Jakubs Welt. Die Erinnerungen des Jack Terry.
Jack Terry und Alicia Nitecki, München (2005) 142 Seiten

Inhaltverzeichnis
Vorwort
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Inhalt

Vorwort
Zum Geleit

Jakubs Welt
Finsternis
Die Reise
Beide Seiten des Zauns
Drecksack!
Hitze
Wieder Kind
Eine neue Welt
Coda
Editorische Notiz

Flossenbürg? - Never heard!


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Vorwort
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Vorwort

Das Leben von Jakub Szabmacher, der seit mehr als einem halben Jahrhundert Jack Terry heißt, weist einen zeitlichen Bezugspunkt, ein Scharnier, auf, das - ohne selbst aus sich heraus Gehalt zu sein - den Anfang und das Ende, das Alpha und Omega dieser Vita repräsentiert. Dieses Datum ist der 23. April 1945, der Tag, an dem amerikanische Truppen das Konzentrationslager Flossenbürg befreien. Die Retter erhalten dem jüngsten Häftling, dem fünfzehnjährigen Jakub, das Leben, die Rettung selbst offenbart ihm, dass alles, was sein Leben bisher ausgemacht hat, ausgelöscht ist. Ihm wird klar: Er, alles, was seine Welt war, ist tot; er weiß: Etwas beginnt.

Die Lebensgeschichte von Jakub Szabmacher ist dabei zuerst die Aufzeichnung von Verbrechen; sie ergänzt die Gesamtgeschichte der Shoah um eine biografische Dokumentation, der es darum geht, die zerstörte Welt, die Jakubs Kindheit war, wieder erstehen zu lassen. Sprachliche Gegenwärtigkeit und kindliche Perspektivik erschaffen diesen Kosmos neu, sowohl das Ganze der zivilen jüdischen Dörflichkeit in der ostpolnischen Provinz wie auch das Detail einer Persönlichkeit und ihrer beginnenden Entwicklung. Die Zerstörung dieser Welt, Jakubs Welt, wird dann in ihrer beispiellosen Obszönität geschildert: Jakub beschreibt, wie vor, mit und an dem Kind, das er ist, Dinge geschehen, die völlig unfassbar sind. Er lebt aber fort, in Trance fast, ein wenig an Parzival erinnernd, freilich ohne jedoch, wie dieser, in einer Geschichte aufgehoben zu sein. Dieses Kind verliert alles, und lebt doch. Alles verloren zu haben, wird ihm klar, als es gerettet ist.

Der zweite Teil der Lebensgeschichte ist die Geschichte einer zweiten Rettung: Jakub gelingt es, sich zu befreien. Die äußere, die Zeitgeschichte hat ihn beschrieben, hat ihn als Opfer definiert. Würde er in solcher buchstäblichen Fremdbestimmung verharren, bloß die Wunden umtasten, nur dem Bitteren nachfühlen, einzig eben als Opfer leben, so hätte der Terror ihn doch noch besiegt. Jakub will aber ein eigenes Leben führen, ein neues, das frei neben dem vergangenen entsteht. Amerika, zumal New York, Jacks Heimatstadt, helfen dabei. Auch die Koautorin Alicia Nitecki versinnbildlicht in ihrer familiären Herkunft - sie ist die Tochter eines Mithäftlings von Jakub - den Anbeginn von etwas Neuem mit und gegenüber dem Alten.

Blickt Jack Terry auf Jakub Szabmachers Welt, so unterjocht sie ihn nicht. Es geschieht viel eher das, was Paul Celan 1952 in seinem Gedicht „Zähle die Mandeln” beschreibt:
„(...) Dort erst tratest du ganz in den Namen, der dein ist, (...) stieß das Erlauschte zu dir,
legte das Tote den Arm auch um dich,
und ihr ginget selbdritt durch den Abend. (...)”

Dr. Peter März
Werner Karg

Zum Geleit

Genau sechzig Jahre nach der Befreiung Jack Terrys aus dem Konzentrationslager Flossenbürg erscheint nun seine Lebensgeschichte - auf Deutsch zeitgleich publiziert mit der amerikanischen Originalausgabe. Dieses Werk ist ein bedeutendes Zeugnis für den Lebenswillen eines Menschen: Jack Terry - ursprünglich Jakub Szabmacher mit Namen - musste bereits in frühester Jugend die tägliche Bedrohung seines Lebens in den Gettos und Konzentrationslagern der Nazis erfahren und fand trotzdem nach seiner Rettung zu einem selbstbestimmten und erfüllten Leben.

Besonders junge Leserinnen und Leser werden sich mit Jakub identifizieren können, denn er war selbst noch ein Kind, als die Nazis 1939 in Polen ein-fielen und die Welt seiner Kindheit zerstörten und schließlich seine gesamte Familie töteten. Jack Terrys Autobiographie ist dadurch nicht nur die ergreifende Lebensgeschichte des Autors, sondern sie erzählt auch vom Willen und der Pflicht eines Menschen, sich selbst zu entwickeln und nicht aufzugeben. „Der Wille zu überleben`, so sagt Terry, „gehört wie ein fast tierischer Trieb zur menschlichen Natur.”

Ich bin Jack Terry, den ich in vielen Gesprächen persönlich kennen und schätzen gelernt habe, sehr dankbar für dieses wichtige Buch. Ich wünsche ihm, dass es zahlreiche Leserinnen und Leser findet - nicht nur, aber vor allem auch in den Schulen.

München, im April 2005
Monika Hohlmeier Bayerische Staatsministerin für Unterricht und Kultus

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