Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Tibet

 

Wandzeitung

 

Faszinierender „Ozean der Weisheit“

„Der Dalai Lama erfreut sich in Deutschland größter Beliebtheit“, so oder ähnlich war anlässlich seines Besuchs in der Bundesrepublik im Juli 2007 überall in der Tagespresse zu lesen. Die New York Times bezeichnete das religiöse Oberhaupt der Tibeter sogar als „weltweiten Feel-good-Guru Nr. 1“. 

Der „Ozean der Weisheit“ – so der Titel des Dalai Lama – hat viele Freunde unter Prominenten wie Richard Gere, Brad Pitt, Harrison Ford, Nina Hagen oder Anja Kruse. Er wird aber auch von „normalen“ Sinnsuchern in der westlichen Welt verehrt. Allein in Deutschland soll es bereits über 100 000 Anhänger des tibetischen Buddhismus geben.
Die Menschen suchen in der fernöstlichen Glaubenslehre „Abkehr vom materialistischen Denken“ und „spirituelle Erleuchtung“ und finden vor allem die vom Buddhismus propagierte Gewaltlosigkeit besonders anziehend. Religion und Volk in Tibet gelten als „heiter, gelassen, friedlich, sanft, harmonisch, alles lächelt und will nur das Beste.“

Doch wird diese schwärmerische Sicht dem realen, historischen Tibet und dem tibetischen Buddhismus gerecht? Die Tibetologen Thierry Dodin (Uni Bonn) und Heinz Räther (Werkstatt der Kulturen, Berlin) vermerken dazu: „Betrachtet man das Bild Tibets im Westen und seine historische Entwicklung, ist nicht zu übersehen, dass eine sachliche Herangehensweise eher die Ausnahme war und ist.“ 

Die Entdeckung Tibets

Den ersten europäischen Reisebericht, in dem das Wort Tibet erscheint, verfasste der Spanier Benjamin de Tudela im 12. Jahrhundert. Der Begriff ist vom arabischen „Tubbat“ abgeleitet und bezeichnet ein turk-mongolisches Volk. Nach alttibetischen Quellen aus dem 8. Jahrhundert nannten sich die Tibeter selbst Pöpa und ihr Land oder Pöyül.

Die Erforschung Tibets begann mit dem portugiesischen Jesuiten Antonio de Antrade. Dieser reiste 1624 von Indien aus nach Tsaparang, der Hauptstadt des westtibetischen Reichs Guge. Sein Reisebericht „Neue Entdeckung des Großen Cathay oder des König-reichs Tibet“ wurde 1626 in Lissabon veröffentlicht. Nach Übersetzung in mehrere Sprachen wurde das Buch in kurzer Zeit zum Bestseller, der eine regelrechte „Tibetophilie“ (d.h. Tibet-Schwärmerei) auslöste. Viele glaubten, man habe im Land hinter dem Himalaya das christliche Reich des legendären Priesterkönigs Johannes entdeckt und der tibetische Buddhismus sei eine abgewandelte Form des Katholizismus.

Die ersten Europäer, die Lhasa, die heutige Hauptstadt, betraten, waren die Missionare Johannes Grüber und Albert d’Orville. Sie kamen 1661, auf ihrer Rückreise von China nach Europa, dorthin und blieben zwei Monate. Grübers Aufzeichnungen wurden 1667 im Werk des Gelehrten Athanasius Kircher mit dem Titel „China illustrata“ veröffentlicht.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts trafen in Lhasa Kapuziner und der italienische Jesuit Ippolito Desideri (1684–1733) ein. Letzterer lernte als erster Europäer Tibetisch und studierte den tibetischen Buddhismus. Er entwarf ein sachliches, wenig schwärmerisches  Bild dieser Religion; wohl gerade deshalb stießen seine Aufzeichnungen auf geringes Interesse. Seine Schrift „Relazione e Notizie istoriche del Thibet“ wurde erst 1875 veröffentlicht. Die Kapuziner, die 1721 Desideris Abberufung durch den Vatikan bewirkt hatten, wurden dann 1745 selbst von den Tibetern des Landes verwiesen.

Den Ungarn Alexander Csoma de K˝orös (1784–1842) trieb 1819 sein Nationalgefühl  nach Zentralasien. Auf der Suche nach der Urheimat seines Volkes lebte er einige Jahre an der Südwestgrenze zu Tibet. Nach eingehenden Sprachforschungen verfasste K˝orös die erste Grammatik des Tibetischen und schrieb ein tibetisch-englisches Wörterbuch.

Die Sprache

Das Tibetische (Tibetanische) gehört zur tibeto-birmanischen Sprachgruppe, die den sino-tibetischen Sprachen zugeordnet wird. Es ist also weitläufig mit dem Chinesischen verwandt. Man unterscheidet die alttibetische Sprache (7. bis 11. Jh.), die klassische literarische Sprache (12. bis 19. Jh.) und die moderne literarische Sprache. Neben der Schriftsprache, dem zentraltibetischen spyi-skad (Standard-Tibetisch), gibt es zahlreiche stark voneinander abweichende Dialekte, z.B. den von Ladakh oder Baltistan (in Pakistan).

Mit der imperialistischen Erschließung Asiens rückte auch das weit abgelegene Tibet ins Visier kolonialer Interessen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sondierten die Engländer den Raum Tibet, um dort neue Märkte aufzutun. Einer der englischen Agenten, der Schotte George Bogle, freundete sich mit hohen Lamas an und heiratete sogar eine Tibeterin. Nachfahren aus dieser Verbindung leben noch heute in Schottland.

Neben England versuchte auch Russland, Einfluss auf Tibet zu gewinnen. Diese Aktivitäten schreckten China auf, das seine Besitzansprüche auf Tibet gefährdet sah. Der chinesische Kaiser Qianlong machte Tibet 1793 per Edikt zu einem für Ausländer „verbotenen Land“. Daraufhin schleusten die Engländer indische Agenten ein, um das „Dach der Welt“ zu erkunden und zu vermessen.

In den europäischen Mutterländern brachte der koloniale Expansionsdrang Richtung Asien eine neue akademische Fachrichtung hervor, die Wissenschaft der Orientalistik. Unter den deutschen Denkern lobte Schopenhauer den Buddhismus, während Schlegel, Hegel und Herder sich kritisch dazu stellten. Letzterer merkte an: „Befolgte jeder Tibetaner die Gesetze der Lamas, indem er ihren höchsten Tugenden nachstrebte, so wäre kein Tibet mehr“.

Vom Zeitgeist der Romantik (18./19. Jahrhundert) wurde Tibet zum „Ursprungsort aller Religionen“ mystifiziert, von dessen Denken der „rationale Westen Weisheit und Spiritualität“ lernen könne. Diese Weltanschauung wurde von der Theosophie und der New Age-Bewegung im 20. Jahrhundert, vor allem von Intellektuellen in Europa und den USA, erneut aufgegriffen.

Während des Dritten Reichs vermuteten NS-Ideologen in Tibet die Heimat der „Ur-Arier“, wobei sie den „Lamaismus“ als „Zerfallserscheinung nordischen Rassengeistes“ betrachteten. Der Reichsführer SS Heinrich Himmler sprach sich für die Suche nach der "arischen Wurzelrasse" in der Region aus. Im Auftrag der nationalsozialistischen Deutschen-Himalaja-Gesellschaft brach 1939 auch der Bergsteiger Heinrich Harrer zu einer Nanga-Parbat-Expedition auf. Dieser hat seine Tibet-Erlebnisse und die Begegnung mit dem heutigen Dalai Lama in dem Buch "Sieben Jahre in Tibet" geschildert. Unter dem gleichen Titel, aber ohne Bezug auf den NS-Hintergrund, hat der Regisseur Jean-Jacques Annaud die Geschichte 1997 verfilmt.

Landeskunde

Tibet hat den vielsagenden Beinamen „Dach der Welt“: Die Gebirge steigen im Osten über 6000 m hoch, die in Zentral- und Westtibet auf bis zu 4000 m. Die Tibeter besiedeln Orte bis in eine Höhe von 5300 m. In weiten Gebieten des Hochlandes leben nur wenige nomadische Viehzüchter. Der Yak ist das wichtigste Nutztier, das als Lastenträger sowie Lieferant von Fleisch und Milch dient. Sein Dung wird als Brennstoff genutzt. Daneben gibt es das Dzo, Ziegen, Schafe und kleine, wendige Pferde.

Die Ausdehnung des Landes der Tibeter hat sich im Laufe der letzten zweitausend Jahre häufig geändert. Im 8. Jahrhundert u. Z. erstreckte sich das tibetische Groß-reich von Nordchina bis Nordindien. Die heutige, von etwa drei Millionen Menschen bewohnte Tibetische Autonome Region (TAR) innerhalb der VR China ist bedeutend kleiner. Doch mit einer Fläche von 1,2 Millionen km2 ist sie immerhin dreimal so groß wie Deutschland.
Jenseits von Tibet gibt es in Bhutan sowie in Teilen Indiens und Nepals Gebiete, die zum tibetischen Sprach- und Kulturraum gehören.

 

Kampf der Religionen

Im 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung (u. Z.) wurde Zentraltibet vom legendären, aus dem Süden kommenden Herrscher Namri Löntsen erobert. Bereits in dieser Epoche gab es im „Schneeland“ eine große ethnische Vielfalt aus turk-mongolischen und indo-skythischen Völkern.

Nach Namri Löntsen übernahm ab 618 sein Sohn Songtsen Gampo die Macht. Dieser frühtibetische König verlegte das Zentrum seines Reiches nach Rasa (heute Lhasa) und schickte 635 eine Gesandtschaft nach China. Diese forderte den chinesischen Kaiser Taizong  zu einer Heiratsallianz auf. Da bei Weigerung ein tibetischer Angriff angedroht wurde, schickte der chinesische Hof die Prinzessin Wencheng als Braut nach Tibet. Aus Nepal, das dem tibetischen Reich tributpflichtig war, erhielt Songtsen Gampo die Prinzessin Brikuti. Den buddhistischen Chroniken zufolge haben diese beiden Frauen den Buddhismus nach Tibet gebracht. „Religionskönig“ Songtsen Gampo lud bald buddhistische Gelehrte aus Indien ein und förderte den Buddhismus durch Tempelgründungen, wie das Jokhang-Heiligtum.

Nach dem Tode dieses Herrschers übernahm der Minister Tongtsen die Macht (um 650). Der dehnte sein Herrschaftsgebiet bis weit ins chinesische Kernland aus und brachte dabei die nördliche Seidenstraße unter seine Kontrolle. Zeitweilige Allianzen mit den Arabern belegen den Einflussbereich Tibets nach Westen. Doch war die gesamte Zeit des tibetischen Großreiches von blutig ausgetragenen inneren Machtkämpfen begleitet. Der ständige Kleinkrieg zwischen dem Herrscher und den mächtigen Adels-Klanen schwächten Tibet so sehr, dass es die eroberten Gebiete bald wieder verlor.

Die buddhistische Geschichtsschreibung benennt Trisong Detsen (755–797) als zweiten „Religionskönig“. Mit seiner Hinwendung zum Buddhismus wollte er vermutlich seine Herrschaft festigen: Der Buddhismus ließ sich als neuer, alle Regionen übergreifender Glaube politisch nutzen. Er richtete sich gegen die Bön-Religion mit ihren vielen lokalen Gottheiten, auf die sich die jeweiligen regionalen Fürsten-Klane beriefen. Der zu Hilfe geholte indische Guru Padmasambhava „bannte“ die Bön-Geister mit tantrischen Ri-tualen. Die alten Berg-, Baum- und Flussgeister der Bön wurden später großenteils in die tibetisch-buddhistische Vorstellungswelt aufgenommen.

Trisong Detsens Position geriet ins Wanken, als infolge von Naturkatastrophen mehrere Hungersnöte und Seuchen über Tibet hereinbrachen. Die neue buddhistische Religion geriet darüber in Misskredit und adlige Anhänger der Bön-Religion stürzten den Herrscher.

Rälpachen (regierte 815–836) gilt als dritter Dharmaraja („Religionskönig“). Er wurde, nachdem er erbliche Regierungsposten der Aristokratie mit buddhistischen Mönchen besetzt hatte, auf Betreiben unzufriedener Adeliger und Bön-Priester ermordet. Auf ihn folgte sein älterer Bruder Langdarma (reg. 836–842), dessen Verfolgungen den Buddhismus fast vollständig aus Tibet verschwinden ließen. Auch dieser Herrscher fiel einem Attentat zum Opfer. Von da an dauerte es Jahrhunderte, bis die tibetischen Fürstentümer wieder unter einer zentralen Autorität vereinigt wurden.

Das Herrschaftsgebiet des tibetischen Großreichs erstreckte sich nach Norden bis zum Tarim-Becken und ins westliche Zentralasien. Das „abgelegene Schneeland“ war keineswegs isoliert. Über die an seinen Rändern durchziehenden Handelsrouten war Tibet an den euroasiatischen Kulturraum angeschlossen. Aus China bezogen die Tibeter Seidenbrokatstoffe, aus dem arabischen Raum führten sie Kettenhemden für ihre Truppen ein. Über die Seidenstraßen exportierten sie vor allem Moschus und Gold in westliche Länder.

Buddhismus und Bön

Der Buddhismus ist in Indien entstanden und hat sich später in anderen Gebieten Asiens verbreitet. Erster Buddha („Erleuchteter“) war der indische Prinz Gautama Siddharta, der im 6. Jahrhundert v. u. Z. lebte. Gemäß seiner Lehre ist ein Wohlleben voller Lust ebenso unsinnig wie schmerzensreiche Askese. Um dem endlosen Kreislauf von Sterben und Wiedergeburten (Samsara) zu entkommen, muss der Mensch den „mittleren Weg“ beschreiten. Der besteht in der Entwicklung von Mitgefühl und Weisheit sowie in der Versenkung (Meditation). Nach buddhistischem Glauben haben alle Handlungen und Gedanken Wirkungen, Karma genannt. Durch Erwerb guten Karmas wird irgendwann der Zustand des Nirvana (Verlöschen) erreicht.

Der Buddhismus kennt keinen über allem waltenden Schöpfergott wie das Christentum, der Islam und das Judentum. Er ist insofern eine atheistische Religion.

 Bei seinem Erscheinen in Tibet trat der Buddhismus in Konkurrenz mit der dort verbreiteten Bön-Religion. Bön („wahre Lehre“) ist ein animistischer Glaube, d.h. die ganze Natur ist von Geistern und Dämonen beseelt. Diese sind in der Vorstellungswelt der Bönpa (Bön-Anhänger) durch magische Rituale vom Schamanen (Zauberer, Medizinmann) zu beeinflussen, der über Träume und Visionen (Trance) Zugang zur spirituellen Sphäre hat.

In der Frühzeit des tibetischen Buddhismus rekrutierten sich dessen Anhänger fast ausschließlich aus dem Adel. Jede Adelsfamilie war wirtschaftlich und politisch mit ihren „eigenen“ Klöstern verflochten. Die Herausbildung vielfältiger buddhistischer Lehrtraditionen trug erheblich zur politischen Zersplitterung Tibets bei. Unter den vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus ist – neben Nyingma, Sakya, Kagyü – die Gelug („Schule der Tugendhaften“) die jüngste und bedeutendste. Sie geht auf den Gelehrten Tsongkhapa (1357–1419) zurück, der großen Wert auf Mönchsdisziplin und Zölibat (Ehelosigkeit) legte. Ihre Anhänger, die Gelugpa, werden wegen ihrer Kopfbedeckung auch als „Gelbmützen“ bezeichnet. Aus dieser Schule gingen alle Dalai Lamas hervor.

Zwei besondere Entwicklungen des tibetischen Buddhismus seien hervorgehoben: zum einen die Vorstellung des Tulku, d.h. des „Erscheinungskörpers“ eines Buddha, der sich in einem kleinen Jungen oder Mädchen manifestiert. Zum anderen der Glaube an die „Wiedergeburt“ eines verstorbenen Lamas (geistlichen Lehrers) oder sonst einer historischen Persönlichkeit. In der Person des Dalai Lama verbinden sich beide Vorstellungen.

Vor dem Hintergrund der ständigen Auseinandersetzungen zwischen neuen und alten Tantra-Lehren sowie dem Bön-Glauben entstand im 19. Jahrhundert die Ver-einigungs-Bewegung Rime (tibetisch „grenzenlos“, „unparteiisch“). Diese bemühte sich, den Gegensatz der diversen buddhistischen Lehrtraditionen sowie der Bön-Religion zu überwinden.

 

Die Mongolen und die Dalai Lamas

Nachdem sich Dschingis Khan (reg.1206-27) zum Anführer der mongolischen Stam-mesverbände und zum neuen Herrscher Chinas aufgeschwungen hatte, wandte er sich nach Westen. Um 1240 wurde Tibet in sein Weltreich eingegliedert. Unter Möngke Khan (reg. 1251–1259) wurden die tibetischen Territorien an Mitglieder der mongolischen Herrscherfamilie verteilt. Als Kublai Khan (1215–1294) die Macht übernahm, machte er den tibetischen Geistlichen Phagpa (1235–1280) zu seinem bevorzugten Tantra-Lehrer. Phagpa wurde zum Guoshi (chines. „Lehrer der Nation“) und zum Oberhaupt des buddhistischen Klerus im ganzen Mongolenreich ernannt.

Im Jahre 1368 schüttelten die chinesischen Ming-Kaiser die mongolische Fremdherrschaft ab. In Tibet kam es zu dieser Zeit, als Reaktion auf die zahlreichen Missstände in den Klöstern, zu einer religiösen Erneuerungsbewegung. Deren zentrale Figur war Tsongkhapa Lobsang Dragpa (1357–1419). Der „Luther des tibetischen Buddhismus“ erließ strenge Vorschriften für das Mönchswesen, wie die Einhaltung des Zölibats, und etablierte das große Gebetsfest Mönlam. Nach einer kurzen, stabilen Friedenszeit (bis 1432) versank Tibet über innere Kleinkriege erneut für hundert Jahre im Chaos.

Als 1577 Sönam Gyatso (1543–1588), Abt des Klosters Drepung, in die Mongolei zum Altan Khan (1507–82) reiste, verlieh dieser ihm den Ehrentitel Dalai Lama. Das Wort dalai ist mongolischen Ursprungs und bedeutet „Ozean“, während Lama sich vom tibetischen bl-ama für „Mönch“ ableitet und „Hochgelehrter“ oder „Weisheit“ bedeutet. Der Gelugpa Sönam Gyatso wurde später zum Dalai Lama Nr. 3 erklärt, da man zwei seiner Vorgänger rückwirkend zum 1. und 2. Dalai Lama ernannte.

Nach dem Tod des 3. Dalai Lama 1588 wurde ein mongolischer Fürstensohn aus dem Geschlecht des Altan Khan zum nächsten Dalai Lama gemacht. Dies war als politischer Schachzug gedacht, um die Mongolen eng an Tibet zu binden. Doch nach der „Bestätigung“ des Mongolensprosses Yönten Gyatso (1589–1617) als 4. Dalai Lama gab es Widerstände von Seiten des Gelugpa-Klerus; den meisten Tibetern galten die Mongolen als „unzivilisiert“ und daher unwürdig.

Auch die Ernennung von Ngawang Lobsang Gyatso (1617–1682) zum Dalai Lama war von Anfang an umstritten; es gab mehrere rivalisierende Kandidaten. Dieser 5. Dalai Lama war der erste, dem es gelang, die religiöse und politische Macht auf sich zu verei-nigen. Auf seine Anweisung wurde 1645 der Bau des Potala-Palastes, des späteren Amtssitzes der Dalai Lamas, begonnen.

Als der 5. Dalai Lama 1682 starb, wurde dessen Tod vom Desi (Fürsten) Sanggye Gyatso und der klerikalen Führungsriege in Lhasa 15 Jahre lang verheimlicht. Das geschah vermutlich, um die politische Stabilität Tibets nicht zu gefährden. Die Sache flog erst auf, als der Mongolenherrscher Lhanzang Khan die Position des „Königs von Tibet“ einnehmen wollte und 1702 mit seinen Truppen in Zentraltibet erschien. Sanggye Gyatso wurde gefangen genommen und enthauptet.

Der nächste Dalai Lama, Tshangyang Gyatso, entpuppte sich als unerwartetes „Problemkind“. Der junge Mann verweigerte die ihm zugedachte Rolle und drohte mit Selbst-mord, bis die Rücknahme seines Novizengelübdes akzeptiert wurde. Da er aber, nach den gängigen Verfahren als Wiedergeburt seines Vorgängers bestimmt worden war, wurde Tshangyang Gyatso allseits als 6. Dalai Lama angesehen. Tagsüber residierte er zwar im Potala-Palast, doch trat er ausschließlich in Laienkleidung auf, war den Frauen zugetan und verfasste Liebeslieder statt buddhistischer Traktate. Das ging so lange, bis Lhazang Khan 1706 öffentlich erklärte, der 6. Dalai Lama sei doch nicht die wahre Inkarnation.

 

Unter chinesischer Herrschaft

Zwischen 1718 bis 1720 wurde Tibet mit Hilfe chinesischer Truppen von der mongolischen Besatzung befreit. Seit dieser Zeit residierten die Ambane – chinesische Statthalter – in Lhasa. Auf diese Ereignisse begründet China heute unter anderem seinen traditionellen Anspruch auf Tibet.

In dieser Zeit entstanden in Lhasa große Wohnanlagen von Adligen und Regierungsbeamten. Strenge Bauregeln wurden erlassen, damit kein Gebäude den Jokhang-Tempel überragte. Lhasa war eine kosmopolitische Stadt, in der neben Tibetern auch Chinesen, Mongolen, Kashmiris, Inder, Nepalesen, Russen und Armenier lebten. Die innere Stabilität unter dem 5. Dalai Lama hatte zu einem verstärkten Zustrom ausländi-scher Händler geführt. Die aus dem Iran kommenden Armenier handelten mit Gold, Moschus, Gewürzen, Safran und Yak-Schwänzen. Muslimische Kaufleute aus dem chinesischen Gansu führten Seide und Perlen ein. In Lhasa waren die Muslime bis 1950 auch für die Schlachtung von Tieren zuständig, da den Buddhisten diese Tätigkeit aus religiösen Gründen verboten war.

Der 7. Dalai Lama Kelsang Gyatso wurde mit Hilfe des chinesischen Kangxi-Kaisers (Qing-Dynastie) nach Tibet gebracht und begeistert aufgenommen. Unter chinesischem Protektorat („Schutzherrschaft“) wurde 1720 die tibetische Administration neu geordnet. Nach Abzug der chinesischen Truppen 1723 kam es zu bürgerkriegsähnlichen Wirren, aus denen ein junger Adliger, Pholhane, zum Herrscher Tibets aufstieg. Nach dessen Tod 1747 brachen die alten Konflikte wieder auf, bis der chinesische Kaiser erneut eingriff. Er erklärte die Ambane zu „Provinzgouverneuren“, denen alle politischen Angelegenheiten der Tibeter vorzugelegen waren. Die Bestimmung von Reinkarnationen wurde zur Sache der Ambane gemacht.

Als 1788 nepalesische Gurkha-Krieger in Tibet einfielen, entsandte der chinesische Qianlong-Kaiser ein starkes Heer, das Tibet wieder befreite. Nach diesem Ereignis strebte das „Reich der Mitte“ eine stärkere Eingliederung Tibets bei gleichzeitiger Abschottung nach außen an. Diese Politik wurde vom Klerus der drei großen Klöster und von Teilen der tibetischen Regierung unterstützt. So blieb Tibet im 19. Jahrhundert das „verbotene Land“.

Nach dem Tod ihres 7. Vertreters 1757 spielte die Institution des Dalai Lama nur noch eine formale Rolle. Die politische Macht ging auf die Regenten über, welche die chinesischen Kaiser aus dem Gelugpa-Klerus auswählten.

Kolonialistische Begehrlichkeiten

Seit dem späten 18. Jahrhundert bemühte sich die englische East India Company vergebens, in Tibet Fuß zu fassen. Mit der Besetzung Assams (Nordost-Indien) arbei-teten sich die Briten näher an ihr Ziel heran. Auch das zaristische Russland versuchte seine Einflusssphäre in Zentralasien auszuweiten und schickte Forscher wie Gombojab Tsybikov, Nikolai Przevalskij und Pjotr Kozlov um 1900 ins tibetische Hochland.

Unbestimmte Gerüchte über ein Geheimabkommen zwischen Tibet und Russland nahm Lord Curzon, englischer Vizekönig in Indien, zum Vorwand für einen militärischen Vorstoß nach Tibet. Das Truppenkontingent unter Francis Younghusband nahm 1904 die Stadt Lhasa ein. Nach vergeblicher Gegenwehr der tibetischen Armee floh der 13. Dalai Lama zunächst in die Mongolei, anschließend nach Indien. Im September 1904 erzwangen die Briten in einem Abkommen – der „Lhasa Convention“ – die Zustimmung zur britischen Herrschaft über Sikkim und zur Öffnung Tibets für den Handel mit England. China nahm den britischen Vorstoß zum Anlass, seinen alten Anspruch auf Tibet zu betonen. Es entsandte Truppen und hob sein ausschließliches Recht hervor, Steuern zu erheben. Im Jahre 1907 wurde in Lhasa eine chinesische Schule und eine Militärakademie eröffnet, sowie der Bau von Straßen und Telegraphenlinien in Angriff genommen.
 

Kurze Periode der Unabhängigkeit

Im indischen Darjeeling lernte der 13. Dalai Lama die Effizienz der britischen Kolonialverwaltung und die Vorteile einer funktionierenden Armee kennen. Sir Charles Bell, Offizier der britischen Regierung, brachte ihn in Kontakt mit den politischen und sozialen Ideen Europas.

Im Jahre 1911 wurde in Peking die Mandschu-Dynastie von einer bürgerlichen Revolution gestürzt. Eine vom Dalai Lama von Indien aus dirigierte bewaffnete Rebellion gegen die Chinesen endete mit dem 3-Punkte-Abkommen von 1912: Darin wurde der Abzug sämtlicher chinesischer Truppen aus Zentral- und Osttibet vereinbart. Als der Dalai Lama im Jahr darauf nach Tibet zurückkehrte, bot ihm der Präsident der chinesischen Republik die Wiedereinsetzung in seine Ämter an. Der Dalai Lama schlug das aus und forderte die Unabhängigkeit Tibets.

Von seinem Aufenthalt in der englischen Kolonie Indien geprägt, strebte der 13. Dalai Lama nach Modernisierungen für Tibet. Vier junge Tibeter wurden nach England zum Studium von Elektrotechnik, Bergbau, Telegraphie und Militärwesen gesandt. Papiergeld wurde eingeführt und das Postwesen reformiert. Ein Schulinspektor aus Indien richtete nach englischem Vorbild eine Schule ein.

Doch alle Reformansätze stießen beim konservativen Klerus der großen Klosterinstitutionen auf erbitterten Widerstand. Neue Wirtschaftszweige, wie der Goldabbau, durften nicht erschlossen werden, da nach traditionellem tibetischem Glauben der Bergbau die „Erdherren“ der betreffenden Territorien aufschrecken würde. Die „englische“ Schule musste wieder schließen und selbst die Modernisierung der Armee scheiterte am gegen alles „Fremde“ gerichteten Widerstand der Mönche.

Die neugegründete Republik China hatte ihren Anspruch auf Tibet nicht aufgegeben. Nach der Erklärung des chinesischen Präsidenten Sun Yat-sen 1912 waren die Tibeter chinesische Bürger und Tibet integraler Bestandteil Chinas. Ende 1913 fanden zwi-schen Bevollmächtigten Chinas, Tibets und Englands Verhandlungen statt. Deren Ergebnisse wurden 1914 im Abkommen von Simla festgehalten. Danach sollte das Land in ein Äußeres und ein Inneres Tibet mit unterschiedlichem Autonomie-Status aufgeteilt werde. Doch China weigerte sich, das Abkommen zu ratifizieren. England legte danach einseitig mit Tibet die indo-tibetische Grenze unter dem Namen McMahon-Linie fest. Dieser Grenzverlauf wird von China bis heute angefochten.

Der Anschluss an China

Der gegenwärtige 14. Dalai Lama wurde 1935 unter der Namen Lhamo Döndrub im Dorf Taktser in der Region Amdo geboren. Da dieses osttibetische Gebiet dem Kriegs-herrn Ma Pu-fang zugehörte, musste das zweijährige Kind – dessen Eltern chinesisch sprachen – von dort gegen eine hohe Geldsumme ausgelöst werden. Die Inthronisation des Tenzin Gyatso, so sein Mönchsname, fand 1940 in Anwesenheit eines Vertreters der chinesischen Regierung statt.

Unmittelbar vor dem Anschluss Tibets an die Volksrepublik China war die tibetische Gesellschaft keineswegs einhellig auf Tradition festgelegt. Viele tibetische Intellektuelle waren unzufrieden mit der ungeheuren Rückständigkeit ihres Landes, in dem noch immer bei politischen Entscheidungen Orakel und Geister befragt wurden. Der bekann-teste der „Rebellen gegen das alte Tibet“ ist der Literat und Reformer Gendün Chöphel (1903–1951). Er kehrte dem Mönchsleben den Rücken, ging nach Indien und schloss sich dort Gleichgesinnten an, die 1939 die revolutionäre Tibet Improvement Party gründeten. Der Schweizer Regisseur Luc Schaedler erzählt in seinem 2005 gedrehten Film „Angry Monk“ Chöphels Leben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als viele Kolonialländer in Asien unabhängig wurden, scheiterten die Bemühungen der Tibeter, von den USA und Großbritannien internationale Anerkennung zu erlangen. Die USA verweigerten der tibetischen Delegation den Status als „Gesandte“ und England sogar die Einreisevisa.

Als im Oktober 1949 Mao Zedong offiziell die Gründung der kommunistischen Volks-republik China bekannt gab, wies die Regierung in Lhasa sofort alle Chinesen aus. Eilends wurden in Indien Waffen und Instrukteure eingekauft. Die Versuche, schnell ein Telegraphensystem und sonstige kriegswichtige Infrastruktur aufzubauen, misslangen wegen des rückständigen tibetischen Bildungsstands: Es gab kaum Tibeter, die mit den Anforderungen moderner Technik zurechtkamen.

Alle diese Demonstrationen tibetischen Unabhängigkeitswillens interpretierte Peking als Ausdruck „imperialistischen Einflusses“ und kündigte am 1. Januar 1950 an, Tibet durch den Einmarsch seiner Volksbefreiungsarmee vom „britischen imperialistischen Joch zu befreien.“ Großbritannien, die USA und Indien stellten sich nicht dagegen. Der Appell der tibetischen Regierung an die Vereinten Nationen, die „Tibetfrage“ zu behandeln, scheiterte am Einspruch Englands und Indiens, die auf den „ungeklärten Rechtsstatus“ Tibets verwiesen. So drangen im Oktober 1950 chinesische Truppen nach Osttibet vor.

Für einen effektiven Widerstand war nicht nur das tibetische Militär zu schlecht ausgerüstet, die religiöse und politische Elite Tibets war auch in pro- und antichinesi-sche Fraktionen gespalten. Der jugendliche Dalai Lama und andere hohe geistliche Würdenträger begrüßten den chinesischen Einmarsch. Sie schickten an Mao ein Telegramm, in dem sie den Wunsch nach „Befreiung Tibets“ ausdrückten.

Die Chinesen rückten nicht nach Lhasa vor, obwohl das angesichts des geringen Widerstands möglich gewesen wäre, sondern versuchten zunächst, die Tibeter von den Vorteilen eines Anschlusses an China zu überzeugen.

Zwischen April und Mai 1951 wurde dann in Peking das sog. 17-Punkte-Abkommen ausgehandelt: Die Tibeter stimmten allen Punkten zu, in der Vorstellung, ihnen würde „regionale Autonomie“ gewährt. Doch viele unscharf formulierte Punkte des Vertrags beließen einen großen Interpretationsspielraum. Aus chinesischer Sicht beinhaltete das Abkommen die faktische Anerkennung von Chinas Oberhoheit über Tibet. Die Regierung in Lhasa stimmte am 24. Oktober 1951 dem Vertragswerk zu. Sie hatte dabei Rückhalt im Tutor des 14. Dalai Lama, Ling Rinpoche, sowie in einem Teil der Regierung und der Kloster-Oberen. Angesichts der Machtlosigkeit der China-Gegner war damit die kurze Periode der Unabhängigkeit Tibets seit 1911 beendet und die Eingliederung in die VR China faktisch vollzogen.

Autonome Region Xizang

In den ersten Jahren blieb die Entwicklung in Zentraltibet ruhig. Der Bau von Straßen, Schulen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen fand viel Anklang bei der Bevölkerung. Im Jahre 1954 folgte der Dalai Lama einer Einladung nach Peking. In seiner Autobiographie berichtet er, wie sehr er zunächst von Mao Zedong fasziniert war, bis dieser ihm bei ihrem letzten Treffen sagte, Religion sei Gift, zerstöre ein Volk und verlangsame den Fortschritt eines Landes.

Tibetisches Feudalsystem

Im tibetischen Feudalsystem gehörte das Land bis 1950 einer kleinen Schicht von verwandtschaftlich eng miteinander verflochtenen Aristokraten und Klosteroberen. Die von ihnen abhängige Landbevölkerung fristete ein Dasein als „Leibeigene“, die rücksichtslos ausgebeutet und geknechtet wurden. Grausame Bestrafungen wie öffentliches Auspeitschen, Blenden und Abhacken von Gliedmaßen waren bis ins 20. Jahrhundert hinein üblich. Die ungleichen Lebensumstände wurden durch die buddhistische Karma-Lehre gedeckt: Wer in bitterster Armut lebte, hatte das seiner vorherigen Existenz voll schlechter Taten – also „schlechtem Karma“ – zuzuschreiben.

In den mehr als 6000 Klöstern, die Tibet bis 1959 besaß, lebte ein großer Teil der männlichen Bevölkerung – die Schätzungen schwanken zwischen 12 Prozent und 30 Prozent – ohne produktive Arbeit zu verrichten. Außerhalb der Klöster gab es keine Bildungs-, Gesundheits- und Hygieneeinrichtungen. Um ihre politischen und ökonomischen Machtpositionen zu sichern, hielten die großen Klöster einige tausend Dabdob („Kampfmönche“) unter Waffen.

Noch im selben Jahr leiteten die Chinesen eine grundlegende Umgestaltung Tibets ein: Die alte Oberschicht aus Adel und Klerus wurde endgültig entmachtet, die Landwirtschaft kollektiviert und Nomaden wurden zwangsweise sesshaft gemacht. Die drastischen Eingriffe in die traditionelle Lebensweise führten im Winter 1955/56 in Osttibet zum sog. Kanding-Aufstand. Ab 1957 begannen dann die USA den Widerstand der Khampa, einer osttibetischen Volksgruppe, durch Waffenlieferungen und Ausbilder zu unterstützen.

Als im März 1959 das Gerücht aufkam, die Chinesen beabsichtigten den Dalai Lama zu entführen, floh dieser mit seinen Beratern und Khampa-Kämpfern nach Indien. Bald  folgten tausende Tibeter, die in Indien um politisches Asyl baten. Von der Enklave Mustang in Nepal aus entfachte der amerikanische Geheimdienst CIA im tibetischen Hochland bis ins Jahr 1974 hinein einen Guerillakrieg gegen China. Neben militärischen Abwehrmaßnahmen versuchte China dem Widerstand mit einer ideologischen Kampagne den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Verhältnisse im Tibet vor 1950 wurden als „Hölle auf Erden“ bezeichnet, aus der China die tibetischen Massen befreit habe.

In Tibet verschwanden viele Mönche und sonstige Gegner der chinesischen Politik in Lagern und eine große Zahl kam dabei um; die Exil-Tibeter sprechen von über einer Million Todesopfern. Dieses Ausmaß wird von anderer Seite (z.B. Colin Goldner „Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs“) als stark übertrieben angezweifelt, ohne die Brutalität des chinesischen Militärs zu leugnen. Ab dieser Zeit kam es auch zu einer verstärkten Ansiedlung von Chinesen in Ost-Tibet. Im Jahre 1965 wurde Tibet zur Tibetischen Autonomen Region (TAR) erklärt, deren chinesische Bezeichnung Xizang lautet. Durch die 1966 von Mao angeleitete Kulturrevolution wurde der Druck auf das traditionelle Tibet noch verschärft: Innerhalb weniger Jahre wurde der Großteil der fast 6000 Klöster und Tempel geplündert, sämtliche Formen öffentlicher Religionsausübungen untersagt.

 

Im neuen China

Unter Deng Xiaoping vollzog die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) eine radikale Hinwendung zur kapitalistischen Marktwirtschaft und begann mit der politischen Öffnung nach außen. Der neue Generalsekretär der KPCh Hu Yaobang prangerte auf seiner Tibetreise 1980 die von den Chinesen begangenen Fehler offen an. Es begann eine Phase der Entspannung, Gefangene wurden aus Lagern entlassen, in den Schulen wurde wieder Tibetisch unterrichtet. Ab 1982 wurde die Religionsausübung in gewissem Umfang erlaubt, Tempel und Klöster wurden instandgesetzt. Doch die Periode der Lockerungen fand ein Ende, als der Dalai Lama 1987 bei einem USA-Besuch die chinesische Regierung aufforderte, Tibet in eine „selbstregierte Einheit“ in einem „freiwilligen Verband mit China“ zu verwandeln (5-Punkte-Programm). Als kurz darauf eine Mönchs-Demonstration in Lhasa in dreitägige blutige Straßenkämpfe ausartete, verhängte die chinesische Regierung für ein Jahr das Kriegsrecht über Tibet.

Seitdem bemüht sich China offenbar um einen Mittelweg: Die religiösen Anführer in Tibet werden umworben und in Peking wurde ein buddhistisches Kolleg eingerichtet, in dem seit 1987 junge Lama-Anwärter ausgebildet werden. Religiöse Zeremonien sind wieder öffentlich erlaubt, finden allerdings immer häufiger nur noch als Inszenierungen für Touristen statt. Die Zahl der Mönche wird zwar begrenzt, ist aber wieder auf etwa 150 000 gestiegen, und etwa 2500 Klöster wurden wieder aufgebaut. Doch sobald tibetische Oppositionelle öffentlich protestieren, geht die Polizei gewaltsam gegen sie vor.

Tibet ist inzwischen auch ökonomisch wichtig für die VR China. Das Land ist reich an Bodenschätzen, darunter Gold, Uran, Kohle, Kupfer, Borax, Eisen, Zink und Lithium. In Tibet errichtete Kraftwerke exportieren mittlerweile Strom ins restliche China. Die wirtschaftliche Erschließung zieht aber auch Umweltprobleme nach sich. In Osttibet wurden bereits riesige Waldgebiete abgeholzt. Es kam zur Bodenerosion, und da in Tibet viele große Ströme Asiens (Indus, Yangtse, Mekong u.a.) entspringen, erhöhten sich die Risiken für Überschwemmungen in Süd- und Südostasien drastisch. Die Abholzungen wurden 1998 teilweise gestoppt und werden heute in geringerem Umfang fortgesetzt.
 

Tibet im Exil

Dem nach Indien geflohenen Dalai Lama und seinem Gefolge wurde 1959 vom indischen Ministerpräsident Jawaharlal Nehru der im Bundesstaat Himachal Pradesh gelegene Ort Dharamsala zugewiesen. Zunächst verhielt sich Indien sehr zurückhaltend, da es einen Konflikt mit China vermeiden wollte. Es änderte seine Politik erst, als es 1962 wegen der umstrittenen McMahon-Linie zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen beiden Ländern kam. Danach ermutigte Indien die Tibeter, sich politisch zu organisieren, was zur Ernennung einer Exilregierung führte. Zwar wählt die Exilgemeinde ihre Führung nach demokratischen Spielregeln, doch dabei bleibt der Dalai Lama, kraft seiner religiösen Stellung, oberste politische Instanz.

Der 14. Dalai Lama führt seit Jahrzehnten einen unermüdlichen Kampf um die Unabhänigkeit Tibets von der chinesischen Bevormundung. Sein bevorzugtes Mittel ist es dabei, China wegen seiner Menschenrechtsverletzungen vor einer weltweiten Öffentlichkeit an den Pranger zu stellen und bei den maßgeblichen Politikern der großen Industrienationen dafür zu werben, sich für die Sache Tibets stark zu machen. Viele amerikanische und europäische Staatsführer bezeugen zwar regelmäßig ihre Sympathien für den Dalai Lama und seinen friedlichen Weg, doch die Unterstützung bleibt zurückhaltend und eher symbolisch. So erhielt der Dalai Lama schon manchen Ehrendoktorhut (Uni Münster 2007) und 1989, kurz nachdem chinesisches Militär die Proteste von Bürgerrechtlern am Tian’anmen-Platz blutig niederschlug, den Friedensnobelpreis für seinen „gewaltlosen Kampf für die Befreiung Tibets“. Doch bei allen Treffen mit dem Dalai Lama wird deren „privater Charakter“ betont und keine Regierung der westlichen Welt geht das Risiko ein, sich wegen Tibet mit dem wichtigen Handelspartner China ernsthaft anzulegen.

Angesichts der Kritik verweist die chinesische Regierung auf die ernormen Fortschritte, die Tibet in den letzten Jahrzehnten als Teil Chinas gemacht hat. Die gibt es tatsächlich: Den Tibetern geht es heute materiell besser als jemals zuvor. Das Land verfügt über ein ausgebautes Straßennetz, Flugplätze und eine Eisenbahn führt ins 3600 m hoch gelegene Lhasa. Nachrichten über das tibetische Innenleben dringen zu uns, weil die Tibeter über Handy und Internet mit der Außenwelt kommunizieren können.

Tibetische Identität

Seine ganze Geschichte hindurch wies Tibet eine große ethnische, sprachliche und kulturelle Vielfalt auf. Daher waren die Beziehungen zwischen den tibetischen Regionen auch häufig spannungsgeladenen. Im Exil versuchte der Dalai Lama diese Differenzen aufzuheben und die Voraussetzungen für so etwas wie eine gemeinsame religiöse und kulturelle Identität aller Tibeter zu schaffen.

Anknüpfungspunkte für eine solche Identitätsstiftung werden im traditionellen Kunsthandwerk, in der Thangka-Malerei sowie in den übergreifenden religiösen Autoritäten (Lamas, Tulkus) gesucht. Auch das verklärte Bild eines durch buddhistische Grundsätze geprägten, friedlichen und vollkommenen Tibets wirkt als Baustein zur Schaffung einer Identität.

Zu dieser Vorstellung eines Shangri La, eines buddhistischen Paradieses hinter dem Himalaya, das Tibet vor 1959 angeblich gewesen sein soll, tragen vor allem die westlichen Anhänger des tibetischen Buddhismus bei. Doch wie der Gang durch die tibetische Geschichte gezeigt hat, waren und sind die Tibeter kein „durch und durch friedliebendes Volk“.

Kurz vor den Olympischen Spielen 2008 in China versuchten tibetische Mönche durch gewaltsame Ausschreitungen in Lhasa die internationale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Die Mönche kämpfen nicht für Menschenrechte, sondern vielmehr für dieInteressen ihrer Klöster und für den tibetischen Nationalismus“ kommentierte Altbundeskanzler Helmut Schmidt die Aktionen (Zeit, 15.5.2008) und sah sie als Beleg dafür, dass der Dalai Lama die Situation in Tibet nicht mehr unter Kontrolle habe. Auch in der jungen Generation der Exil-Tibeter scheint die Unzufriedenheit mit der bisherigen Linie der Gewaltlosigkeit zur Durchsetzung politischer Ziele zu wachsen. So bleibt zu hoffen, dass der anhaltende internationale Druck auf die VR China, Demokratie und Menschenrechte weiterzuentwickeln, bald Fortschritte zeitigt und in der Folge dem Bedürfnis der Tibeter nach mehr Autonomie nachgegeben wird.

 

Literaturverzeichnis:

  • Baumhauer, Otto (Hrsg.): Tibet Dokumente zur Entdeckungsgeschichte. Stuttgart, Hamburg: Deutscher Bücherbund 1965.
  • von Brück, Michael: Religion und Politik in Tibet. Frankfurt/Main: Verlag der Weltreligionen, 2008.
  • Dalai Lama: Mitgefühl und Weisheit. Zürich: Diogenes Verlag 2004.
  • Dalai Lama: Der Schlüssel zum mittleren Weg. Hamburg: dharma edition, 1991.
  • Dodin, Thierry/Räther, Heinz (Hrsg.): Mythos Tibet. Köln: DuMont Verlag, 1997.
  • Franz, Uli: Gebrauchsanweisung für Tibet. München: Piper Verlag 2007.
  • Goldner, Colin: Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs. Aschaffenburg: Alibri Verlag, 2000.
  • Gruschke, Andreas: Tibetischer Buddhismus. Kreuzlingen, München, H. Hugendubel Verlag, 2003.
  • Harrer, Heinrich: Sieben Jahre in Tibet. Berlin: Ullstein Verlag 1997.
  • Kollmar-Paulenz, Karenina: Kleine Geschichte Tibets. München: C.H. Beck Verlag 2006.
  • Lehmann, Steve: Die Tibeter. Ein Kampf ums Überleben. Kempen: TeNeues Verlag 1999.
  • Ludwig, Klemenz: Tibet. München: C.H.Beck Verlag 2000.
  • Prschewalski, Nikolai: Auf Schleichwegen nach Tibet 1870 – 1873. Lenningen: Erdmann Verlag 2004.
  • Trimondi, Victor & Victoria: Der Schatten des Dalai Lama. Düsseldorf: Patmos Verlag 1999.

Adressen im Internet:

Impressum:

Textheft zur Wandzeitung „Gesellschaft und Staat“ Nr. 3/2009: „Tibet“.
Herausgeber: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, Praterinsel 2, 80538 München, Telefon (089) 2186-2170.
Redaktion: Dr. Zdenek Zofka (verantwortlich, Anschrift siehe Herausgeber).
Text: Dr. Helmut Bruckner.
Gestaltung, Koordination und Verlag: Lüders & Baran, Agentur für Kommunikation, München.
Druck: Neumann Druck, Landshut.

Die Wandzeitung erscheint mehrmals im Jahr und wird unentgeltlich abgegeben.


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