Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

 

Schicksale in Dachau: Häftlinge erinnern sich

 

Karl Wagner

Kapo und Kamerad

Der Stuttgarter Arbeitersohn Karl Wagner (1909–1983), gelernter Kunststeinarbeiter, seit Winter 1931 arbeitslos, hatte sich als überzeugter Gegner der Nationalsozialisten der KPD angeschlossen. Im März 1933 verhaftet, war er drei Monate im KZ Heuberg, setzte nach der Freilassung den Widerstand gegen das Hitlerregime fort und wurde im April 1935 zum drittenmal verhaftet, zu Gefängnis verurteilt und anschließend wieder ins KZ deportiert. Kurz vor Weihnachten 1936 wurde er in Dachau eingeliefert.

„Es war gegen Abend, als der Lkw vor dem Tor in Dachau anhielt, wir wurden vom Auto gejagt, mußten uns in einer Reihe aufstellen, wurden in die Effektenkammer eingewiesen, um unsere Klamotten umzutauschen, und durchschritten dann das Tor mit der berühmten Inschrift „Arbeit macht frei“. Nachdem wir uns auf dem Appellplatz aufgestellt hatten, erschien der Schutzhaftlagerleiter Baranowski, drall und schwammig, in einer geschniegelten SS-Uniform, um die Mundwinkel ein zynisches, sadistisches Grinsen. Jeder einzelne wurde gefragt, warum er hier sei. Als ich an die Reihe kam, antwortete ich wahrheitsgemäß, daß ich aus dem Gefängnis käme. Daß ich ein „Zweitmaliger“ war, sah er auch an dem Zeichen meiner Häftlingsuniform. Ich war nicht der einzige Zweitmalige, mit mir war Karl Ockenfuß aus Böblingen. Wir beide wurden von den übrigen Kameraden getrennt, und unsere Hoffnungen auf Anonymität zerplatzten wie Seifenblasen.

Wagner kam zunächst in die Strafkompanie, bemühte sich dann erfolgreich um die Funktion als Baukapo und stieg auf bis zum Lagerkapo. Er erstrebte und benützte das „Amt“, um Mithäftlingen zu helfen. Im April 1943 wurde Wagner Lagerältester (das war die höchste Häftlingsfunktion) im Außenlager Allach, und im Juli desselben Jahres demonstrierte er in einem beispiellosen Akt des Widerstandes Solidarität mit den Mitgefangenen:

Es war an einem Julitag des Jahres 1943 nach Feierabend. Die Kommandos rückten ins Lager ein. Aber im Gegensatz zu sonst lieferten die Posten und Postenführer die Häftlinge nicht am Lagertor ab. Heute marschierten auch sie mitsamt ihren Hunden ins Lager ein. Alle, die SS-Mannschaften und die Kameraden, stellten sich am Appellplatz auf. Ich beobachtete die seltsame Zeremonie. Ich fühlte, daß meine Stunde geschlagen hatte. Instinktiv versuchte ich, mich am anderen Ende des Apellplatzes ,kleinzumachen‘. Doch das nützte nichts. Plötzlich schrie (der Lagerführer, SS-Untersturmführer) Jarolin: ,Lagerältester!‘ und sämtliche Lagerinsassen mußten – wie das üblich war – seinen Ruf wiederholen und weitergeben. Ich hatte keine andere Wahl, ich mußte mich bei Jarolin melden.

Dieser hatte in der Zwischenzeit den gefürchteten Bock herbeischaffen lassen. Ein sowjetischer Häftling wurde aufgeschnallt, Jarolin gab mir den Befehl: ,Schlagen!‘

Ich antwortete: ,Ich schlage nicht!‘

Jarolin: ,Warum schlägt Du nicht?‘

Meine Antwort: ,Ich kann nicht schlagen!‘

Nun probierte es Jarolin mit dem Zuckerbrot: ,Versuchs‘, befahl er.

Meine erneute Antwort: ,Ich schlage nicht.‘

Jetzt spielte Jarolin den wilden Mann, zog die Pistole und brüllte: ,Du Kommunistenschwein, das hatte ich doch gewußt!‘ In diesem Moment rechnete ich damit, abgeknallt zu werden. Ich riß meine Lagerältestenbinde vom Arm und warf sie auf den Bock. Jarolin aber drückte nicht ab, er gab lediglich den Befehl, mich abzuführen.

Ich wurde in den Arrestbau gebracht. Fünf Tage lang saß ich im Allacher Bunker, danach wurde ich nach Dachau gebracht und mit sechs Wochen Dunkelarrest bestraft. Anschließend erhielt ich 25 Stockhiebe.

Quelle: Dachauer Hefte 7 (1991) S. 57; Karl Wagner, Ich schlage nicht, Karlsruhe 1980, S. 35–37.

 


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