Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

 

Schicksale in Dachau: Häftlinge erinnern sich

 

Arthur Haulot

Ein Glücksfall im Lageralltag

Der Journalist Arthur Haulot, 1913 in Liége (Belgien) geboren, schloß sich nach dem deutschen Einmarsch in Belgien der Widerstandsbewegung an und wurde Ende Dezember 1941 von der Gestapo verhaftet. Im Juli 1942 wurde er ins KZ Mauthausen eingeliefert, vom 8. November 1942 an war er Häftling in Dachau. Nach der Befreiung am 29. April 1945 arbeitete er im Internationalen Gefangenenkomitee, zuletzt als dessen Leiter bis 6. Juni 1945. Zurückgekehrt nach Belgien war er bis 1978 Commissaire General du Tourisme. Aus dem Lagertagebuch, das Arthur Haulot von Januar 1943 bis Juni 1945 führte:

13. Mai 1943

Heute habe ich mit der Arbeit begonnen. Transport von Brot und Lebensmitteln. Ein harter Tag, aber nur deshalb, weil meine Füße schmerzen. Reichliche Nahrung. Schwere Arbeit. Aber ich bin in bewundernswerter Form und sehr glücklich, meine Muskeln gebrauchen zu können. Nachmittags ein wenig alltäglicher Glücksfall: Fahrt nach Dachau, um Behälter zu transportieren. Das beschert mir einen wunderschönen Ausflug, durch einen Park, einen Tannenwald, die Stadt. Ich komme mit tausend Dingen in Berührung, die ich seit sechs Monaten vergessen habe: Bächen, Fischen, Schwänen, verschiedenen Bäumen (riesigen und grandiosen Eichen, jungfräulichen Birken, vom Harz geschwollenen Tannen, duftenden Linden), süß riechenden Blumen (Flieder, Schneeball, Weiß- und Rotdorn), herausgeputzten Frauen in hübschen Kleidern, Schmetterlingen ähnelnd, Kindern jeden Alters, glücklichen Paaren, die lächelnd vorübergehen, Läden, Restaurants, kurz, dem ganzen realen und pulsierenden Leben! Jede Frau erinnert mich in einem Detail an Louise, jedes Kind an Freddou. Und ich kehre, voll überschwenglicher Freude, mit einer Marguerite zwischen den Lippen, ins Lager zurück.

Quelle: Dachauer Hefte 1 (1985), S. 160.

 


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