Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Ungarn: ein europäisches Land mit „einzigartiger Herkunft“

Von Elke Thiel

 

Blick von der Donau auf den Budaer Burgberg mit Matthiaskirche und Fischerbastei
Alle Fotos: Elke Thiel

Ungarn betrachtet sich als einzigartig in Europa: ein westeuropäisch geprägtes Land mit innerasiatischer Herkunft und einer „einmaligen“ Sprache.

Nationen definieren sich gerne über ihre Erfolge. Im Jahr 1896 feierte Ungarn sein eigenes Millennium, die tausendjährige Landnahme. Es war eine Zeit des Aufbruchs und der wirtschaftlichen Blüte. Im nationalen Gedächtnis haben sich aber vor allem auch die gemeinsam erlittenen „Niederlagen“ eingeprägt. Nicht vergessen sind die verlorene Schlacht von Mohács gegen die Türken (1526), die von Habsburg niedergeschlagene 1848er Revolution, der Friedensvertrag von Trianon (1920), durch den Ungarn zwei Drittel seines ehemaligen Königreiches verlor (1920), und die Niederschlagung der Revolution von 1956 durch sowjetische Panzer.

Ungarn ist stolz darauf, das erste Land gewesen zu sein, das 1989 den eisernen Vorhang öffnete, und war „Musterknabe“ bei der Integration in die EU. Der Begeisterung folgte die Enttäuschung und Reformmüdigkeit der „Nachbeitrittskrise“.

Blick über die Kettenbrücke auf Pest: Im Mittelpunkt das Parlamentsgebäude, das 1884 bis 1902 für den ungarischen Reichstag erbaut wurde, der von Pressburg hierher verlegt worden war. Im Hintergrund die Margaretheninsel

In der Europäischen Union mit derzeit 27 Mitgliedsstaaten, und möglicherweise bald noch mehr, hat jeder Mitglieds-staat seine durch die Erfahrungen der Geschichte geprägten „Besonderheiten“. Allein schon die Anzahl bringt es mit sich, dass man über die Einzelnen oft nicht allzu viel weiß – ganz abgesehen von den Sprachbarrieren. Als Gastprofessorin an der Andrássy Universität hatte ich das Privileg, fast ein Jahr – von September 2009 bis Juli 2010 – in Budapest zu sein und im Land zu reisen.  Es war für mich ein großes Erlebnis, Ungarn etwas näher kennenzulernen. 

Andrássy Gyula Deutschsprachige Universität Budapest

Das römische Acquincum: Militärbad und Ausgrabungen der Zivilstadt

So lautet der volle Titel meiner Gastuniversität, kurz AUB. Die Universität wurde 2001 von der Republik Ungarn, der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie dem Freistaat Bayern und dem Land Baden-Württemberg gegründet. Sie ist ein deutschsprachiges Pilotprojekt der europäischen Bildungs- und Forschungskooperation. Angeboten werden Masterstudiengänge in den Fachrichtungen dreier Fakultäten: Vergleichende Staats- und Rechtswissenschaften, Internationale Beziehungen und Mitteleuropäische Studien. Angeschlossen ist die sogenannte Doktorschule mit einem dreijährigen interdisziplinären Ph.D.-Programm. 2010 wurde an der AUB das Donauinstitut für interdisziplinäre Forschung gegründet.

Die AUB ist eine relativ kleine Universität mit derzeit etwa 200 Studenten aus über 20 Staaten. Anders als in den großen Massenuniversitäten ist es hier noch möglich, auf den Einzelnen einzugehen.

Die Studenten der AUB kommen nicht nur aus Ungarn und den Förderländern, sondern insbesondere auch aus den ost- und südosteuropäischen Nachbarstaaten. Damit wächst der Andrássy-Universität eine Art „Mittlerfunktion“ zu. Meine Studenten aus Kasachstan und Kirgistan erzählen, dass ihre Großeltern Wolgadeutsche waren. Deutsch haben sie erst im Germanistikstudium lernen können; sie sprechen es recht gut. 

Der Namensgeber der Universität, Gyula Graf Andrássy (1823–1890), hat in der 1848er Revolution gegen Habsburg gekämpft. Er wurde 1850 zum Tode verurteilt, ging ins Exil, wurde begnadigt und hat dann maßgeblich am Ausgleich mit Österreich von 1867 mitgewirkt. Er wurde Ministerpräsident von Ungarn und später gemeinsamer Außenminister der österreich-ungarischen Monarchie. Ihren Sitz hat die AUB am Pollak Mihály tèr im ehemaligen Palais des Grafen Festetics. Das denkmalgeschützte Gebäude gehört heute dem ungarischen Staat. 

In Buda oder in Pest?

Blick von Süden auf den Budaer Burgpalast

„Wo wirst Du wohnen?“, fragten mich Eingeweihte sofort, als sie von meinem Vorhaben hörten. Budapest entstand 1872/73 – nach dem Ausgleich mit Österreich – aus den drei bis dahin selbstständigen Städten: Buda, Pest und Óbuda (Ofen).

Óbuda, das „alte Buda“, ging aus der Römerstadt Aquincum hervor und verlor an Bedeutung, als König Bela IV. – nach dem Einfall der Mongolen (1241/42) – den höher gelegenen und damit besser zu verteidigenden Budaer Burgberg als Standort wählte.

Heute ist das Stadtbild von Plattenbauten und Schnellstraßen geprägt. Unter einer Straßenbrücke findet man die Überreste des römischen Militärbades. Weiter nördlich sind die Ausgrabungen der Zivilstadt Acquincum mit Museum zu besichtigen.

Buda, die mittelalterliche Burg, wurde in den Kämpfen gegen die Türken zerstört und dann im 18. und 19. Jahrhundert – im Stil der damaligen Zeit – wieder aufgebaut. Die deutsche Wehrmacht hatte 1944/45 in den Höhlen des Burgbergs ihr Hauptquartier und ließ beim Anmarsch der Russen die Donaubrücken sprengen. Die Burg wurde im Februar 1945 von der Roten Armee erstürmt und erlitt erneut schweren Schaden.

Bei der Wiederherstellung der Burg stieß man in den sechziger Jahren auf unerwartete Funde. Unter dem Schutt, auf dem der „neue“ Palast nach der Rückeroberung von den Türken erbaut worden war, wurden die Fragmente der alten Königsburg freigelegt.

Die von König Bela IV. errichtete „kleine Festung“ wurde von seinen königlichen Nachfolgern zu einem immer größeren, prächtigen Palast ausgebaut. Zu besichtigen sind die Reste der Árpáden-Befestigung, der gotische Palastteil der Anjou-Könige sowie die Renaissancebauten von König Matthias Corvinus. Die prunkvolle Ausstattung und Hofhaltung wurde von zeitgenössischen Chronisten hoch gerühmt. Sultan Süleyman soll so beeindruckt gewesen sein, dass er seinem Statthalter verbot, in diesem Schloss zu wohnen.

Pest entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum hauptstädtischen Zentrum des ungarischen Königreichs in der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie und wurde zum geistig-kulturellen Mittelpunkt des wiedererwachenden Magyarentums.

Die ungarischen Reformer und Modernisierer des 19. Jahrhunderts entschieden sich ganz bewusst für die alte Handelsstadt Pest und nicht für die Königsstadt Buda, die Sitz der Habsburger Herrschaft war. Das Parlament, das als ungarischer Landtag in Pressburg tagte, wurde – ab 1861 dauerhaft – nach Pest geholt. Dort wurden die großen „Nationalbauten“ errichtet, darunter die Ungarische Akademie der Wissenschaften, die Redoute als Ball- und Konzerthaus und die Stephansbasilika.

Pest erlebte einen raschen wirtschaftlichen Aufschwung: Banken, Versicherungen, Verlage und elegante Hotels siedelten sich in der Stadt an. Große Markthallen wurden gebaut, um die Bevölkerung zu versorgen. Pünktlich zum ungarischen Millennium konnte die erste U-Bahn in Betrieb genommen werden. Sie führt zum Heldenplatz, auf dem die monumentalen Standbilder der Árpáden-Fürsten und ungarischen Könige an die tausendjährige Geschichte erinnern.  

Rund um die Synagoge

Große Synagoge in Pest, 1854–1859 mit maurisch-byzantinischen Stilelementen erbaut

Ich wohne in Pest, im Bezirk Erzsebetváros (Elisabethstadt), nicht weit von der Großen Synagoge. Ihr gegenüber steht das Geburtshaus von Theodor Herzl, Begründer der zionistischen Bewegung für eine Heimstatt der Juden in Israel.

In Erzsebetváros liegt das jüdische Viertel. Am Sabbat haben die kleinen Geschäfte und das freundliche Café geschlossen. Orthodox gekleidete Väter streben mit ihren Kindern zur Synagoge. „Sie sind zugewandert“, erklärt mir ein Gemeindemitglied, „die Budapester Juden haben sich im 19. Jahrhundert assimiliert.“

Die junge Dame, die durch die Große Synagoge1) führt, erklärt: Der mächtige Kirchenraum und seine Aufteilung passen eigentlich nicht zu den Riten unserer Religion. Aber das reiche jüdische Bürgertum wollte es so prächtig und engagierte die besten Architekten.

Die Große Synagoge und andere Bauten belegen den damaligen Wohlstand und das Selbstbewusstsein des jüdischen Bürgertums.

Mit dem Emanzipationsgesetz von 1867 wurden die ungarischen Juden rechtlich gleichgestellt. Sie konnten Berufe ergreifen, die ihnen bis dahin verboten waren. Mit diesen neuen Möglichkeiten trugen sie wesentlich zur Entwicklung des modernen Ungarns bei. Sie sprachen ungarisch, nahmen ungarische Namen an und viele traten dem Christentum bei.

Unter dem Horthy-Regime (ab 1920) sah sich die jüdische Bevölkerung (wieder) diskriminiert, unter anderem beim Zugang zum Bildungswesen. Viele Intellektuelle, namhafte Wissenschaftler und Künstler wanderten in dieser Zeit aus. Wie stets betont wird, hat Miklòs Horthy die Juden vor den von Hitler verlangten Deportationen zu schützen versucht. Die „Pfeilkreuzler“, die im Oktober 1944 die Diktatur errichteten, beteiligten sich an den Deportationen und setzten in Kollaboration mit den Nationalsozialisten die Ermordung der ungarischen Juden ins Werk.

Eine Gedenkstätte im Hof der Großen Synagoge erinnert an die Opfer des Holocaust und an Raoul Wallenberg. Der schwedische Diplomat hat viele Juden vor der Deportation bewahrt. Nach der Kapitulation wurde er in die Sowjetunion verschleppt. Sein Schicksal wurde nie aufgeklärt.

Ein Blick in die Geschichte

König Stephan und Königin Gisela auf der Burgmauer der „Königinnenstadt“ Veszprém

Um die Herkunft der Magyaren ranken sich Mythen und Sagen. Nach den finno-ugrischen Ursprüngen ihrer Sprache soll ihre Urheimat der südliche Ural gewesen sein. Sie sind von dort – im Laufe vieler Jahrhunderte – nach Westen gewandert. Fürst Árpád führte die sieben Magyarenstämme, von denen die Ungarn ihre Abstammung herleiten, ins Karpatenbecken. Die „historische“ Landnahme (896) erfolgte in Ópuszta – nördlich von Szeged – mit der Verteilung des Landes an die Stammesfürsten.

Unter den Völkern, die aus dem asiatischen Raum nach Westen „eingefallen“ sind – Hunnen, Awaren und später Tartaren – sind die Magyaren das einzige Volk, das dauerhaft im  Karpatenbecken sesshaft wurde. Dies ist einer „strategischen“ Entscheidung des Staatsgründers, Großfürst Géza (972–997), zu verdanken.

Nach der Landnahme stießen magyarische Reiterscharen – in sogenannten Abenteuerzügen – weiter nach Westeuropa vor, bis sie in der Schlacht auf dem Lechfeld (955) von Otto dem Großen besiegt wurden. Um die Existenz des Magyarenreiches im Karpatenbecken zu sichern, suchte Großfürst Géza nach der Niederlage den Anschluss an die westeuropäischen „Mächte“. Er führte den römisch-katholischen Glauben ein – wohl ganz bewusst in Abgrenzung zu By-zanz – und verheiratete seinen Sohn und Nachfolger, König Stephan, mit der bayerischen Herzogstochter Gisela.

Dynastische Verbindungen durch Eheschließungen haben in der ungarischen Geschichte eine wichtige Rolle gespielt: Nachdem das Árpádengeschlecht in der männlichen Linie mit König Andreas III. (1290–1301) erloschen war, trat das Haus Anjou – durch die weibliche Linie mit den Árpáden verwandt – die Erbfolge an.2) 1387 wurde Sigismund von Luxemburg3) von den ungarischen Ständen zum König von Ungarn gewählt. Er wurde 1411 zugleich römisch-deutscher König und ab 1433 Kaiser.

Das Recht der Königswahl sicherte die Eigenständigkeit Ungarns. Durch „verzwickte“ Verwandtschaftsverhältnisse und Erbansprüche kam es jedoch zu häufigen Thronfolgestreitigkeiten.

Nach dem Tod König Sigismunds stritten die Habsburger Linie und die polnisch-litauischen Jagiellonen um die Krone. Beide konnten Erbansprüche geltend machen.4) König Wladislaw I. Jagiello wurde ungarischer König, fiel jedoch 1444 in der Türkenschlacht bei Warna. Johann Hunyadi wurde zum Reichsverweser für den unmündigen Habsburger Thronanwärter, Ladislaus Posthumus (Ladislaus V.), gewählt.

Sein Sohn, Matthias Corvinus, setzte sich als König von Ungarn (1458–1490) gegen Habsburger Thronansprüche durch. Nach ihm ging die Krone wieder an die Jagiellonen über: zunächst an Wladislaw II. (1490), dann an Ludwig II. (1516–1526), der in der Schlacht von Mohács ums Leben kam.5) Kaiser Maximilian I. hatte 1515 mit dem Haus der Jagiellonen einen Erbfolgevertrag abgeschlossen (sog. „Wiener Doppelhochzeit“). Unter Berufung auf diesen Vertrag erhob  Ferdinand I. von Habsburg6) Anspruch auf die ungarische Krone. Streitig gemacht wurde ihm die Thronfolge von Fürst Johann Zápolya von Siebenbürgen – der ebenfalls Erbansprüche anmeldete. Zápolya gewann die Gunst von Sultan Süleyman, der ihn als König von Ungarn anerkannte. Nach der Teilung Ungarns (1540) verblieb das nördliche Ungarn unter Habsburger Herrschaft, die sich nach der Türkenbefreiung auf ganz Ungarn erstreckte.

Vielfalt der Nationen

Das Königreich Ungarn war ein Zuwanderungsland. Ungarische Könige unterstützten die Einwanderung von Siedlern, um es gegen eine ständige Bedrohung aus dem Osten zu verteidigen, das Land zu entwickeln und nach den Verwüstungen durch die Mongolen wieder aufzubauen.

Serbenkirche in Ráckeve aus dem 15. Jahrhundert

Die Siedler – Handwerker und Händler – kamen aus den verschiedenen Teilen Europas, viele aus dem deutschsprachigen und bayerischen Raum. Auch asiatische Reitervölker wurden in der ungarischen Tiefebene sesshaft. Im 18. Jahrhundert holten die Habsburger Siedler herbei, um das unter der Herrschaft der Osmanen verödete Land zu kultivieren. Oftmals wurden ganze Bevölkerungsgruppen angeworben, wie die Siebenbürger Sachsen im 12. Jahrhundert und die Schwaben unter Maria Theresia.7) Nach der verlorenen Schlacht gegen die Türken auf dem Amselfeld (1389) bot der ungarische König den Serben Zuflucht.

Das ungarische Königreich reichte im Süden bis zur Adria – mit der Hafenstadt  Fiume (Rijeka) – im Norden bis in die heutige Slowakei, im Osten bis an den Karpatenrand (Siebenbürgen) und im Westen bis ins Burgenland. Hier lebten Ungarn und benachbarte Völker gemeinsam unter der Stephanskrone.8)

Identität der Magyaren

Árpád-Denkmal im Nationalpark Ópusztaszer – ein beliebtes Ausflugsziel

Ich frage ungarische Freunde: Ihre Vorfahren waren – soweit sie das feststellen können – teils deutscher, teils polnischer, serbischer  und anderer Abstammung. Irgendwann haben diese „Ahnen“ beschlossen, Ungarn zu sein. Sie haben ihre Namen dem Magyarischen angepasst, sie wollten dazu gehören, was sicher auch gesellschaftliche Vorteile versprach.

Der ungarische Schriftsteller Sándor Márai erzählt die Geschichte seiner Familie: Sie waren Zipser aus dem nordungarischen Kaschau, Bergwerksbesitzer und in Wien hochgeachtet. Im ungarischen „Freiheitskampf“ hielt es die Familie mit den „Aufständischen“ und sie wurden aus „Überzeugung“ ungarische Patrioten.9)

Was alle Ungarn verbindet, ist die Erinnerung an die Landnahme, die Abstammung von den Árpáden, die – nach meiner Beobachtung – gerade auch für junge Ungarn Anziehungskraft hat, sowie die Einmaligkeit der magyarischen Sprache. 

Die Assimilation mit dem Ungarntum war allerdings nicht nur freiwillig. Die Magyarisierungspolitik des 19. Jahrhundert hat kräftig nachzuhelfen versucht und damit letztlich die Konflikte zwischen den „Nationen“ verstärkt.

Die verlorene Schlacht von Mohács

Mohács – Gedenktafeln erinnern an die Gefallenen.

Die Stadt Mohács – im Süden Ungarns an der Donau nahe der serbischen Grenze – hat für Ungarn eine ähnliche Bedeutung wie für die Serben das Amselfeld. Der Name steht für Tapferkeit gegenüber der türkischen Übermacht, Vaterlandstreue und für eine fast 150 Jahre währende türkische Besatzung.

Am 29. August 1526 wurde das ungarische Heer vernichtend geschlagen. Gefangene wurden enthauptet, der Ort niedergebrannt. Der junge ungarische König Ludwig II. ertrank auf der Flucht in den umliegenden Sumpfgebieten.

Ungarischen Königen und Feldherrn war es im 15. Jahrhundert gelungen, die Türkenheere aufzuhalten oder auch zurückzuschlagen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war das Königreich durch Adelsfehden, den Bauernaufstand von 1514 und Thronfolgestreitigkeiten in sich zerrissen. Auch Verrat „soll“ im Spiel gewesen sein: Fürst Johann Zápolya von Siebenbürgen zögerte zu lange, seine Truppen in die Schlacht zu führen. Insgeheim paktierte er mit Sultan Süleyman, dem Prächtigen, um dessen Unterstützung für seinen Anspruch auf die ungarische Krone zu erlangen.10)

Die Türken zogen zunächst wieder ab, kehrten dann 1540 zurück und eroberten Budapest. Fast 150 Jahre war das Königreich dreigeteilt: Ein Streifen im Nordwesten mit der Hauptstadt Pressburg (Bratislava) blieb bei Habsburg. Das Kernland zwischen Raab und Theiß wurde osmanische Provinz. Siebenbürgen konnte sich als „unabhängiges“ Fürstentum behaupten. Es war der Hohen Pforte tributpflichtig, die sich jedoch nicht in die inneren Angelegenheiten einmischte.

Die Befreiung von den Türken begann 1683 mit der türkischen Niederlage vor Wien: 1686 wurde Buda zurückerobert; 1687 schlug Herzog Karl vom Lothringen – wiederum in Mohács – das türkische Heer; 1697 besiegte dann Prinz Eugen die Türken entscheidend in der Schlacht von Zenta. Nach der Befreiung von Buda durch kaiserliche Truppen „verzichtete“ der ungarische Reichstag auf das Recht der eigenen Königswahl. Ungarn verlor damit seine frühere Sonderstellung in der Habsburger Monarchie.11)

Das Fürstentum Siebenbürgen

Aus Deutschland kommend erreicht man Ungarn von Westen, so wie ich auch. Aber eigentlich habe ich mich Ungarn vom Osten genähert, nämlich von Klausenburg (Siebenbürgen), wo ich 2007/2008 als Gastprofessorin an der Babes-Bolyai-Universität tätig war.12) Die Beschäftigung mit Siebenbürgen hat meinen Blick auf Ungarn „erweitert“.



In Pécs erinnert die Innerstädtische Pfarrkirche noch an die Osmanen. Die 1585 aus Steinen einer romanischen Kirche erbaute Moschee ist heute ein christliches Gotteshaus. In Eger ist nur das Minarett der Moschee erhalten geblieben.

Siebenbürgen war für Ungarn eine Art „Alternative“ zur Habsburger Herrschaft: König Matthias Corvinus (1458–1490) wurde in Klausenburg geboren. Mit ihm übernahm – seit dem Tode des letzten Árpádenkönigs (1301) – erstmals wieder ein Ungar13) die Königskrone. Sie fiel nach seinem Tod zunächst an die Jagiellonen und dann an die Habsburger zurück.

Im 16. Jahrhundert breitete sich die Reformation in Siebenbürgen rasch aus. Die Ungarn folgten zumeist der Lehre Calvins, während die Siebenbürger Sachsen sich zum Luthertum bekannten. Die von Habsburg betriebene Gegenreformation konnte in Siebenbürgen weit weniger Fuß fassen als in den übrigen Teilen des Landes.

In Siebenbürgen formierte sich der Widerstand gegen das absolutistische und gegenreformatorisch wirkende Habsburg-Regime.

Siebenbürger Fürsten versuchten – mit Unterstützung der Osmanen und unter ihrer Oberherrschaft –, Ungarn durch einen „nationalen“ Herrscher zu vereinigen. Istvan (Stephan) Bocskai, Calvinist und Großgrundbesitzer, führte 1604 – mit Hilfe der Haiduken14) – den Aufstand gegen Habsburg an und erreichte für Siebenbürgen die Anerkennung der Religionsfreiheit. Als er 1605 von den Ständen zum Fürsten von Siebenbürgen gewählt wurde, schickte ihm der Sultan eine Königskrone.

Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges unterstützte der protestantische Siebenbürger Fürst, Gabór Bethlen (1580–1629), mit seinen Feldzügen den Kampf der böhmisch-mährischen Stände gegen das katholische Habsburg. Anfang des 18. Jahrhunderts (1703–1711) führte Fürst Ference Rákóczi II. den letzten Kuruzzenkrieg15) gegen Habsburg. Wenn Straßennamen etwas bedeuten – in Budapest trägt eine der großen Hauptstraßen seinen Namen.

Bis in die Neuzeit gab es in Siebenbürgen drei privilegierte „Stände“: den ungarischen Adel, die Sachsen und die Szekler. Die Szekler werden häufig der ungarischen Minderheit im heutigen Rumänien zugerechnet. Sie betonen aber selbst ihre „Andersartigkeit“. Ihre Sprache ist Ungarisch. Sie sollen etwa zur gleichen Zeit wie die Magyaren ins Karpatenbecken gekommen sein, siedelten in der Gegend nördlich von Kronstadt (Bras¸ov) und wurden von den ungarischen Königen mit der Verteidigung des Landes betraut. Dafür erhielten sie als „Nation“ eigene Privilegien.

Im ungarischen Königreich zählte nur der Adel: Die ungarischen Landarbeiter, die nicht-sächsischen Zuwanderer aus dem deutschen Raum sowie die in Siebenbürgen lebenden Rumänen hatten so gut wie keine Rechte. Seit Ende des 18. Jahrhunderts kämpften die Rumänen – vergeblich – um Gleichberechtigung. Viele Freiheitskämp-fer wurden hingerichtet.

Es gibt einen Historikerstreit darüber, ob die Rumänen als Nachfolger der Dako-Romanen gewissermaßen die „Urbewohner“ Siebenbürgens sind oder ob sie sich zu Beginn der Völkerwanderung mit den Römern über die Donau nach Süden zurückgezogen haben. Seit es Volkszählungen gibt, liegt der Anteil der rumänischen Bevölkerung in Siebenbürgen bei gut 50 Prozent. Wie viele schon vor den Magyaren dort waren und wie viele erst später in das ungarische Königreich eingewandert sind, lässt sich nicht feststellen.

Nach dem für Österreich-Ungarn verlorenen Ersten Weltkrieg erklärte die rumänische Nationalversammlung – am 1. Dezember 1918 – den Anschluss an das Königreich Rumänien, das 1859 durch den Zusammenschluss der Fürstentümer Moldau und Walachei entstanden war. Am 8. Januar 1919 verkündete die sächsische Nationalversammlung den Anschluss des sächsischen Volkes an den rumänischen Staat.

Der Verlust Siebenbürgens im Frieden von Trianon wird in Ungarn besonders „schmerzlich“ empfunden und belastet – nach meiner Beobachtung – auch heute noch die Beziehungen der beiden Nachbarstaaten.

Zu den Prioritäten der ungarischen EU-Präsidentschaft – im ersten Halbjahr 2011 – gehört die Entwicklung des Donauraums durch eine grenzüberschreitende regionale Kooperation (sog. „Donaustrategie“). Die ungarisch-rumänischen Grenzregionen bieten sich für die Kooperation geradezu an. Gegensätze durch eine für beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit zu überwinden, ist die Grundidee europäischer Integration.

Die 1848er Revolution

Ungarische Akademie der Wissenschaften: Der Neorenaissancebau von 1864 wurde von Friedrich August Stüler errichtet.

Das 19. Jahrhundert war – nicht nur in Ungarn – eine Zeit der nationalen „Wiederbesinnung“. Sie ist in Ungarn vor allem auch mit zwei Namen verbunden: István (Stephan) Graf Széchenyi und Lajos (Ludwig) Kossuth.

Graf Széchenyi (1791–1860) war der große Reformer, „der Mann, der das (moderne) Ungarn schuf“.16) Er stammte aus dem reichen westungarischen Hochadel, mit engen Beziehungen zu Wien. Als junger Mann hatte er auf der Seite Habsburgs gegen Napoleon gekämpft. Er war weit gereist, hatte in London den Aufstieg Englands zu einem „modernen“ Industriestaat beobachten können und empfand umso mehr die Rückständigkeit seines eigenen Landes.

Große Projekte verbinden sich mit seinem Namen: die Gründung der Akademie der Wissenschaften zur Förderung der ungarischen Sprache, der Bau der Kettenbrücke als erste feste Verbindung zwischen Buda und Pest, die Dampfschifffahrt auf der Donau und auf dem Plattensee, die Regulierung von Donau und Theiß, die Schiffswerft in Óbuda sowie in Pest der Bau der ersten ungarischen Dampfmühle.

István Graf Széchenyi wollte einem modernen Ungarn im Habsburger Reich Eigenständigkeit verschaffen. Er suchte die Zusammenarbeit mit Wien, da er befürchtete, dass sich Ungarn – auf sich gestellt – im aufkommenden Slawentum schwer würde behaupten können. Er warnte daher vor den revolutionären Ideen Lajos Kossuths, der die Unabhängigkeit von Habsburg anstrebte.

Der etwas jüngere Lajos Kossuth (1802–1894) kam aus einer kleinadeligen Familie im Komitat Zemplén, im Nordosten Ungarns. In ganz Ungarn bekannt wurde er durch seine „Landtagberichte“17) und Berichte aus den Komitaten (Grafschaften). Später schrieb er regierungskritische Leitartikel für den Pesti Hírlap, das Pester Nachrichtenblatt. Mit seinem radikalen Auftreten provozierte Kossuth das Misstrauen der Regierung in Wien, die Széchenyi gerade für seine Reformen zu gewinnen suchte.

Während die ungarische Märzjugend (gewaltfrei) demonstrierte, begab sich eine Delegation des ungarischen Landtags – zu der auch Széchenyi und Kossuth gehörten – am 15. März 1848 nach Wien, wo die Revolution bereits zwei Tage früher ausgebrochen war. Sie wollte die Zustimmung zu den „Märzgesetzen“ einholen, die der Landtag in Pressburg – unter dem Eindruck der Revolution – verabschiedet hatte.

Eine der Forderungen war die Wahl einer ungarischen Regierung, die mit weitgehenden Zuständigkeiten ausgestattet sein sollte, vergleichbar der späteren k.-u.-k.-Monarchie.

Große Kirche der Reformierten in Debrecen: Hier rief Lajos Kossuth die Unabhängigkeit Ungarns von Habsburg aus.

Unter dem Druck der Ereignisse gab Wien nach. Die ungarische Regierung, geleitet von Ministerpräsident Lajos Graf Batthyány, wurde im April 1848 in Pressburg vereidigt und verlegte ihren Sitz anschließend sofort nach Pest.18) Die „neuen“ Kompetenzen waren jedoch nicht genau definiert und wurden von Habsburg bald wieder in Frage gestellt.19)

Zu wenig beachtet hatte die politische Führung Ungarns das Freiheitsstreben der anderen im Königreich lebenden Nationen. Die Märzgesetze galten zum großen Teil nur für die Magyaren. Während die im April 1848 erlassene österreichische Verfassung allen „Völkern“ die Unverletzlichkeit ihrer Nationalität und Sprache zugesichert hatte, gab es Vergleichbares in Ungarn nicht.20) Zu den Zugeständnissen, die Ungarn den Habsburgern abgerungen hatte, gehörte insbesondere auch die Einführung des Ungarischen als Amtssprache, was die anderen Nationen diskriminierte.

Es kam zu Aufständen und zu kriegerischen Auseinandersetzungen im Königreich und bald zum Krieg mit Österreich. Im Januar 1849 besetzten österreichische Truppen mit Unterstützung kroatischer Einheiten Buda und Pest.

Der ungarische Reichstag und die Regierung flohen nach Debrecen (Ostungarn). Dort verkündete Lajos Kossuth – er hatte im September 1848 das Amt des Ministerpräsidenten übernommen – am 14. April 1849 die Unabhängigkeit von Habsburg.

Im Sommer 1849 wurde die ungarische Revolution von kaiserlichen, kroatischen und russischen Truppen niedergeschlagen. Zar Nikolaus, der ein Übergreifen der Revolution auf Polen befürchtete, hatte Verstärkung geschickt. Die ungarische Armee erlag dieser Übermacht. Viele Freiheitskämpfer wurden hingerichtet, darunter auch der erste ungarische Ministerpräsident, Lajos Graf Batthyány. Für ihn brennt am Budapester Szabadság tér (Freiheitsplatz) ein ewiges Licht.

Die ungarische „Blütezeit“

Der Niederwerfung der Revolution folgte zunächst ein absolutistisches, kaiserliches Regime. Dies änderte sich, als das Habsburgerreich von außen in Bedrängnis kam: Die Schlacht von Solferino (1859), durch die die Lombardei und Venetien an Italien „verloren“ gingen, und 1866 die Niederlage gegen die Preußen bei Königgrätz. Um das Reich zusammenzuhalten, zeigte sich Wien zu Zugeständnissen bereit.

Nach zähen Verhandlungen gelang 1867 der Ausgleich mit Österreich. In der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie erhielt das Königreich Ungarn eine eigene Verfassung, Gesetzgebung und Verwaltung. Über die auswärtige Politik, die Verteidigung und die dafür notwendigen Finanzen wurde „gemeinsam“ entschieden. Es gab eine gemeinsame Währung und ein gemeinsames Zollgebiet. Der österreichische Kaiser war zugleich König von Ungarn. Am 8. Juni 1867 wurden Kaiser Franz Josef und Kaiserin Elisabeth in der Matthias-Kirche in Buda als König und Königin von Ungarn gekrönt.

Mit dem Ausgleich begann für Ungarn eine Blütezeit. Das demonstrieren nicht nur die großen Boulevards, Plätze und Bauten des „ungarischen Millenniums“ in Pest und anderen Städten – mit oft einzigartigen, phantastischen Stilelementen.

Große Namen der Wissenschaft, der Kunst, der Musik verbinden sich mit dem Ungarn des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Nicht zuletzt das emanzipierte, jüdische Bürgertum trug dazu bei.

Kati Marton geht dem Lebensweg von neun ungarischen Juden nach, die das Land in den zwanziger Jahren verlassen haben, weil sie angesichts der Diskriminierungen im Horthy-Regime keine Chancen sahen, ihre Talente weiter zu entwickeln. Zu ihnen gehören der Wegbereiter der Spieltheorie, John von Neumann, die Atomphysiker Leó Szilárd, Edward Teller und Eugene Wigner, der Schriftsteller Arthur Koestler, die Pioniere der Fotographie, André Kertész und Robert Capa, sowie die Produzenten so bekannter Filme wie „Casablanca“ (Michael Curtiz) und „Der dritte Mann“ (Alexander Korda).21)

Das „Trauma“ von Trianon

Trianon-Gedenktafel, aufgenommen in Hajdúböszörmény, nordwestlich von Debrecen

Die ungarische Blütezeit ging mit dem ersten Weltkrieg jäh zu Ende. Die k.-u.-k.-Monarchie löste sich auf. Ungarn musste im Frieden von Trianon (Juni 1920) zwei Drittel des Landes an die Nachbarstaaten abgeben: Oberungarn an die damalige Tschechoslowakei, Siebenbürgen und einen Teil des Banats an Rumänien, das Gebiet südlich der Donau an Jugoslawien und das Burgenland an Österreich. In diesen Gebieten war die Bevölkerung der Staaten, denen sie nunmehr zugesprochen wurden, in der Mehrheit.

Trianon kehrte die Situation um: Im ungarischen Königreich lebten viele Völker unter ungarischer Herrschaft. Heute leben größere ungarische Minderheiten in den Nachbarstaaten, unweit der Grenzen zu Ungarn.22) Sie leben in eigenen Gemeinden, pflegen ihr „Magyarentum“ und orientieren sich in wichtigen Lebensfragen nach Ungarn.

Für Ungarn ist Trianon – auch nach 90 Jahren – ein „Trauma“ geblieben, ein Unrecht, das ihrem Volk angetan worden sei. Tafeln, die Ungarn in den Grenzen des ehemaligen Königreiches zeigen, erinnern daran.

Trianon-Gedenktafeln sieht man überall im Land. Ungarische Freunde versichern mir: „Damit  wollen wir einfach nur unsere Solidarität mit den ungarischen Minderheiten zum Ausdruck bringen.“ Man kann sich allerdings vorstellen, dass ungarische Nachbarn dies anders verstehen. Die rechtsradikale Jobbik fordert ganz offen eine Revision der Grenzen und will damit Wähler gewinnen.  In der ungarischen Verfassung steht: „Die Ungarische Republik fü¨hlt sich verpflichtet fü¨r das Schicksal der außerhalb der Grenze lebenden Ungarn und fördert die Pflege der Verbindungen mit Ungarn.“

Das von der Fidesz-Regierung erlassene neue Staatsbürgerschaftsgesetz23) polarisiert die Beziehungen mit den Nachbarstaaten, insbesondere das durch den Sprachenstreit ohnehin gespannte Verhältnis zur Slowakei. In Ungarn ist das neue Gesetz populär und hat auch bei der sozialistischen Opposition Zustimmung gefunden. Unter EU-Mitgliedern ist das Staatsbürgergesetz eigentlich nicht mehr „zeitgemäß“. Alle Bürger der Europäischen Union haben eine Unionsbürgerschaft; sie genießen die damit verbundene Freizügigkeit und haben Minderheitenrechte.

Sprache und Minderheiten

Ungarisches Rathaus von 1875 auf der slowakischen Donauseite von Komárom/Komárno

Als das ungarische Königreich durch den Ausgleich mit Österreich seine Eigenständigkeit erhielt, blieb die Nationalitätenfrage „ungelöst“. In großen Teilen des Landes waren die Ungarn in der Minderheit. Es begann eine Magyarisierungspolitik, die insbesondere auch über die Sprache durchgesetzt wurde.

Im ungarischen Vielvölkerstaat war die Amtssprache lange Zeit Latein, was für eine gewisse Gleichberechtigung sorgte. Nun wurde Ungarisch zur „Pflichtsprache“.

Im ehemaligen Komitat Sathmar, das heute teils zu Ungarn und teils zu Rumänien gehört, habe ich – auf beiden Seiten der Grenze – schwäbische Gemeinden besucht. Es gibt wieder deutsche Schulen, aber die Schüler müssen die „Muttersprache“ neu lernen. Zuhause, mit den Eltern und Großeltern, sprechen sie ungarisch. Das Erstaunliche ist: Wenn ich nachfrage, wieso die Schwaben ihre Sprache verlernt haben, kann mir das in Ungarn niemand so richtig erklären – man spricht nicht darüber.

Deutsches Theater in Szegzárd, nordöstlich von Pécs

Ungarn hat heute ein Minderheitenrecht, das als vorbildlich gilt. Es gibt 13 anerkannte Minderheiten; sie haben Selbstverwaltungen und Mitspracherechte in Fragen der Bildung und Kultur. Die größte nationale Minderheit (62.000) sind die Ungarndeutschen.24)

Deutsche Selbstverwaltung in Györ (Raab)

Auf meinen Reisen durch Ungarn treffe ich immer wieder auf deutsche Gemeinden. Auf Grabsteinen und Denkmalen für die Gefallenen der beiden Weltkriege finde ich deutsche Namen, oft auch in ungarischer Schreibweise. Nach 1945 wurden viele Deutsche, wie auch viele Ungarn, deportiert. In ihre Wohnungen und Häuser zogen Ungarn ein, die aus den Nachbarländern vertrieben worden waren.

In der Deutschen Botschaft werde ich zu einem „Mittlertreffen“ eingeladen. Ich bin erstaunt, wie viele deutsche Lehrer es gibt, die an ungarischen Schulen – mit deutschen Unterrichtszweigen – unterrichten, oftmals weit entfernt auf dem flachen Land. Einige bezeichnen sich als „Wiederholungstäter“; sie waren schon mehrmals da. Landesweit nehmen 42 ungarische Schulen an der Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ (PASCH) teil.25) Ich lerne junge Menschen kennen, die ihr „soziales Jahr“ in einer deutsch-ungarischen Einrichtung verbringen. Das Interesse scheint beiderseits groß zu sein.

Faschismus und Kommunismus

Die Terrorregime des 20. Jahrhunderts – Faschismus und Kommunismus – Ungarn hat beide erlebt. Nach einigen Monaten der kommunistischen Räterepublik unter Bèla Kun folgte ab 1920 das autoritäre, nationa-listische Regime unter Miklòs Horthy.

Die ungarische Regierung hatte gerade den Friedensvertrag von Trianon unterzeichnen müssen, und Ungarn „hoffte“ auf die Gelegenheit, die Gebietsverluste rückgängig machen zu können. Mit dieser Erwartung verbündete sich Horthy mit Hitler. Durch die von Hitler und Mussolini verfügten Wiener Schiedssprüche erhielt Ungarn 1938 das Gebiet der südlichen Slowakei zurück; 1940 musste Rumänien große Teile Siebenbürgens – mit dem Szeklerland – wieder an Ungarn abgeben. Nach dem Einmarsch der ungarischen Armee soll es zu schweren Übergriffen der dort lebenden ungarischen Bevölkerung auf die Rumänen gekommen sein.

Als sich die Rote Armee näherte, zogen im März 1944 deutsche Truppen in Ungarn ein. Ihre Anwesenheit sollte verhindern, dass Ungarn die „Seite wechselte“.

Horthy, der mit den Alliierten einen Separatfrieden schließen wollte, wurde am 15. Oktober gestürzt. Die Regierungsführung übernahm die faschistische Pfeilkreuzler-Partei. Die russischen Truppen erreichten Ungarn im Oktober 1944, eroberten Budapest im Februar 1945 und hielten Anfang April das ganze Land besetzt.

Im schon „befreiten“ Debrecen – dort, wo Lajos Kossuth 1849 die Unabhängigkeit von Habsburg erklärt hatte – wurde am 22. Dezember 1944 ein demokratisches Übergangsparlament gewählt. Im November 1945 fanden in ganz Ungarn Parlamentswahlen statt. Wahlsieger waren die konservativ-bürgerlichen Parteien.

Unter dem Schutz der Roten Armee, die im Lande blieb, gelang es den Kommunisten unter Mátyás Rákosi, die junge Demokratie zu unterlaufen. Am 20. August 1949 wurde die Volksrepublik Ungarn ausgerufen.

Volksaufstand 1956

Volksaufstand 1956: Gedenkstätte in Kecskemét

Der 23. Oktober ist Nationalfeiertag. An diesem Tag – im Jahr 1956 – zogen Budapester Studenten in einer friedlichen Großdemonstration vor das Rundfunkgebäude, um über das Radio die Forderung nach demokratischen Veränderungen zu verbreiten: Abzug fremder Truppen, Austritt aus dem Warschauer Pakt, Neutralität, freie Wahlen und Wiedereinsetzung des liberalen Ministerpräsidenten Imre Nagy.

Die Regierung ließ auf die Demonstranten schießen. Am Ort des Geschehens erinnert eine Gedenktafel – mit Blumen und Kränzen – an die Opfer. Die ungarische Armee hatte sich auf die Seite der Revolution gestellt. Der Aufstand wurde von sowjetischen Panzern niedergeschlagen. Die vom Westen erhoffte Unterstützung blieb aus. Imre Nagy und viele andere wurden hingerichtet. Über 200.000 Ungarn verließen 1956–57 das Land. Sie fanden in Westeuropa und Nordamerika Aufnahme. Viele der damaligen Emigranten bzw. deren Nachkommen kehren heute nach Ungarn zurück.

Der ungarische Volksaufstand wurde 1989 als „Revolution“ anerkannt.26) Die Rehabilitierung der Freiheitskämpfer von 1956 und die feierliche Neubestattung von Nagy und vier seiner Mitstreiter im Juni wurden „in Ungarn als ein Wendepunkt empfunden, als ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass die Tage des Einparteienstaates gezählt waren“.27)

Mehr als 30 Jahre lang – von 1956 bis 1988 – herrschte in Ungarn das Kádár-Regime. János Kádár schien zunächst der „Gefolgsmann Moskaus“ zu sein, schlug dann jedoch – ab 1968 – einen (wirtschaftlichen) Liberalisierungskurs ein, der im damaligen Ostblock einmalig war.

Der sogenannte „Gulaschkommunismus“ verbesserte die Versorgungslage und gewährte der Bevölkerung persönliche Freiheiten. Dafür „akzeptierte“ sie den kommunistischen Führungsanspruch und die Parteilinie.

Durch die Reformen des Kádár-Regimes war Ungarn nach der Wende in einer günstigen Startposition: Es bestanden bereits gute Verbindungen zum Westen. Die Transformation und die Integration in das EU-System kamen rasch voran; Ungarn galt als „Musterknabe“. Der Rückzug in die „privaten Nischen“ des Gulaschkommunismus hat – nach Meinung von Beobachtern – aber auch dazu beigetragen, dass viele Ungarn das Interesse an der Politik verloren haben.

Der „Riss in der Mauer“

Beim „Paneuropäischen Picknick“ – in der Nähe von Sopron – wurde am 19. August 1989 die österreich-ungarische Grenze für einige Stunden geöffnet. Die Bilder gingen um die Welt: Annähernd 700 Bürger der damaligen DDR, die in Ungarn auf eine Ausreisegelegenheit gewartet hatten, nahmen den Weg über Österreich in die Bundesrepublik.28) In vielen Reden wird – mit großer Dankbarkeit – an dieses Ereignis erinnert. Es ist – gerade auch aus ungarischer Sicht – ein „Symbol“ für die Freundschaft, die beide Länder verbindet.

In seinem Buch „Der erste Riss in der Mauer“ geht Andreas Oplatka den Entscheidungen nach, die zum ungarischen „Mauerfall“ führten.29)

Die Grenzanlagen waren total veraltet. Der Oberbefehlshaber der Grenzwache – Janós Székely, seit 1986 in diesem Amt – legte Mitte 1987 dem zuständigen Innenministerium einen Bericht30) vor: Er empfahl, das Signalsystem nicht zu erneuern, sondern durch eine „moderne Grenzordnung“ abzulösen.

Der Bericht führte aus: Das Signalsystem sei unhaltbar geworden. Ständige Fehlalarme machten die Grenzkontrolle zeitraubend und unwirksam. „Diese Art der Grenzbewachung sei auch moralisch und technisch überholt.“31) Wenn man sie beibehalten wollte, mussten die Sperranlagen modernisiert werden – mit hohen Kosten, die Ungarn nicht aufbringen konnte und wollte. Ungarische Staatsbürger bekamen ab dem 1. Januar 1988 einen „Westpass“, der überall galt. Die Sperranlagen dienten also praktisch nur noch dazu, ein Schlupfloch für Flüchtlinge aus der DDR sowie aus Rumänien zu schließen.

Im Innenministerium – ab Dezember 1987 unter der Leitung von István Horvát – setzte sich relativ schnell die Auffassung durch, dass die Aufrechterhaltung der Sperranlagen nicht im Interesse Ungarns sei. Die Entscheidung musste von der Staatsspitze getroffen werden, von Parteisekretär Károly Grósz, der János Kádár im März 1988 abgelöst hatte, und von Miklós Németh, seit November 1988 ungarischer Ministerpräsident.

Während Grósz noch vom alten Kádár-Regime geprägt war, gehörte Németh zu den Reformern der Nachfolgegeneration und machte den Abbau der Grenzsperren zu seiner Sache. Im Mai 1989 ernannte er Gyula Horn zum Außenminister – bis dahin Staatssekretär – mit guten Kontakten nach Bonn, für Ungarn ein wichtiger Partner.

Ungewiss war vor allem, wie die Verbündeten, und insbesondere die Sowjetunion, reagieren würden. Ministerpräsident Németh informierte bei einem Arbeitsbesuch im März 1989 in Moskau Generalsekretär Gorbatschow über die ungarischen Absichten. Gorbatschow zeigte sich überrascht, wendete sich aber nicht dagegen – was als „Zustimmung“ gewertet wurde.32)

Nachdem die Angelegenheit durch den Grenzschutzbericht ins Rollen gekommen war, entwickelte sie eine Eigendynamik. Die volle Tragweite war den Beteiligten – in Ungarn und auch in den sozialistischen Bündnisstaaten – anfänglich gar nicht bewusst.

Mit dem großen Ansturm der DDR-Flüchtlinge beim Grenzpicknick hatte zunächst niemand gerechnet. Selbst die Regierung in Ostberlin, die den Reformkurs der Ungarn mit Misstrauen sah, erkannte die unmittelbare Bedrohung des eigenen Regimes erst, als die Demontage der Sperranlagen bereits begonnen hatte.33)

Der ungarische „Mauerfall“ erfolgte in Etappen. Im April 1989 gab es einen „Probeabbruch“. Am 2. Mai begannen die Abrissarbeiten an den Grenzsicherungsanlagen. Das Grenzpicknick im August – eine Initiative der Zivilgesellschaft – war für die ungarische politische Führung auch ein Test dafür, wie Gorbatschow darauf reagieren würde. Der Grenzübergang wurde dann zunächst wieder für Ausreisende aus dem „Ostblock“ geschlossen, um insbesondere mit Bonn zu klären, wie mit dem zu erwartenden Flüchtlingsstrom umzugehen sei.

Endgültig geöffnet wurde die Grenze am 11. September 1989 um null Uhr. Bürger aus den „Ostblockstaaten“ wurden nicht mehr zurückgewiesen. Wer wollte, konnte in den Westen reisen. Nach Angaben der Staatssicherheitsbehörde in Ostberlin sollen bis zum 5. November – d. h. bis unmittelbar vor der Öffnung der Berliner Mauer – 50.000 DDR-Bürger über Ungarn in die Bundesrepublik gelangt sein.

In Ungarn stand die „Wende“ nun unmittelbar bevor: Am 23. Oktober 1989 – der ungarische Volksaufstand jährte sich zum 33. Mal – wurde die demokratische und parlamentarische Republik Ungarn ausgerufen. Am 25. März 1990 fanden freie Wahlen statt.

Die „Nachbeitrittskrise“

Im Januar 2011 lud Victor Órban zu einer informellen EU-Ministerratssitzung auf Schloss Gödöllo˝ő ein – der bevorzugten Sommerresidenz von Königin Elisabeth.

Ungarn gehörte zu den vier Visegrád-Staaten,34) mit denen die EU bereits im Dezember 1990 Assoziierungsverhandlungen aufnahm. Zwischen den Parteien und in der Bevölkerung bestand eine breite Übereinstimmung, die Mitgliedschaft Ungarns in der Europäischen Union anzustreben. Am 31. März 1994 reichte Ungarn als erstes Land des ehemaligen Ostblocks den Beitrittsantrag ein.

Um EU-Mitglied zu werden, müssen die Beitrittskandidaten35) die Kopenhagener Kriterien erfüllen: (1) Eine institutionell abgesicherte demokratische und rechtsstaatliche Ordnung. (2) Eine funktionsfähige Marktwirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Binnenmarkt. (3) Die Fähigkeit, die Rechte und Pflichten der Mitgliedschaft zu übernehmen und die Rechtsvorschriften der EU voll anzuwenden. Die Übernahme der Rechtsvorschriften beinhaltet die Ausrichtung der Systemreformen am System der EU und wird durch begleitende Partnerschaften und Evaluierungen seitens der EU unterstützt, die dadurch zu einer Art „Anker“ für die Reformen werden kann.

Der bevorstehende EU-Beitritt war für Ungarn ein „Reformantrieb“ und – da alle den Beitritt anstrebten – auch ein „Konsensbilder“. Nachdem Ungarn im Mai 2004 EU-Mitglied geworden war, verlor beides seine Wirkung.

Wie Jürgen Dieringer, Kollege an der Andrássy Universität, konstatiert: „Den Akteuren des Systemwechsels gelang es zunächst gut, auf der Basis eines gewissen Grundkonsenses [...] die neue Demokratie  zu institutionalisieren.“ Und weiter: „Die Reform war auf einen gesellschaftlichen Grundkonsens ausgelegt, der heute nicht mehr besteht.“36)

Die Bevölkerung ist enttäuscht: Sie hatte erwartet, dass mit dem Beitritt alles besser werden würde, eine Erwartung, die die Europäische Union gar nicht erfüllen kann. In den Jahren der Transformation wurden notwendige Strukturreformen vernachlässigt.

Ungarn steht heute vor ähnlichen Problemen, wie viele der „alten“ EU-Staaten. Die staatlichen Sozialsysteme sind auf Dauer nicht finanzierbar, das Rentensystem überlastet: Wer nach der Wende keinen Arbeitsplatz mehr fand, hat sich in den Ruhestand versetzen lassen.

Die schon reformmüde Bevölkerung sieht neue „Belastungen“ auf sich zukommen. Das monatliche Durchschnittseinkommen liegt bei 250 bis 300 Euro, was heißt, dass viele Menschen mit weniger Geld auskommen müssen. Die administrierten Preise – Gas, Strom, Wasser etc. – sind vergleichsweise hoch mit steigender Tendenz.

Das Parteiensystem ist stark polarisiert. Zwischen der von Victor Órban geführten Fidesz, die bei den Wahlen im April 2010 eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament gewann, und den Sozialisten (MSZP) – die die Regierung verloren haben – gibt es keine Verständigungs-basis. Das bedeutet unter anderem, dass in Ministerien und Ämtern die Positionen – teilweise bis in die mittlere Ebene – ausgetauscht werden.

Mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit kann Fidesz die Verfassung ändern. Einige Beobachter weisen darauf hin, dass dies eine Reformchance sein könnte. Allerdings muss man auch feststellen, dass viele der inzwischen rasch durchgezogenen Gesetze in erster Linie die Position der Fidesz stärken sollen. Als das ungarische Verfassungsgericht im Oktober 2010 ein Fidesz-Gesetz37) für verfassungswidrig erklärte, wurde das Grundgesetz geändert: Künftig wird das ungarische Verfassungsgericht nicht mehr für Gesetze zuständig sein, die das Budget und die Renten betreffen.38)

Ungarn hat im ersten Halbjahr 2011 die EU-Präsidentschaft übernommen,39) für das damit betraute Mitgliedsland immer auch eine Gelegenheit, sich zu profilieren. Die ungarische Präsidentschaft übernimmt ein umfangreiches Programm, das sie voranbringen will, und setzt eigene Akzente. Eines ihrer Anliegen sind die „Nachbarschaftsbeziehungen“: die Aufnahme Kroatiens in die EU, der Beitritt Rumäniens und Bulgariens zum Schengenraum, die EU-Politik der „Östlichen Partnerschaft“, die Donaustrategie sowie die Integration der Roma als gesamteuropäische Aufgabe.

Überschattet wurde der Beginn der Präsidentschaft dann allerdings durch den Streit um das ungarische Mediengesetz, das zeitgleich am 1. Januar 2011 in Kraft trat. Dabei geht es nicht um einzelne Bestimmungen, die eventuell auch in diesem oder jenem anderen Mediengesetz enthalten sind. Es geht darum, dass mit diesem Gesetz jede Regierung, die irgendwann an die Macht kommt, die Meinungsfreiheit ausschalten kann.40)

Innensicht und Außensicht

Was mir aufgefallen ist: Die „Außensicht“ ist anders als die „Innensicht“. Ausländische Beobachter und auch Ungarn, die im Ausland leben oder länger dort gelebt haben, sehen das Land oftmals kritischer als die „Ungarn in Ungarn“.

Ein Beispiel geben die Parlamentswahlen vom April 2010: Das Wahlergebnis wurde in den Auslandsmedien – besorgt – als „Rechtsruck“ registriert.41) Die große Mehrheit der Ungarn, die für die konservative Fidesz gestimmt hatte, schöpfte Hoffnung; sie erwartet von der Órban-Regierung bessere Lebensverhältnisse. Die sozialistische Vorgängerregierung gilt als korrupt und hat sich durch die Lügenrede Ference Gyurcsánys diskreditiert.42)

Weniger Sorgen scheinen sich die Fidesz-Wähler darüber zu machen, dass Victor Órban seinen Wahlsieg als „Revolution“ feiert und für Fidesz eine dauerhafte Machtposition in einem „Ein-Parteien-System“ voraussieht. Zumindest für „ausländische Ohren“ klingt das sehr befremdlich. Auch dass die rechtsradikale Jobbik in der Wählergunst kontinuierlich zugenommen hat und nun erstmals und gleich mit 47 Mandaten ins Parlament einzog, scheint Ungarn kaum zu „erschrecken“. Man beruhigt sich damit, den Stimmengewinn von Jobbik dem Versagen der Sozialisten zuzuschreiben, und geht davon aus, dass sich die in sich zerstrittene Partei ohnehin nicht lange halten kann.

Ungarn reagieren „empfindlich“ auf Kritik von außen, ganz besonders, wenn sie von so „prominenten“ Emigranten wie dem Nobelpreisträger Imre Kertész kommt oder von Paul Lendvai, der in seinem gerade erschienenen Buch „Mein verspieltes Land“,43) Ungarn vor einem neuen „Totalitarismus“ warnt, den er aufziehen sieht.

Victor Órban hat in einer erregten Debatte die scharfe Kritik am ungarischen Mediengesetz aus den Reihen des Europäischen Parlaments mit den Worten zurückgewiesen: Ich lasse es nicht zu, dass hier das ungarische Volk beleidigt wird! Angegriffen wurde ein Gesetz der Fidesz-Regierung, gegen das auch in Ungarn opponiert wird. Aber dass sich Ungarn „beleidigt“ fühlen könnten, weil man gerade ihnen, die als erste die Mauer geöffnet und die Demokratie eingeführt haben, ein „undemokratisches“ Gesetz zutraut, scheint nicht „aus der Luft gegriffen“ zu sein.

Ungarn fühlen sich leicht missverstanden. Sie haben eine Sprache, die „keiner“ versteht. Sie waren in der Geschichte immer wieder starken Einflussnahmen von außen ausgesetzt: in der Türkenzeit, unter den Habsburgern, im Bündnis mit Hitler und mit der Sowjetunion. Sie sehen sich als „Opfer“, gedenken der Niederlagen und denken weniger darüber nach, inwieweit sie vielleicht selbst dazu beigetragen haben. Die Neigung zur „Innensicht“ resultiert – in meinen Augen – aus den Erfahrungen der Vergangenheit. 

Die Republik Ungarn ist heute ein anerkanntes, gleichberechtigtes Mitglied der Europäischen Union. Es kann in Eintracht mit seinen Nachbarn leben und lebt in Eintracht mit seinen nicht-magyarischen Minderheiten. Sie genießen Minderheitenrechte, die – weit mehr als die Magyarisierungsversuche der Vergangenheit – dazu beitragen, dass sie sich Ungarn zugehörig fühlen.

Ungarn ist ein attraktives Land, für seine vielen Gaststudenten und Gastdozenten wie auch für ausländische Investoren. Viele leben mit ihren Familien in Ungarn, auch viele Deutsche. Sie fühlen sich in Ungarn wohl und sie lernen sogar die magyarische Sprache, die so lange als „unlernbar galt.

Ungarn kann sich – vielleicht zum ersten Mal in seiner wechselvollen Geschichte – als „ganz normaler Staat“ fühlen, was den Magyaren selbstverständlich nicht die „Einzigartigkeit“ ihrer Herkunft nimmt, auf die sie stolz sind und die auch von „Außenstehenden“ mit Sympathie geachtet wird.

Fußnoten

1 Die Große Synagoge trägt diesen Namen, doch sie ist in meinem Viertel nur eine von drei prächtigen Synagogen. Ähnlich prachtvolle Synagogen wurden damals auch in vielen anderen ungarischen Städten erbaut.

2 Karl I. Robert von Anjou (1308–1342) und Ludwig I. der Große von Anjou (1342–1382).

3 König Sigismund (1387–1437) – Sohn des römisch-deutschen Königs und Kaisers Karl IV. – hatte die zweite Tochter von Ludwig I. von Anjou geheiratet, die elfjährige Maria von Ungarn.

4 Der Anjou-König Ludwig I. hatte von Kasimir dem Großen das Königreich Polen geerbt. Seine Tochter Hedwig übernahm den polnischen Thron und heiratete Großfürst Jagiello von Litauen. Albrecht von Habsburg hatte König Sigismunds Tochter Elisabeth geheiratet und übernahm 1437 für zwei Jahre den ungarischen Thron. Nach dessen Tod beanspruchte Königin Elisabeth die Krone für ihren minderjährigen Sohn, den „Säugling“ Ladislaus Posthumus, später Ladislaus V.

5 Ludwig II. hinterließ keinen Erben.

6 Er war von 1558–1562 auch römisch-deutscher Kaiser.

7 Die Siebenbürger Sachsen wurden von König Géza II. (1141–1161) ins Land gerufen und bauten im südöstlichen Karpatenbecken – im heutigen Rumänien – ihre Städte und Verteidigungsburgen. Die Schwaben siedelten im Gebiet von Sathmar (im Nordosten Ungarns und Nordwesten Rumäniens) sowie im Banat (im Grenzdreieck zwischen Ungarn, Serbien und Rumänien). Im Norden des ungarischen Königreiches siedelten die deutschsprachigen Zipser.

8 Eine besondere Stellung hatte das Königreich Kroatien, das mit dem Königreich Ungarn ab Anfang des 12. Jahrhunderts in Personalunion verbunden war.

9 Sándor Márai: Bekenntnisse eines Bürgers. Erinnerungen, München 2009, S. 24

10 Vgl. den Abschnitt „Ein Blick in die Geschichte“ auf S. 56f.

11 Durch den österreichisch-ungarischen Ausgleich gewann Ungarn dann 1867 seine Eigenständigkeit zurück.

12 Elke Thiel: „Wie finden Sie es bei uns, in Rumänien?“ Als Gastprofessorin in Cluj-Napoca / Klausenburg. In: Bayerische Landeszentrale für politische Bildung (Hg.), Einsichten und Perspektiven 04 (2007) München 2007, S. 286–303, vgl. auch http://192.68.214.70/blz/eup/04_07/5.asp.

13 Matthias Corvinus kam aus dem Geschlecht der Hunyadi. Sein Vater, Johann Hunyadi, hatte dem ungarischen König Sigismund gedient, als Feldherr die Türken geschlagen und wurde 1445 zum Reichsverweser gewählt. Ursprünglich entstammen die Hunyadi einer Kleinadelsfamilie aus der Walachei (Rumänien).

14 Die Haiduken waren verarmte Kleinbauern und Viehtreiber. Sie wurden von Fürst Bocskai angeworben und später auf seinen Gütern in der Hortobágy-Puszta angesiedelt, wo viele Ortsnamen daran erinnern.

15 Ein Freiheitskampf der Bauern und niedrigen Stände.

16 Andreas Oplatka: Graf Stephan Széchenyi. Der Mann, der Ungarn schuf, Wien 2004.

17 Kossuth nahm als Vertreter verhinderter Hochadeliger im ungarischen Herrenhaus an den Sitzungen des Pressburger Landtags teil, für die er Berichte schrieb, die er breit verteilte.

18 Kossuth erhielt das Finanzressort und Széchenyi wurde Verkehrsminister.

19 Oplatka (wie Anm. 16), S. 381.

20 Ebd.

21 Kati Marton: Die Flucht der Genies. Neun ungarische Juden verändern die Welt. Frankfurt am Main, 2010

22 Eine Ausnahme sind die in Ostsiebenbürgen lebenden Szekler.

23 Nach diesem Gesetz können ethnische Ungarn auf Antrag die ungarische Staatsbürgerschaft bekommen. Die Slowakei hat bereits reagiert: Wer eine andere Staatsbürgerschaft annimmt, verliert die slowakische Staatsbürgerschaft.

24 Die Roma bilden die größte ethnische Minderheit.

25 Information der Deutschen Botschaft in Budapest.

26 In der kommunistischen Zeit durfte nur von „Konterrevolution“ gesprochen werden, einer Revolte, die sich gegen die kommunistische Revolution gerichtet hatte. 

27 Andreas Oplatka, Neubestattung Imre Nagys in Budapest. In: Neue Zürcher Zeitung v. 16. 6. 2009

28 Zum 20. Jahrestag des „ungarischen Mauerfalls“ ist ein Erinnerungsband mit Zeitzeugenberichten erschien. Norbert Lobenwein: „89–09“ - Momente, die die Welt bewegten, mit Aufnahmen von Tamás Lobenwein. Budapest 2009. Herausgeber der deutschen Ausgabe ist Hans Kaiser, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Budapest,

29 Andreas Oplatka: Der erste Riss in der Mauer. September 1989 – Ungarn öffnet die Grenze. Wien 2009

30 Der Bericht fasste die Ergebnisse einer Meinungsumfrage unter den Grenzoffizieren zusammen.

31 Oplatka, ebenda, S. 24

32 Oplatka (wie Anm. 29), S. 66–70.

33 Ebd., S. 74–76.

34 Ungarn, Polen sowie die beiden Nachfolgerstaaten der damaligen Tschechoslowakei werden so bezeichnet.

35 Die Kopenhagener Kriterien, die im Juni 1993 vom Europäischen Rat festgelegt wurden, gelten auch für alle zukünftigen Beitrittskandidaten.

36 Jürgen Dieringer: Ungarn in der Nachbeitrittskrise. In: APUZ, Aus Politik und Zeitgeschichte, 29–30 (2009), S. 6–11, hier S. 6.

37 Für Abfindungszahlungen ab einer Höhe von ca. 7.000 Euro sollte eine Steuer von 98 Prozent erhoben werden, was vor allem gering Verdienende getroffen hätte, die ihre Arbeitsstelle mit einer Abfindung verlassen.

38 Dies ist nur ein besonders eklatantes Beispiel für die Vorgehensweise der Fidesz.

39 Nach den institutionellen Reformen des Lissabon-Vertrags gilt die halbjährlich rotierende Präsidentschaft nur für die Fachräte.

40 Im Februar 2011 folgte Ungarn der Aufforderung der EU-Kommission, die Kompatibilität des Mediengesetzes mit der EU-Richtlinie für audiovisuelle Dienstleistungen zu prüfen. Einige Bestimmungen wurden modifiziert, nicht jedoch die einseitige Besetzung des Medienrates mit Angehörigen der Regierungspartei, die der Hauptanlass der Befürchtungen ist, die Meinungsfreiheit könnte ausgeschaltet werden. Das EU-Recht bietet hierfür keine Handhabe. Das äußerste Mittel, das die EU hätte, ein Verfahren nach Artikel 7 EUV (Feststellung der eindeutigen Gefahr einer schwerwiegenden Verletzung der Grundwerte), wurde noch nie angewandt.

41 Hierzu insbesondere auch Karin Bachmann: Seismograph Ungarn. Die Rechte, die Wahlen und die Folgen. In: Osteuropa, 60 (Juni 2010) 6, S. 13–18.

42 Der damalige sozialistische Ministerpräsident hatte in einer geschlossenen Parteisitzung zugegeben,  das „ungarische Volk“ mit Blick auf die katastrophale Haushaltslage belogen zu haben. Als die Rede bekannt wurde, kam es 2006 zu anhaltenden Protestdemonstrationen.

43 Paul Lendvai: Mein verspieltes Land. Ungarn im Umbruch. Salzburg 2010.

 


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© Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit   •   letzte Änderung am: 13.05.2011 13:05