitrag: Mehmet Sabri Erbakan, Neffe des Milli-Görüs¸-Gründers und von 1996 bis 2002 Generalsekretär, wurde dabei als Beispiel für eine offenere Nachwuchselite der Organisation herangezogen, die durch schulischen Erfolg statt einer Rückkehrorientierung aufstiegsorientierte Zukunftspläne in Europa entwickelt hätte und so eine Vermittlerrolle übernehmen könnte. Claudia Dantschke vom Zentrum Demokratische Kultur in Berlin verwies in der Diskussion darauf, dass Mehmet Sabri Erbakan schließlich 2002 wieder gestürzt worden sei. Auch Dr. Johanna Pink, Privatdozentin für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin, vermied bei ihrer Erkundung von religionsimmanenten Ursachen von Gewalt zugespitzte Antworten.  Der Koran sei in einem sich wandelnden historischen Kontext entstanden, der von einer defensiven Position der neuen Religion über eine Phase gewalttätiger Auseinandersetzungen zum Triumph des Islam geführt habe – dementsprechend zeige sich auch kein einheitliches Bild hinsichtlich der Frage nach der Gewalt. Im Verhältnis gegenüber Nichtmuslimen spiele die Unterscheidung zwischen „Schriftbesitzern“ – also Juden und Christen – einerseits und „Götzenanbetern“ und Atheisten andererseits eine große Rolle. In der islamischen Welt finde eine breite Debatte darüber statt, inwieweit Positionen aus der Frühzeit des Islam für die Gegenwart eine Rolle spielten – etwa die berüchtigte Todesstrafe für Apostasie. Für die breit diskutierten Phänomene von Jugendgewalt sah Dr. Pink jedenfalls keine religionsimmanenten Legitimationsquellen.

Gebet in einer Berliner Moschee
Bild: ullstein

Griffiger erschienen die empirischen Befunde der bekannten Befragung von 45.000 Schülerinnen und Schülern mit und ohne Migrationshintergrund, die Prof. Dr. Christian Pfeiffer auf der Tagung persönlich vorstellte. Er fand heraus, dass Gewalterfahrungen bei muslimischen Jugendlichen eine umso größere Rolle spielten, je religiöser sich diese selbst einschätzten. Umgekehrt sei die statistische Wahrscheinlichkeit für einen Schulbesuch bis hin zum Abitur bei diesen Jugendlichen am geringsten. Prof. Dr. Christian Pfeiffer vermutete die Ursachen allerdings auch nicht in der Religion des Islam – er verwies darauf, dass die Korrelation von Gläubigkeit und familiärer Gewalt bei evangelikal-freikirchlichen Gruppen noch deutlicher sei. Das Problem trete seiner Meinung nach durch konservative Imame auf, die zu oft eine rückständige Machokultur vermittelten und den Moscheegemeinden auf diese Weise einen integrationsfeindlichen Charakter verliehen. Hierüber wurde – teilweise hitzig – diskutiert.

Dabei wurde die Frage aufgeworfen, ob die Selbstbezeichnung als religiös gerade bei männlichen Jugendlichen wirklich aussagekräftig sei, da der Islam bei diesen oft nur die Funktion eines identitätsstiftenden Labels habe, der nicht mit wirklicher Glaubenspraxis oder auch nur Wissen über die Religion einhergehe.  Auch die Islamkundelehrerin und Autorin Lamya Kaddor argumentierte in ihrem Beitrag in diese Richtung: Für Jugendliche etwa, die in der Türkei nicht als Türken und in Deutschland nicht als Deutsche angesehen würden, biete die Religion eine Form der identifikatorischen Selbstvergewisserung.

Dr. Silke Borgstedt, Direktorin des Bereichs Sozialforschung bei Sinus Sociovision, zeigte hierbei in ihrer Studie geschlechtsspezifische Unterschiede auf: Von Mädchen werde der Glaube durchaus als Kraft spendender Anker beschrieben, mit dem auch eine konkrete Beschäftigung etwa durch das Lesen religiöser Schriften einhergehe. Für Jungen sei die Identifizierung mit dem Islam oftmals nur ein verbaler Akt, mit dem sie sich eines Alleinstellungsmerkmals gegenüber ihrer nichtmigrantischen Umwelt versicherten und der kaum Auswirkungen auf ihre Lebenspraxis habe.

Der Islamwissenschaftler Dr. Götz Nordbruch, Mitbegründer des Vereins ufuq.de, der sich dem Studium islamischer Jugendkultur in Deutschland widmet, warnte deshalb auch davor, in einem gemäßigten Islam die Lösung aller möglichen sozialen Probleme zu sehen. Als negatives Beispiel erwähnte er den Vorschlag, dass Imame die Polizei in Brennpunktbereichen begleiten und als Vermittler auftreten. Dadurch würden soziale Probleme und Konflikte erst ‚islamisiert’ und religiöse Instanzen mit einer suggerierten staatlichen Autorität versehen.

Mädchen in Berlin-Neukölln
Bild: ullstein

Mehrere Beiträger widmeten sich den konkreten Erscheinungsformen muslimischer Jugendszenen. Prof. Dr. Hans-Jürgen von Wensierski, Professor für Erziehungswissenschaft, Jugendbildung, Erwachsenenbildung und Neue Medien an der Universität Rostock, beschrieb diese als Bricolage von westlichen Jugendkulturen mit einerseits ethnischen und religiösen Traditionen sowie andererseits einer postmodernen kommerziellen islamischen Kulturindustrie. Neben einer stärkeren Geschlechterdifferenzierung falle im Vergleich mit nichtmuslimischen Jugendlichen auf, dass junge Muslime in verschiedenen Szenen fast ganz fehlten, wobei unterschiedliche Gründe eine Rolle spielten: Der Bruch mit der Erwachsenengeneration sowie die Verkehrung der Geschlechterordnung, wie sie für Punks typisch seien, entspreche ebenso wenig der Mentalität junger Muslime wie das Spiel mit christlicher Symbolik der Gothic-Bewegung. Sehr attraktiv erscheine dagegen die HipHop-Szene, wobei problematische Männlichkeitsbilder ebenso eine Rolle spielten wie – darauf wurde in der Diskussion hingewiesen – die Tradition des HipHop als Kultur einer ethnischen Minderheit. Dr. Silke Borgstedt stellte in ihrer schon erwähnten Studie über bildungsferne Jugendliche auch Gemeinsamkeiten zwischen migrantischen und nichtmigrantischen Jugendmilieus fest: etwa die Angst vor der Entfernung von ihrem vertrauten Milieu sowie die Bedeutung von Konsum, Medien und der Beschäftigung mit dem eigenen Körper.

Claudia Dantschke ging auch konkret auf islamistische Szenen ein – insbesondere am Beispiel der salafitischen Bewegung, die vor allem durch den Konvertiten und Prediger Pierre Vogel mediale Aufmerksamkeit bekommen habe. Als Zielgruppe seien vor allem Jugendliche aus bikulturellen und weltlich-säkular geprägten muslimischen Elternhäusern auszumachen. Der Islamismus biete ihnen zum einen eine Lösung für ihre Identitätsproblematik und zum anderen eine sinnstiftende Form von Spiritualität im Rahmen eines Erweckungserlebnisses – ein Mechanismus, wie man ihn ähnlich bei den evangelikalen „reborn christs“ in den USA beobachten könne. Für Jugendliche attraktive Vorbilder wie zum Beispiel Rapper würden gezielt für die Rekrutierung herangezogen.

Der Düsseldorfer Islamwissenschaftler Dr. Michael Kiefer erwähnte auch Milieus, in denen der Islam mit nationalistischen Elementen vermischt werde, und ging in diesem Zusammenhang auf türkische Jugendszenen ein, in denen Antisemitismus oder aggressive Ablehnung von Kurden eine Rolle spielten.

Mehrere Referenten problematisierten andererseits auch Ressentiments von Deutschen als ein Integrationshindernis. Prof. Dr. Christian Pfeiffer verwies auf ein Ergebnis seiner Studie: Auf die Frage, wen man sich – wenn keinen Angehörigen der eigenen Nationalität – als Nachbarn wünsche, antworteten Türken mehrheitlich: einen Deutschen. Deutsche hätten in diesem Fall statistisch am liebsten einen Schweden als Nachbarn und am wenigsten gerne einen Türken. Umstrittener war das Fallbeispiel von Dr. Christel Gärtner, Soziologin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Es ging dabei um eine junge Türkin, die sich im Alter von zwölf Jahren gemeinsam mit einer Freundin und auf deren Anregung hin für das Tragen des Kopftuchs entschied. Ihre Familie habe ihr zunächst zum Abwarten geraten, für den Fall der Entscheidung dafür aber – wie deren Milieu insgesamt – erwartet, dass diese Entscheidung nicht rückgängig gemacht werde. Die Entscheidung für das Kopftuch sei durch die Reaktionen ihrer deutschen Schulkameradinnen („Du bist voll unterdrückt!“) und später vor allem durch den faktischen Ausschluss aus der deutschen Arbeitsgesellschaft für sie zur Bürde geworden; gerade deshalb wäre ihr aber ein Ablegen des Kopftuchs nicht nur als Enttäuschung ihrer Milieuerwartung, sondern auch als Unterwerfung unter nicht nachvollziehbare Anforderungen der Mehrheitsgesellschaft erschienen. In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob die Forderung der Eltern, eine Entscheidung für das Kopftuch nur unumkehrbar zu treffen, nicht eine autoritäre Setzung darstelle, die als eigentliches Integrationshindernis gesehen werden könne.


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© Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit   •   letzte Änderung am: 07.04.2011 17:03