Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

 

Schicksale in Dachau: Häftlinge erinnern sich

 

Max Mannheimer

Von Auschwitz nach Karlsfeld und Mühldorf

Max Mannheimer, 1920 in Neutitschein in der Tschechoslowakei geboren, war nach dem Besuch der Handelsschule Kaufmannsgehilfe, dann Arbeiter im Straßenbau, als zuerst das Sudetenland und dann im Frühjahr 1939 das ganze tschechische Territorium als „Protektorat“ unter deutsche Herrschaft geriet. Im Januar 1943 wird die ganze Familie (Eltern, Brüder, Schwestern und die junge Frau Mannheimers) über Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. Als im August 1943 Häftlinge aus Auschwitz nach Warschau überstellt werden, sind unter ihnen auch Max Mannheimer und sein Bruder Edgar. Sie haben die Aufgabe, die Trümmer des Ghettos nach dem niedergeschlagenen Aufstand der Juden zu beseitigen. Im Juli 1944 werden diese Häftlinge, soweit sie noch leben, nach Dachau evakuiert.

Nach drei Wochen Quarantäne in Dachau geht es nach Karlsfeld. Wenige Kilometer von Dachau entfernt. Das Lager heißt O. T. Außenlager Karlsfeld. Es gibt Steinbaracken und Dreibettgestelle. Wie überall hält auch hier der Lagerälteste eine Rede, die wir schon kennen. Wir werden einzelnen Arbeitskommandos zugeteilt. Sager & Woerner heißt mein Kommando. Auf dem Gelände der BMW haben wir Hallen zu bauen. Die Arbeit besteht aus Zementtragen, Eisentragen. Dem Kommandoführer, SS-Hauptscharführer Jentsch, macht es Spaß, seinen Schäferhund auf die Häftlinge zu hetzen. Er gibt erst das Kommando „auslassen“, wenn das Opfer blutet. Nach einigen Tagen werde ich krank. Ich darf im Lager bleiben. Für leichte Arbeit. So heißt es. Leicht? Mit einem sehr alten Häftling, Albert Kerner aus München, transportiere ich mit einem Muli Leichen von Karlsfeld nach Dachau. Ins Hauptlager. Zur Verbrennung. Kerner geht neben dem Muli, der SS-Posten neben mir. Ich habe darauf zu achten, daß die Toten zugedeckt bleiben. Ein plötzlicher Windstoß hebt die Decken ab. Die Vorbeigehenden, hauptsächlich Frauen, machen erschrockene Gesichter. Leichen aus dem KZ sind kein schöner Anblick. In einem Block wird gebetet. Es sind meistens Juden aus Ungarn. Sie beten jeden Tag. Am Jom-Kippur – dem jüdischen Versöhnungstag – fasten sie sogar.

Politische Nachrichten werden verbreitet. Die Amerikaner und Engländer sollen sehr nahe sein. Wie nahe, kann niemand sagen.

Im Januar 1945 wird ein Kommando nach dem Außenlager Mühldorf verlegt. Mein Bruder gehört dem Kommando an. Jetzt sollen wir doch noch getrennt werden. Einer allein kommt schwerer durch. Freunde sind zwar gut – ein Bruder ist besser. Ich bleibe zurück. Ich denke an den braven Soldaten Schwejk, der sich nach dem Krieg um 5 Uhr mit seinem Freund im Wirtshaus zum Kelch treffen will. Wir werden uns schon finden, lautet unser gemeinsamer Trost.

Vierzehn Tage später wird ein Transport zusammengestellt. Meist sehr abgemagerte Häftlinge. Vorsichtig erkundige ich mich. Es soll nach Mühldorf gehen. Zur Arbeit. Ich melde mich. Die Sehnsucht nach meinem Bruder ist stärker als die Angst. Wir bekommen Verpflegung. Besteigen einen Güterzug. Die Fahrt dauert nur wenige Stunden. Ein kleines Lager. Holzbaracken. Wir werden auf die Blöcke verteilt. Ich finde meinen Bruder noch am gleichen Abend. Ich habe es geahnt, daß wir uns wiederfinden. Das Kommando, dem ich zugeteilt werde, baut eine unterirdische Flugzeugfabrik. Die Arbeit ist schwer. Die Verpflegung schlecht. Es gibt Läuse im Lager. Wo es Läuse gibt, gibt es Typhus. Ich bekomme Flecktyphus. Vierzehn Tage lang kann ich nichts essen. Inzwischen wurde die Krankenbaracke einmal „leergemacht“. Die Kranken wurden nach dem Lager Kaufering bei Landsberg gebracht. Ein Sterbelager.

Am 28. April 1945 kommt der Befehl zur Räumung des Lagers Mühldorf. Güterwagen stehen auf dem Gleis für uns bereit. Ich bin sehr abgemagert und muß direkt aus der Krankenbaracke in den Wagen geführt werden. Fünf Wochen Typhus haben mich sehr geschwächt. Auf meinen Bruder gestützt, erreiche ich den Wagen. Ich fühle mich in Sicherheit – geborgen. Nach einigen Stunden fährt der Transport los. Die Begleitmannschaft besteht nicht nur aus SS, sondern auch aus Wehrmachtsangehörigen. Das beruhigt uns ein wenig. In jeder kleinen Station bleiben wir stehen. Wir merken, daß wir nach Westen fahren. In Poing, unweit von München, bleiben wir länger stehen. Auf dem Nebengleis steht ein Zug mit Flakgeschützen. Plötzlich gibt es Alarm. Unsere Wachen, die den Zug umstellt haben, sind verschwunden. Ein amerikanischer Tieffliegerangriff richtet seine Geschosse auf die beiden Züge. Wir verlassen fluchtartig die Wagen und laufen in die Felder. Kann es wahr sein? Ist der Krieg zu Ende? Jedenfalls haben wir nicht mehr die Absicht, in die Wagen zurückzukehren. Einige Mithäftlinge kommen bei dem Fliegerangriff um. Jetzt, in letzter Minute. Auch ein Freund von uns. Ingenieur aus Prag. Fünf Jahre hat er durchgestanden. Umsonst.

Mit der Freiheit dauert es nicht lange. Plötzlich sind wir umzingelt. Die Posten schießen über unser Köpfe hinweg und treiben uns in die Waggons zurück. Der Transport fährt weiter. Es ist der 30. April 1945. Wir bleiben auf offener Strecke stehen. Von weitem sehen wir eine lange motorisierte Kolonne. Unsere Bewacher sind verschwunden. Wir öffnen die Waggons. Das Tor zur Freiheit. Einige hundert Meter von uns fährt eine amerikanische Militärkolonne. Wir sind frei. Wir können es nicht fassen. Ich bin zu schwach , um den Wagen zu verlassen.

Neben dem Zug errichten die Amerikaner eine provisorische Ambulanz. Zwei Sanitäter nehmen sich der Kranken an. Legen sie auf Feldbetten. Waschen sie. Geben ihnen Stärkungsmittel. Ambulanzwagen kommen. Die schwersten Fälle sollen in ein Krankenhaus gebracht werden. Wir sind wieder Menschen. Wir können in ein Krankenhaus gehen, ohne Angst zu haben. Wir sind frei.

Quelle: Dachauer Hefte 1 (1985), S. 126–128.

 


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