Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

 

Schicksale in Dachau: Häftlinge erinnern sich

 

Stanislav Zámečnik

Das Krankenrevier

Stanislav Zámečnik, geboren am 12. November 1922 in Nirnice, Kreis Ungarisch Brod in der Tschechoslowakei, war am 22. Februar 1941 mit der Häftlingsnummer 23947 in Dachau zur „Schutzhaft“ eingeliefert worden. Der 19jährige arbeitete zuletzt als Pfleger im Krankenrevier. Nach der Befreiung, Ende April 1945, kehrte er in seine Heimat zurück und studierte Geschichte. Er lebt als Historiker in Prag.

Die Zeit der physischen und psychischen Anpassung an das Lager war besonders schwer. Die meisten Häftlinge starben während der ersten drei Monate. Mein Kamerad Zdeněk Meloun gelangte zu der Auffassung, daß ihm eine Ruhepause im Lagerhospital vielleicht das Leben retten würde. Er entschloß sich daher, heftige unerträgliche Kopfschmerzen zu simulieren. Bei den Prozeduren, die als „Arztmeldungen“ bezeichnet wurden, waren wir täglich Zeugen häßlicher Szenen, die sich mit den angeblichen Simulanten abspielten. Daher versuchten wir, ihm sein Vorhaben auszureden. Er hörte jedoch nicht auf unsere Einwände und wurde erstaunlicherweise sogar im Revier aufgenommen. Nach etlichen Tagen kehrte er jedoch ohne Blinddarm in den Arbeitsblock zurück. Es gab eine ganze Reihe von SS-Ärzten, die sich in Chirurgie spezialisieren wollten und die Operationserfahrung benötigten. Da entsprach der Körper eines neunzehnjährigen Burschen, der noch in einigermaßen guter körperlicher Verfassung war, den Erfordernissen besser als ein Leichnam, der normalerweise solchen Zwecken dient.

Im Lager Dachau breitete sich eine Krätze-Epidemie aus. Bei einer der üblichen Untersuchungen teilte mich der Oberpfleger Zimmermann kurz nach meiner Einlieferung als Kranker ein. Ich hatte eine kleine Eiterblase an der Schulter, die ihm verdächtig zu sein schien. Wir wurden in den Isolierblock Nr. 9, den sogenannten Krätzeblock, abgeführt. In einer Stube waren ca. 250 Häftlinge zusammengepfercht, die nur mit ihrer Unterwäsche bekleidet waren. Keinerlei Einrichtungsgegenstände, lediglich Strohsäcke waren vorhanden. Es gab nicht einmal Decken. So hoffte man, die Übertragung der Krätze zu verhindern. Während der Nächte drückten wir uns in großen Knäueln aneinander, um uns, ohne Rücksicht auf die Krätze, auf diese Weise wenigstens etwas zu wärmen. Teil der Anti-Krätzetherapie war eine Diät. Irgend jemand war anscheinend auf die Idee verfallen, daß die Epidemie auf Überfressen zurückzuführen sei. So erhielten die Kranken während der ersten vierzehn Tage lediglich eine Portion Brot. Als ich hinzukam, gab es bereits eine „Krätzediät“. Sie bestand aus Wasser mit etwas Grieß oder Graupen, manchmal schwammen auch einige Stärkekügelchen darin herum, die man als künstliches Sago bezeichnete. Dann hörte man auf, diese „Spezialität“ zu kochen, und wir erhielten die normale Gefangenensuppe. Das grausame Hungergefühl wurde noch dadurch verstärkt, daß wir pausenlos über das Essen redeten. Wir waren völlig unfähig, an etwas anderes zu denken.

Die Todesrate auf diesem Block war sehr hoch. Die Gefangenen starben an Lungenentzündung. Dauerregen und Frosttage mit Schneeregen wechselten sich ab. Aber ohne Rücksicht auf die Wetterlage mußten wir zweimal täglich in der Unterwäsche vor dem Block zum Appell antreten und einmal wöchentlich eine Badeprozedur absolvieren. In den Baderaum paßte nur ein Teil der Belegschaft gleichzeitig, jedoch wurde der gesamte Block geschlossen hingeführt. Wenn dann schließlich alle gebadet hatten, kehrten wir gemeinsam zurück. Jede Gruppe wurde heiß geduscht, dann einer Kontrolle unterzogen und in Gesunde und Kranke aufgeteilt. Anschließend wurden die Kranken mit einer Teer- bzw. Schwefelsalbe eingerieben. So aufgewärmt, wurden wir dann in die häßliche Vorfrühlingswitterung hinausgejagt. Das Ganze dauerte viele Stunden, bis schließlich alle durchgeschleust waren. Diejenigen, die sich dabei eine Lungenentzündung holten, lagen ohne ärztliche Hilfe und ohne Decke auf den Strohsäcken. Der geschwächte Organismus konnte der Krankheit keinen Widerstand entgegensetzen. So starben sie schnell, häufig ohne das sonst übliche hohe Fieber. Damit war die Heilbehandlung der Krätze in Wirklichkeit eine barbarische Strafe. Jeder Häftling sollte sich bewußt sein, daß es sich nicht auszahlte, die Krätze zu bekommen. Ich hatte Glück, daß ich sie nicht einmal im Krätzeblock bekam, und so wurde ich nach 14 Tagen wieder entlassen.

Dann arbeitete ich in der Plantage. Es war bereits Frühjahr, doch es war kalt und regnerisch. Häufig fiel Schneeregen. Abends zogen wir unsere nassen Klamotten aus, und morgens mußten wir sie wieder naß anziehen. Obwohl kein Frost mehr herrschte, bildeten sich an meinen Händen und Ohren bösartige Blasen, die sich bald in tiefe Frostwunden verwandelten. Einmal wöchentlich kam ich zum Verbandswechsel in die Ambulanz, wo ich auf die Wunden „Lebertran“ erhielt sowie einen Papierverband, der jedoch an den Ohren überhaupt nicht hielt. In den Konzentrationslagern war Unauffälligkeit eine der Voraussetzungen zum Überleben. „Nur nicht auffallen!“ legten die Erfahrungen nahe. Ein Kopfverband bedeutete geradezu ein Unglück. Sein Träger kam bei den verschiedenen Schikanen jeweils als erster an die Reihe. „Der Kretiner mit dem Verband“ – außer den sadistischen SS-Männern schlugen auch einige der Kapos mit viehischem Vergnügen direkt auf den Verband. Vor allem auf der linken Hand sahen meine Wunden allmählich gefährlich aus. An einem Teil des Handrückens und an den unteren Gliedern zweier Finger waren Sehnen und Knochen freigelegt. Ich fragte den polnischen Pfleger, ob ich denn nicht im Revier Aufnahme finden könnte. Doch dieser warnte mich. Zur Aufnahme sei nur Heiden berechtigt, und es wäre nicht ratsam, ihm meine Hand zu zeigen, sonst würde er mir sicherlich beide Finger, möglicherweise sogar die ganze Hand amputieren. Ich hatte keinen Grund, an dieser Aussage zu zweifeln. War ich doch selbst Zeuge einer solchen Fingeramputation gewesen, die gegen den Willen des Patienten direkt in der Ambulanz vorgenommen worden war. Als dieser aus einer leichten Chloräthylbetäubung wieder zu sich kam und angesichts seiner verstümmelten Hand protestierte, beförderte ihn Heiden mit Fußtritten aus dem Revier. Mein Kapo, ein Sudetendeutscher namens Wamzer, behandelte mich anständig und teilte mich für eine leichtere Arbeit ein. Im Mai wies er mich dem Treibhaus zu. Nach etlichen Monaten verheilten die Wunden.

Zum Herbstbeginn 1941 wurde ich zusammen mit 19 jungen Polen im Alter von 17 bis 20 Jahren als „Schüler“ im Revier aufgenommen. Niemand informierte uns darüber, daß wir nach der Schulung nach Auschwitz geschickt werden sollten; das erfuhren wir erst später. Ich wurde der Abteilung der sogenannten gefallenen Engel auf der ersten Stube des Blocks 1 zugeteilt. Dort lagen SS-Männer aus SS-Straflagern. Als Pfleger arbeiteten dort zwei eingedeutschte Polen, die offenkundig heimlich von der SS-Kost ihrer Patienten schmarotzten. Sie gaben mir gleich unmißverständlich zu verstehen, daß ich unerwünscht sei. Die Patienten fingen sogleich an, mir Befehle zu erteilen und mich mit „Du Polacke“ zu titulieren. Es gab unter ihnen etliche unangenehme Gesellen.

Quelle: Dachauer Hefte 4 (1988), S. 129–131.

 


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