Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Am Ort eines Weltgerichts – das Memorium Nürnberger Prozesse

Von Henrike Zentgraf

 

Foto: museen der stadt nürnberg

„Endlich stehe ich in dem Saal, in dem der Prozeß stattfinden wird. In dem einmal, Jahrhunderte später, irgendein alter, von einer staunenden Touristenschar umgebener Mann gelangweilt herunterleiern wird: ‚Und jetzt befinden Sie sich in dem historischen Saal, in dem am 20. November des Jahres 1945 der erste Prozeß gegen Kriegsverbrecher eröffnet wurde.“1

So sagte Erich Kästner im Herbst 1945 die Zukunft jenes Raumes vorher, der als Schauplatz der „Nürnberger Prozesse“ auserkoren worden war. Die Überprüfung seiner Jahrhunderte vorgreifenden Prophezeiung bleibt uns naturgemäß versagt, die Gegenwart indes gibt dem Schriftsteller bereits Recht: Der Schwurgerichtssaal des Nürnberger Justizgebäudes an der Fürther Straße, infolge der Raumnummerierung auch „Saal 600“ genannt, zählt heute als historischer Ort eines weltbedeutenden Ereignisses neben Burg und Christkindlesmarkt zu den wichtigsten Koordinaten in der historischen und touristischen Topografie Nürnbergs.

Die Geschichte

Der Nürnberger Justizpalast, 1945. Rechts vom Hauptgebäude abgesetzt ist der Schwurgerichtsbau erkennbar.
Foto: museen der stadt nürnberg

Mit dem Begriff der  „Nürnberger Prozesse“ wird meist zunächst der Prozess vor dem Internationalen Militärgerichtshof (IMT) assoziiert, in dem sich vom 20. November 1945 bis 1. Oktober 1946 die führenden Köpfe des NS-Regimes für ihre Taten verantworten mussten. Die daran anschließenden Verfahren vor amerikanischen Militärgerichten fanden lange Zeit völlig zu Unrecht kaum Würdigung.

Der Prozess vor dem IMT war in vielfacher Weise ein Novum: Erstmals in der Geschichte mussten sich die Machthaber eines Staates in einem rechtsstaatlichen Gerichtsverfahren persönlich für ihre und die Politik ihres Landes verantworten. Ebenso neu war es, dass sich ein internationaler Gerichtshof zusammenfand, um über diese Angeklagten zu Gericht zu sitzen. Ganz nebenbei wurde das Verfahren zudem – aus der Not heraus – zur Geburtsstunde des Simultandolmetschens.2)

Der Weg zum Prozess

Verhandlungen über das „Statut für den Internationalen Militärgerichtshof“ in London, August 1945
Foto: museen der stadt nürnberg

Bereits 1943 einigten sich die Alliierten auf die Ahndung deutscher Kriegsverbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Regel sollte den Angeklagten in den Ländern der Prozess gemacht werden, auf deren Territorium sie ihre Verbrechen begangen hatten. Für diejenigen, bei denen eine entsprechende geographische Zuordnung nicht möglich war, wurde der Prozess vor einem internationalen Gerichtshof vorgesehen. Die Unterzeichnung des Londoner Abkommens am 8. August 1945 besiegelte dieses Vorhaben. Das darin enthaltene „Statut für den Internationalen Militärgerichtshof“ sah eine Anklage wegen „Verbrechen gegen den Frieden“, „Kriegsverbrechen“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ vor, denen nachträglich noch der Anklagepunkt „Gemeinsamer Plan oder Verschwörung zur Entfesselung eines Angriffskrieges“ hinzugefügt wurde.

Das Statut legte fest, dass jeder Signatar je einen Richter und einen Stellvertreter ernennen sollte, und formulierte wichtige Rechtsgrundsätze des Verfahrens: Weder die amtliche Stellung eines Angeklagten noch die Tatsache, dass er auf Befehl eines Vorgesetzten oder seiner Regierung gehandelt hatte, galten als Strafausschließungs- oder Strafmilderungsgrund. Eine weitere Neuerung lag in der Anklage von Organisationen, die in ihrer Gesamtheit als verbrecherisch erklärt werden konnten. Dazu zählten beispielsweise die SS, die Gestapo und das Führerkorps der NSDAP.

Die Wahl des Verhandlungsortes

Nürnberg trägt bis heute als einstiger Traditionsort der Nationalsozialisten ein schweres Erbe.  Hier versammelten sich die Nationalsozialisten alljährlich zu den Reichsparteitagen, um „Führerkult“ und „Volks-gemeinschaft“ zu inszenieren und die Bevölkerung mit militärischen und militaristischen Propagandaschauen auf den Krieg einzuschwören. Die 1935 hier verkün-deten „Nürnberger Gesetze“ „legalisierten“ die Entwürdigung, Ausplünderung und Verfolgung „nicht-arischer“ Bevölkerungsgruppen bis hin zur Vernichtung und verbanden damit den Namen der Stadt dauerhaft mit dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Nur zu leicht fällt es da, die Wahl des Prozessortes in einen unmittelbaren kausalen Zusammenhang zu stellen. Dennoch waren es zunächst v.a. logistische Gründe, die für die Wahl Nürnbergs sprachen.

Sowohl die USA als auch die Sowjetunion drängten auf einen Prozessort in der eigenen Besatzungszone. Nachdem ursprünglich mehr als ein Prozess vor dem neu geschaffenen Gerichtshof geplant war, einigten sich die Alliierten schließlich auf Berlin als ständigen Sitz des IMT unter dem Vorsitz des sowjetischen Richters Iona T. Nikitschenko; das erste Verfahren hingegen sollte in der amerikanischen Besatzungszone abgehalten werden. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort kamen verschiedene Städte in Betracht, darunter auch Bad Kissingen oder Stätten wie das Deutsche Museum in München.3) In Nürnberg fanden die für die Vorbereitung des Prozesses Verantwortlichen einen nahezu unzerstörten Gebäudekomplex vor, der die zu erwartenden großen Mitarbeiterstäbe aufnehmen konnte. Die kurze Entfernung zu dem unmittelbar daran angeschlossenen Zellengefängnis ermöglichte kurze Transportwege der Angeklagten – ein wichtiger Sicherheitsfaktor sowohl im Schutz vor Flucht- und Befreiungsversuchen als auch vor Vergeltungsanschlägen. Die vergleichsweise zentrale Lage der Stadt trug ihr Übriges zur Wahl bei. Dennoch zeigen Briefe, Berichte und Zeitzeugenaussagen von damals, dass den Beteiligten der Symbolcharakter dieses Ortes durchaus bewusst war, auch wenn entsprechende Aussagen dazu in den offiziellen Dokumenten fehlen.

Die Angeklagten des Hauptkriegsverbrecher-prozesses (20.11.1945–1.10.1946):

Hermann Göring (1893–1946)
Berufssoldat, Politiker
Hitlers designierter Nachfolger, Oberbefehlshaber der Luftwaffe und der zweite Mann im NS-Staat
1945 verhaftet
15.10.1946 Selbstmord mit Gift.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 1, 2, 3, 4 zum Tod durch den Strang.

Konstantin von Neurath (1873–1956)
Diplomat
1932–1938 Reichsaußenminister
1945 verhaftet
1954 vorzeitige Haftentlassung.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 1, 2, 3, 4 zu 15 Jahren Haft.

Joachim von Ribbentrop (1893–1946)
Spirituosenhändler
1938–1945 Reichsaußenminister
1945 verhaftet
16.10.1946 Hinrichtung.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 1, 2, 3, 4 zum Tod durch den Strang.

Wilhelm Frick (1877–1946)
Jurist und Verwaltungsbeamter, Dr.
Reichsinnenminister
Reichsprotektor Böhmen und Mähren
1945 verhaftet
16.10.1946 Hinrichtung.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 2, 3, 4 zum Tod durch den Strang.

Hans Frank (1900–1946)
Rechtsanwalt, Dr.
Befehlshaber im besetzten Polen (Generalgouvernement)
1945 verhaftet
16.10.1946 Hinrichtung.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 3, 4 zum Tod durch den Strang.

Franz von Papen (1879–1969)
Zentrumspolitiker, Reichskanzler 1932
Vizekanzler Hitlers 1933–34
1947 Verurteilung zu acht Jahren Arbeitslager durch eine Spruchkammer
1949 vorzeitige Haftentlassung.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden).
Freispruch.

Arthur Seyß-Inquart (1892–1946)
Rechtsanwalt, Reichskommissar für die besetzten Niederlande
1945 verhaftet
16.10.1946 Hinrichtung.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung)
2 (Verbrechen gegen den Frieden),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 2, 3, 4 zum Tod durch den Strang.

Martin Bormann (1900–1945)
Landwirt
Leiter der Parteikanzlei der NSDAP
„Sekretär des Führers“
Mai 1945 verschollen
1972 Feststellung des Todes im Jahr 1945.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt in Abwesenheit nach 3 und 4 zum Tod durch den Strang.

Alfred Rosenberg (1893–1946)
Architekt
NS-Ideologe
Reichsminister für die besetzten Ostgebiete
1945 verhaftet
16.10.1946 Hinrichtung.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 1, 2, 3, 4 zum Tod durch den Strang.

Rudolf Heß (1894–1987)
„Stellvertreter des Führers“
1941 interniert
17.8.1987 Selbstmord im Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 1, 2 zu lebenslanger Haft.

Baldur von Schirach (1907–1974)
„Jugendführer des Deutschen Reiches“
Gauleiter von Wien
1945 verhaftet
1966 Haftentlassung.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 4 zu 20 Jahren Haft.

Hans Fritzsche (1900–1953)
Journalist, Chefkommentator des deutschen Rundfunks, in Führungsposition im Reichsministerium für Aufklärung und Propaganda
1945 verhaftet
1947 Verurteilung zu neun Jahren Arbeitslager von einer Spruchkammer und Berufsverbot
1950 vorzeitige Haftentlassung.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Freispruch.

Julius Streicher (1885–1946)
Volksschullehrer, Gauleiter von Franken, Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“
1945 verhaftet
16.10.1946 Hinrichtung.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 4 zum Tod durch den Strang.

Wilhelm Keitel (1882–1946)
Berufssoldat, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht
1945 verhaftet
16.10.1946 Hinrichtung.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 1, 2, 3, 4 zum Tod durch den Strang.

Alfred Jodl (1890–1946)
Berufssoldat
Chef des Wehrmachtsführungsstabs
1945 verhaftet
16.10.1946 Hinrichtung
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 1, 2, 3, 4 zum Tod durch den Strang.

Karl Dönitz (1891–1980)
Berufssoldat
Befehlshaber der deutschen U-Boot-Flotte
Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine (seit 1943)
1945 verhaftet
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden),
3 (Kriegsverbrechen).
Verurteilt nach 2, 3 zu 10 Jahren Haft.

Erich Raeder (1876–1960)
Berufssoldat
Großadmiral
Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine (bis 1943)
1945 verhaftet
1955 vorzeitige Haftentlassung.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden),
3 (Kriegsverbrechen).
Verurteilt nach 1, 2, 3 zu lebenslanger Haft.

Ernst Kaltenbrunner (1903–1946)
Rechtsanwalt, Dr.
1943 Chef des Reichssicherheitshauptamts und
Chef der Sicherheitspolizei und des SD
1945 verhaftet
16.10.1946 Hinrichtung.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 3, 4 zum Tod durch den Strang.

Albert Speer (1905–1981)
Architekt, Professor
1937 Generalbauinspekteur für die Reichshauptstadt
1942 Reichsminister für Bewaffnung und Munition
1943 Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion
1945 verhaftet
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 3, 4 zu 20 Jahren Haft.

Hjalmar Schacht (1877–1970)
Bankier, Dr.
Reichsbankpräsident
Reichswirtschaftsminister
1944 KZ-Haft
1947 Verurteilung zu acht Jahren Arbeitslager von einer Spruchkammer
1948 Freispruch, später Wirtschafts- und Finanzberater
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden).
Freispruch.

Fritz Sauckel (1894–1946)
Arbeiter
Gauleiter von Thüringen
1942 Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz
1945 verhaftet
16.10.1946 Hinrichtung.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 3, 4 zum Tod durch den Strang.

Walther Funk (1890–1960)
Wirtschaftsjournalist
Wirtschaftsberater Hitlers
Reichswirtschaftsminister
1945 verhaftet
1957 vorzeitige Haftentlassung.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verurteilt nach 2, 3, 4 zu lebenslanger Haft.

Robert Ley (1890–1945)
Chemiker, Dr.
Führer der „Deutschen Arbeitsfront“ (DAF)
1945 verhaftet
25.10.1945 Selbstmord vor Prozessbeginn.
Angeklagt nach den Punkten
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).

Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (1870–1950)
Industrieller
Deutscher Rüstungsmagnat
Angeklagt nach den Punkten:
1 (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung),
2 (Verbrechen gegen den Frieden),
3 (Kriegsverbrechen),
4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit).
Verfahren ausgesetzt.

 

Der Prozessverlauf vor dem IMT

Die Angeklagten vor dem Internationalen Militärgerichtshof, 1945/46.
Foto: museen der stadt nürnberg

Nach der offiziellen Prozesseröffnung am 18. Oktober 1945 in Berlin begann die Nürnberger Hauptverhandlung am 20. November 1945 mit der Verlesung der Anklageschrift. Jede der vier durch eigene Anklageabteilungen vor Gericht vertretenen Mächte verfolgte eigene Schwerpunkte bei der Präsentation der Anklage, die sich v.a. aus den jeweils eigenen nationalen Erfahrungen mit dem NS-Regime und dem Zweiten Weltkrieg ableiteten.

Während der amerikanische Chefankläger Robert H. Jackson die strafrechtliche Verfolgung der Verschwörung zur Einleitung eines Angriffskriegs (Anklagepunkt 1) zum Grundmotiv machte, trug die sowjetische Anklagebehörde unter der Leitung von Roman Rudenko vor allem Beweise zu den Anklagepunkten 3 und 4 („Kriegsverbrechen“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“) vor.

Frankreich vertrat die gleichen Anklagepunkte wie die sowjetische Delegation, jedoch geographisch auf den westeuropäischen Raum bezogen. Großbritannien verlegte seine Anklageschwerpunkte auf den Nachweis der Entfesselung und Durchführung eines Angriffskriegs gemäß Anklagepunkt 2 (Verbrechen gegen den Frieden).

Von März bis Juli 1946 kam die Verteidigung zu Wort. Jedem Angeklagten stand es frei, sich durch einen Verteidiger vor Gericht vertreten zu lassen oder sich selbst zu verteidigen. Die Übernahme eines solchen Mandats versprach in wirtschaftlich unsicheren Zeiten ein sicheres Gehalt: Das Gericht zahlte ein Honorar von monatlich 3.500 Reichsmark, bei der Vertretung von zwei Mandanten gar 5.200 Reichsmark.4)

Den Verteidigern gelang es, sich in manchen Punkten trotz ihres eingeschränkten Handlungsspielraums gegen die oft besser vorbereiteten Ankläger durchzusetzen. Zu den bedeutendsten Erfolgen der Verteidigung zählen der Freispruch für den deutschen U-Boot-Krieg hinsichtlich der Versenkung ziviler Schiffe, die Einbringung des geheimen Zusatzprotokolls des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts sowie das Fallenlassen der Anklage wegen der angeblich von Nationalsozialisten verübten Morde an rund 4.400 polnischen Soldaten, Offizieren und Intellektuellen im Wald von Katyn.

Im Verlauf des 218 Tage dauernden Verfahrens hörte das Gericht 139 Zeugen, darunter auch die Angeklagten, die sich im Zeugenstand dem Kreuzverhör stellten. Zu den rund 4.000 vorgelegten Beweisdokumenten zählten neben Urkunden, Besprechungsprotokollen, Briefen und Notizen auch eidesstattliche Versicherungen von nicht anwesenden Zeugen (Affidavits) sowie Fotografien.

Besonderes Grauen riefen die Bilder der vorgeführten Beweisfilme hervor, die mit Aufnahmen von der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager versuchten, das Unvorstellbare vorstellbar zu machen und dem von den Nationalsozialisten inszenierten Selbstbild eines fürsorglichen deutschen „Volksstaats“ das Bild des staatlichen verordneten Massenmordes entgegenzusetzen.

Am 30. September und 1. Oktober 1946 verkündete das Gericht die Urteile. Drei Freisprüche, sieben teils lebenslängliche Haftstrafen und 12 Todesurteile, die am 16. Oktober 1946 in der Turnhalle des Nürnberger Gefängnisses vollstreckt wurden. Hermann Göring gelang es, nur wenige Stunden vor der geplanten Hinrichtung Selbstmord zu begehen.

Die Leichen der Hingerichteten wurden zum Münchener Ostfriedhof gebracht, dort verbrannt und ihre Asche im Conwentzbach, einem Seitenarm der Isar, verstreut. Die zu Haftstrafen Verurteilten blieben zunächst in Nürnberg und wurden im Sommer 1947 in das alliierte Kriegsverbrechergefängnis in Berlin-Spandau verlegt. Der nach der Entlassung Albert Speers und Baldur von Schirachs im Jahr 1966 einzige verbliebene Häftling Rudolf Heß beging 1987 Selbstmord.

Die „Nürnberger Nachfolgeprozesse“

Im Anschluss an den Hauptkriegsverbrecherprozess begannen an gleicher Stelle zwölf Folgeverfahren vor ausschließlich amerikanischen Militärgerichten, denen die gleichen Rechtsgrundsätze wie dem IMT zugrunde lagen. Im Gegensatz zum ersten Nürnberger Prozess waren die angeklagten Verbrechen jedoch nicht zeitlich auf die Kriegsjahre beschränkt. Lange Zeit fiel die Würdigung dieser Verfahren nur allzu leicht der übermächtigen Bedeutung des „Hauptkriegsverbrecherprozesses“ zum Opfer. Ihr Verdienst liegt nicht primär in der Schaffung neuer Rechtsgrundsätze, sondern in der Aufdeckung der Strukturen des von Profiteuren und Befehlsempfängern durchzogenen NS-Regimes. Diesem Umstand aber ist gerade in Deutschland auch die anfängliche Schwierigkeit der Auseinandersetzung mit ihnen geschuldet, waren doch die Nachkriegsjahre vor allem von Mechanismen der Verdrängung geprägt. Die Nürnberger Nachfolgeprozesse wirkten dem entgegen, indem sie in ihrer Systematik der Anklage von Gruppen von Funktionsträgern des NS-Staates (Mediziner, Juristen, Militärs, Politiker) das verbrecherische System dieses Regimes offenlegten und so der deutschen Gesellschaft vor Augen führten, dass diese Verbrechen alle Bereiche des Staates und seiner Gesellschaft betrafen. Dabei beschränkten sie sich keineswegs auf militärische und politische Gruppen. Allein drei der zwölf Nachfolgeprozesse stellten Führungskräfte bedeutender Wirtschaftsunternehmen (Krupp, IG-Farben, Flick) vor Gericht, die sich in erster Linie wegen der rücksichtslosen Ausbeutung von Zwangsarbeitern zugunsten des eigenen ökonomischen Profits verantworten mussten.

So heterogen die einzelnen Verfahren auf den ersten Blick auch wirken mögen – ihnen allen ist bei genauerer Betrachtung eines gemeinsam: Sie verdeutlichen die ideologische Durchdringung des NS-Staates und legen den weltanschaulich und rassenbiologisch geprägten Kern seines Wesens frei. Das klingt aus heutiger Perspektive vielleicht banal, damals jedoch musste diese Erkenntnis nicht nur mühsam erarbeitet, sondern auch belegt werden. In Vielem stand man erst am Anfang und Vieles von dem, was wir heute als selbstverständliches Wissen über den NS-Staat und seine Struktur voraussetzen, verdanken wir genau jenen Verfahren und ihrer akribischen Dokumentation.

Die Nürnberger Nachfolgeprozesse

In den von Dezember 1946 bis April 1949 vor ausschließlich amerikanischen Militärgerichten abgehaltenen sog. „Nürnberger Nachfolgeprozessen“ erhielten 24 von insgesamt 177 Angeklagten die Todesstrafe, die in 13 Fällen tatsächlich vollstreckt wurde. Neben 25 Freisprüchen wurden 118 Angeklagte zu teils lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. Der Großteil der Verurteilten wurde aber bis Mitte der fünfziger Jahre bereits aus der Haft entlassen.

Fall 1: Ärzteprozess
9. Dezember 1946 bis 20. August 1947
Angeklagte: SS- und Lagerärzte, Wehrmachtsmediziner und hohe Beamte im Gesundheitsbereich

Fall 2: Prozess gegen Erhard Milch
20. Dezember 1946 bis 17. April 1947
Ein Angeklagter: Generalfeldmarschall Erhard Milch

Fall 3: Juristenprozess
17. Februar 1947 bis 14. Dezember 1947
Angeklagte: Richter, Staatsanwälte und hohe Beamte im Justizministerium

Fall 4: Prozess gegen das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt
13. Januar 1947 bis 3. November 1947
Angeklagte: Oswald Pohl, Leiter des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes, sowie führende Mitarbeiter des Amts

Fall 5: Flick-Prozess
18. April 1947 bis 22. Dezember 1947
Angeklagte: Konzernchef Friedrich Flick sowie Mitarbeiter der Unternehmensführung

Fall 6: IG-Farben-Prozess
14. August 1947 bis 30. Juli 1948
Angeklagte: Führungskräfte des IG-Farben-Konzerns

Fall 7: Prozess gegen Süd-Ost-Generäle
15. Juli 1947 bis 19. Februar 1948
Angeklagte: Wehrmachtsgeneräle des Zweiten Weltkriegs in Südosteuropa

Fall 8: Prozess gegen das SS-Rasse- und Siedlungshauptamt
1. Juli 1947 bis 10. März 1948
Angeklagte: Mitarbeiter des SS-Rasse- und Siedlungshauptamts sowie zwei weiterer SS-Organisationen

Fall 9: Einsatzgruppenprozess
15. September 1947 bis 10. April 1948
Angeklagte: Befehlshaber und Mitglieder der SS-Einsatzgruppen

Fall 10: Krupp-Prozess
8. Dezember 1947 bis 31. Juli 1948
Angeklagte: Konzernchef Alfried Krupp sowie Mitglieder der Firmenleitung

Fall 11: Wilhelmstraßenprozess
4. November 1947 bis 14. April 1949
Angeklagte: Reichsminister, hohe Ministerialbeamte sowie Vertreter von Banken, meist mit Dienstsitz in der Berliner Wilhelmstraße

Fall 12: OKW-Prozess
30. Dezember 1947 bis 27. Oktober 1948
Angeklagte: Mitglieder des Oberkommandos und Truppenbefehlshaber der Wehrmacht

 

Der Ort

Die Ausstellungsräume

Der Dachstuhl des Schwurgerichtsbaus vor dem Umbau für das Memorium Nürnberger Prozesse, 2005
Foto: museen der stadt nürnberg, Herbert Liedel

Das Memorium Nürnberger Prozesse befindet sich im Dachgeschoss des Ostbaus des im September 1916 durch den letzten bayerischen König Ludwig III. eröffneten Nürnberger Justizpalastes. Konzipiert als eigens für das Schwurgericht errichteter Baukörper, setzt sich der Ostbau deutlich vom restlichen Gebäudekomplex ab. Grund dafür war die weitgehende Trennung der Geschworenen vom restlichen Gerichtsbetrieb, um eine mögliche Einflussnahme auf das Urteil von außen so gering wie möglich zu halten.5) Dem besonderen Stellenwert des Schwurgerichts ist es zu verdanken, dass der Ostbau zwei vollständig voneinander getrennte Eingänge mit eigenen Treppenhäusern besitzt, von denen im Zuge der Umbaumaßnahmen eines dem Memorium „abgetreten“ werden konnte.

Das Dachgeschoss nach dem Einbau der neuen Dauerausstellung (Aufnahme mit Fischaugenobjektiv), 2010
Foto: museen der der stadt nürnberg, Erika Moisan

Während der eineinhalbjährigen Bauzeit des Memoriums wurde das Treppenhaus bis in den Dachboden verlängert, ein Aufzug eingebaut sowie alle für einen Besucherbetrieb nötigen infrastrukturellen Einbauten vorgenommen. Das Herzstück der Baumaßnahmen war jedoch der Ausbau des zuvor weitgehend ungenutzten Dachbodens und sich daran anschließender Büroräume. Insgesamt verfügt das Memorium nun über rund 700 Quadratmeter, von denen etwa 600 als tatsächliche Ausstellungsfläche zur Verfügung stehen.

Ein Saal mit wechselvoller Vergangenheit

Sekretärinnen bei der Vervielfältigung der Urteile des Hauptkriegsverbrecherprozesses, 2. Oktober 1945
Foto: Stadtarchiv Nürnberg

Ein Stockwerk tiefer befindet sich der Schwurgerichtssaal. Dort sind es entgegen der Erwartung Erich Kästners nicht nur staunende Touristen, die auf den unbequemen Holzbänken im Zuschauerbereich einen Hauch der Geschichte zu verspüren hoffen, sondern nach wie vor gehen dort Richter, Staatsanwälte und Verteidiger ihrer Arbeit nach. Als größter Saal des gesamten Justizgebäudekomplexes und Hauptverhandlungssaal des Landgerichts Nürnberg-Fürth ist der Schwurgerichtssaal auch heute noch ein Ort der Rechtsprechung, in der Regel sogar mehrmals in der Woche.

Errichtet für Schwurgerichtsprozesse, urteilten im Saal 600 in den letzten Jahres des Kaiserreichs bis in die Weimarer Republik hinein Geschworene als Volksvertreter über Schuld und Unschuld der Angeklagten. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten verwandelte sich der Justizpalast Nürnberg wie die Gerichte vielerorts zu einer Stätte der Rechtsbeugung und Entrechtung. Prominentestes Beispiel der Unrechtsprechung im Schwurgerichtssaal ist der Schauprozess gegen Leo Katzenberger im März 1942. Katzenberger, ein Nürnberger Kaufmann und zeitweiliger Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, war aufgrund eines angeblichen Verhältnisses mit seiner Mieterin Irene Seiler der „Rassenschande“ angeklagt und am 13. März 1942 durch das Nürnberger Sondergericht zum Tode verurteilt worden. Der Prozess gilt bis heute als einer der spektakulärsten Justizmorde im „Dritten Reich“.6)

Als Schauplatz der Nürnberger Prozesse erfuhr der Saal zahlreiche Umbauten. Um Platz für die große Anzahl von Prozessbeteiligten zu schaffen, wurde die gesamte Rückwand herausgenommen. Über dem dadurch erweiterten und ausschließlich Journalisten vorbehaltenen Zuschauerbereich entstand eine zusätzliche Tribüne für weitere Besucher. Mehrere neu geschaffene Wanddurchbrüche über und in der Holzvertäfelung dienten zusätzlich als Einsichts- und Aufzeichnungsmöglichkeiten für Berichterstatter und Kameraleute. Die Richterbank wurde um 90 Grad gedreht und vor den Fenstern des Saales installiert. An ihre ursprüngliche Stelle traten Dolmetscherkabinen und der Zeugenstand. Lediglich die Tische der Verteidigung und die Anklagebank blieben, wenn auch etwas vergrößert, an ihrer alten Stelle.

Nach dem Ende der Nürnberger Prozesse blieb der Saal zunächst weiterhin in der Hand der Amerikaner. Kurz nach seiner Übergabe an den Nürnberger Oberlandesgerichtspräsidenten am 30. Juni 1961 begann der Rückbau des bis dahin weitgehend im Zustand von 1945 erhaltenen Raumes.7) Die in weiten Teilen bis heute genutzte Möblierung der sechziger Jahre zeugt davon ebenso wie das überdimensionierte Kreuz, das hoch über der Richterbank verkündete, dass in diesen Saal nunmehr wieder „zivilisiertes“ Recht Einzug gehalten hatte.

Rechtsextremes Gedankengut wurde erneut im Saal verhandelt, als hier 1984 über einen antisemitisch motivierten Mord verhandelt wurde. Dem deutschen Neonazi und Gründer der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ (WSG), Karl-Heinz Hoffmann, wurde vorgeworfen, 1980 die Ermordung des  ehemaligen Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinde Nürnbergs, Shlomo Lewin, und seiner Lebensgefährtin in Auftrag gegeben zu haben.

Eine Verurteilung wegen Anstiftung zum Mord blieb aus. Hoffmann wurde jedoch wegen anderer Delikte zu einer Freiheitsstrafe von neuneinhalb Jahren verurteilt, aus der er schon 1989 vorzeitig entlassen wurde.

Der gesellschaftliche Umgang mit dem Saal als historischem Ort spiegelt auch den gesellschaftlichen Umgang mit den NS-Verbrechen wider. Lange Zeit tat man sich nicht nur  in Nürnberg schwer mit der Differenzierung zwischen den Reichsparteitagen und „Nürnberger Gesetzen“ auf der einen Seite und den Nürnberger Prozessen als dem Beginn einer Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen auf der anderen Seite.

Allzu oft wurden sie in einem Atemzug genannt, ohne dabei die trotz der engen thematischen Verbundenheit wichtige Unterscheidung zwischen den Verbrechen selbst und dem aus ihnen resultierenden Lernprozess, eines Aufbruchs zu neuen Ufern, vorzunehmen. Die jahrelange stille Existenz des Schwurgerichtssaals und Nicht-Erinnerung an die Prozesse lassen die Schmerzhaftigkeit erkennen, die mit der Aufdeckung und lange Zeit verweigerten Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen verbunden war und ist. Insofern verkörpert der Saal, auch wenn nur noch wenig von seinem Zustand von 1945 erhalten ist, trotz all seiner Rück-, Um- und Einbauten ein Stück Zeitgeschichte.

Die Ausstellung

Zwei Teile der originalen Anklagebank in der neuen Dauerausstellung des Memoriums Nürnberger Prozesse, 2010
Foto: museen der stadt nürnberg

Entstehung eines neuen Erinnerungsortes

Im Mai 2000 öffneten die Museen der Stadt Nürnberg gemeinsam mit den Bayerischen Justizbehörden den Schwurgerichtssaal erstmals an den Wochenenden für öffentliche Führungen. In den folgenden Jahren stiegen die Besucherzahlen von anfänglich gut 3.000 rasant auf fast 20.000 Besucher pro Jahr (2007). Die Gründe hierfür mögen vielfältig sein: Den Nürnberger Prozessen lastete insbesondere in Deutschland über Jahrzehnte der Vorwurf der „Siegerjustiz“ an. Erst die seit Mitte der achtziger Jahre einsetzende Abwendung von dieser ablehnenden Haltung machte eine Annäherung an das Thema fern von Verdrängungsmechanismen möglich. Sichtbares Zeichen dieses Sinneswandels war eine von dem Nürnberger Bildhauer Walter Ibscher entworfene Gedenktafel, die 1986 als erste sichtbare Erinnerung am Schwurgerichtssaal angebracht wurde.

Gleichzeitig sorgte die tatsächliche Wiederaufnahme internationaler Strafgerichtsbarkeit Mitte der neunziger Jahre für ein vermehrtes öffentliches Interesse an der „Wiege“ dieser völkerrechtlichen Entwicklung. Unterstützt wurde dies durch Veranstaltungen und Fachsymposien anlässlich der Jubiläumsjahre des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses 1995 und 2005. Diese Entwicklung mündete in Überlegungen, wie die bestehende Lücke in der deutschen Erinnerungslandschaft geschlossen werden könne. Nachdem das Kuratorium des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände 2005 ein erstes Konzept für eine neue Einrichtung vorgestellt hatte, folgten bis Sommer 2007 mit einem Beschluss der Stadt Nürnberg und den Finanzierungszusagen von Bund und Land die notwendigen Weichenstellungen, um mit dem Ausbau zu beginnen.

Das Ausstellungskonzept

Die Konzeption einer Ausstellung über den „Jahrhundertprozess“ und seine Nachfolger bedeutet sowohl inhaltlich als auch gestalterisch eine Herausforderung. Bei der Suche nach den möglichen Darstellungsformen einer Gerichtsverhandlung stößt man vor allem auf eine Art von Material: Papier. Auf unzähligen Seiten von Anklage- und Urteilsschriften, Beweisdokumenten und Prozessprotokollen entblätterte sich in den Nürnberger Verfahren  der NS-Staat in seiner Gesamtheit. Der lange Zeit v.a. juristisch geprägte Fokus auf Nürnberg hatte zudem dazu geführt, dass ein Großteil der Objekte, die eine anschauliche Darstellung der Prozessumgebung ermöglicht hätten, längst in Vergessenheit geraten oder vernichtet worden war.

Die Gestalter machten hier aus der Not eine Tugend. Inspiriert von einem Foto, das Sekretärinnen in einer Papierflut bei der Vervielfältigung der Urteile vom 1. Oktober 1946 zeigt, entwarf das Ausstellungsbüro Müller-Rieger aus München eine Ausstellungsarchitektur, deren knapp 70 von innen beleuchteten Ausstellungsrahmen sich in verschiedene Richtungen neigen. Bei Durchschreiten des hohen Dachraumes scheinen sich die hinterleuchteten Parallelogramme fast zu bewegen wie einzelne Papierblätter aus den Prozessakten. Insgesamt bleibt der Raum weitgehend im Dunkeln. Licht spenden ausschließlich die Ausstellungstafeln, die über den dunklen Terrazzoboden gleichsam zu schweben scheinen.

Die Ausstellung hat einen deutlichen dokumentarischen Charakter. Eine sachliche Darstellung soll dem Besucher die Möglichkeit geben, sich selbst ein „Urteil“ zu bilden.

Fenster ermöglichen von der Ausstellung einen Blick in den Schwurgerichtssaal. Ein Modell erläutert die 1945 eigens für den Prozess vorgenommenen Umbaumaßnahmen.
Foto: museen der stadt nürnberg

Museumsobjekte gibt es nur wenige: zwei Teile der originalen Anklagebank, eine Kiste zum Transport von Dokumenten und der elektrische Schaltschrank, der die Stromversorgung im Saal steuerte. Das wichtigste Exponat ist der Schwurgerichtssaal. Außerhalb von Gerichtsverhandlungen ist seine Besichtigung Teil des Ausstellungsrundgangs.

Die inhaltliche Konzeption stellte das Ausstellungsteam vor ganz andere Aufgaben: Die Nürnberger Prozesse waren ein juristischer Quantensprung, dessen Folgen die Rechtsgelehrten bis heute intensiv beschäftigen. So war eine der zentralen Herausforderungen die auch für ein Laienpublikum nachvollziehbare und interessante Darstellung komplexer juristischer Sachverhalte. Gleichzeitig spiegeln die Nürnberger Prozesse eine politische Situation wider, bei der es um nicht weniger ging als um die Neuordnung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Zuletzt ist es die ethisch-moralische Ebene, die Frage nach persönlicher Schuld und Verantwortung, die sich gerade im heutigen Blick immer wieder in den Vordergrund schiebt. Diese drei Aspekte setzen sich mit unterschiedlicher Intensität als zentrale Fragestellungen in der gesamten Ausstellung fort. Sie gipfeln vor der Anklagebank bei der Auseinandersetzung mit den Angeklagten: Hier saßen 1945 die Männer, die so Undenkbares zu verantworten hatten, dass ihre Verurteilung eine neue Rechtsprechung begründete und um deren Strafbarkeit dennoch auch Jahre nach ihrem Tod noch gestritten wurde. Es waren diejenigen, die mit ihrer Kriegs- und Vernichtungspolitik  die politische Weltkarte nachhaltig verändert hatten und denen wie niemandem sonst die Frage nach der persönlichen Verantwortung für diese Verbrechen gestellt werden musste.

Ausstellungsrundgang

Die große Wirkkraft der Nürnberger Prozesse bis in die Gegenwart ist auch an den hochrangigen Gästen der Eröffnung abzulesen gewesen: Hans-Christian Täubrich, Leiter des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände, erläutert Dr. Beate Merk, Bayerische Staatsministerin der Justiz und für Verbraucherschutz, Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister des Auswärtigen der Bundesrepublik Deutschland, Sergej Wiktorowitsch Lawrow, Minister für Auswärtige Angelegenheiten der Russischen Föderation, Bernd Neumann, Beauftragter der deutschen Bundesregierung für Kultur und Medien, und Dr. Ulrich Maly, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg, die Ausstellung. Darüber hinaus sprachen bei der Eröffnung der frühere französische Außenminister Roland Dumas, der Sonderbotschafter des US-Außenministeriums für Kriegsverbrechen, Stephen Rapp, der britische Generalstaatsanwalt Dominic Grieve sowie der Zeitzeuge Benjamin Ferencz.
Foto: Christine Dierenbach / Stadt Nürnberg

Die Ausstellung gliedert sich in drei Bereiche. Der erste und mit gut 300 Quadratmetern größte Ausstellungsraum erläutert die Vorgeschichte, die Beteiligten und den Verlauf des Hauptkriegsverbrecherprozesses. Die zentralen Elemente sind hier neben der Darstellung der Angeklagten rund um die Anklagebank eine in den Boden eingelassene Grafik, die in Korrespondenz mit den umliegenden Ausstellungswänden die beteiligten Prozessparteien vorstellt, sowie eine sich über sechs Tafeln erstreckende Zeitachse mit den wich-tigsten Ereignissen des Verfahrens.

Im hinteren Ausstellungsbereich widmet sich der zweite Themenkomplex der juristischen Verfolgung von NS-Verbrechen nach 1946. Neben einer Gesamtdarstellung der Nürnberger Nachfolgeprozesse und ihrer Einordnung in das politische Gefüge des aufziehenden Kalten Krieges vermitteln Tafeln zu weiteren wichtigen Prozessen einen Überblick über den Umgang mit NS-Verbrechen im In- und Ausland. Dazu zählt neben dem Frankfurter Auschwitz-Prozess z.B. der Eichmann-Prozess in Jerusalem.

Im dritten Teil schließt sich die Auseinandersetzung mit dem Erbe von Nürnberg bis hin zum Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag an. Filmbeiträge lassen Zeitzeugen der Nürnberger Prozesse zu Wort kommen, die sich Zeit ihres Lebens für die Weiterführung der von Nürnberg ausgehenden Ideen eingesetzt haben und somit in ihrer Person den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart spannen.

Am Ende des Rundgangs steht – an verhandlungsfreien Tagen – die Besichtigung des Schwurgerichtssaals selbst. Bevor der Besucher jedoch die Treppenstufen in den zweiten Stock hinabgeht, eröffnen ihm Fenster eine ungewohnte Perspektive von oben in den Saal. Die Beschränkungen während laufender Verhandlungen greifen allerdings auch hier. Tagt das Gericht, müssen die Fenster abgedunkelt werden. Die Besucher erhalten dann an anderer Stelle die Möglichkeit, zumindest einen virtuellen Blick in den Saal zu werfen.

Das Erbe von Nürnberg

Die Nürnberger Prinzipien

Wenige Wochen nach dem Nürnberger Prozess beschlossen die Vereinten Nationen, die Rechtsprinzipien der Londoner Charta und des Nürnberger Urteils als allgemein verbindliches Völkerrecht zu kodifizieren. Im Juli 1950 einigte sich die „Völkerrechtskommission“ der Vereinten Nationen auf folgende Grundsätze:

Grundsatz I.

Jede Person, die eine Handlung begeht, welche nach dem Völkerrecht ein Verbrechen darstellt, ist hierfür verantwortlich und unterliegt der Bestrafung.

Grundsatz II.

Die Tatsache, dass das innerstaatliche Recht keine Strafe für eine Handlung vorsieht, die nach dem Völkerrecht ein Verbrechen darstellt, befreit die Person, welche diese Handlung begangen hat, nicht von ihrer Verantwortlichkeit nach dem Völkerrecht.

Grundsatz III.

Die Tatsache, dass eine Person eine nach dem Völkerrecht als Verbrechen geltende Handlung als Staatsoberhaupt oder staatlicher Verantwortungsträger begangen hat, befreit diese Person nicht von ihrer Verantwortlichkeit nach dem Völkerrecht.

Grundsatz IV.

Die Tatsache, dass eine Person auf Befehl ihrer Regierung oder eines Vorgesetzten gehandelt hat, befreit die Person nicht von ihrer Verantwortlichkeit nach dem Völkerrecht, vorausgesetzt, sie hatte tatsächlich die Möglichkeit einer moralischen Entscheidung.

Grundsatz V.

Jede Person, die eines Verbrechens nach dem Völkerrecht angeklagt ist, hat das Recht auf ein faireres Verfahren nach Maßgabe der Tatsachen und des Rechts.

Grundsatz VI.

Die folgenden Verbrechen sind als Verbrechen nach dem Völkerrecht strafbar:

a) Verbrechen gegen den Frieden:

1. Planung, Vorbereitung, Einleitung oder Durchführung eines Angriffskriegs oder eines Krieges unter Verletzung internationaler Verträge, Abkommen oder Zusicherungen.

2. Beteiligung an einem gemeinsamen Plan oder an einer Verschwörung zur Ausführung einer der unter Ziffer 1 genannten Handlungen.

b) Kriegsverbrechen:

Verletzungen der Kriegsgesetze oder -gebräuche, darunter, ohne darauf beschränkt zu sein, Ermordung, Misshandlung oder Deportation zur Sklavenarbeit oder zu einem anderen Zweck von Angehörigen der Zivilbevölkerung von oder in besetzten Gebieten, Ermordung oder Misshandlung von Kriegsgefangenen oder Personen auf hoher See, Tötung von Geiseln, Plünderung öffentlichen oder privaten Eigentums, mutwillige Zerstörung von Städten oder Dörfern oder jede durch militärische Notwendigkeit nicht gerechtfertigte Verwüstung.

c) Verbrechen gegen die Menschlichkeit:

Mord, Ausrottung, Versklavung, Deportation oder andere unmenschliche Handlungen, begangen an einer Zivilbevölkerung, oder Verfolgung aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen, wenn diese Handlungen oder Verfolgung in Ausführung eines Verbrechens gegen den Frieden oder eines Kriegsverbrechens oder in Verbindung mit einem Verbrechen gegen den Frieden oder einem Kriegsverbrechen begangen werden.

Grundsatz VII.

Die Teilnahme an der Begehung eines Verbrechens gegen den Frieden, eines Kriegsverbrechens oder eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit im Sinne des Grundsatzes VI ist ein Verbrechen nach dem Völkerrecht.

Hinweis: Es gibt verschiedene deutsche Textvarianten. Die hier verwendete ist eine Übersetzung des Auswärtigen Amtes und stammt vom deutschen Übersetzungsdienst bei den Vereinten Nationen.

 

Der „Hauptkriegsverbrecherprozess“ schrieb Geschichte. Er stellte erstmals die persönliche Einzelverantwortung der Angeklagten in den Mittelpunkt, die sich nicht mehr hinter der Immunität politischer Entscheidungsträgerschaft verstecken konnten. So entwickelte er sich zu einem Synonym für den Kampf gegen die Straflosig-keit von Menschheitsverbrechen.

Bereits im Dezember 1946 hatte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den Auftrag gegeben, die in Nürnberg geschaffenen Rechtsgrundsätze zu kodifizieren. Die daraufhin von der UN-Völkerrechtskommission entwickelten „Nürnberger Prinzipien“ verliehen ihnen universelle Gültigkeit auch über die Verfolgung von NS-Verbrechen hinaus.

Die Bedeutung Nürnbergs als erstes Kapitel in der Geschichte des modernen Völkerstrafrechts ist unbestritten. Bis heute berufen sich Juristen auf der ganzen Welt auf die Protokolle von Nürnberg, was zuweilen auch daran liegen mag, dass es nach wie vor nicht allzu viele internationale Referenzverfahren gibt. Die mit dem Nürnberger Prozess aufgeworfene Frage, ob Recht Frieden schaffen kann, ist bis heute von brennender Aktualität. Die von den Vereinten Nationen geschaffenen Ad-hoc-Strafgerichtshöfe für das ehemalige Jugoslawien (1993) und Ruanda (1994) knüpfen an diesen Gedanken ebenso an wie der seit 2003 als dauerhafte und UN-unabhängige Einrichtung in Den Haag angesiedelte Internationale Strafgerichtshof (IStGH).

Vor dem Hintergrund dieses Erbes besitzt das Memorium Nürnberger Prozesse das besondere Potenzial, nicht nur Wissen über die Vergangenheit zu vermitteln, sondern eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen, auf deren Basis eine Gestaltung der Zukunft möglich ist. Denn das entscheidende Moment ist der allgemeinverbindliche Charakter über die Anklagen von Nürnberg hinaus. Das erkannte auch Willy Brandt, der 1946 für eine norwegische Zeitung aus Nürnberg berichtete: „ Die Charta der UNO enthält gewisse Rechte, die für die Menschen in allen Ländern grundlegend sind. Die Charta des IMT erlegt den Staaten gewisse Verpflichtungen auf. Das ist weit wichtiger als alle Erzählungen darüber, wie Göring und Heß vor ihre Richter traten.“8)

Im Überblick

Das Memorium Nürnberger Prozesse ist eine Einrichtung der museen der stadt nürnberg und untersteht der Leitung des Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.

Memorium Nürnberger Prozesse
Bärenschanzstraße 72
90429 Nürnberg
Tel: 0911 / 321-79372 / Fax: 0911 / 321-79373
memorium@stadt.nuernberg.de
www.memorium-nuernberg.de
Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Montag 10-18 Uhr

Das Memorium bietet Führungen für Gruppen an. Ein pädagogisches Begleitprogramm wird derzeit in Kooperation mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit erarbeitet.

 

 

Fußnoten

1 Zit. n. Steffen Radlmaier: „Der Nürnberger Lernprozess. Von Kriegsverbrechern und Starreportern“, Frankfurt a. M. 2001, S. 67.

2 Die internationale Zusammensetzung des Gerichts hatte eine Sprachenvielfalt zur Folge, die bei Anwendung des damals üblichen Konsekutiv-Dolmetschens die Länge des Verfahrens ins Unermessliche gesteigert hätte. Eine von IBM entwickelte Anlage machte es jedoch möglich, simultan in alle vier Prozesssprachen Englisch, Deutsch, Russisch und Französisch zu übersetzen, stellte aber die Dolmetscher auch vor bis dahin unbekannte Herausforderungen. Vgl. hierzu: Hartwig Kalverkämper/Larisa Schippel (Hg.): Simultandolmetschen in Erstbewährung: Der Nürnberger Prozess 1945, Stuttgart 2007.

3 Vgl. hierzu die Aussagen des für den Umbau des Gerichtsorts zuständigen amerikanischen Architekten Dan Kiley in B. Stave/M. Palmer (Hg.): Witnesses to Nuremberg, New York 1998, S. 15–36.

4 Vgl. Annette Weinke: Die Nürnberger Prozesse, München 2006, S. 38.

5 Bis 1924 tagten in Deutschland „echte“ Schwurgerichte, bei denen Geschworenen als Laien die Entscheidung der Schuldfrage oblag, während Berufsrichter über die Rechtslage und damit das Strafmaß entschieden. Erhalten hat sich die Bezeichnung „Schwurgerichtskammer“ an Landgerichten, an deren Verfahren heute Schöffen beteiligt sind.

6 Selbst nach damals geltendem Recht hätte Katzenberger nicht zum Tode verurteilt werden dürfen. Der damalige Landesgerichtsdirektor und Leitende Richter des Verfahrens, Oswald Rothaug, saß sechs Jahre später im Nürnberger „Juristenprozess“ an gleicher Stelle selbst auf der Anklagebank.

7 Der Justizpalast wurde schrittweise an die bayerische Justizverwaltung übergeben. Die ersten Räume konnten 1957 wieder genutzt werden, die vollständige Übergabe erfolgte im Dezember 1969.

8 Willy Brandt: Verbrecher und andere Deutsche. Ein Bericht aus Deutschland 1946, Bonn 2006, S. 65.

 


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