Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Hybris und Verbrechen – die andere Seite des Hochleistungssports in der DDR

Von Ines Geipel

 

 

10. April 1987: Die Mainzer Leichtathletin Birgit Dressel, zu diesem Zeitpunkt mit 26 Jahren auf Platz sechs der Weltrangliste im Siebenkampf, starb einen Sekundentod. Allergieschock, hieß es offiziell. Doping, mutmaßten die besser Informierten. Der Tod der jungen Frau ereignete sich während der globalen Hochzeit aggressivsten Steroid-Dopings im Leistungssport. So manches war seit längerem gemunkelt worden. Nun machte dieser Tod die Gerüchte dingfester und erregte öffentlich die Gemüter. Eine Gesellschaft war mit einem Mal bereit, über Sinn und Unsinn des Hochleistungssports zu debattieren.

Und weit mehr: Körper- wie Gesellschaftsbilder wurden abgeklopft. Das Ideal des leistungsfähigen, allseits bereiten Menschen? Die Kämpferin in der Königs-Disziplin der Königs-Sportart Leichtathletik? Binnen Sekunden tot? Hatte man da etwas übersehen? In den Feuilletons erschrak man darüber, was sich die aufgeklärte Bundesrepublik leistete, alles nicht zu sehen. Am Ende der öffentlichen Erregung stand: Der traurige Tod von Birgit Dressel war vielen in Erinnerung geblieben und hatte für das Phänomen Doping wie seinen gesellschaftlichen Bodensatz sensibilisiert. Kurzzeitig jedenfalls.

Reichlich 13 Jahre später, am 2. Mai 2000: Im Moabiter Gerichtssaal saß neben dem ehemaligen Sportchef der DDR, Manfred Ewald, auch der Mediziner Manfred Höppner, einer der Drahtzieher des systematischen Zwangsdopings im DDR-Leistungssport. Ihnen gegenüber 22 Nebenklägerinnen, allesamt Geschädigte seiner brutalen Idee. Sie, wie die Öffentlichkeit, warteten auf die Erklärung dieses Kronzeugen, des großen Doping-Chefs im Osten. Sieben Seiten las der kleine Mann im smarten, grauen Dreireiher. Was er sagte, hörte sich unter anderem so an: „Die Vergabe von anabolen Steroiden an Hochleistungssportler hat prophylaktisch Erhalt und Wiederherstellung der körperlichen Gesundheit gedient.“ Oder: „In meiner Amtszeit habe ich immer nur biologisch reife Frauen in ihrem Erziehungs- und Ausbildungsprozess gesehen.“ Und: „Mein Motto war immer – Gesundheit geht vor Goldmedaillen, denn einen Fall Birgit Dressel wollte ich in der DDR nicht erleben.“1)

Die „biologisch reifen Frauen“, die der Doping-Cheforganisator während seiner kriminellen Manöver gesehen haben wollte, staunten nicht schlecht. Denn ihre Entschlüsse, als Nebenklägerinnen im bisher größten Doping-Prozess des Landes aufzutreten, hatten existenzielle Gründe: schwerst behinderte Kinder, eigene Krebserkrankungen, irreversible Fettstoffwechselstörungen, Suchtattacken, Depressionen, Störungen der Menstruationszyklen, der weiblichen Geschlechtsorgane und damit der Fruchtbarkeit, Ausbildung eines männlichen Behaarungstyps, Stimmvertiefungen, Veränderungen der Blutfettwerte oder der Thymusdrüse, Ödembildungen, Klitoriswachstum, Aknebildungen, Leberschädigungen. Der medizinische Gutachter des Prozesses betonte bei seiner Einschätzung über zwei Prozesstage hin: „Die Vergabe männlicher Steroide kann einen krankhaften Prozess im weiblichen Körper, mit verschiedensten Wirkungen an verschiedensten Zielorten, verursachen.“2)

Da alle Nebenklägerinnen vor dem Richter als Zeuginnen aussagten, brauchte der Prozess 22 Verhandlungstage. Am 18. Juli 2000 wurde das Urteil gesprochen. „Beide Angeklagte handelten rechtswidrig, schuldhaft und vorsätzlich“, las der Vorsitzende Richter. „Herr Ewald“, sprach er den ehemaligen DDR-Sportchef direkt an, „der Zweck heiligt eben nicht die Mittel, eher dürften die Mittel dem Zweck geschadet haben.“ Das Urteil der 38. Großen Strafkammer des Gerichts lautete: 22 Monate auf Bewährung für Ewald, 20 Monate auf Bewährung für Höppner für „mittelschwere Kriminalität“.3)

Eine der 22 Nebenklägerinnen des Berliner Prozesses war die ehemalige Langsprinterin Birgit Uibel. Ihre Aussagen vor dem Richter waren von Gewicht, doch ihr Schicksal blieb unerzählt. Zwangsläufig hatte im Gerichtssaal die Forensik das Sagen. Ihr Leben hat jedoch für die Geschädigten des DDR-Sportsystems mit allen Brüchen, Härten und seiner Tragik durchaus etwas Exemplarisches: Birgit Uibel wurde am 30. Oktober 1961 in Belten, einem Ortsteil von Vetschau geboren. Vetschau, das heißt Braunkohle, das hieß eines der größten Kohlekraftwerke der DDR, das heißt eine flache, stille Landschaft, Kiefern, Sand, viel Wind. Eine Storchengegend. Die Eltern von Birgit Uibel, beide Vertriebene und Ende des Krieges in die Lausitz zwangsumgesiedelt, arbeiteten im Kraftwerk – die Mutter als Köchin des werkseigenen Kindergartens, der Vater als Kraftfahrer. Die ältere Tochter war sportlich talentiert und ging nach dem Umzug der Familie ins nahe Lübbenau zum Training in die Turn- und Sportgemeinschaft der Stadt. Als sie 14 war, wurde sie in die Kinder- und Jugendsportschule in Cottbus aufgenommen. Mit 16 erhielt sie von Doktor Bodo Krocker alias Stasi-IM „Wartburg“ erstmals männliche Sexualhormone. In ihrer Zeugenvernehmung vor der ZERV, der zentralen Ermittlungsstelle für Vereinigungskriminalität, äußerte sie 1997 dazu: „Mein Trainer Siegfried Elle sagte mir, dass ich wegen eines Gesprächs zum Arzt Krocker gehen müsse. Ich wurde allein dort vorstellig. Dr. Krocker versuchte mir zu erklären, warum ich diese unterstützenden Mittel nehmen müsse. Ich würde durch die Einnahme der Mittel bessere Leistungen erzielen und dadurch an großen Wettkämpfen teilnehmen können. Als 16-jähriges Mädchen vertraute ich ihm bedingungslos. Ich stellte auch keine Fragen, da ich ja auch innerlich bereit war, sportliche Erfolge für mich und mein Land zu erzielen. Der Arzt Krocker übergab mir dann an diesem Tag einen Briefumschlag mit kleinen, blauen Pillen. Ein Medikamentenname war nicht zu erkennen. Ich dachte an eine Vitaminsubstanz.“

Das Mauerkind Birgit Uibel lief mit Hilfe der Steroide in die Langsprint-Spitze ihres Landes, wurde 1982 bei den Europameisterschaften in Athen Sechste im 400-Meter-Hürdenlauf und gehörte ab da zur Weltspitze. 1981 machte sie ihr Abitur und heiratete gleichzeitig den Radsprinter Detlef Uibel. Trotz Einnahme der Pille wurde Birgit Uibel 1983 schwanger. Das Paar wollte das Kind, aber Parteileitung und Sportclubleitung entschieden anders. Schließlich kam vom Verbandstrainer die unmissverständliche Auflage, Birgit Uibel habe die Interruption in der Berliner Charité vornehmen zu lassen. Der Eingriff müsse umgehend erfolgen. Damit sich die Athletin schnell erhole, sei eine anschließende Hormonbehandlung angeordnet.

Als Birgit Uibel erneut schwanger wurde, erfolgte die prompte Order von Seiten der Cottbusser Clubleitung, den Sport an den Nagel zu hängen. Aufgrund der zeitnahen doppelten Hormondosierungen gestaltete sich die zweite Schwangerschaft als kompliziert. Das Kind wurde 1985 als Frühchen geboren, musste sieben Wochen künstlich beatmet werden. Da es sich auf der Intensivstation schwer infizierte, kam es zu folgenreichen körperlichen Behinderungen der Tochter. Die Sorge um das Kind, das neue Leben nach dem Sport, die unerkannten Dopingfolgen, eine aus dem Takt gekommene Ehe – die Jahre vor dem Mauerfall können für Birgit Uibel keine leichten gewesen sein. Aber auch nach 1989 erwies es sich als schwierig, das eigene Leben zu konsolidieren. Zwar nahm sie ein Studium als Unterstufenlehrerin auf, doch gab es zu der Zeit keine Aussicht auf eine Stelle. 1993 wurde ihre Ehe geschieden. Die Tochter musste mehrfach operiert werden, erhielt zwei künstliche Hüftgelenke. Birgit Uibel wurde selbst erstmals ernsthaft krank, ein Streik der Leber, der Schilddrüsen, der Psyche.

Was Mitte der neunziger Jahre noch nach Lebenssuche aussah, glich zehn Jahre später einer Schule der Destruktion und Selbstdestruktion. Ihren klaren Aussagen als Nebenklägerin im Berliner Dopingprozess im Jahr 2000 folgten Isolation, Einsamkeit, Diskreditierung und Retraumatisierung. Ständig wechselnde, schlecht bezahlte Jobs als Verkäuferin, in der Stadtverwaltung, in einer Kunstgalerie, beim betreuten Wohnen, hohe Schulden, wechselnde Beziehungen, Krankheiten, chronische Klinikaufenthalte und Alkohol gewannen die Oberhand über ihr Leben. Noch 2003 sagte sie in einem Interview: „Wenn ich damals gewusst hätte, was das Zeug“ – und sie meinte die Steroide – „anrichten kann, hätte ich es nicht genommen. Wer sich geweigert hat, musste aufhören.“ Der Tod ist keine einfache Faktizität. Birgit Uibel starb am 10. Januar 2010, im Carl-Thiem-Klinikum Cottbus.

Ihr Trainer Siegfried Elle sagte nach ihrem Tod, wenn Frau Uibel damals Dopingmittel bekommen habe, dann hätte sie davon gewusst. Er jedenfalls habe ihr kein Doping verabreicht und fühlt sich auch nicht schuldig. Der dopingverabreichende Doktor Bodo Krocker, in Cottbus noch immer ein hochrenommierter Arzt, kann sich nicht einmal an seinen eigenen Stasi-Namen erinnern. Damit widerspricht er Erkenntnissen der Birthler-Behörde, nach denen er als Inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi tätig war.4) Die Schlussfolgerung, er sei in der DDR IM „Wartburg“ gewesen, sei total falsch, meinte er. Er kenne diesen Namen nicht und möchte sich auch nicht dazu äußern. Nach einem 2010 veröffentlichten Bericht über seine Belastungen in Sachen Doping und Stasi in der Regionalzeitung „Lausitzer Rundschau“ kam es zu zahlreichen Abbestellungen von Abonnenten. Wie Angehörige berichteten, war Birgit Uibel nach ihren Aussagen beim Berliner Dopingprozess im Jahr 2000 in Cottbus auf eine Mauer der Abwehr gestoßen. Sie sei immer wieder verleumdet worden, berichtete ihre Mutter. Birgit Uibels Schicksal hat eine Geschichte im DDR-Sport und eine Geschichte des Transfers eines Traumas nach 1989, mit tragischem Ausgang.

Birgit Uibels Sportkarriere fand ihren Zuschnitt in einer Zeit, als die „Steroidmaschine“ im Osten auf Volltou-ren lief. Das Zwangsdopingsystem, als Staatsplan 14.25 im Jahr 1974 etabliert, eskalierte dabei mit den Jahren völlig. Jeder wollte profitieren: Sportclubs, Trainer, Ärzte, Bezirks-SED, Sportfunktionäre, aber auch die Forschung. Von einer „zunehmenden Verflechtung mit den westlichen Märkten“ ist denn auch in den achtziger Jahren häufig die Rede. Im Volkseigenen Betrieb Jenapharm zum Beispiel. Seit 1979 berichtete IM „Wolfgang Martinsohn“ dem Geheimdienst ausführlich davon, und Kompetenz dürfte ihm dabei keiner abgesprochen haben. Schließlich handelte es sich bei „Martinsohn“ um den Forschungsdirektor der Jenaer Pharmafirma, um Professor Michael Oettel, von Beruf Tierarzt und 1939 in Jena geboren.5)

„Wolfgang Martinsohn“ – ein Pseudonym, das sich Oettel nach einem für ihn wichtigen, angeblich verstorbenen Schulfreund wählte, der auch heute in Thüringen lebt – wird mit Beginn seiner Zuarbeit für die Staatssicherheit vielfach auf Reisen geschickt. Nach Genf beispielsweise. Die mit Valuta dotierten Forschungsaufträge der WHO zur schnelleren Überführung der Steroidsubstanzen STS 537 und STS 593 in die Produktion – dabei ging es um die Wochenpille, die Monatspille, die Pille danach und die Pille für den Mann – versprachen einiges für die Zukunft. Noch im Januar 1978 hatte Manfred Höppner alias IM „Technik“ seinem Führungsoffizier berichtet: „Die bisherige Bereitwilligkeit im VEB Jenapharm, für den Sport ,außerhalb der Gesetze’ zu arbeiten, hat ihre Grenzen.“ „Martinsohn“, der als inoffizieller Geheimdienstzuträger, wie er selbst formuliert, „kein mittelmäßiger Zuträger werden möchte“, wurde mit dem 1. Oktober 1979 Forschungsdirektor von Jenapharm. Seine Berichte tragen ab da den Reisegrund „Zusammenarbeit Steroidforschung“. Oettel wurde so eine Art mobile Gelenkstelle und für den Geheimdienst der lange gesuchte „Allround-Experte“. Er baute vielfältige „operativ nutzbare Verbindungen“ auf, schöpfte seine Mitarbeiter im Land ebenso wie internationale Kollegen ab. Es war die Zeit, da sich stark verästelnde Kommissionsgeschäfte zwischen Ost und West aufbauten.

Schon 1976 hatte IM „Technik“ von dem Präparat Thioctacid berichtet: „Es wurde der Hinweis gegeben, dass anlässlich der Leipziger Frühjahrsmesse Vertreter eines Arzneimittelwerkes aus Homburg/BRD darauf hingewiesen haben, dass o. a. Präparat im Leistungssport der DDR getestet worden sei, zur zeitweiligen Leistungssteigerung beiträgt und die Entwicklung in Verbindung mit Vertretern der Universität Halle durchgeführt worden sei. Der IM erklärte darauf, dass der Verbandsarzt Schwimmen Dr. Kipke dieses Mittel in der Vergangenheit bereits angewandt hat, wodurch der Stoffwechsel beeinflusst wird.“

Michael Oettel jedenfalls war im Osten der richtige Mann für die angestrebte Verflechtung einer sich zunehmend globalisierenden Pharmaindustrie und dementsprechend oft im Westen:6) Er reiste zur Berliner Schering AG oder zu LAB in Ulm, zu Beyer, zu Chemie-Linz in Österreich, zu Syntex in Zürich oder zu Balpharm in Basel. Es ging, wie seinen Berichten an die Staatssicherheit zu entnehmen ist, um den Absatz von Zwischenprodukten. Und um mehr. Unter dem Motto „Frauen, vertraut unseren Hormonen!“ warb der VEB Jenapharm im eigenen Land um Zuspruch und meinte vielleicht seine wenig ausgereiften Antibaby-Pillen, die aufgrund ihrer extremen Nebenwirkungen bei den ostdeutschen Frauen nicht gerade auf Begeisterung stießen. Doch Jenapharm als Doping-Hauptlieferant und maßgeblicher Pro-Dopingforscher in der DDR? Erhält da der firmeneigene Slogan nicht nochmal ganz anderen Schwung? Woran sich Jenapharms Chef Oettel heute partout nicht mehr erinnern kann, damals wusste er noch davon. So fragte er 1984 auf einer Fachtagung in Weimar: „Welche Möglichkeiten bestehen, um den Virilisierungserscheinungen bei Sportlerinnen unter Anabolikagabe entgegenzuwirken?“ Es konnte nicht die richtige Frage zur rechten Zeit gewesen sein, denn Oettel nahm sie, wie seine IM-Akte belegt, sofort zurück.

Noch 1979 hatten ZIMET und Jenapharm die Staatsplanaufgabe erhalten, „Steroide auf aggressionsauslösende Effekte an der Maus zu testen“. Diese Testungen gehörten zum Forschungsvorhaben „Aufdeckung zusätzlicher Leistungsreserven 1975–1980“ und dem im Staatsplan Wissenschaft und Technik enthaltenen „Komplex 08“, die beide als Staatsgeheimnis eingestuft wurden. „Bei den zu schützenden Staatsgeheimnissen“, heißt es in einer Sicherungskonzeption des Geheimdienstes vom 5. 1. 1979, „geht es darum, dass bei der Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit zentral geleitet und kontrolliert unterstützende Mittel ‚uM‘ wissenschaftlich erforscht, erprobt und eingesetzt werden. Bei den vorliegenden Sicherungskonzeptionen ist der Geheimnisschutz bei folgenden wichtigen Detailaufgaben vorrangig zu gewährleisten: Forschungsarbeiten zur Entwicklung neuer Präparate und zum effektiveren Einsatz bekannter und neuer Präparate, Entwicklung von eigenen Nachweisverfahren und radioaktive Markierung bestimmter anaboler Substanzen, Ausarbeitung wissenschaftlich begründeter Anwendungskonzeptionen unterstützender Mittel. Die vorrangige Sicherung von Staatsgeheimnissen liegt darin, daß diese Mittel und deren individuelle Anwendungsvarianten nicht nachgewiesen werden können.“ ZIMET und Jenapharm erhielten demnach gleichermaßen den Auftrag, „anabole Substanzen und zentral-nerval wirkende Pharmaka neu- und weiterzuentwickeln und die Grundlagenforschung von Anabolen zu unterstützen“.

„Martinsohn“ war in dieser Konzeption an zentraler Stelle verzeichnet, zum einen bei der Entwicklung eines neuen Anabolikums. Als Leiter des Tierstalls lagen die anberaumten Tierversuche natürlich bei ihm. Zusätzlich wurde er damit betraut, die Experimentalsubstanz STS 646 „hinsichtlich des Aggressionsverhaltens in den Kampfsportarten“ tierexperimentell zu prüfen. Richtig ist, dass noch 1987 der einzige Humanmediziner von Jenapharm, Doktor Rainer Hartwich, als IM „Klinner“ in einem seiner Berichte gegenüber dem Geheimdienst überaus deutliche Zweifel in Bezug auf die Jenenser Forschung anmeldete: „Für mehrere Substanzen und Arzneifertigwaren, die vom VEB Jenapharm an den Auftraggeber geliefert wurden und die dort zur Anwendung am Menschen gelangten, wurden nicht die grundlegendsten pharmazeutischen, pharmakologischen und toxikologischen Grundregeln eingehalten.“ Im Januar 1988 warnt Doktor Hartwich, „dass Prof. H. und Dr. R. in die Granulat-Beutel Dynvital (Vitamin/Koffein-Getränk) Anabolikasubstanzen STS 646 untermischen wollen, welches eine grobe Verletzung gegen das Arzneimittelgesetz darstellt“.

Im Dezember 1985 hatte Höppner als IM „Technik“ an seinen Führungsoffizier „Erich“ bedeutet, dass „bereits seit einigen Jahren durch ihn das Präparat STS 646 an die Sportler verabreicht wird, ohne dass dieses jemals entsprechend dem Arzneimittelgesetz geprüft wurde [...] und ohne dass bekannt ist, welche möglichen Nebenwirkungen bei den Sportlern in zehn oder zwanzig Jahren auftreten“.7) Bei dieser Nichtprüfung ist es bis zum Ende der DDR 1989 geblieben. 1982 produzierte Jenapharm 1000 Gramm STS 646, eingesetzt bei Gewichthebern, Schwimmern und Werfern in der Leichtathletik. 1988 wurden weit mehr, 60.000 Tabletten STS 646, angefordert.

Doch die geschäftige Jenenser Forschercrew musste in jenen achtziger Jahren ein weit breiteres Experimentierfeld abdecken. Die oberste DDR-Sportleitung führte ihren Sportkrieg mittlerweile nicht mehr nur gegen den Westen als selbstredend ersten Staatsfeind, sondern auch gegen die Sowjetunion. Gleich die ganze Welt musste sich derweil gegen das unaufhörlich siegende Miniland verschworen haben. Im Dezember 1985 schilderte IM „Technik“ wieder einmal vermeintlich besorgt: „Am 28.11.1985 fand eine Beratung mit den beiden Vizepräsidenten, Genossen Köhler und Röder, über den perspektivischen Einsatz unterstützender Mittel statt. Beide Vertreter des DTSB brachten ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass bis 1988 angeblich nur die bisher bekannten Pharmaka zur Anwendung kommen. Sie waren der Auffassung, dass es möglich sein müsste, noch bis zu den Olympischen Spielen 1988 die sogenannte ‚Wunderpille‘ zu erforschen. Speziell Genosse Köhler stellte konkret die Forderung, ein solches Präparat aus der Reihe der Psychopharmaka zu entwickeln, um bei den Sportlern zum Wettkampf eine gewisse Aggressivität zu entwickeln und vorhandene Anzeichen von Angst und Nervosität auszuschalten.“8)

Die pharmazeutische Großoffensive im DDR-Leistungssport oblag in diesen Jahren dem Prinzipal des eng mit dem Geheimdienst verflochtenen Finanzimperiums „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo), Alexander Schalck-Golodkowski.9) Er war Anfang der achtziger Jahre durch Stasi-Chef Erich Mielke mit der Restrukturierung des ostdeutschen Spitzensports betraut worden. Wieso, stellt sich die Frage, heimsten die ostdeutschen Aktiven doch international Erfolg für Erfolg ein. Was also suchte Schalck im Sport? Der „Offizier im besonderen Einsatz“ (OibE) hatte so schnell wie möglich zu klären, ob das zwangsgedopte Sportlermaterial die chronisch defizitäre Zahlungsbilanz des Landes aufbessern könnte. Bis es so weit sein konnte, mussten allerdings ein paar Grundsätzlichkeiten geklärt werden. Die Berliner Dynamo-Vereinigung war Mielkes Ziehkind, bei dem er gern von schrankenlosem Zugriff ausging. Spätestens seit den Olympischen Spielen 1976 waren ihm aber vielfach kritische Äußerungen von Dynamo-Ärzten zum immer aggressiver werdenden Doping in den Clubs zugetragen worden. Der Sportmediziner Bernd Pansold, selbst Drogenverabreicher an zahlreiche Dynamo-Schwimmerinnen, berichtete als IM „Jürgen Wendt“ nach Montreal 1976: „Unter einem Teil der Sportmediziner gibt es Äußerungen dahingehend, dass die durchgeführten Maßnahmen, speziell an Sportlerinnen, in gewissem Maße kriminellen Vergehen gleichkommen.“ Mielke konnte aber an der „Basis“ keine Hemmnisse, vor allem keine skeptischen Ärzte gebrauchen. Bei allem Ärger im Land, im Sport musste es glänzen. Er rief Schalck-Golodkowski, der schnell herausfand, was das Problem war: „Da ich mich mit den Problemen sehr beschäftigt habe und mit ihnen gewachsen bin“, schrieb er im Dezember 1984 an Mielke, „komme ich zu der Auffassung, dass die wissenschaftlich-feindliche Haltung, speziell der Leistungsmedizin, ein Niveau erreicht, was für die Sache unerträglich ist. Es wäre zu prüfen, ob solche Leute wie Genosse S. oder H. die Arbeit weiterführen ... Ich glaube, hier müssen einige ideologische Grundfragen ganz schnell geklärt werden.“10)

Vier Wochen zuvor hatte Schalck bereits ein Thesenpapier zur Umstrukturierung des Sportmedizinischen Dienstes der SV Dynamo vorgelegt, die die Richtung für die Hochleistung im Land vorlegte: „Der Sportmedizinische Dienst unterscheidet sich gegenüber einer Reihe anderer Disziplinen im wesentlichen dadurch, dass er neben theoretischen Aufgaben auch unmittelbar selbst produktiv im Sinne abrechenbarer Leistungen tätig ist.“ Schalck entwarf das Modell eines Athleten als einer „echten sozialistischen Gemeinschaftsarbeit“, die in der „Einheit zwischen Sportfunktionär, Wissenschaft und Produktion“ fabriziert werden sollte. „Die Zersplitterung der wissenschaftlich-praktischen Kapazitäten ohne einheitliche und koordinierende Leitung führt zu erheblichen Effektivitätsverlusten. Das wirkt sich in der Industrie – nur so will ich das vergleichen – im gleichen Sinn negativ aus.“ Bei Schalcks Fabrikationsgedanken und damit der vollkommenen Verzweckung der Athleten drückte sich unübersehbar ein ganzes Stück historisches Unterfutter durch: Mit zwei sich überlappenden Folien im Kopf konnte die DDR-Sportnomenklatura sowohl auf Hitlers als auch auf Stalins Mobilisierungskonzepte von Körpern zurückgreifen, um sie in erstaunlicher Technokratie neuerlich zu enthemmen. Diese Konzepte, wenngleich unterschiedlich ausgerichtet, dienten allen drei Regimes in ihren säkularisierten Heilserwartungen.

Ob Schalck-Golodkowski bei seiner Neudimensionierung des ostdeutschen Spitzensports die Probleme der massiven Schädigung der Mauerkindgeneration – etwa 15.000 Sportler waren in das Zwangsdopingsystem involviert – überhaupt je in den Blick bekam, muss bezweifelt werden. Seiner Kaufmannsseele lagen andere Dinge näher: Im großen Stil sicherte er dem DDR-Drogensport eine noch radikalere Runde der Entgleisung. Im Dezember 1984 schrieb er an einen Dynamo-Funktionär: „Da ich mich der SV Dynamo verschrieben habe und der Minister Dir alle Vollmacht erteilt hat, das vorzubereiten, möchte ich Dir mitteilen, dass der jetzige Stand der Arbeit nach wie vor nicht befriedigt [...] Die allgemeine Erklärung – wir entwickeln alles in der DDR selbst – wird sicherlich stimmen, die Frage ist bloß, wann wir diese Geräte aus dem Erprobungszustand für unsere Sportler einsetzen können – ob das für die Olympiade 1988 oder für die Olympiade 1992 sein wird. Wir wollen aber bereits 1985 siegen [ ...] Nach meiner Auffassung müssen Anfang Januar Entscheidungen fallen durch den Minister.“11)

Für das Olympiajahr 1984, in dem die DDR mit dem ersten Platz der Länderwertung in Los Angeles liebäugelte, wurde eine neue „Überbrückungsmaßnahme“ für Sporthöhepunkte durchgesetzt. Das geheime Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport in Leipzig hatte mittels Computer exakte Zeitpläne für Athleten erstellt, um die international eingeführten Steroidkontrollen durch „genau errechnete und erprobte Dosen von Testosteron und Epitestosteron, intramuskulär gespritzt“, zu „überbrücken“, genauer: zu umgehen. Die für diese Methode notwendigen Geräte möglichst sofort anzukaufen, hielt Schalck für geboten, um die „wissenschaftlich-feindliche Haltung, speziell der Leistungsmediziner“ endlich auszubremsen. Der „ehrbare Kaufmann“, zu dem er sich erklärte, bestellte und kaufte, natürlich im Westen. Auch aus diesem Grund erhöhten sich die Valutaaufwendungen für den DDR-Sport in den achtziger Jahren rapide: zwischen 1985 und 1987 von 6,8 auf 12,2 Millionen. Viel Geld für ein marodes Land. Im März 1987 machte er deshalb der obersten Sportleitung einen Vorschlag zum Aufbau einer Sportagentur mit Außenhandelsvollmacht. In seinen Memoiren schrieb er: „Wir taten nicht mehr und nicht weniger, als nicht genutzte ökonomische Ressourcen der Volkswirtschaft gezielt zur Devisenerwirtschaftung zu nutzen.“ Die geplante Sportagentur hatte zwei zentrale Optionen: „Die Konzentration aller Aktivitäten der Nutzung des Kommerz im Sport durch eine dazu berechtigte Firma und die Berücksichtigung handelspolitischer Erfordernisse des Außenhandels der DDR.“ Erst mit Wirkung vom 1. Oktober 1989 kommt es zur Gründung besagter Sportagentur GmbH.

Warum nicht, könnte man sagen. Eine Dynamik, die eben weltweit in der Luft lag, wäre sie nicht ausschließlich auf Kosten der Athleten und der Wettkampfrealitäten gegangen. In jedem Fall vollzog sich im Leistungssport der DDR Anfang der achtziger Jahre ein Paradigmenwechsel, den ein Verbandsarzt im Juni 1980 in aller umgangssprachlichen Anschaulichkeit so beschrieb: „Wir erleben hier den Zweiten Weltkrieg. Ich habe ihn nicht mitgemacht, aber auch damals hat Adolf nicht alles gewusst, was unten los war.“ Das Land implodierte an seiner Statik und den dumpfesten Realitäten, und im Sport wurde Krieg geführt.

Um der Chronologie Genüge zu tun: Schalcks von oben durchgestellte Ankaufoffensive Ende 1984 hatte der Polithybris in Ost-Berlin anscheinend nicht genügend testosteronschwangere Sportler produziert, dass man sich ruhig zurückgelehnt hätte. Auch „Martinsohns“ hochgetuntes Steroidprogramm kam nicht so in Schwung, wie es die Sport-Spitze forderte. Im Februar 1985 gab Oettel diesbezüglich handschriftlich an die Staatssicherheit weiter: „Schwerpunkt ist die Errichtung einer Pilotanlage 88/89, um den notwendigen Vorlauf für die Errichtung einer Steroidfabrik an einem neuen Standort in Jena zu sichern. Mit dem Steroidprogramm werden wesentliche Teile der betrieblichen Entwicklung bestimmt.“12)

Eine neue Steroidfabrik in Jena oder Westgeräte zur Testosteronhöherdosierung durch Schalck genügten aber noch immer nicht. Der Ruf nach der Wunderwaffe war nun einmal laut geworden und zielte auf Explosiveres. Im Osten musste umgesattelt werden – auf Wachstumshormone, Genforschung, Blutdoping, Psychopharmaka, auf Substanzkombinationen unterschiedlichster Art –, weil halt die Welt umsattelte, wie es immer hieß. Schon am 1. 12. 1983 hatte IM „Technik“ zum Präparat Somatropin vermerken lassen: „Ausgehend von Veröffentlichungen in der Westpresse erklärte der IM, dass es sich bei diesem Präparat um ein sogenanntes Wachstumshormon handelt. Das Präparat findet schon mehrere Jahrzehnte Anwendung in der Medizin bei kleinwüchsigen Menschen, um deren Wachstumsprozess zu beeinflussen. Bei nicht richtiger Anwendung bzw. überhöhten Dosierungen kann es dabei zu Missbildungen bestimmter Körperteile kommen. Genosse Ewald wurde bereits darüber informiert, und es wurde festgelegt, entsprechende Untersuchungen und Forschungen durchzuführen.“ Knapp vier Wochen später war das Präparat schon im Land und Höppner erklärte lapidar: „Das Präparat ‚Somatropin‘ wird gegenwärtig geprüft.“ Wo? In Kreischa. Dort wurden, wie Akten belegen, einem Wintersportler Wachstumshormone ins lädierte Knie gespritzt. Die Ärzte waren erfreut über den Behandlungserfolg. Auch Schwimmerinnen erhielten die Substanzen. Dr. Wolfgang Rockstroh, einer der verantwortlichen Doping-Ärzte im Wintersport, schrieb 1983 als IM „Heinze“: „Um aber zu endgültigen Aussagen und damit zu einer möglichen generellen Anwendung dieser Präparate (Wachstumshormone) zu gelangen, werden 1984 umfassende Untersuchungen im Zentralinstitut Kreischa an Sportlern durchgeführt.“

Doch auch Wachstumshormone reichten nicht aus. Am 2. 5. 1985 schrieb „Erich“ nach einem Bericht von Höppner: „Der IM informierte über das Forschungsprogramm und den dazu einbezogenen Personenkreis. Darüber hinaus sind noch ca. 100 Aktive im Rahmen der angewandten Untersuchung einbezogen, jedoch sind diese nicht darüber informiert, dass es sich um Forschungsprobleme handelt bzw. davon, was sie tatsächlich bekommen. Ihnen wurde lediglich gesagt, dass die Untersuchungen dem Zwecke der Erarbeitung einer wissenschaftlichen Arbeit dienen und deshalb wöchentlich darüber berichtet werden muss, welche Erscheinungen und Empfindungen bei ihnen aufgetreten sind.“13)

Unklar bleibt, welche Mittel bei der angestrengten Suche nach „Erscheinungen und Empfindungen“ im Athleten zum Einsatz kamen. Doch seit Mitte der achtziger Jahre gibt es in Höppners IM-Akten immer wieder Berichte zu Forschungen außerhalb des Staatsplanthemas 14.25. Am 5. 8. 1986 teilt er mit: „Am 25. 6. 1986 fand im Sporthotel eine interne Beratung über Probleme der Verbesserung der Sauerstoffversorgung bei Leistungssportlern statt. Es muss davon ausgegangen werden, dass zumindest ab dem Zeitpunkt dieser Beratung der angeführte Personenkreis Kenntnis darüber erhielt, dass man sich im Leistungssport der DDR mit dem Gedanken des Blutdopings beschäftigt. In diesem Zusammenhang muss beachtet werden, dass seit April 1986 das Blutdoping auf der Verbotsliste der Medizinischen Kommission des IOC steht, in Auswertung der Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles. Die gegenwärtigen Untersuchungen auf diesem Gebiet laufen außerhalb des Staatsplanthemas 14.25. Ein Hauptproblem stellt nach wie vor dar, wie die im Gefrierzustand befindlichen Blutkonserven im Falle der Anwendung in die Wettkampforte im kapitalistischen Ausland transportiert und dort sicher aufbewahrt werden können.“

Ist Blutdoping die ersehnte Wunderwaffe? Besorgniserregend, da weiterhin ungeklärt, findet sich das Thema Blutdoping noch an anderer Stelle. Im Zusammenhang mit dem Tod des Berliner Sportarztes Jürgen Stanzeit, der am 15. April 1991 vom Berliner Europacenter stürzte. Stanzeit hatte, so der Journalist Thomas Kistner am 20. 5. 1995 in der „Süddeutschen Zeitung“, sechs Jahre lang an einem Genforschungsprojekt zwischen Moskau und Jenapharm mitgearbeitet. Dabei sei es um Genmanipulation und Blutdoping gegangen. Kistner schrieb von Experimenten, die an sowjetischen und ostdeutschen Sportlern in entlegenen Trainingslagern vorgenommen worden seien. Tatsächlich wurden Athleten vom Oberhofer ASK und aus anderen Klubs regelmäßig zu Lehrgängen nach Minsk und Nowosibirsk verschickt. Stanzeits zurückgelassenen Unterlagen würde eine Liste westdeutscher Namen beiliegen, die Wissen hatten von dem Projekt.14) Warum dieser Tod? Was für Unterlagen? Welche Mitwisser? Wie weit gingen die unseligen Allianzen zwischen Ost und West?

Jenapharm war auf dem Gebiet der Genforschung rege, davon musste ausgegangen werden. Bereits im März 1984 hatte Oettels IM-Akte „Forschungen auf dem Gebiet der Gentechnik“ verzeichnet. Im gleichen Jahr äußerte er sich über den „hohen Stand der wissenschaftlichen Arbeiten der Genetika“ in der Sowjetunion. Mit drei bis fünf Jahren benannte er den sowjetischen Forschungsvorsprung gegenüber der DDR.

Am 31. 3. 1989 forderte Hauptmann Dh. Winter, Berliner Hauptabteilung XV der Staatssicherheit, bei der Quelle „Harry“, einem Justitiar der Berliner Schering AG, die „weitere Orientierung auf die Beschaffung interessanter Dokumente zur Konzernstrategie, zu gesetzgeberischen Aktivitäten auf dem Gebiet der Gen-Forschung und -Technologie sowie zur Außenhandelkonzeption“.

Tatsache ist, dass das perfektionierte Staats-Dopingsystem der DDR über die achtziger Jahren hinweg einerseits erodierte: Bis zu 20 Prozent der Sportärzte gaben ihr Berufsfeld auf, auch der Widerstand unter den Athleten gegen die verordneten Substanzeinnahmen wuchs. Andererseits bedeuten die Unterlagen des Geheimdienstes für den genannten Zeitraum den Sprung in eine neue Doping-Ära: Versuche am Menschen, ungeprüfte Kombinationen verschiedenster Substanzen, Blutdoping, Amphetamine, weiterhin Oral Turinabol und STS 646, B 12, reines Testosteron, Weckamine, Diuretika, Betablocker, psychotrope Substanzen, Nasensprays mit Androstendion, Opiate, Wachstumshormone – die Liste ist endlos. Von den zentral gesteuerten Doping-Konzeptionen war wenig übriggeblieben. Über das Land hatten sich längst Drogenringe gebildet, finanziert von der Staatssicherheit, von besonders agilen SED-Bezirksleitungen, von notorisch sieghungrigen Sportclubs, von prämienabhängigen Trainern, mitunter auch von erfolgreichen Athleten, die vermeintlich „weichere“ Stoffe aus dem Westen mitbrachten, um Geld zu verdienen.

Einsichten in die russischen Archive könnten klarstellen, mit welchen sowjetischen Präparaten das verdreckte DDR-Sportsystem in den achtziger Jahren herumhantierte. Schon wegen Höppners eigener IM-Akte – 1986 der letzte Bericht, der vierte, verschwundene Band im Mai 1987 angelegt, die gesamte Akte erst 1989 verplombt – muss seine Aussage im „Stern“ aus dem Jahr 1991 ernst genommen werden: „Nach dem Fall der Mauer wurde die Parole ausgegeben, sämtliche belastenden Papiere zu vernichten. Der nur mündlich weitergegebene Befehl kam von ganz oben. Zwischen November 1989 und April 1990 wanderten fast alle Dokumente in den Reißwolf.“

Dem war nicht so. Eine große Zahl von Archivunterlagen konnte das ostdeutsche Doping-System eindeutig belegen. Dessen ungeachtet fehlen Dokumente, insbesondere der letzten Jahre der DDR. Allein bei Betrachtungen zu den spätestens seit 1983 im DDR-Sport eingesetzten Wachstumshormonen muss man ins Stocken geraten: Bis 1985 wurden diese lediglich als extrahierte Produkte hergestellt, genauer aus den Hirnanhangsdrüsen von Leichen. Erst ein von Peter H. Seeburg entwickeltes Verfahren ermöglichte deren biosynthetische, d. h. gentechnische Herstellung im Westen. In Osteuropa blieb es zunächst bei dem ursprünglichen Verfahren der Hormongewinnung aus Leichen, bei der die Gefahr einer Infektion mit dem Aids erregenden HI-Virus, mit Hepatitis oder gar der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit besteht. Dabei sind beim Einsatz von Wachstumshormonen ohnedies erhebliche Nebenwirkungen angesagt: Veränderungen an inneren Organen, Herzmuskelschädigungen, Tumorbildungen, Veränderungen der Physiognomie durch einsetzendes Wachstum, besonders an Kinn, Zähnen, Fingern und Zehen.

„1988 ist im DDR-Sport das flächendeckende Doping mit Wachstumshormonen beschlossen worden“, wusste Höppner, doch seine Berichte aus jener Zeit fehlen.15) Ist es wahrscheinlich, dass die kurz vorm Zusammenbruch stehende DDR in der Lage war, ihre neue Doping-Runde mittels Einsatz der teuren westlichen Substanzen zu beschließen? Oder welche Produkte sind hier zur Anwendung gekommen und an wem?

 

Ines Geipel war Leistungssportlerin in der DDR und arbeitet heute als Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ und als freie Schriftstellerin.

 

Fußnoten

1Zu Manfred Ewald: BStU, MfS HAXX/Abt.: 10 NS-belastete MA; BStU, MfS HAXX/AKG-VSH; AP 644/56, AP 58770/92; zu Manfred Höppner: BStU ZA, MfS A637/79, Teil 1, Bd. 1; Teil 2, Bd. 1, 2, 3.

2 Aussage des medizinischen Gutachters Hellmut Mahler während des Berliner Prozesses 2000, zit. nach den Prozessunterlagen.

3 Aussage des Vorsitzenden Richters Dirk Dickhaus während des Berliner Prozesses 2000, zit. nach den Prozessunterlagen.

4 Vgl. Bericht in Der Spiegel, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-70417402.html [Stand: Juli 2012].

5 Vgl. Bericht in Der Spiegel, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13489385.html [Stand: Juli 2012], vgl. auch Focus, http://www.focus.de/ politik/deutschland/sportler-missbrauch-luegner-verbrecher_aid_208789.html [Stand: Juli 2012].

6 Zu Michael Oettel: BStU Gera X 747/78, Bd. 2.

7 Zu Manfred Höppner: BStU ZA, MfS A 637/79 Teil 2, Bd. 2.

8 Ebd.

9 Zu Alexander Schalck-Golodkowski: SAPMO, DL 2/KoKo 1096. Alle Zitate Schalck-Golodkowskis in diesem Text stammen aus dieser Quelle.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Zu Michael Oettel: BStU ZA Gera X 747/78, Bd. 2.

13 Zu Manfred Höppner: BStU ZA, MfS A 637/79 Teil 2, Bd. 2.

14 Zu Michael Oettel: BStU Gera X 747/78, Bd. 2.

15 Manfred Höppner: BStU ZA, MfS A 637/79 Teil 2, Bd. 3.

 


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