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Wahlen in Bayern 1848 - 1994

 

von: Dr. Zdenek Zofka
aus: Der Staatsbürger (Nr. 11, Nov. 1994), eine Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Inhalt:

 

Einleitung

Ist das nicht langweilig - Wahlen in Bayern? Die Christsozialen haben die Mehrheit für sich gepachtet, die Grünen und Sozis nehmen sich gegenseitig die Stimmen weg und die FDP ist im Landtag einmal drin und dann wieder draußen. Das kennen wir doch alles schon. Da verläuft alles nach vorgegebenen "Naturgesetzen", ein bißchen auf und ab, aber wirklich bewegen tut sich doch nicht viel. Oder?

Doch wie sieht es aus, wenn man über den engen Horizont des Vergleichs der Ergebnisse von Wahlperiode zu Wahlperiode hinausblickt, wenn man stattdessen die langen Traditionslinien der Geschichte der Wahlen in Bayern, die immerhin bis in das Jahr 1848 zurückreichen, in die Betrachtung mit einbezieht? Hier hat es doch gravierende Umbrüche im Wahlrecht, im Parteiensystem und in der Zusammensetzung der Wählerschaft gegeben, daß man eher umgekehrt fragen muß: Sind in der heutigen politischen Landschaft des Freistaates noch Ähnlichkeiten mit den Strukturen und Mustern vergangener Zeiten zu erkennen?

Sicherlich ist es interessant, mehr oder weniger typische oder aber besonders auffällige Ergebnisse einzelner Stimmbezirke oder Wahlkreise zu studieren, doch ein wirklich umfassendes Bild von der politischen Landschaft eines Gebietes bekommt man erst, wenn man die Wahlergebnisse systematisch in eine Landkarte einträgt.Nun plötzlich werden die regionalen Besonderheiten, und nach längerem Kartenstudium auch die durchgängigen Verteilungsmuster und Strukturen sichtbar, die für eine wissenschaftlich saubere und fundierte Wahlanalyse bekannt sein müssen. Dazu kommt dann der Vergleich mit anderen statistischen Daten der Region, Daten über die konfessionelle, wirtschaftliche und soziale Struktur der Bevölkerung.

Diese Art der wahlgeographischen oder - wie sie früher genannt wurde - "ökologischen" Forschung wurde zuerst in Frankreich entwickelt, vor allem von dem um die Jahrhundertwende tätigen Geographen Andr‚ Siegfried, und in den dreißiger Jahren auch in Deutschland von dem Soziologen Rudolf Heberle angewandt, der mit ihrer Hilfe den Aufstieg des Nationalsozialismus zu erklären versuchte.

Mit der Erforschung der Wahlen in Bayern hat sich in den sechziger Jahren der Geschichts- und Politikwissenschaftler Dietrich Thränhardt befaßt, der die gesamte Wahlentwicklung von 1848 bis 1953 studierte, sowie Willibald Fink, der die überraschenden Wahlerfolge der NPD bei der Landtagswahl 1966 unter die wahlgeographische Lupe nahm.

Heutzutage, mit Hilfe des Computers, ist es keine große Affäre mehr, nummerische Daten wie Wahlergebnisse automatisch in eine Landkarte zu übertragen, noch vor einigen Jahren jedoch war dies ein äußerst mühseliges Unterfangen. Daher ist es um so erstaunlicher, daß die erste wahlgeographische Landkarte Bayerns schon vor 135 Jahren entstand: 1859 erstellte Julius Knorr seine "Charte über die politische Färbung Bayerns zur Zeit des Landtages 1849".

1848: Spaltung in Alt- und Neubayern

Die Mehrheiten bei den Landtagswahlen 1849

Diese Wahl zum Landtag 1849 war die zweite - halbwegs freie - Wahl in Bayern und es sollte für fast zwanzig Jahre schon wieder die letzte sein. Wie gewonnen, so zeronnen: Zu den Früchten der Revolution des Jahres 1848 gehörte neben der Zulassung politischer Vereine und einer politischen Presse auch die Einführung eines neuen Wahlrechts zum Landtag. Diesen gab es schon seit 1819, jedoch nur in Form einer reinen Ständeversammlung.

Das neue Wahlrecht hatte zwar zahlreiche Einschränkungen (wählen durften nur die Männer, und nur wenn sie eine gewisse Mindeststeuer entrichteten, die Wahlen waren indirekt und öffentlich, also nicht geheim), für die damalige Zeit war dies jedoch ein gewaltiger Fortschritt. Und die Ergebnisse der ersten Wahl im Dezember 1848 waren für Regierung und König alles andere als erfreulich.

Das Parlament bekam eine linke Mehrheit - übrigens bislang das einzige Mal in der gesamten Geschichte Bayerns. Die Linke setzte sich zusammen aus den radikalen "Demokraten", die ein Ende der Monarchie anstrebten, und dem gemäßigteren liberal-konstitutionellen "Linken Zentrum", auf der anderen Seite des Hauses saßen das katholisch-konservative "Rechte Zentrum" sowie die liberal-konservativen "Rechte".

Nachdem die Mehrheit des Landtages die Frankfurter Reichsverfassung für verbindlich erklärt hatte, wurde das Parlament im Juni 1849 aufgelöst. Die folgenden Neuwahlen brachten zwar eine Verschiebung der Mehrheit, doch im großen und ganzen war das Wahlergebnis vom Juli 1849 dem von 1848 sehr ähnlich.

Wie die "Charte" von Julius Knorr eindrucksvoll zeigt, war Bayern klar in zwei Lager gespalten: Alt- und Neubayern. Zwar mag das Bild auf den ersten Blick verwirrend erscheinen, doch faßt man die beiden linken und die beiden rechten Parteien zusammen, so ist das Verhältnis Rechte zu Linke für Altbayern 52 zu 5, für Neubayern (einschließlich Pfalz) 11 zu 65. In der auf der Karte nicht dargestellten Pfalz wurden ausschließlich radikal-demokratische Linke gewählt.

Während also die Altbayern sehr einheitlich konservativ und königstreu wählten, überwog in den erst vor wenigen Jahrzehnten zu Bayern gekommenen Gebieten die liberale und demokratische Opposition. Einige konservative Inseln in Schwaben erklären sich hauptsächlich dadurch, daß es sich hier zum größten Teil um ehemals altbayerische Gebietssplitter (Neuburg, Mindelheim, Donauwörth, Lauingen) und benachbarte Gebiete handelt.

Zu den andersartigen territorialen Traditionen und (landes- versus reichstreue) Orientierungen, die den Bruch im Wahlverhalten zwischen den beiden Landesteilen erklären können, kommen weit in die Geschichte zurückreichende regionale Sondererscheinungen hinzu: So hat der Wahlforscher Dietrich Thränhardt herausgefunden, daß die ländlichen Gebiete innerhalb Frankens und Schwabens, in denen die radikalen Demokraten besonders stark Fuß faßten, weitgehend mit den Schauplätzen des Bauernkriegs an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit identisch waren.

Diese 1848/48 sichtbaren Konturen in der politischen Landschaft Bayerns verschwanden sehr schnell wieder von der Bildfläche: Zwar änderte die Regierung nichts am Wahlrecht, doch wurden noch 1849 alle Parteien und Gruppierungen, ja jede politische Aktivität insgesamt verboten. An die Stelle freier Willensbildung in der Gesellschaft trat die "loyale Wahlbeeinflussung" (Franz v. d. Pfordten) durch Beamte und Bischöfe.

1871: Konfessionszugehörigkeit wird zum entscheidenden Faktor

Zu den nächsten freien, nun auch direkten und allgemeinen (d.h. ohne Zensus, allerdings blieben die Frauen weiterhin ausgeschlossen) Wahlen kam es dann erst wieder im Jahre 1868, als das deutsche Zollparlament gewählt wurde, und dann ab 1871 in den Wahlen zum Deutschen Reichstag. Nun gab es auch wieder Parteien: 1864 war die kleindeutsch gesinnte liberale Fortschrittspartei gegründet worden, nach 1866 organisierten sich die antipreußischen, katholisch-konservativen Kräfte in der Bayerischen Patriotenpartei, die sich 1887 in Bayerisches Zentrum umbenannte. Die großdeutsch-liberale Mittelpartei wurde zwischen diesen Parteien zerrieben und verlor rasch an Bedeutung.

Nach einer kurzen "liberalen Welle" in der ersten Begeisterung über die Reichsgründung, bei der auch in Altbayern Kandidaten der Fortschrittspartei vergleichsweise gut abschnitten, etablierte sich eine neue, über zwei Jahrzehnte stabile politische Landschaft. Die Differenzierung zwischen Alt- und Neubayern trat durch die Integration Bayerns in das Reich in den Hintergrund, und der Kulturkampf und die Minderheitensituation, in die die katholische Kirche nun geraten war, brachten eine entscheidende Wende: Die Konfessionszugehörigkeit wurde zum ausschlaggebenden Faktor für das Wahlverhalten, vor allem in den ländlichen Gegenden .

1874, auf dem Höhepunkt des mehr als ein Jahrzehnt dauernden Kulturkampfes, votierten fast zwei Drittel der bayerischen Wähler und fast die Hälfte der Wahlberechtigten für die katholisch-konservative Patriotenpartei: Dies wäre mit den altbayerischen Stimmen allein kaum möglich gewesen. Der Wahlforscher Dietrich Thränhardt unterscheidet vier Regionen in die sich die neue politische Landschaft Bayerns gliedert: das katholische Altbayern, den katholischen Teil Neubayerns, den protestantischen Teil Frankens und die (größeren) Städte.

In Altbayern erzielte die katholisch-konservative Partei bei hoher Wahlbeteiligung durchwegs hohe bis extrem hohe Ergebnisse (z.T. wurden 99% erzielt, Ergebnisse um 90% waren keine Seltenheit). Ausnahmen gab es kaum, eines der wenigen Beispiele ist der Bereich der Diözese Passau, wo der Bischof seinen Pfarrern mehrfach die Einmischung in die Politik untersagte. Die hohe Mobilisierung war natürlich in der Regel auf das Engagement der Geistlichen zurückzuführen, die die organisatorische Basis der Partei bildeten und auch ein Fünftel der Landtagsfraktion stellten.

Der eigentliche Wandel geschah im katholischen Neubayern: Dies war von beiden Parteien umkämpft, und hier wurden - bei hoher Wahlbeteiligung - nur sehr knappe Mehrheiten erzielt. Jedoch in der Mehrzahl der katholischen Wahlkreise Neubayerns setzten sich die Kandidaten der Patriotenpartei durch, zu den wenigen Ausnahmen gehören Bamberg, Kronach, Forchheim und Immenstadt. Die Neuorientierung Unterfrankens und Schwabens zum politischen Katholizismus war zwar heftig umkämpft, erwies sich jedoch dann als sehr beständig.

Das protestantische Mittelfranken blieb bei relativ geringer Wahlbeteiligung fest in der Hand der Liberalen. Auch in den Großstädten München und Nürnberg blieben die Liberalen letztlich siegreich. Hier trat der Faktor Konfessionszugehörigkeit deutlich in den Hintergrund, und wirkte sich eigentlich nur darin aus, daß München naturgemäß heftiger umkämpft war, als Nürnberg. Ähnliches gilt auch für die anderen größeren Städte: Nicht nur in den Orten mit reichsstädtischen und protestantischen Traditionen wie Augsburg, Lindau, Kempten, Memmingen, Kaufbeuren, Neuulm, Schweinfurt und Kitzingen sondern auch in Würzburg und Neuburg blieben die Liberalen die bestimmende Kraft.

Abweichendes Wahlverhalten: das Allgäu

Eine auffällige Sonderrolle in der Entwicklung des Wahlverhaltens spielte das Allgäu: Anders als die anderen katholischen Gegenden Neubayerns vollzog es den Schwenk hin zur Zentrumspartei nicht mit. Obwohl nicht weniger katholisch (90% Katholiken) als der altbayerische Teil der Alpenregion und wirtschaftlich ganz ähnlich strukturiert (über 40% Beschäftigte in der Landwirtschaft) verhielt es sich politisch völlig gegensätzlich: Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges blieb das Allgäu eine Bastion der Liberalen.

In den drei größeren Städten des Allgäus, alle drei ehemalige Reichsstädte, in denen - obwohl im Umland in der Minderheit - die Protestanten den Ton angaben, behielten die Liberalen die unangefochtene Führungsposition, in den umliegenden Landkreisen waren sie bis 1899 dem Zentrum ebenbürtig.

Der Allgäuer Liberalismus ist eng verknüpft mit dem Namen des Abgeordneten Joseph Völk. Als Mitstreiter bei der Revolution 1848 war er zum Wortführer der Kleindeutschen im Bayerischen Landtag geworden. 1871 schloß sich Völk der altkatholischen Bewegung an, die das päpstliche Unfehlbarkeitsdogma nicht anerkennen wollte. Diese Bewegung fand im Allgäu starken Rückhalt - doch auch dies ist eher ein Symptom für die liberale Grundhaltung der Allgäuer als deren Ursache.

Dietrich Thränhardt versucht dieses Phänomen mit den spezifischen regionalen Traditionen zu erklären: Im Gegensatz zum übrigen Schwaben besaß das Allgäu jahrhundertealte Repräsentativkörperschaften. So z.B. gab es für die Fürstabtei Kempten eine "hochfürstliche Landschaft", die aus bäuerlichen Vertretern der Dorfgemeinden zusammengesetzt war und sie dem Abt gegenüber repräsentierte.

In diesen territorialen Traditionen bäuerlicher Mitsprache sieht Thränhardt "gute Voraussetzungen für eine Umsetzung in Liberalismus und Opposition gegen den bürokratischen bayerischen Staat". Hinzu kommt, daß das Allgäu eine marktorientierte spezialisierte Landwirtschaft besaß. Auch hierin sieht Thränhardt "eine geeignete Basis für politischen Liberalismus", und verweist auf andere Regionen mit marktorientierter, konkurrenzfähiger Landwirtschaft (z.B. in Skandinavien, Kanada und USA), die ebenfalls stark zum Liberalismus tendierten.

Industrialisierung und Sozialdemokratie

Die Mehrheiten bei den Landtagswahlen 1893

Ganz allmählich erwuchs jedoch den Liberalen in den Städten eine mächtige Konkurrenz, die sie allmählich von der Mehrheitsposition verdrängen sollte: die Sozialdemokratie. Zwar blieb Bayern im Kern ein Agrarstaat und erfuhr im Lauf des 19. Jahrhunderts nur eine "geminderte Industrialisierung" (Karl Bosl), doch in den Zentren der Industrie, in den Großstädten, vor allem in Augsburg und Nürnberg, später auch in München, sowie in den kleineren Standorten wie Penzberg, Kolbermoor, Zwiesel, Bodenmais und Selb entwickelte sich die Arbeiterbewegung zur dominierenden politischen Kraft.

Paradoxerweise waren die Liberalen selbst als Geburtshelfer für ihre spätere Konkurrenz tätig. So entstand der erste liberale Arbeiterverein in Nürnberg schon 1861. Jedoch schon drei Jahre später faßte auch die eigentliche sozialistische Arbeiterbewegung in Bayern Fuß: In Augsburg wurde eine erster örtlicher "Ableger" des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (Lasalle) gegründet. Auch die zweite Richtung der Arbeiterbewegung, die marxistisch orientierten "Eisenacher" konnte sich in Nordbayern etablieren, doch schon 1870 vereinigten sich beide Organisationen auch in Bayern zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei.

Schon bald begannen die Sozialdemokraten in den meisten Wahlkreisen "Zählkandidaten" aufzustellen, die, obwohl die Partei selbst 1878 verboten wurde (Sozialistengesetz) und unter dem rigiden Vereinsrecht litt, immer deutlichere Erfolge erzielen konnten. So errang Karl Grillenberger schon 1881 als erster bayerischer Sozialdemokrat in Nürnberg das Reichstagsmandat, 1884 gelang dies auch in München.

Von den Großstädten aus drang die Sozialdemokratie in das Umland vor, vor allem in die Orte, von denen aus die Arbeiter in die Industriestädte pendelten. Bis spätestens 1912 hatte die Sozialdemokraten die Liberalen in den mittelgroßen protestantischen Städten als Mehrheitspartei verdrängt, so in Hof, Bayreuth, Erlangen und Fürth. Und auch in einer Reihe von oberfänkischen Landkreisen um Hof bekam die SPD die Mehrheit der Wähler auf ihre Seite.

Trotz der frühen Anfänge der Arbeiterbewegung kam es zur eigentlichen Gründung der SPD in Bayern erst im Jahr 1892. Zum unumstrittenen Führer der Partei wurde Georg von Vollmar, der sie auf einen reformistischen Kurs führte. Vollmar hatte erkannt, daß die Sozialdemokratie keine reine Industriearbeitervertretung bleiben dürfe, wenn sie unter den bayerischen Verhältnissen zum Erfolg kommen wolle. Doch alle Bemühungen, auch in der Bauernschaft Boden zu gewinnen, blieben ohne nennenswerten Erfolg.

Konkurrenz um die Bauern

Dabei passierte gerade im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts etwas ungeheuerliches, was die Bemühungen der SPD durchaus nicht aussichtslos erscheinen ließ: Die Bauernschaft begann sich von ihrer angestammten Partei, dem Zentrum, zu lösen, und zwar ausgerechnet in den bisherigen Stammgebieten in Altbayern. Was war geschehen?

Eine entscheidenden Voraussetzung für eine solche Loslösung war natürlich das Ende des Kulturkampfes noch in den 80er Jahren. Aber das ausschlaggebende Motiv war wirtschaftlicher Natur: Es hing mit der Handelspolitik des neuen Reichskanzlers Caprivi zusammen, der auf einen stärkeren Export der deutschen Industriegüter setzte, und dafür auch bereit war, die Agrarzölle herabzusetzen. Die Folge: Die Preise für landwirtschaftliche Produkte fielen rasch in den Keller.

Da das Zentrum die Politik Caprivis gebilligt hatte, waren die Bauern zutiefst verärgert. Und da auch die Sozialdemokraten in die gleiche Richtung tendierten - billigere Lebensmittel bedeuteten für die Arbeiter eine reale Lohnsteigerung -, konnten sich die Bauern nicht einfach der vorhandenen Opposition anschließen, sondern mußten neue Wege gehen: Sie gründeten ihre eigene Partei.

So entstanden 1893 in den verschiedenen Landesteilen Bayerns verschiedene Bauernbünde, die je nach politischer Tradition und wirtschaftlicher Lage in der Region zum Teil recht unterschiedliche Positionen vertraten: der Bund Niederbayerischer Bauern, der Oberbayerische Waldbauernbund, der Schwäbische und der Fränkische Bauernbund.

Sensationelle Erfolge in Altbayern

Die stärksten Parteien bei den Reichstagswahlen von 1912 nach Landkreisen

Noch bevor sich die einzelnen Bünde um eine gemeinsame Organisation kümmerten, stellten sie bereits Kandidaten für die Wahlen auf und erzielten auf Anhieb durchschlagende Erfolge. Am sensationellsten fielen diese in Altbayern aus, wo es gelang, in bisher reinen Zentrumskreisen in Ober- und Niederbayern die Mehrheit zu gewinnen. Etwas geringer fielen die Erfolge im protetantischen Franken aus, und ähnliches gilt für Schwaben, wo der Bauernbund vor allem das bisherige Wählerpotential der Liberalen übernehmen, die Position des Zentrums aber nicht nennenswert schwächen konnte.

Die Bemühungen der Bauernbünde, sich zu einer einheitlichen bayerischen Organisation zusammenzuschließen, waren nur von vorübergehenden Erfolgen gekrönt: Zwar kam es 1895 zum ersten Verbund, dem jedoch die oberbayerischen Waldbauern nicht beitreten wollten, und nachdem diese schließlich überredet waren, schmollten die Franken, die 1910 endgültig aus dem Bayerischen Bauernbund (BBB) ausscherten und sich dem den (preußischen) Konservativen nahestehenden Bund der Landwirte anschlossen.

Auf Reichsebene gab es außerdem noch eine weitere Bauernpartei: der den Liberalen nahestehnde Deutsche Bauernbund. In den Wahlergebnissen von 1912 wird dann eine Aufspaltung im Wahlverhalten des protestantischen Frankens sichtbar: Die nördlichen Kreise Mittelfrankens wählen mehrheitlich den Deutschen Bauernbund, bleiben also den bisher dominanten Liberalen treu, die restlichen ländlich strukturierten Kreise gehen - über den Bund der Landwirte - zu den Konservativen über.

Der Abfall vieler bäuerlicher Wähler versetzte natürlich das Zentrum in Panik, und zwang es zu Gegenmaßnahmen. So schlossen sich die vielen örtlichen katholischen Bauernvereine 1898 zum Bayerischen Christlichen Bauernverein zusammen, der von dem legendären "Bauerndoktor", dem Abgeordneten Dr. Georg Heim, geführt wurde. Dieser Or-ganisation, die Bauerninteressen innerparteilich vertrat, gelang es, weitere Einbrüche in das bäuerliche Wählerpotential des Zentrums im wesentlichen zu verhindern.

In den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hat sich also die politische Landschaft Bayerns stark differenziert. Die Einheitlichkeit des Wahlverhalten des katholischen Altbayerns ist zerborchen. Die Konfessionszugehörigkeit hat - mehr als zehn Jahre nach dem Ende des Kulturkampfes - ihre zentrale Bedeutung als bestimmender Faktor des Wahlverhaltens eingebüßt, ebenso wie der Gegensatz zwischen Alt- und Neubayern weiter in den Hintergrund getreten ist. Neu hinzu gekommen sind soziale und wirtschaftliche Faktoren (Sozialdemokratie, Bauernbund).

Dies bedeutet aber nicht, daß die Wirkung der alten Kräfte nicht mehr vorhanden gewesen wäre. So ist z.B. die - wirtschaftlich - motivierte Gründung des Bauernbundes überlagert von alten regionalen Traditionen: Bei aller Ähnlichkeit der wirtschaftlichen Interessen, niemals hätten sich die niederbayerischen Bauern dem - "preußischen" - Bund der Landwirte angeschlossen, was für die neubayerischen Franken, denen die partikularistischen Töne des betont bayerischen Bauernbundes eher zuwider waren, offensichtlich überhaupt kein Problem darstellte.

Der Umbruch 1918

Die auf den Ersten Weltkrieg folgende Revolution, die der Monarchie ein Ende bereitete, brachte auch eine gewaltige Änderung für die Bedingungen des Wahlverhaltens: Mit einem Schlag verdoppelte sich das Wählerpotential, nun endlich bekamen auch die Frauen das Wahlrecht auf allen Ebenen. Ähnlich wie bei der "liberale Welle" im Gefolge der Reichsgründung kam es in den Wahlen unmittelbar nach der Revolution zu einer linken Welle, also zu spektakulären Wahlerfolgen von SPD und der von ihr abgespaltenen USPD.

Doch schon 1920 zeigte es sich, daß sich an der politischen Landschaft Bayerns eigentlich nur wenig geändert hatte. Die Nachfolgepartei des Zentrums, die Bayerische Volkspartei (BVP), übernahm weitgehend das katholisch-konservative Wählerpotential in Altbayern, Schwaben und Unterfranken. Der Bauernbund behauptete sich als Konkurrenzpartei in seinen angestammten Gebieten und konnte noch einige neue hinzuerobern.

So gingen die bisher liberalen Wähler im Kreis Nördlingen und in Südschwaben zum Bayerischen Bauernbund über, die Ära der regionalen Sonderrolle des Allgäus war nun vorbei. Die bayerischen Hochburgen der Liberalen in Mittelfranken wurden schließlich zur Beute der Deutsch-Nationalen Volkspartei (DNVP). Der Bund der Landwirte hatte dem Übergang der protestantischen Landbevölkerung vom Liberalismus zu den Konservativen den Weg geebnet.

Doch nicht alle protestantischen Gegenden folgten diesem Trend: Die evangelischen Enklaven in Schwaben, die sich schon früher (1893) zum Bauernbund hingewandt hatten, blieben dieser Parteipräferenz treu. Mit Nördlingen, dem Allgäu und Teilen Mittelfrankens hatte die ehemals so mächtige liberale Partei in Bayern ihre letzten Hochburgen auf dem Lande verloren und war damit zu einer Randerscheinung geworden. Nur noch in den Städten konnten sich die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) und die rechtsliberale Deutsche Volkspartei (DVP) noch einigermaßen behaupten, auch wenn sie längst die Mehrheitsposition an die Sozialdemokratie abtreten mußten.

Die stärksten Parteien bei den Reichstagswahlen von 1928

1928 kam der Bauernbund zu seinem größten Erfolg: Nun konnte er zum ersten Mal die Zehnprozentmarke (er erhielt 12,1%) überschreiten, wobei die Zugewinne fast ausschließlich zu Lasten der BVP gingen. Doch dieser Erfolg konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich die Bauernbewegung in einer ernsthaften Krise befand.

In der Konkurrenz um die bäuerlichen Wähler hatte die BVP in ihren Wahlkämpfen immer häufiger das Argument vorgebracht, daß die Interessen der Landwirtschaft in einer Volkspartei viel effektiver vertreten werden könnten, als in einer reinen Standespartei, da die Bauernschaft längst - auch in Bayern - soweit geschrumpft war, daß sie nur noch eine (wenn auch starke) Minderheit in der Bevölkerung darstellte. Deshalb sei die innerparteiliche Interessenvertretung, so wie sie in der BVP durch die Christlichen Bauernvereine gewährleistet würden, letztlich der erfolgreichere Weg.

Dieser Argumentation wurde vom Bauern-bund, der immer noch von der "großen Bauerneinigung" träumte, in den Wahlkämpfen zwar heftig widersprochen, doch ganz verschließen konnte man sich den gesellschaftlichen Realitäten doch nicht. So kam es sogar zu Einigungsverhandlungen zwischen BVP und Bauernbund, die allerdings im Sande verliefen. Schließlich reagierte der Bauernbund mit einer Namensänderung: Aus dem BBB wurde der BBMB, der "Bauern- und Mittelstandsbund".

Zu durchschlagenden Erfolgen bei der Gewinnung der mittelständischen Wählerschaft in den Kleinstädten sollte es dann aber nicht mehr kommen. In der 1929 beginnenden Wirtschaftskrise, die Deutschland schließlich mehr als sechs Millionen Arbeitslose brachte, gerieten auch die Wähler des Bauernbundes in den Sog einer neuen extremistischen Partei, die von der Verschlechterung der Lage profitierte: die NSDAP.

Der Aufstieg der Nationalsozialisten

Eigentlich war das Ergebnis der Reichstagswahl 1930 in Bayern leicht vorauszusagen, denn die Wähler hatten schon einmal vor einer ähnlichen Situation gestanden: Im Frühsommer 1924, auf dem Höhepunkt der wirtschaftlichen Krise im Gefolge der grossen Inflation wurden die Bürger zu den Urnen gerufen. Das Ergebnis: eine Protestwahl, die einem politischen Erdrutsch gleichkam. Während Teile der Arbeiterschaft für die linksextremen Kommunisten stimmten, wandten sich Teile des Bauern- und Mittelstandes nach rechts, zu den Nationalsozialisten.

Noch im gleichen Jahr, im Dezember 1924, nachdem sich die wirtschaftliche Lage erheblich gebessert hatte, war der Spuk verschwunden. Die Wähler waren zu ihren angestammten Parteien zurückgekehrt. KPD und NSDAP schrumpften wieder zusammen, letztere konnte nur noch in kleineren Städten, wo sie auch ihren organisatorischen Kern hatte, ein nennenswertes Wählerpotential halten. Gerade hier hatte auch die NS-Bewegung zuerst Fuß gefaßt, personell oft eng verknüpft mit den dort entstehenden örtlichen Bürgerwehren, im wesentlichen wohl eine Reaktion des Bürgertums auf Machtverlust und Demütigung durch die Arbeiterbewegung während der Revolution, wo Arbeiter- und Soldatenräte die herkömmlichen bürgerlichen Eliten aus den angestammten Führungspositionen verdrängt hatten.

1930 passierte nun wieder fast genau das gleiche wie 1924: Die NSDAP gewann vor allem in den ländlichen Gebieten stark hinzu, auf Kosten der DNVP, des Bauernbundes, der Liberalen und bürgerlicher Splitterparteien sowie durch eine gewaltige Zunahme der Wahlbeteiligung. Die Konfessionszugehörigkeit spielte eine wichtige, aber nicht entscheidende Rolle: So hatte die NSDAP ihre Hochburgen vor allem im nichtindustriellen Teil des protestantischen Mittelfrankens. Aber auch im katholischen Schwaben, insbesondere in den Regionen, die vom Liberalismus zum Bauernbund übergegangen waren, hatten die Nazis erhebliche Erfolge.

Die stärksten Parteien bei den Reichstagswahlen von 1932

Als nun aber im Sommer 1932 erneut Reichstagswahlen stattfanden, war die Wirtschaftskrise nicht behoben, sondern hatte sich noch verschärft. Nun konnten die Nazis ihr Ergebnis noch einmal fast verdoppeln. Und nun gewannen sie auch Mehrheiten in einzelnen Landkreisen, vor allem im protestantischen Mittelfranken, aber auch in Oberfranken, wo die Sozialdemokraten Stimmen an die Kommunisten abgeben mußten, und deshalb von der NSDAP überrundet werden konnten.

Nimmt man SPD und KPD zusammen, so blieb das linke Lager im wesentlichen stabil, vor allen Dingen in den Bezirken mit alter Industrialisierung und Parteitradition, während in weniger industrialisierten Mittel- und Kleinstädten die Wähler abbröckelten. Erheblich dezimiert wurde der Bauernbund, in seinen niederbayerischen Stammgebieten bewies er jedoch eine erstaunliche Stabilität. Sogar noch leicht hinzugewinnen konnte die BVP, die einen Teil der vom Bauernbund abwandernden Wähler für sich gewinnen konnte.

Größere Einbrüche in die katholisch-konservative Wählerschaft der BVP erzielten die Nazis erst bei der Reichstagswahl im März 1933, also nachdem Hitler bereits Kanzler geworden war. Unter den Bedingungen der Diktatur wurden Wahlen und Plebiszite mehr und mehr zur Farce: Waren 1933 zumindest noch andere Parteien zugelassen, wenn auch behindert, so galt dies 1934 schon nicht mehr. Der Zwang zur Konformität nahm stetig zu.

Dies galt nun auch für die mehrheitlich katholischen Landkreise, deren Konformität "sich der der protestantischen annäherte, ohne sie ganz zu erreichen" (Thränhardt). Noch immer gab es im katholischen Umfeld Inseln deutlicher Nichtkonformität, so in Eichstätt, wo 1934 "nur" 85,6 Prozent der Wähler dem Regime ihre Zustimmung gaben, im Vergleich zu 91,4 Prozent im bayerischen Durchschnitt. Ebenfalls deutlich weniger konform zeigten sich durchgehend die Städte, vor allem in den Vierteln, in denen die Arbeiterbewegung ihre Hochburgen gehabt hatte (z.B. Nürnberg, wo die Zustimmungsquote bei 87,3% lag).

Bei den Wahlen und Abstimmungen 1936 und 1938 waren schon die nächsten Stufen der Anpassung erklommen: Nun fielen die Ergebnisse durchwegs so aus, daß fast überall 99 Prozent Zustimmung für das Regime erreicht wurden. Dennoch waren auch dann noch, wenn auch mit geringer Ausprägung, die Strukturen des früheren Wahlverhaltens erkennbar. Noch immer fanden sich in den früheren Stammgebieten der Arbeiterbewegung und im katholischen Milieu mehr Menschen bereit, ihre Ablehnung des Regimes durch negative Stimmabgabe oder Fernbleiben von der Wahl zum Ausdruck zu bringen, als in anderen Bezirken.

Neuanfang nach dem Krieg

Wie nach allen Umbruchsituationen erweisen sich auch die ersten Wahlen nach 1945 als wenig aussagekräftig für die politische Landschaft, da sie unter Sonderbedingungen stattfinden. So waren z.B. bei den Landtagswahlen 1946 noch gar nicht alle Parteien, die später das bayerische Spektrum prägen sollten, von der Militärregierung lizenziert worden, die Wahlbevölkerung noch mitten im Umbruch (noch immer kamen weitere Flüchtlinge und Heimatvertriebene ins Land und viele Männer waren noch in Kriegsgefangenschaft) und ein Teil der Wähler war - wegen der NS-Vergangenheit - von den Wahlen ausgeschlossen.

Deshalb waren die spektakulären Erfolge der neugegründeten CSU bei den Landtagswahlen 1946 zunächst nur eine vorübergehende Erscheinung. Sinnvoller ist es, die Betrachtung bei den Ergebnissen der Bundestagswahl 1949 zu beginnen, weil hier schon das Parteienspektrum weiter ausgebaut war: Neben die SPD und die CSU, die zwar an die Traditionen der BVP anknüpfte, aber von Anfang an sich nicht mehr als katholisch sondern überkonfessionell christlich verstand, traten die FDP, die Bayernpartei und die hauptsächlich als Protestpartei agierende WAV, die schon bald durch die Flüchtlingspartei BHE abgelöst wurde.

Die stärksten Parteien bei den Bundestagswahlen am 14. August 1949 nach Kreisen

Das Wahlergebnis von 1949 ähnelte in verblüffender Weise der tradierten politischen Landschaft Bayerns in der Zeit der Weimarer Republik und davor: Die SPD hatte ihre alten Stammgebiete wieder besetzt, die CSU diejenigen der BVP und die Bayernpartei die alten Kerngebiete des Bauernbundes in Ober- und Niederbayern.

Es gab jedoch einige interessante Abweichungen. So hatte die Bayernpartei außerhalb Altbayerns nur wenig Erfolg, die ehemaligen Bauernbundsgebiete in Schwaben fielen nun an die CSU. Und auch im protestantischen Mittelfranken faßte die Christsozialen Fuß, doch nicht überall mit dem gleichen Erfolg. Viele mittelfränkischen Wähler knüpften an die uralten liberalen Traditionen dieser Region wieder an, und in einigen Städten und Landkreisen (Uffenheim, Neustadt an der Aisch) wurde die FDP sogar wieder zur Mehrheitspartei.

Obwohl die CSU mit knapp 30 Prozent auch zahlenmäßgi an das Ergebnis anknüpfte, das die BVP in der Weimarer Zeit erreicht hatte, war der weitere Trend durch die Zugewinne in Schwaben und im protestantischen Mittelfranken schon vorgezeichnet. Aber noch hatte sich die Bayernpartei mit satten zwanzig Prozent ausgerechnet in den uralten katholisch-konservativen Stammlanden Altbayerns breitgemacht. Ohne den Niedergang dieses schärfsten Konkurrenten hätte die CSU nie ihre dominierende Position erringen können.

Doch dieser Niedergang setzte schon bald ein. Schon bei der folgenden Bundestagswahl im September 1953 erreichte die Bayernpartei weniger als zehn Prozent (in Bayern), 1957 war sie schon auf magere drei Prozent zusammengeschrumpft. Nun rächte sich offensichtlich auch die Beteiligung an der Bayerischen Staatsregierung im Rahmen der Vierer-Koalition von SPD, BP, FDP und BHE.

Durch die Spielbankenaffäre im Jahre 1959 wurde der Bayernpartei dann der Todesstoß versetzt. Ihr Niedergang war aber schon vorher erfolgt. Dieser hing zweifellos damit zusammen, daß, wie der Historiker Peter Kock formulierte, "in der prosperierenden Bundesrepublik für regionalistische Protestparteien kein Platz mehr war".

Das "Wirtschaftswunder" erfaßte auch das Agrarland Bayern, in dem 1950 noch mehr als 37 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt waren. Auslöser für den Industrialisierungsprozeß im Nachkriegsbayern war zweifellos das im Übermaß vorhandene, brachliegende Arbeitskräftepotential der Vertriebenen und Flüchtlinge.

Und von der voranschreitenden Industrialisierung profitierten nach und nach - wie ja eigentlich zu erwarten - auch die Sozialdemokraten, die sich zunächst mühsam an die Dreißigprozentmarke heranarbeiteten, die sie Ende der 50er Jahre endlich erreichten. Ihr - bislang - bestes Ergebnis bei Landtagswahlen in Bayern bekamen sie schließlich 1966, als sie 35,8 Prozent der Wähler für sich gewinnen konnten.

1966: Wahlerfolg der NPD

Im gleichen Jahr erfuhr das Wirtschaftswunderland Deutschland eine - aus heutiger Sicht geradezu lächerliche - Rezession. Die Folge: Mit einem Schlag war plötzlich die schon totgeglaubte radikale Rechte wieder da; die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) schaffte mit 7,4 Prozent den Einzug in den Bayerischen Landtag.

Die Hochburgen der NPD lagen zum einen im protestantischen Mittelfranken, zum andern in Regionen, in denen Flüchtlinge und Heimatvertriebene besonders konzentriert waren. In Mittelfranken hatte die Partei mehr als zwölf Prozent bekommen und damit die Voraussetzung für den Einzug in den Landtag erfüllt: Damals galt noch die Zehnprozenthürde in mindestens einem Bezirk. 1973 wurde diese Regelung zugunsten einer bayernweiten Fünfprozenthürde abgeschafft.

Am beliebtesten war die NDP bei den Männern im Alter von 45 bis 60, bei den Frauen und bei anderen Altersgruppen hatte sie deutlich geringere Erfolge. Aus der Tatsache, daß sie quasi flächendeckende Erfolge im ländlichen Teil des protestantischen Mittelfrankens erzielen konnte, also in eben den Gebieten, die auch zu den absoluten Hochburgen der NSDAP gezählt hatten, ergibt sich der naheliegende Schluß, "daß die NPD zu einem beachtlichen Teil von alten Nazis gewählt wurde" (so der Politikwissenschaftler Willibald Fink, der eine Studie über den Wahlerfolg der NPD erstellte).

Was die ganz aktuellen Wählerwanderungen betrifft, so ging der Wahlerfolg der NPD zu einem ganz großen Teil auf die Zunahme der Wahlbeteiligung zurück, sowie auf den Gewinn von Wählern vor allem von der FDP, der Flüchtlingspartei GDP/BHE und der Bayernpartei. Sicherlich waren auch Protestwähler von CSU und SPD darunter, dies kann jedoch nicht in sehr großem Umfang der Fall gewesen sein, da beide Parteien bei dieser Wahl ein halbes Prozent zulegen konnten.

Am deutlichsten verlor die Flüchtlingspartei GDP/BHE bei dieser Wahl (fast fünf Prozent). Und ohne Zweifel gehörten die Heimatvertriebenen auch in besonderem Maße zu den Wählern der NPD. Dies läßt sich mühelos an den Wahlergebnissen der Heimatvertriebenensiedlungen ablesen: In Neu-Gablonz bekam die NPD 23,1, in Geretsried 16,8, in Traunreut 16,4, in Waldkraiburg 14,7 und in Neutraubling 13,8 Prozent der Stimmen, also durchwegs ungefähr das Doppelte des gesamtbayerischen Ergebnisses (7,4%). Hinzukommt, daß mehr als ein Drittel der NPD-Kandidaten von den Heimatvertriebenen gestellt wurden und daß die Flüchtlingspresse dies deutlich herausstellte und damit offen Schützenhilfe für die NPD leistete.

CSU auf dem Weg zur Hegemonie

Schon bei der nächsten Landtagswahl 1970 erwies sich die Protestwelle als kurze Episode. Statt der NPD kehrte die FDP in den Landtag zurück. Im selben Jahr übersprang die CSU die Fünfzigprozentmarke (56,4), vier Jahre spätere triumphierte sie mit 62,1 Prozent, ihr Höchststand bis zum heutigen Tage. Sie nahm seitdem zwar kontinuierlich wieder ab, doch die Fünfzigprozentmarke hat sie bis heute bei Landtags- und Bundestagswahlen immer noch problemlos überschritten.

Die CSU ist seit 1970 zur "gesamtbayerischen Partei" (Alf Mintzel), zur unangefochtenen Hegemonialpartei geworden. Dies gelang ihr vor allem auch deshalb, weil sie - nach 1970 - in vermehrtem Maße auch noch die evangelischen Wähler Mittelfrankens hinzugewinnen konnte, und damit die Nivellierung der politischen Landschaft noch weiter vorantrieb: Die Trennung Bayerns in Alt- und Neubayern war damit völlig aufgehoben, und die Bedeutung des Faktors Konfessionszugehörigkeit hatte für die Wahlentscheidung noch weiter an Bedeutung verloren.

Nachdem die CSU die schrumpfende Bayernpartei beerbt und damit die altbayerischen Stammgebiete wieder unter ihre Fittiche genommen hatte, gelang es ihr auch noch, in den siebziger Jahren im Gefolge der neuen Ostpolitik der sozialliberalen Regierung durch eine lautstarke, an den Forderungen der Flüchtlingsverbände orientierte Politik die ehemaligen Wähler der Vertriebenenpartei GDP/BHE zu integrieren.

Schließlich wurde der Triumph der CSU komplettiert durch die Erfolge, die sie in den Großstädten, den bisherigen Hochburgen der SPD, erzielte. Hier wurde deutlich, daß es den Konservativen gelungen war, verstärkt Arbeiter und Angestellte für sich zu gewinnen und damit in das traditionelle Wählerreservoir der Sozialdemokraten einzubrechen.

Zunächst schien es so, daß die Industrialisierung Bayerns auch die Sozialdemokraten nach vorn bringen würde. Doch mit den siebziger Jahren brach dieser Trend jäh ab. Es zeigte sich, daß das "Naturgesetz", daß der wirtschaftliche Strukturwandel quasi automatisch auch zu einem Wandel des Wählerverhaltens zugunsten der SPD führen würde, für Bayern nicht bedingungslos galt.

Der Freistaat war, so erkannten die Sozialwissenschaftler, "ein Sonderfall einer werdenden spätindustriellen Gesellschaft mit dem eingeübten normativen Verhalten einer Besitzmittelstandsgesellschaft" (Klaus Schreyer). Sicherlich hat die späte Industrialisierung, die dem Land die sonst üblichen, äußerst schmerzlichen Geburtswehen dieses Prozesses ersparte, hier eine wichtige Rolle gespielt.

Ein weiterer Rückschlag für die SPD ergab sich durch das Auftreten der "Grünen", die - vor allem in den Großstädten - um das gleiche Wählerpotential warb wie sie. Vor allem bei den Jungwählern erzielte die Umweltpartei seit 1986 bemerkenswerte Erfolge - auf Kosten der Sozialdemokraten. Bei der Landtagswahl im September 1994 scheint die SPD wieder etwas Boden gutgemacht zu haben: Während in den Großstädten offensichtlich viele Wähler zurückgewonnen werden konnten, konnten die Grünen in einigen ländlichen Gebieten deutlich zulegen und damit ihre Position halten.

Es bleibt zu hoffen, daß das plötzliche Anschwellen der rechtsradikalen Partei der "Republikaner" bei der Bundestagswahl 1990, wo sie in Bayern auf fünf Prozent kamen, und bei der Landtagswahl im gleichen Jahr, wo sie nur knapp darunter blieben, ebenfalls nur eine vorübergehende Erscheinung war, wie die NPD-Welle des Jahres 1966. Bei den Wahlen des Jahres 1994 sanken die REPs jedenfalls wieder unter vier Prozent.

Dabei scheint diese Partei weniger an den Erfolgen der früheren NPD als an denen der Bayernpartei anzuknüpfen. Die Hochburgen dieser Partei sind jedenfalls eher in Altbayern als in Mittelfranken zu finden. Auffällig ist jedoch das überraschend gute Abschneiden der rechten Protestpartei in den Großstädten (vor allem in Augsburg). Dies könnte ein Hinweis darauf sein, daß die Vermutung vieler Wahlsoziologen durchaus begründet ist, daß bei der Motivation für die Wahl der REPs häufig auch der soziale Protest der "Modernisierungsverlierer" ausschlaggebend ist, also die Wut und Angst vieler Menschen, die befürchten, bei der rasanten Umstrukturierung der Gesellschaft auf der Strecke zu bleiben.

Und nach 1994?

Was ist denn nun bei den Wahlergebnissen des Jahres 1994 noch übriggeblieben von den einzelnen Etappen der politischen Landschaft in Bayern? Was hat die Nivellierung über die Jahrzehnte hinweg noch übriggelassen von der Spaltung in Alt- und Neubayern, von der regionalen Sonderrolle zum Beispiel des Allgäus oder Mittelfrankens?

Natürlich ist wenig erhalten geblieben von der bunten, vielgestaltigen Wahlgeographie des Bayernlandes früherer Zeiten. Sicher, noch immer liegen die Hochburgen der SPD in den alten Traditionsgebieten des früh industrialisierten, protestantischen Mittel- und Oberfrankens. Aber sonst sind auf den ersten Blick die alten Muster nicht mehr zu erkennen.

Oder vielleicht doch, schemenhaft zumindest, in ganz schwacher Ausprägung? Wieso schneidet die FDP bei der Bundestagswahl 1994, bei der es um ihr politisches Überleben geht, im Wahlkreis Oberallgäu doch um einiges besser ab, als in den umliegenden, völlig gleich strukturierten Wahlkreisen? Warum ist ähnliches im protestantischen Mittelfranken zu beobachten? Und warum sind es immer wieder die gleichen Landkreise Ober- und Niederbayerns, die für Protestparteien anfällig sind?

Wahlergebnisse sind schwer zu interpretieren. Hier können vielfältige regionale und lokale Momente mitspielen, die für den globalen Beobachter gar nicht erfaßbar sind. So augenfällig manche aktuellen Ereignisse die Wahlentscheidung beeinflußt haben mögen, ist es doch problematisch, Wahlanalysen ohne Kenntnis der historischen Dimension anzustellen: Regionale Traditionen des Wahlverhaltens werden durch die gesellschaft-lichen Wandlungsprozesse zerstört, aber manchmal nehmen sie auch nur eine neue Gestalt an, leben in einer anderen Form weiter. Die Geschichte hat einen langen Atem.

von: Dr. Zdenek Zofka
aus: Der Staatsbürger (Nr. 11, Nov. 1994), eine Beilage der Bayerischen Staatszeitung
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