Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Tschechien

 

Wandzeitung

 

Im Jahr 1989 stürzten die Tschechen in der „Samtenen Revolution“ das kommunistische Regime und machten sich auf den Weg „zurück nach Europa“. Rasch und erfolgreich wurde die wirtschaftliche Transformation vollzogen. 1999 erfolgte die Aufnahme in die NATO, 2004 in die EU. Zu Jahresbeginn 2009 übernahm Tschechien erstmals die EU-Ratspräsidentschaft, leitet also die europäischen Angelegenheiten sechs Monate lang. Ein Überblick über Geschichte, Politik, Wirtschaft und aktuelles Geschehen soll uns unseren östlichen Nachbarn etwas näher bringen.

Tschechische Republik (Česká republika), Kurzform Tschechien (Česko)

Staatspräsident: Václav Klaus (seit 2003, wiedergewählt 2008)
Regierungschef: übergangsweise Jan Fischer (parteilos)
Einwohner: 10,3 Mio.
Bevölkerung: 94,2% Tschechen, davon 3,7% Mähren und 0,1% Schlesier (beide Bezeichnungen offiziell erlaubt, aber eher ein Ausdruck des Regionalstolzes, 1991 gaben noch 13% mährisch an) 1,8% Slowaken, 0,5% Polen, 0,4% Deutsche, 0,1% Roma (tatsächliche Anzahl auf 3% geschätzt)
Religion: 27% Katholiken, 2% Protestanten, 59% Konfessionslose
BIP: 12 300 € pro Kopf, entspricht 82% des EU-Durchschnitts (Platz 17 der EU)
Arbeitslosigkeit: 5% (Nov. 2008)
Durchschnittslohn: 780 € (2008)

 

Die Wenzelskrone

Das Gebiet der heutigen Republik Tschechien war im Altertum von Kelten besiedelt. Laut römischen Quellen nannte sich der hier wohnende keltische Stamm Bojer und nach ihm bezeichneten die Römer das Land. Boiohaemum nennt es Tacitus in seiner Schrift Germania. Daraus wurde im späteren Latein Bohemia (ital. Boemia, frz. Bohème), im Deutschen Böhmen. Der Name Böhmen für das Land hat also eine lateinische Wurzel und wurde über die Jahrhunderte hinweg verwendet, auch nachdem keine Bojer mehr dort lebten. Diese wurden nämlich ab dem 1. Jh. v. Chr. von germanischen Völkern verdrängt, zunächst den Markomannen und Quaden, später den Langobarden und anderen Stämmen. In der Zeit der  Völkerwanderung zog es diese Germanen in die Gebiete des Römischen Reichs – ein Teil von ihnen, der sich zwischen Donau und Alpen ansiedelte und mit der noch ansässigen Bevölkerung zu einem neuen Stamm verschmolz, wurde von seinen Nachbarvölkern die „Männer aus Böhmen“ genannt, die Baiavarii oder Bajuwaren. Ab Mitte des 6. Jh. n. Chr. ließen sich von Osten her kommend slawische Stämme in Böhmen nieder, um 530 sind die ersten slawischen Siedlungen in Mähren nachweisbar. Die Slawen lebten als einfache Bauern in vielen kleinen Stämmen. Erst im Laufe der Zeit gelang es einzelnen Kleinfürsten aufgrund gestiegener wirtschaftlicher und militärischer Macht, die anderen zu unterwerfen und deren Gebiet ihrer Herrschaft einzugliedern.
 
Solch ein erster Einigungsprozess fand Anfang des 8. Jh. auf mährischem Gebiet statt, wo unter der Dynastie der Mojmiriden das Großmährische Reich entstand (ca. 830 - ca. 906). In seiner Blütezeit war es ein mächtiger Gegenspieler des (ost)fränkischen Reichs. Die Mojmiriden beriefen 863 die beiden aus Byzanz stammenden Slawenapostel Kyrillos und Methodios ins Land, die dem Christentum in Mähren zum Durchbruch verhalfen (der Tag ihrer Ankunft, der 5. Juli, ist heute ein Feiertag). Die von ihnen mitgebrachte slawische, also in der einheimischen Sprache verfasste, Liturgie konnte sich jedoch nicht durchsetzen und der böhmisch-mährische Raum wurde ein Teil der westeuropäisch-lateinischen Christenheit. Von inneren Streitigkeiten geschwächt ging das Großmährische Reich um 906 gegen die Ungarn unter.

Die Stämme im Westen des heutigen Tschechien hatten nur zeitweise zum Großmährischen Reich gehört, sie gerieten unter die Oberherrschaft des fränkischen Reichs. Schon Karl der Große hatte 806 die „Boemani“ zu Tributzahlungen gezwungen. Einer der tributpflichtigen Fürsten, Bořivoj vom Stamm der Tschechen, konnte Ende des 9. Jh. die übrigen Kleinfürsten unter seine Herrschaft bringen. Bořivoj war Mitglied der Familie der Přemysliden, die ihren Sitz auf der Burg Hradschin (Hradčany) auf einem Hügel überhalb der Moldau (Vltava) und einer damals noch kleinen Ansiedlung namens Praha (Prag) hatte. Zur Symbolfigur des neuen Staates wurde Bořivojs Enkel Václav (Wenzel). 921 an die Macht gekommen, war er politisch ein eher unbedeutender Herrscher, der die Oberhoheit des deutschen Kaisers Heinrich I. kampflos anerkannte. Dies missfiel seinem tatkräftigen jüngeren Bruder Boleslaw, der die Unabhängigkeit Böhmens von der deutschen Krone anstrebte. Er setzte Wenzel 929 (nach einer anderen Quelle 935) ab und ließ ihn ermorden. 950 musste er sich aber seinerseits dem deutschen König Otto I. unterwerfen. Wenzel jedoch wurde von der Kirche zum Märtyrer stilisiert, später heiliggesprochen und zum Schutzpatron des Landes erhoben. Nach ihm wird die tschechische Krone Wenzelskrone genannt.

Die Beziehungen zum Deutschen Reich wurden mit der Zeit immer enger. Waren die deutschen Herrscher zunächst mit Tributzahlungen als Ausdruck ihrer Oberhoheit und später mit Treueeiden der tschechischen Herrscher zufrieden, so setzte sich bald die förmliche Belehnung durch den deutschen König in einer feierlichen Zeremonie mit einem Lehnseid des tschechischen Fürsten durch – erstmals bei der Einsetzung von Herzog Jaromír 1004 durch König Heinrich II. Ab diesem Zeitpunkt kann man von einer Zugehörigkeit Böhmens zum Deutschen Reich sprechen. Allerdings behielt Böhmen eine Sonderstellung, denn der deutsche König konnte immer nur dem Herrscher das Lehen erteilen, den die Tschechen selbst bestimmt hatten. Die böhmischen Fürsten waren nicht zur Heerfolge für den Kaiser verpflichtet und es gab in Böhmen kein deutsches Reichsgut. Auch die Erhebung Böhmens zum Königreich 1197 durch den deutschen Kaiser zeigt die eigenständige Stellung, die Böhmen innerhalb des Reichsverbandes hatte.

Im Jahr 1019 konnten die Přemysliden das von ungarischer Vorherrschaft frei gewordene Mähren gewinnen. Es blieb fortan ein Teil der böhmischen Krone, hatte aber als Markgrafschaft seine eigenen Institutionen wie Landtag und Landgericht. Dagegen kam die Slowakei endgültig zum ungarischen Königreich, zu dem sie bis zu dessen Ende 1918 gehörte.

Deutsche Siedler in Böhmen und Mähren

Im 13. Jh. wanderten in großer Zahl deutsche Siedler – Bauern, Bergleute, Handwerker und Kaufleute – nach Böhmen ein. Gerufen wurden sie von den přemyslidischen Herrschern, die Menschen für die nur sehr spärlich besiedelten gebirgigen Randregionen des tschechischen Raums suchten: den Böhmerwald (Šumava), das Erzgebirge (Krušné hory) und das Sudetengebirge (Sudety) – im 20. Jahrhundert zusammenfassend als Sudetenland bezeichnet. Die Zuwanderer kamen überwiegend aus den benachbarten Regionen: Bayern, Sachsen und Schlesien. Bauern bekamen ungenutzes Ödland, Wald und Sumpfgebiet zugewiesen, das sie zu roden und urbar zu machen hatten. Bergleute zogen zu den Fundorten von Eisen-, Kupfer- und Zinnerzen im Böhmerwald und im Erzgebirge, das nicht umsonst diesen Namen trägt, sowie zu den Silberminen von Kuttenberg (Kutná Hora) und Iglau (Jihlava). Letztere lieferten im Spätmittelalter ein Drittel der gesamten europäischen Silberproduktion und machten die böhmischen Herrscher reich. Deutsche Handwerker und Kaufleute siedelten sich in den Städten an, in Prag (Praha), Brünn (Brno) oder Olmütz (Olomouc). Es wurden auch viele Städte gänzlich neu gegründet. Ihre gezielte Planung zeigt sich noch heute im Stadtgrundriss mit einem zentralen Marktplatz, meist Ring genannt, und den rechtwinklig verlaufenden Straßen. Solche Neugründungen sind beispielsweise Budweis (české Budějovice), Pilsen (Plzeň) oder Klattau (Klatovy).
Die böhmischen Könige verfolgten mit der Einladung deutscher Siedler das Ziel, durch Einführung von modernem „Knowhow“ die Wirtschaftskraft ihres Landes zu erhöhen. Sie taten letztendlich nichts anderes als heutige Staaten, die versuchen, gut ausgebildete Fachkräfte anzuwerben. Und die Deutschen brachten dieses Fachwissen mit: die Dreifelderwirtschaft, den eisernen Pflug, die Egge, Kummet (Pferdegeschirr) und Hufeisen, Wasser- und Windmühlen, neue Methoden in Bergbau, Glas- und Textilindustrie.
 
Mit dieser Zuwanderung der Deutschen wurde Böhmen ein zweisprachiges Land. Das führte zu Assimilierungsprozessen vom Tschechen- zum Deutschtum und umgekehrt, was sich etwa in den Familiennamen zeigt: Tschechische Politiker hießen Zdeněk Fierlinger, Klement Gottwald oder aus heutiger Zeit Václav Klaus oder Jiři Dienstbier, sudetendeutsche Politiker hießen Ludwig Czech oder Erwin Zajiček. Bis heute sind im Tschechischen viele aus dem Deutschen stammende Wörter erhalten geblieben, gerade für den alltäglichen Bereich: Da gibt es drát (Draht) und šroub (Schraube), knedlík (Knödel) und špenát (Spinat), kšeft (Geschäft) und špychar (Speicher), Kram (krám), štych (Stich), špás (Spaß), trefa (Treffer) und viele andere.

Karl IV. und Jan Hus

Als im Spätmittelalter die Macht des deutschen Königs und Kaisers immer mehr verfiel und das Reich in kleine Territorien zersplitterte, wurde der König von Böhmen mit seinem großen geschlossenen Gebiet zu einem der mächtigsten Fürsten im Deutschen Reich und gehörte zu den sieben Kurfürsten. Unter der Dynastie der Luxemburger (1310-1437) erreichte Böhmen zunächst seinen glanzvollen Höhepunkt und stürzte kurz darauf in den religiösen Bürgerkrieg.

Karl (Karel) IV., 1346-1378 böhmischer König und zugleich römisch-deutscher Kaiser, war der bedeutendste Herrscher auf dem böhmischen Thron. Während seiner Regierung wurde Prag nicht nur die politische „Hauptstadt“ des Deutschen Reichs, es stieg auch zum kulturellen Zentrum Deutschlands auf und erlebte sein „Goldenes Zeitalter“. Karl, selbst hochgebildet und mehrsprachig (darunter auch tschechisch), gründete in Prag die erste deutsche Universität (1348) und zog viele Gelehrte und Künstler in die Stadt, die sich an kultureller Ausstrahlungskraft mit anderen europäischen Metropolen wie Paris oder Florenz messen konnte.

Territorial gewann Böhmen seine größte Ausdehnung. 1322 kam das Egerland hinzu, 1335 Schlesien (ging 1742 verloren bis auf einen kleinen Rest, der Mährisch-Schlesien genannt wird) und 1368 die Lausitz (bis 1635). Diese Länder hat Karl staatsrechtlich zu einer Einheit, genannt die Krone Böhmens (Corona Regni Bohemiae), zusammengefasst, in der sich bald ein starkes Landesbewusstsein entwickelte, an dem Tschechen wie Deutsche gleichermaßen teilhatten.

Das Anwachsen von Macht und Reichtum in Böhmen, gerade auch bei der Kirche, brachte eine Reformbewegung hervor, die die Missstände in der Kirche – den Luxus des hohen Klerus, Ämterkauf, Ablasshandel – anprangerte und unter der armen Bevölkerung in der Stadt und im ganzen Land auf regen Widerhall stieß. Der wortgewaltige Prediger Jan Hus (1372-1415), der Führer der Bewegung, wurde vom Kirchenkonzil in Konstanz aufgefordert, seine Lehren vorzutragen. Trotz des freien Geleits, das ihm Kaiser Sigismund zugesichert hatte, ließ ihn das Konzil verhaften und erklärte seine Schriften für ketzerisch. Nach Verweigerung des Widerrufs wurde er 1415 in Konstanz öffentlich verbrannt. Dies führte in Böhmen zur Radikalisierung der Bewegung und schließlich zur hussitischen Revolution. Dabei vermischten sich religiöse und soziale Forderungen, und da die zugewanderten Deutschen damals die führenden Stellungen im Klerus und in den Städten innehatten, bekam die Bewegung einen antideutschen Anstrich. Eine hussitische Gegenkirche entstand, deren Ausdruck die Darreichung des Abendmahls in beiderlei Gestalt war – sub utraque specie, daher Utraquisten genannt. Eine radikalere Gruppe, die Taboriten, wollte ganz nach den Idealen der urchristlichen Gemeinde (Gemeinbesitz, keine staatliche Autorität) leben. Als der Papst 1420 zum Kreuzzug gegen die „ketzerischen“ Hussiten aufrief, unternahm Kaiser Sigismund mehrere Feldzüge zur Eroberung Böhmens, wurde aber vom hussitischen Heer unter Führung von Jan Žižka, später unter Prokop Holý (Prokop der Kahle) zurückgeschlagen. Schließlich musste er 1436 die hussitischen Forderungen (Laienkelch, Enteignung der Kirche) weitgehend anerkennen. In Böhmen galt fortan Religionsfreiheit.

Am Ende der Hussitenkriege waren 70 Prozent der Bevölkerung Böhmens Utraquisten (sie gingen im 16. Jh. zum größten Teil zum Protestantismus über). Eine Folge davon war, dass 1439 ein Hussite, Jiři Poděbrady, Regent der böhmischen Länder wurde, 1457 auch König. Er war der erste protestantische König Europas und zugleich der letzte Tscheche auf dem böhmischen Thron.

Die Zeit des Temno

1526 bestiegen die streng katholischen Habsburger den böhmischen Thron. Gegen die Mehrheit der hussitisch-protestantischen Bevölkerung wagten sie zunächst nicht vorzugehen. Das änderte sich erst nach dem Aufstand der böhmischen Stände (Prager Fenstersturz) und ihrer Niederlage in der Schlacht am Weißen Berg 1620. Es folgten Hinrichtungen der Anführer, Enteignung der Aufständischen, Zwangsbekehrung und Vertreibung von Protestanten. Der Katholizismus wurde zur einzigen Konfession erhoben, der böhmische Adel musste katholisch werden oder auswandern. Ein großer Teil der gebildeten Oberschicht hat damals Böhmen verlassen (z.B. der Pädagoge Jan Amos Komenský, genannt Comenius). Deutsch wurde zur gleichberechtigten Amtssprache, Tschechisch in der Folgezeit immer mehr aus dem öffentlichen Leben zurückgedrängt. In kaum einem anderen Land wurde die Gegenreformation so rigoros und gnadenlos durchgesetzt wie in Böhmen.

Im 19. Jh. hat man die Zeit nach 1620 als temno (Finsternis) angesehen – so der Titel eines Romans von Alois Jirásek. Es war die Zeit der habsburgischen Fremdherrschaft, der Verlust der Religionsfreiheit und der kulturellen Unterdrückung. Ihr wurde als Gegenbild die Zeit der böhmischen Reformation und der nationalen Eigenständigkeit gegenübergestellt. Jan Hus stieg zum tschechischen Nationalheros auf, der Tag seines Todes (6. Juli) ist heute ein Feiertag. Dem Katholizismus dagegen haftete immer der Makel einer aufgezwungenen Religion an. Nach der Gründung der Tschechoslowakei traten viele Menschen aus der katholischen Kirche aus. Die Zahl der Konfessionslosen ist bis heute (verglichen z.B. mit Polen) sehr hoch.

Nationales Erwachen

Das nationale Erwachen der Tschechen begann mit der „Wiederentdeckung“ der eigenen Sprache und Kultur. Joseph Dobrovský, der Begründer der Slawistik, verfasste eine Geschichte der böhmischen Sprache und legte den Grundstein für das moderne Tschechisch. František Palacký schrieb eine vielbändige Geschichte Böhmens aus tschechischer Sicht. Es entstand eine tschechische Literatur (bekannte Namen sind Karl Hynek Mácha oder Jan Neruda), tschechische Komponisten (Bedřich Smetana, Antonín Dvořák) verarbeiteten nationale Stoffe. Zu gefeierten Symbolen der Wiedergeburt wurden das als Gegeninstanz zum deutschen Landestheater entstandene Nationaltheater und das Nationalmuseum.
 
Eine politische Dimension bekam die Nationalbewegung erstmals 1848, als Palacký die Einladung, als böhmischer Abgeordneter am gesamtdeutschen Frankfurter Parlament teilzunehmen, ablehnte, da er sich nicht als Deutscher sah. Statt dessen organisierte er als Gegenveranstaltung in Prag einen Slawenkongress (2.-12. Juni 1848) mit Vertretern aller slawischen Völker Österreichs, der die Umwandlung der Habsburgermonarchie in einen Bundesstaat mit voller Autonomie der slawischen Völker forderte (der so genannte Austroslawismus).
 
Der österreichisch-ungarische Ausgleich von 1867 verschärfte die politische Auseinandersetzung. Die Habsburgermonarchie wurde in eine Union zweier selbstständiger Staaten umgewandelt, denen derselbe Herrscher, Franz Joseph, vorstand. Böhmen, Mähren und Mährisch-Schlesien, die Länder der Krone Böhmens, gehörten zum öster-reichischen Reichsteil. Für diese Länder, die nun als die „historischen Länder“ bezeichnet wurden, forderten die Tschechen einen weiteren Ausgleich, konnten sie doch wie die Ungarn auf eine ebenso lange Tradition der Krone Böhmens verweisen. Zwar erreichten die Tschechen einige Verbesserungen wie die Anerkennung von Tschechisch als Amtssprache, doch die Gewährung einer Autonomie nach dem Vorbild Ungarns scheiterte am erbitterten Widerstand der deutschsprachigen Bevölkerung, da diese sie zu einem Minderheitenvolk in den historischen Ländern gemacht hätte. Das noch bis weit ins 19. Jh. hinein vorherrschende Gefühl, Böhme zu sein (nicht Tscheche oder Deutscher), ging in dieser nationalen Auseinandersetzung unter. Die Deutschböhmen begriffen sich nun immer weniger als Böhmen, als Bewohner des Landes Böhmen, sondern gemäß ihrer Sprache als Deutsche. So tauchte zu Beginn des 20. Jh. der Begriff der Sudetendeutschen (und des Sudetenlandes) als Eigenbezeichnung auf und wurde nach 1918 allgemein verwendet.

Die Gründung der Tschechoslowakei

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges war Tomáš Garrigue Masaryk (1850-1937) einer der führenden Köpfe der tschechischen Nationalbewegung. Masaryk, seit 1882 Professor für Philosophie an der damals neu gegründeten tschechischen Universität in Prag, vertrat liberale Gedanken. Er sprach sich gegen einen übertriebenen tschechischen Nationalismus aus und führte 1899 eine Kampagne gegen Antisemitismus. 1891-93 und erneut 1907-14 war er Abgeordneter im österreichischen Reichsrat. Kurz nach Kriegsausbruch ging er aus Angst vor Verhaftung ins Exil nach Paris. Dort schlossen sich ihm Eduard Beneš (1884-1948) und der Slowake Milan Štefánik (1880-1919) an. Gemeinsam gründeten sie den „Nationalrat“, der die Errichtung eines tschechoslowakischen Staates propagierte: völlige Unabhängigkeit der „historischen Länder“ und deren Zusammenschluss mit den ethnisch verwandten Slowaken. Masaryk argumentierte dabei hinsichtlich der Slowaken mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, berief sich aber andererseits auf das „historische Recht“, d.h. die historischen Grenzen, der böhmischen Länder und überging damit das Selbstbestimungsrecht der hier lebenden Sudetendeutschen. Dennoch gelang es ihm, die Unterstützung der Alliierten für seinen Plan zu finden. Als der österreichische Kaiser Karl I. am 17. Oktober 1918 zur Rettung der Habsburgermonarchie den Umbau des Staates in eine Föderation vorschlug, kam dieser Versuch zu spät. Masaryk antwortete einen Tag später von Washington aus mit der Ausrufung der tschechoslowakischen Republik (čSR), die von den Alliierten anerkannt wurde. Damit war ein neuer Staat entstanden und sein Schöpfer Masaryk wurde erster Präsident (bis 1935).

Seiner ethnischen Zusammensetzung nach war die čSR ein Vielvölkerstaat. Die Einbeziehung des Sudentenlandes gegen den Willen der dort lebenden drei Millionen Deutschen und die mehr nach wirtschaftlichen und strategischen als nach ethnischen Gesichtspunkten vorgenommene Grenzziehung gegenüber Ungarn führte zu einem hohen Prozentsatz nationaler Minderheiten. Die offizielle staatstragende Nation waren die Tschechoslowaken – eine künstliche Konstruktion, da die Slowaken sich aufgrund ihrer anderen Geschichte und auch ihrer abweichenden Sprache durchaus als eigenes Volk betrachteten, nicht als Anhängsel der Tschechen. Die ihnen von Masaryk noch vor der Staatsgründung zugesicherte Selbstverwaltung ihres Landesteils wurde nicht umgesetzt, was die Slowaken in zunehmende Distanz zum Staat führte. Der Wunsch der Tschechen, zusammen mit den Slowaken eine eindeutige slawische Mehrheit bilden zu können, erfüllte sich nicht.

Bevölkerungsgruppen in der ČSR:

Tschechen und Mähren 50,8 %
Deutsche 23,4 %
Slowaken 14,7 %
Ungarn 5.6 %
Ruthenen 3,5 %
Polen 0,6 %

Demokratie, die die Rechte des Einzelnen schützte. Die nationalen Minderheiten konnten ihre Kultur weiterhin pflegen, hatten eigene Schulen und Zeitungen, in ihrem Gebiet war die eigene Sprache im allgemeinen anerkannt. Eine rigorose Assimilierungspolitik fand nicht statt. Andererseits waren die Volksgruppen nicht gleichberechtigt. Die nationalen Reibereien und alltäglichen kleinen Diskriminierungen wie vor dem Ersten Weltkrieg gingen weiter, nur jetzt mit umgekehrten Vorzeichen. Bitter für die deutsche Minderheit war z.B. das Sprachengesetz von 1926, das von jedem Staatsangestellten die Kenntnis des Tschechischen verlangte. Viele konnten diese nicht nachweisen und wurden deshalb entlassen.

Das Münchner Abkommen

Doch nach anfänglicher Totalablehnung arrangierten sich die Deutschen mit dem neuen Staat. Ab 1926 bildeten sudetendeutsche mit tschechischen Parteien Koalitionen und stellten Minister in der Regierung. Diese Parteien wurden „Aktivisten“ genannt, weil sie sich aktiv am Staat beteiligten und auf diese Weise eine Verbesserung der Situation der Sudetendeutschen herbeiführen wollten. Ihnen standen die „Negativisten“ gegen-über, die nach wie vor eine vehemente Ablehnungshaltung vertraten. Zu diesen gehörte die 1933 von Konrad Henlein gegründete „Sudetendeutsche Heimatfont“, 1935 in Sudetendeutsche Partei (SdP) umbenannt. Waren die Negativisten zunächst noch in der Minderheit, so änderte sich die Situation mit der Weltwirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre, die das stark industrialisierte Sudetenland besonders hart traf und hohe Arbeitslosigkeit mit sich brachte. Seit der Machtergreifung Hitlers in Deutschland 1933 hörte man die Forderung nach Abtrennung des Sudetenlandes immer lauter. Die Parlamentswahlen von 1935 bescherten der SdP einen erdrutschartigen Sieg. Sie gewann zwei Drittel der Stimmen der Sudetendeutschen und wurde stärkste Partei im tschechischen Parlament.

Die Zusammenarbeit der SdP mit Hitler wurde ab 1937 immer enger, ihr Ziel war nun nur noch der Anschluss der Sudetengebiete an Deutschland. Als Präsident Beneš (seit 1935 Nachfolger Masaryks), von seinen westlichen Verbündeten Frankreich und England dazu genötigt, Verhandlungen mit der SdP aufzunehmen, die Forderungen nach politischer und kultureller Autonomie akzeptierte, passte dies Henlein (und auch Hitler) gar nicht ins Kalkül. Die SdP provozierte daraufhin Zwischenfälle und wurde von der Regierung verboten. Henlein floh nach Deutschland. Als Hitler mit Krieg drohte, schaltete sich der britische Premierminister Chamberlain ein, traf sich mit Hitler und versprach, einer Abtretung aller Gebiete mit mehr als 50 Prozent deutscher Bevölkerung zuzustimmen. Beneš, von seinen Verbündeten im Stich gelassen, blieb keine andere Wahl, er musste die Abtretung am 21. September akzeptieren. Hitler forderte ultimativ die sofortige Besetzung der sudetendeutschen Gebiete. Auf Vermittlung Mussolinis kam schließlich zwischen den vier Mächten England, Frankreich, Italien und Deutschland das Münchner Abkommen vom 29. September 1938 zustande, das die Abtrennung des Sudetenlandes regelte. Diese war bis Mitte Oktober vollzogen. 700 000 Tschechen kamen unter deutsche Herrschaft. Einen Monat später musste die Tschechoslowakei weitere Gebiete abtreten: an Ungarn die Südslowakei, an Polen das Teschengebiet.Die Tschechoslowakei, über deren Kopf hinweg das „Diktat von München“ durchgesetzt worden war, fühlte sich von seinen westlichen Verbündeten verraten. Beneš trat im Oktober 1938 zurück und verließ das Land, sein Nachfolger wurde Emil Hácha. Im Zweiten Weltkrieg bildete Beneš eine Exilregierung in London und erreichte die Annullierung des Münchner Abkommens durch die Westmächte. Wegen der schmerzlich erfahrenen Unzuverlässigkeit des Westens suchte er aber nun eine engere Anlehnung an die Sowjetunion.

Protektorat Böhmen und Mähren

März 1939 vollendete Hitler die Zerstörung der Tschechoslowakei durch die militärische Besetzung des Landes. Die Slowakei wurde nun ein unabhängiger Staat unter Josef Tiso, die „Resttschechei“ wurde als Protektorat Böhmen und Mähren Bestandteil des Deutschen Reiches. Zwar blieb Hácha Staatspräsident, doch die tatsächliche Macht lag in der Hand des Reichsprotektors bzw. dessen Stellvertreters vor Ort – ab 1941 Reinhard Heydrich, anschließend Kurt Daluege. Die Unterdrückung der Bevölkerung erreichte nicht die Ausmaße wie in Polen, da die Rüstungsindustrie des tschechischen Raumes und deren Arbeiter für Hitler von großem Wert waren. Doch gab es Pläne, die Tschechen in der Nachkriegszeit völlig zu assimilieren, auszusiedeln oder zu vernichten. Von Verfolgung betroffen waren im Protektorat vor allem die tschechischen Intellektuellen, die in Konzentrationslager verschleppt wurden, die Roma und die Juden. Die etwa 100 000 Juden Böhmens und Mährens wurden ab 1942 in das Ghetto Theresienstadt (Terezín) deportiert und von da aus weiter in die Vernichtungslager nach Polen. Der größte Teil der böhmischen Juden kam während der NS-Zeit ums Leben. Der aktive Widerstand im Land war gering. Das Attentat auf Heydrich im Mai 1942 war von der Exilregierung organisiert worden. Die deutsche Besatzungsmacht antwortete mit einer Welle des Terrors mit weit über tausend Hinrichtungen. Die Dörfer Lidice und Ležáky, in dem die Attentäter sich zeitweise aufgehalten haben sollen, wurde von der SS völlig zerstört, die Männer erschossen, Frauen und Kinder in Konzentrationslager verschleppt.

Vertreibungen

Die Exilregierung von Eduard Beneš hatte schon 1943 mit der Sowjetunion einen Freundschaftsvertrag unterzeichnet. Die Grundzüge der Nachkriegsordnung wurden festgelegt und die komplette Aussiedlung der deutschen Bevölkerung beschlossen. Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen einigte sich Beneš mit den tschechoslowakischen Kommunisten auf die Bildung einer Regierung der „Nationalen Front“ unter dem Sozialdemokraten Zdeněk Fierlinger. Er selbst wurde erneut Präsident des Staates.
 
Gleich nach Kriegsende kam es zu Racheakten an der deutschen Bevölkerung und zu den „wilden Vertreibungen“ von über 700 000 Menschen, die in Fußmärschen bis zur Grenze getrieben wurden. Nach der Konferenz von Potsdam, bei der die Siegermächte die Aussiedlung der Deutschen aus Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei festlegten, begann die „organisierte Vertreibung“ der restlichen deutschen Bevölkerung, die das ganze Jahr 1946 andauerte. Fast 3 Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen, sie wurden in Güterzügen nach Deutschland abtransportiert. In der Tschechoslowakei benutzte man dafür den Begriff Odsun, d.h. Abschub. Die Zahl der dabei Umgekommenen wird von der deutsch-tschechischen Historikerkommission mit etwa 40 000 angegeben. Neben den Sudetendeutschen mussten 140 000 Karpatendeutsche und 75 000 Ungarn ihre Heimat verlassen. Etwa 230 000 Personen konnten in der Tschechoslowakei verbleiben, weil sie in Mischehen lebten, als Spezialisten gebraucht wurden oder nach Einstellung der Vertreibungstransporte Ende 1946 einfach im Lande zurückblieben. Von diesen verließen viele in den folgenden Jahren das Land. Heute umfasst die deutsche Minderheit in Tschechien ca. 40 000 Menschen.

Prager Frühling

Die ersten (und zugleich letzten) freien Wahlen fanden im Mai 1946 statt. Der Kommunist Klement Gottwald wurde Regierungschef. Der wachsende Einfluss der Kommunisten führte im Februar 1948 zum Sturz der noch verbliebenen bürgerlichen Minister und zur völligen Machtübernahme der KPč. Der letzte Nicht-Kommunist in der Regierung, Außenminister Jan Masaryk, der Sohn des ersten Staatspräsidenten, kam im März 1948 auf nie geklärte Art und Weise ums Leben. Beneš trat zurück, sein Nachfolger als Präsident wurde Gottwald.
 
1960 erfolgte die Umbenennung des Staates in Tschechoslowakische Sozialistische Republik (čSSR). Gegen den restriktiven und starren Kurs von Antonín Novotný bildete sich ab Mitte der 60er Jahre eine Opposition innerhalb der kommunistischen Partei, die eine neue Wirtschaftspolitik befürwortete. Die politischen Repressionen und die zunehmende wirtschaftliche Krise führten zu immer lauterer Kritik und Protesten in der Bevölkerung. Schließlich wurde Novotný mit Einverständnis Moskaus von der parteiinternen Opposition gestürzt und der Slowake Alexander Dubček im Januar 1968 zu seinem Nachfolger bestimmt.

Dubček wollte – was auch später Gorbatschow mit seiner Politik der Glasnost versuchte – eine öffentliche Diskussion über die Probleme des Landes ohne ideologische Tabus, er wollte die Kluft zwischen Bevölkerung und kommunistischer Partei überwinden. So schaffte er die Zensur ab und bald entstanden überall neue Zeitschriften und Diskussionsforen. Ein Freiheitsrausch erfasste die ganze Nation, der unter dem Namen „Prager Frühling“ um die Welt ging. Reformer in der Partei wollten einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ schaffen und setzten Wirtschaftsreformen in Gang. Doch diese Liberalisierung entwickelte bald eine von Dubček (wie später von Gorbatschow in der Sowjetunion) unterschätzte Eigendynamik. Immer lauter wurden die kommunistische Herrschaft selbst in Frage gestellt und freie Wahlen gefordert.

In Moskau schlug die anfangs noch abwartende Stimmung um. Im August 1968 entschloss man sich zur Intervention. Anders als beim Einmarsch 1956 in Ungarn waren diesmal nicht nur Truppen aus der Sowjetunion beteiligt, sondern auch aus Polen, Ungarn und Bulgarien. Auch kam es zu keinen Kampfhandlungen wie 1956, aber zu einem geschlossenen passiven Widerstand der Bevölkerung. Die Gewerkschaften riefen zum Generalstreik auf, die freie Presse arbeitete im Untergrund weiter. Der Student Jan Palach verbrannte sich öffentlich aus Protest gegen die Intervention. Dubček wurde verhaftet und zur Kooperation gezwungen, im März 1969 aller Ämter enthoben. Nur mit Mühe gelang es den Moskau treuen Kräften, die Reformer in der Partei zu entmachten und die Partei zu „säubern“. Von den Hoffnungen des Prager Frühlings blieb nichts übrig. Das Land versank in Lethargie und Erstarrung.

Charta 77

Erst im Januar 1977 war mit dem Aufkommen der Dissidentenbewegung wieder Kritik am Regime zu hören. Die so genannte Charta 77 war ein Aufruf zur Einhaltung der Menschenrechte in der ČSSR, die von 242 Personen unterzeichnet war, darunter Jan Patoča (er starb im März 1977 nach einem Verhör), Václav Havel, Jiři Dienstbier und Zdeněk Mlynář. Hintergrund dieser Forderung war das KSZE-Abkommen von Helsinki 1975, in dem sich auch die ČSSR zur Respektierung der Menschenrechte verpflichtet hatte. Die Charta 77 verlangte daher nur die Einhaltung von geltendem Recht, politische Forderungen stellte sie nicht. Bis zur Wende 1989 hatten sich etwa 1800 Personen der Charta 77 angeschlossen.

Die Samtene Revolution

Ab Mitte November 1989 kam es nach  dem  Fall der Berliner Mauer auch in der čSSR zu Kundgebungen und Protesten der Bevölkerung. Auf einer Versammlung mehrerer hundert Regimegegner am 19. November in Prag wurde die Oppositionsbewegung „Bürgerforum“ (Občanské Fórum) gegründet und der bekannteste Dissident des Landes, Václav Havel, zu dessen Sprecher erhoben. Man forderte Meinungsfreiheit und ein Mehrparteiensystem. Die Entsprechung des Bürgerforums auf slowakischer Seite war die „Öffentlichkeit gegen Gewalt“ (Verejnost’ proti násiliu). Unter dem Druck der täglich auf dem Wenzelsplatz stattfindenden Massendemonstrationen und landesweiter Streiks trat die Führung der Kommunistischen Partei unter Miloš Jakeš zurück und Ministerpräsident Ladislav Adamec erklärte seine Bereitschaft zu Verhandlungen über die Bildung einer Koalitionsregierung. Die KP beschloss freiwillig, ihr Machtmonopol aus der Verfassung zu streichen. Die am 10. Dezember gebildete neue Regierung unter Marián čalfa bestand aus zehn Kommunisten, vier Vertretern der zwei Blockparteien, die sich von der KP losgesagt hatten, und sieben Unabhängigen, darunter Jiři Dienstbier als neuer Außenminister und Václav Klaus als neuer Finanzminister. Nun konnte sich auch der Staatspräsident Gustáv Husák nicht mehr halten. Nach seinem Rücktritt forderte die Opposition: „Havel auf die Burg!“ und niemand wagte mehr, diesem Ansinnen zu widersprechen. Ende Dezember 1989 wählte das noch ganz aus kommunistischen Abgeordneten bestehende Parlament Alexander Dubček zu seinem Vorsitzenden und Václav Havel zum neuen Staatspräsident. Diesem friedlichen Umsturz, der ohne Blutvergießen abging und bei dem selbst die täglichen Massendemonstrationen in ruhiger, disziplinierter Weise abliefen, wurde schon bald der Name „Samtene Revolution“ (sametová revoluce) verliehen.

Im Juni 1990 fanden die ersten freien Wahlen statt. Gewählt wurde das Föderalparlament des jetzt „Tschechische und Slowakische Föderative Republik“ (čSFR) heißenden Staates sowie die Parlamente im tschechischen und im slowakischen Landesteil. Mit großer Mehrheit siegte das Bürgerforum bzw. die „Öffentlichkeit gegen Gewalt“.  čalfa, inzwischen aus der KP ausgetreten, blieb Ministerpräsident, Regierungschef im tschechischen Teil wurde Petr Pithardt, im slowakischen Vladimír Mečiar. Wegen der Umbruchssituation, in der sich noch kaum feste Parteistrukturen hatten herausbilden können, wurde die Amtszeit der Parlamente wie auch des Präsidenten auf zwei Jahre beschränkt.

Die Teilung der Tschechoslowakei

Die wichtigste Aufgabe der Regierung bestand in der Ausarbeitung einer neuen demokratischen und föderalen Verfassung. Die Frage, wie die Zuständigkeiten zwischen Zentral- und Landesebene ausgestaltet sein sollten, führte schon bald zu heftigen Diskussionen. Bei den Slowaken regte sich die alte Angst, im Staat der Tschechen und Slowaken nur die zweite Rolle zu spielen und von Prag dominiert zu werden. Vladimír Mečiar legte daher einen Föderationsplan vor, der sehr weitreichende Kompetenzen für die Landesebene vorsah, den die Regierung čalfa aber zurückwies. Die ungleiche wirtschaftliche Situation verschärfte das Problem. Der Niedergang der Wirtschaft nach dem Ende des Ostblocks traf die auf Schwerindustrie ausgerichtete Slowakei viel härter als die tschechische Seite, die Arbeitslosigkeit war hier höher, die aus der Inflation resultierende Verarmung größer. Mečiar und viele Slowaken befürworteten deshalb einen langsameren Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft und die vorläufige Beibehaltung staatlicher Subventionen. Dies aber stieß auf den Widerstand von Finanzminister Václav Klaus, der als Anhänger des „Thatcherismus“ mit den von ihm eingeleiteten Reformen in einer Art neoliberaler Schocktherapie einen raschen Wandel der wirtschaftlichen Verhältnisse herbeiführen wollte. Diese gegensätzlichen politischen und wirtschaftlichen Interessen ließen eine Einigung immer schwieriger werden. Die Verhandlungen traten auf der Stelle.

Bei den Wahlen im Juni 1992 siegten die beiden Protagonisten des Streits, Klaus und Mečiar. Im tschechischen Landesteil gewann die von Klaus gegründete ODS, Klaus wurde tschechischer Ministerpräsident. Im slowakischen Landesteil siegte Vladimír Mečiar  mit seiner Partei „Bewegung für eine demokratische Slowakei“ (HZDS). An eine konstruktive Fortführung der Verhandlungen war nun nicht mehr zu denken, da beide Regierungschefs daran kaum interessiert waren. Mečiar forcierte die Unabhängigkeit, Klaus hatte wenig Neigung, den in seinen Augen wirtschaftlichen „Ballast“ Slowakei mitzuschleppen. Man einigte sich auf die Trennung. Nur Havel kämpfte noch für den Erhalt des gemeinsamen Staates, dessen Präsident er war. Die slowakischen Abgeordneten des neuen Föderalparlaments verweigerten ihm jedoch die Wiederwahl und proklamierten die Souveränität der Slowakei. Havel legte sein Amt nieder. In Verhandlungen bis Jahresende wurden die Details der Trennung ausgearbeitet. Eine Volksabstimmung über die Trennung wurde von beiden Politikern abgelehnt, laut Umfragen hätte eine Mehrheit der Bevölkerung nicht zugestimmt. Am 1. Januar 1993 trat die „samtene“ Trennung in Kraft.

Václav Havel

International anerkannter Dramatiker, philosophischer Essayist, politischer Dissident und Staatspräsident – Václav Havel ist neben Tomáš Masaryk die wohl bedeutendste Gestalt der tschechischen Geschichte des 20. Jh. Schon sein erstes Stück Das Gartenfest von 1963 war eine Satire auf die staatlich verordnete Phraseologie. Während des Prager Frühlings engagierte sich Havel als Vorsitzender des „Clubs unabhängiger Schriftsteller“, wofür er später Aufführungs- und Publikationsverbot erhielt. Seine weiteren Stücke konnten nur im Westen offen erscheinen. Als Mitinitiator der Charta 77 wurde er schließlich zur führenden Figur der Dissidentenbewegung. Insgesamt dreimal verhaftet, verbrachte er etwa fünf Jahre im Gefängnis. Diese Erlebnisse verarbeitete er in den 1984 erschienenen Briefe an Olga, seine Frau.

Seine Kritik am Kommunismus macht sich an der völligen Entfremdung des Menschen an einem auf Lüge aufgebauten System fest, das zu Heuchelei und Passivität zwingt. Doch auch die postkommunistische Zeit mit ihrem Egoismus, ihrer Konsumhaltung und mangelndem Verantwortungsgefühl hat er in scharfen Worten kritisiert. Der neuen Politikerkaste – besonders Václav Klaus wurde zu seinem Intimfeind – stellt er einen an moralischen Grundsätzen orientierten Politikansatz entgegen: „Ich bin für ‚antipolitische Politik’. Für eine Politik nicht als Technologie und Manipulation der Macht oder als Kunst des Zweckmäßigen, Praktischen und der Intrige, sondern für eine Politik als praktizierte Sittlichkeit, als Dienst an der Wahrheit, als wesenhaft menschliche und nach menschlichen Maßstäben sich richtende Sorge um den Nächsten“ (aus Politik und Gewissen, 1984).


Das politische System Tschechiens

Am 16. Dezember 1992 nahm das tschechische Parlament die neue Verfassung an, die am 1. Januar 1993, zusammen mit der Trennung von der Slowakei, in Kraft trat. Sie bestimmt die Tschechische Republik als parlamentarische Demokratie.

Die Legislative setzt sich aus einem Zwei-Kammer-Parlament zusammen. Das Abgeordnetenhaus (Poslanecká sněmovna) hat 200 Mitglieder, die nach Verhältniswahlrecht für vier Jahre gewählt werden. Es besteht eine 5-Prozent-Klausel, d.h. Parteien müssen mindestens einen Stimmanteil von 5 Prozent erzielen, um ins Parlament einziehen zu können. Das Abgeordnetenhaus wählt den Ministerpräsidenten und kann ihn per Misstrauensvotum stürzen. Die zweite Kammer, der Senat (Senát), 1996 erstmals gewählt, hat 81 Mitglieder, die nach Mehrheitswahlrecht für sechs Jahre bestimmt werden, wobei alle zwei Jahre ein Drittel neu gewählt wird. Der Senat hat geringe Kompetenzen. Er kann die ihm vom Abgeordnetenhaus vorgelegten Gesetzesentwürfe lediglich ändern und zurückverweisen, dieses kann die Änderungen mit absoluter Mehrheit überstimmen.

Der Staatspräsident wird von den beiden Kammern des Parlaments für fünf Jahre gewählt, eine einmalige Wiederwahl ist möglich. Der Präsident hat nur eingeschränkte Vollmachten. Gesetze des Parlaments kann er zurückweisen, das Parlament kann jedoch diese Zurückweisung mit absoluter Mehrheit überstimmen. Er kann das Abgeordnetenhaus (aber nicht den Senat) auflösen, jedoch nur in bestimmten in der Verfassung verankerten Krisenfällen. Präsident war von 1993-2003 Václav Havel, der 2003 von Václav Klaus (2008 wiedergewählt) abgelöst wurde.

Die Verwaltungsorganisation wurde im Jahr 2003 durch die Errichtung von 14 Regionen (kraj) völlig neu geregelt. Diese stehen zwischen dem Gesamtstaat und den Gemeinden und haben deutlich mehr Kompetenzen als die alten Verwaltungsbezirke. Ihre Grenzziehung orientiert sich nicht an den historischen Ländern Böhmen, Mähren und Schlesien. Die Regionen sind mit eigenen Parlamenten ausgestattet, die einen Hauptmann (hejtman) wählen. Bei der letzten Wahl 2008 verlor die ODS (Demokratische Bürgerpartei) drastisch, die čSSD (Tschechische Sozialdemokratische Partei) stellt derzeit in allen Regionen die stärkste Fraktion.

Das Parteiensystem Tschechiens war in den 90er Jahren geprägt von häufigen Neugründungen, Abspaltungen und Zusammenschlüssen. Die 5-Prozent-Hürde hat jedoch eine Zersplitterung verhindert. Heute ist das Parteiensystem weitgehend stabil und ähnelt dem westeuropäischer Länder, das Ansehen der Parteien ist aber wegen der Zerstrittenheit der führenden Politiker und ihrer mangelnden Kompromissfähigkeit in der Bevölkerung nicht sehr hoch. Bei der letzten Wahl 2006 schafften fünf Parteien den Einzug ins Parlament.

Aus der Oppositionsbewegung Bürgerforum ging 1991 als größte Nachfolgepartei die Demokratische Bürgerpartei (ODS) unter dem Vorsitz von Václav Klaus hervor. Sie ist konservativ, wirtschaftliberal und steht der europäischen Einigung skeptisch gegenüber. Die Tschechische Sozialdemokratische Partei (čSSD) ist die älteste Partei des Landes. Sie wurde bereits 1878 gegründet und wurde 1948 gezwungen, mit den Kommunisten zu fusionieren. In den ersten Tagen der Samtenen Revolution neu gegründet, stieg sie unter Miloš Zeman zur Gegenspielerin der ODS auf und war 1998-2006 die führende Regierungspartei. Sie tritt ein für höhere Sozialausgaben und eine nachfrageorientierte Wirtschaftpolitik. Die Kommunistische Partei Böhmens und Mährens (KSčM) ist die drittstärkste Kraft. Sie rekrutiert ihre Wähler vor allem bei der älteren Generation und den sozial schwachen Schichten und tritt für großflächige Verstaatlichungen ein. Sie wird von allen anderen Parteien gemieden. Die Christlich Demokratische Union – Tschechoslowakische Volkspartei (KDU-čSL) hat ihre Basis bei Katholiken und der ländlichen Bevölkerung. Die čSL, 1918 gegründet, war unter dem kommunistischen Regime Blockpartei und schloss sich 1992 mit der nach der Wende entstandenen KDU zusammen. Die Grüne Partei (SZ) wurde 1990 gegründet und zog 2006 erstmals ins Parlament ein.

Václav Klaus, der von 1992-1997 regierte, musste nach einer Parteispendenaffäre zurücktreten. Bei den vorgezogenen Neuwahlen 1998 kam es wegen der Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der wirtschaftlichen Entwicklung zum Machtwechsel. Die Sozialdemokraten wurden erstmals stärkste Partei. Sie bildeten unter Miloš Zeman eine von der ODS tolerierte Minderheitsregierung, eine Art stillschweigende große Koalition, die auf die unverhohlene Wut der kleinen Parteien stieß. Bei den Wahlen 2002 siegten erneut die Sozialdemokraten und bildeten diesmal eine reguläre Koalition mit der ODS. Ministerpräsident war zunächst Vladimir Špidla, ab 2004 Stanislav Gross, ab 2005 Jiři Paroubek (alle čSSD). Die Wahlen von 2006 sahen keinen Sieger und erst nach langem Tauziehen kam eine Minderheitsregierung von ODS, Christdemokraten und Grünen, toleriert von zwei aus der Fraktion ausgetretenen Sozialdemokraten, zustande. Ministerpräsident war bis März 2009 Mirek Topolánek von der ODS, der durch ein Misstrauensvotum gestürzt wurde. Bis zu vorgezogenen Neuwahlen im Oktober 2009 führt eine Interimsregierung von Experten unter Leitung des parteilosen Jan Fischer die Amtsgeschäfte.

Wirtschaft und Umwelt

Die Transformation von der Plan- zur Marktwirtschaft gelang Tschechien unter allen ehemals kommunistischen Ländern (neben Slowenien) am schnellsten. Nach den vom damaligen Finanzminister Václav Klaus eingeleiteten radikal-liberalen Wirtschaftsreformen – Klaus bezeichnet sich selbst als Anhänger einer „Marktwirtschaft ohne Adjektiv“ – durchlief das Land eine kurze tiefe Umstellungskrise mit einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 14 Prozent, der Reallöhne um 24 Prozent. Tschechien erlebte aber nicht die hohen Arbeitslosenzahlen und die Hyperinflation wie andere postkommunistische Staaten. Rasch vorangetrieben wurde von Klaus auch die Privatisierung des staatlichen Eigentums. Kleinere Unternehmen wurden direkt verkauft, bei großen Unternehmen die Coupon-Methode angewandt: Jeder Bürger konnte für 1000 Kronen Coupons kaufen und diese gegen Anteile an angebotenen Firmen eintauschen. Auf diese Weise wurden bis 1994 sechs Millionen Tschechen Aktionäre.
 
Heute gehört Tschechien zu den ökonomischen Spitzenreitern unter den Staaten des ehemaligen Ostblocks. Das BIP pro Kopf beträgt 12 300 Euro, das sind 82 Prozent des EU-Durchschnitts, womit Tschechien Platz 16 unter den Staaten der EU belegt (hinter Slowenien und vor Malta). Das Wirtschaftswachstum lag 2007 bei 6,6 Prozent (2008 wird auf ca. 5 Prozent geschätzt), die Arbeitslosenrate (November 2008) bei etwas über 5 Prozent, aber mit erheblichen regionalen Unterschieden. Der Außenhandel ist heute sehr stark an der EU orientiert: 84 Prozent der Exporte und 70 Prozent der Importe werden mit EU-Staaten abgewickelt, der wichtigste Handelspartner ist Deutschland (31 Prozent der Exporte). Von Anfang an hoch waren in Tschechien die ausländischen Direktinvestitionen. Geschätzt werden am tschechischen Standort die zentrale Lage und die relativ billigen Löhne bei gleichzeitig hoher Qualifikation der Arbeitskräfte. Die etwa 2000 ausländischen Unternehmen (am bekanntesten ist die Beteiligung von VW bei Škoda) erwirtschaften heute 50 Prozent der Industrieproduktion. Ein Grund für das gute Abschneiden Tschechiens ist auch darin zu suchen, dass das Land auf eine lange industrielle Tradition zurückblicken kann. Glas-, Keramik- und Textilindustrie hat es in den Randgebirgen schon seit Jahrhunderten gegeben, ebenso das Fördern von Edelmetallen und Erzen sowie ihre Weiterverarbeitung. Während der Zeit der Industrialisierung kam der Abbau von Braunkohle in Nordböhmen (in der Umgebung von Most) und von Steinkohle in Nordmähren bei Ostrau (Ostrava) hinzu. Auch chemische Industrie und Maschinenbau (Škoda-Werke ab 1869) entwickelten sich. In der Donaumonarchie war Böhmen das wirtschaftlich führende Land. Die Kommunisten bauten besonders die Schwerindustrie (Stahl und Kraftwerke) weiter aus.

Die Schattenseite der industriellen Entwicklung besteht in massiven Umweltschäden. Nordböhmen mit seinem Industrie- und Braunkohlegebiet gehörte zeitweise zu den am schlimmsten zerstörten Gebieten der Welt. Die ungehemmte Verbrennung der Braunkohle als Hauptenergielieferant führte zu starker Luftverschmutzung und infolgedessen zu einer Zunahme von Lungenerkrankungen und Allergien. Das Waldsterben nahm riesige Ausmaße an (bis zu 80 Prozent der Waldfläche waren geschädigt), manche Gewässer galten wegen der Verunreinigung durch Industrieabfälle als ökologisch tot. Erst nach der Wende entstand allmählich ein Umweltbewusstsein und man leitete erste Gegenmaßnahmen (z.B. Einbau von Filter- und Kläranlagen) ein. Trotz erheblicher Verbesserungen belegt Tschechien laut einem OECD-Bericht von 2005 bis heute hinsichtlich Luftverschmutzung einen der vordersten, und hinsichtlich Energieeffizienz einen der hintersten Ränge in Europa. Auch stehen führende Politiker aus der ODS dem Umwelt- und Klimaschutz durchaus kritisch gegenüber. Präsident Klaus etwa bestreitet offen den Klimawandel, nennt die Befürchtungen hinsichtlich der globalen Erwärmung Hysterie und sieht im „Evironmentalismus“ eine Ideologie, die – ähnlich dem Marxismus – die Freiheit der Menschen und die natürliche Entwicklung der Welt durch aufgezwungene Verhaltensweisen gefährde.
 
Als Ausweg aus der Abhängigkeit von der Braunkohle gilt für viele die Kernenergie. Ein erstes Kernkraftwerk in Dukovany in Südmähren ging 1985 ans Netz, ein zweites in Temelín in Südböhmen war im Jahr der Wende gerade im Bau. 1993 entschied die Regierung die Fertigstellung unter Einbau westlicher Sicherungstechnik. Dieser Beschluss stieß in Österreich auf besonders heftigen Widerstand. Im Jahr 2000 begann der Probebetrieb und im selben Jahr einigten sich Tschechien und Österreich nach monatelangen Protesten an den Grenzübergängen auf ein Maßnahmenpaket zur Erhöhung der Sicherheit in Temelín. Tschechien sah 2006 alle Maßnahmen umgesetzt und erteilte die endgültige Betriebsgenehmigung, Österreich bemängelt bis heute Sicherheitslücken. Erneute Kritik in den Nachbarländern kam auf, als die Betreiberfirma 2007 bekannt gab, zwei weitere Reaktorblöcke (ab 2013) errichten zu wollen. In Tschechien ist dieses Vorhaben wenig umstritten. Alle Parteien mit Ausnahme der Grünen sind für einen weiteren Ausbau der Kernenergie.

Zurück nach Europa

Die Parole „Zurück nach Europa“ war nach der Wende bei der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung völlig unumstritten, war sie doch ein integraler Bestandteil der Dissidentenbewegung gewesen. 1986 hatte Jiři Dienstbier ein Buch mit dem Titel Träumen von Europa veröffentlicht. Die Integration in die westlichen Strukturen wurde geradezu als „Heimkehr“ zu den eigenen Wurzeln gesehen, von denen man 40 Jahre lang zwangsweise abgeschnitten war. Zugleich hieß Europa aber auch eine Abkehr von nationalistischen Vorstellungen, wie sie in so manchen postkommunistischen Staaten hervorgebrochen waren. Damit wollten die Tschechen nichts zu tun haben.
 
Mit der EU wurde im Dezember 1991 ein erstes Assoziierungsabkommen geschlossen, das Kooperation und Handelserleichterung brachte. Die Beitrittsverhandlungen fanden von 1998-2002 statt. Kritisiert wurden von der EU insbesondere die nicht geringe Korruption und die Lage der Roma-Minderheit (ghettoartige Wohnviertel, Diskriminierung bei Jobs und Wohnungen). Die Bevölkerung stand dem Beitritt allgemein positiv gegenüber, erhoffte sich stärkeres wirtschaftliches Wachstum und mehr Freizügigkeit. Letzteres ist jedoch wegen der langen Übergangsfristen, die die alten Mitgliedstaaten durchsetzten und die bis heute in Kraft sind, zunächst nur eingeschränkt möglich. Nach positivem Abschluss der Verhandlungen fand im Juni 2003 ein Referendum statt, in dem über 77 Prozent der Bevölkerung den Beitritt bejahten. Am 1. April 2004 wurde Tschechien zusammen mit neun anderen Staaten Mitglied der EU.

Ein weiterer Integrationsschritt war die Aufnahme in den Schengen-Raum, mit dem ab 2008 alle Grenzkontrollen zu den EU-Nachbarstaaten entfielen. Der Einführung des Euro dagegen stehen Teile der ODS skeptisch gegenüber. Insbesondere in Václav Klaus erwuchs der EU ein vehementer Kritiker, der den Verfassungsvertrag von Lissabon strikt ablehnt. Er ist deswegen sogar im Dezember 2008 aus der ODS ausgetreten, deren Kurs unter Ministerpräsident Topolánek ihm zu europafreundlich war (im Februar und Mai 2009 haben die beiden Kammern des Parlaments den Verfassungsvertrag ratifiziert). Klaus’ Kritik ist aber nicht die eines Nationalisten, sondern eines klassischen Liberalen, der wegen der undurchschaubaren Brüsseler Bürokratie die Freiheit des Einzelnen und die wirtschaftliche Dynamik gefährdet sieht.

Schneller verlief der Beitritt zur NATO. Der erste Schritt war die Befreiung vom „großen Bruder“. Bereits 1990 einigten sich Havel und Gorbatschow auf den Rückzug der über 70 000 sowjetischen Soldaten, der bis Juni 1991 abgeschlossen war. Aus dem Bedürfnis nach nachhaltiger Sicherheit strebten die ehemaligen Ostblockstaaten unter das schützende Dach der NATO. Am 12. März 1999 trat Tschechien dem Bündnis bei und hat seitdem an mehreren NATO-Missionen mitgewirkt, in Kroatien, im Kosovo, in Afghanistan und auch im Irak. Ein besonders enges Verhältnis wird zur USA gepflegt. Im September 2008 haben beide Staaten einen Vertrag zum Bau einer Radaranlage auf tschechischem Boden unterzeichnet, die Teil eines von den USA geplanten Raketenabwehrschildes in Europa ist.

Die deutsch-tschechischen Beziehungen

Der Prager Vertrag von 1973 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechoslowakei hatte die gegenseitige Respektierung des Status quo (keine Gebietsansprüche, Gewaltverzicht) festgehalten. Nach Ende des Kalten Krieges gingen beide Seiten daran, mit dem Vertrag über gute Nachbarschaft von 1992 die Beziehungen auf eine ganz neue Grundlage zu stellen. Er beschreibt viele gemeinsame Zukunftsaufgaben, vom Schutz der deutschen Minderheit bis zur Errichtung von Kultur- und Informationszentren. Die Vergangenheit, insbesondere die Fragen von Vertreibung und Entschädigung, wurde jedoch ausgespart. Dieser Problematik wandte man sich erst mit der Deutsch-tschechischen Erklärung von 1997 zu. Beide Seiten bedauern darin, dass sie durch ihr Handeln dem anderen Volk viel Leid und Unrecht zugefügt haben. Aus dem Eingeständnis von Schuld sollten aber keine (besitz)rechtlichen Konsequenzen erwachsen. Zugleich wurde mit der Erklärung der Zukunftsfond eingerichtet, dessen Aufgabe die Förderung gemeinsamer Projekte und die Entschädigung tschechischer NS-Opfer ist. Trotz dieses als „Schlussstrich“ gedachten Dokuments blieben die Vertreibung und besonders die ihr zugrundeliegenden Beneš-Dekrete immer wieder ein Thema für Diskussionen.

Die Beneš-Dekrete bezeichnen die von Präsident Beneš von 1940-45 im Londoner Exil und nach seiner Rückkehr nach Prag erlassenen 143 Dekrete, mit denen er den Erhalt und den Wiederaufbau des Staates sicherstellte. Sie wurden vom 1946 gewählten Parlament nachträglich gebilligt. Nur etwa zehn davon betreffen die Enteignung, Entrechtung und Vertreibung der deutschen und ungarischen Bevölkerung. Die Beneš-Dekrete sind bis heute in Kraft, da ihre Aufhebung für Tschechien eine komplette Revision der Nachkriegsverhältnisse bedeuten würde. Besonders umstritten ist das Amnestiegesetz, gemäß dem alle im Zusammenhang mit der Vertreibung begangenen Verbrechen bis heute strafrechtlich nicht verfolgt werden. Tschechien hat in der Erklärung von 1997 die Existenz dieses Dekrets besonders bedauert. Auch die EU hat sich mit der Frage befasst, ob die Beneš-Dekrete ein Hindernis für den Beitritt Tschechiens seien, dies aber letztlich verneint und die Sache als bilaterale Angelegenheit angesehen.

Seit dem Beitritt Tschechiens zur EU hat sich die Aufregung um diese Fragen deutlich gelegt. Daneben haben viele Gesten der Versöhnung auf lokaler Ebene zur Entspannung beigetragen, z.B. die Aufstellung einer Gedenktafel 2005 für die Opfer des Massakers von Aussig (Ústí nad Labem). Die vielfältigen Beziehungen zwischen den Nachbarn – intensive Handelsbeziehungen, kulturelle Kontakte, Schüleraustausch, kommunale Zusammenarbeit – gelten heute als problemlos.

 

 

Literaturverzeichnis:

  • Gruša, Jiři: Gebrauchsanweisung für Tschechien. München 1999.
  • Herda, Jürgen/Trägler, Adolf (Hrsg.): Tschechien, der ferne Nachbar. Politik, Wirtschaft und Kultur seit 1989. Regensburg 1999.
  • Hoensch, Jörg: Geschichte Böhmens. Von der slawischen Landnahme bis ins 20. Jahrhundert. München 1992.
  • Koschmal, Walter/Nekula, Marek/Rogall, Joachim (Hrsg.): Deutsche und Tschechen. Geschichte, Kultur, Politik. München 2001.
  • Kriseová, Eda: Vacláv Havel. Dichter und Präsident. Berlin 1991.
  • Mauritz, Markus: Tschechien. Regensburg 2002.
  • Vodička, Karel: Das Politische System Tschechiens. Vom kommunistischen Einparteiensystem zum demokratischen Verfassungsstaat. Münster 1996.

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Impressum:

Textheft zur Wandzeitung „Gesellschaft und Staat“ Nr. 2/2009: „Tschechien“.
Herausgeber: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, Praterinsel 2, 80538 München, Telefon (089) 2186-2170.
Redaktion: Dr. Zdenek Zofka (verantwortlich, Anschrift siehe Herausgeber).
Text: Bernhard Beller.
Gestaltung, Koordination und Verlag: Lüders & Baran, Agentur für Kommunikation, München.
Druck: Neumann Druck, Landshut.

Die Wandzeitung erscheint mehrmals im Jahr und wird unentgeltlich abgegeben.


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