Der Irak nach dem Krieg

Der Irak - Geschichte

Die Geschichte des Irak bis 1918

Die fruchtbare Region um Euphrat und Tigris (Mesopotamien) gehört zu den ältesten Kulturlandschaften der Erde. Schon früh gingen die Jäger und Sammler zum Ackerbau und zur Viehzucht über. Hier haben sich auch schon bald verschiedene altorientalische Hochkulturen und Reiche entwickelt: Die sumerische Hochkultur, die parallel zur ägyptischen entstand, bildete sich zwischen 3200 und 2800 v. Chr. heraus und entwickelte mit der Keilschrift eine der ersten Schriften der Menschheit. Um 2000 v. Chr. entstand mit Babylon der Mittelpunkt eines weiteren Großreichs. Bevor das Neubabylonische Reich gegründet wurde, waren die Assyrer das vorherrschende Volk in Mesopotamien. Um 331 v. Chr. begann mit der Eroberung Babyloniens durch Alexander den Großen die hellenistische Ära des Gebiets. Im dritten Jahrhundert n. Chr. wurde es zum Kernland des Perserreiches. Nachdem die muslimischen Araber nach dem Tod Mohammeds rasch weite Gebiete des Nahen Ostens und Nordafrikas erobert hatten (seit 635), wurde die Region ab dem achten Jahrhundert zum Kernraum des islamischen Weltreichs . Bagdad wurde 762 zur Kalifenresidenz erhoben und erlebte eine glanzvolle Zeit als Zentrum der arabisch-islamischen Welt. Anfang des zehnten Jahrhunderts übernahmen die Perser wieder die Herrschaft, es folgten im 13. Jahrhundert die Mongolen. 1534 eroberten die Osmanen Bagdad und gliederten das Zweistromland dem Osmanischen Reich ein, bei dem es bis zur Auflösung des Reichs 1918 als Randprovinz verblieb. [1]

Geschichte des Irak im 20. Jahrhundert

Der Irak verfügt über keine demokratischen Traditionen. Bis 1918 war er Teil des Osmanischen Reiches, stand in der Folge unter britischem Protektorat, um dann nach einem kurzen Intermezzo als Republik in die Hände der nationalistischen Baathpartei und schließlich von Saddam Hussein zu fallen.

Großbritannien als Kolonialmacht

Während des Ersten Weltkriegs rückten britische Truppen in Mesopotamien ein und besetzten 1917 Bagdad. Nach der Auflösung des Osmanischen Reiches als Folge des Ersten Weltkriegs erhielt Großbritannien 1920 Mesopotamien als Völkerbundmandat zugesprochen. Es setzte 1921 Feisal I., ursprünglich Herrscher von Großsyrien, als König ein. Die heutigen Grenzen des Irak wurden zu dieser Zeit ebenso wie die der meisten anderen Staaten im Nahen Osten mehr oder weniger willkürlich, ohne Rücksicht auf ethnische und kulturelle Kontinuitäten von Briten und Franzosen festgelegt. 1925 nahm das Mandatsgebiet eine Verfassung an; im selben Jahr sprach der Völkerbund dem Irak das Gebiet von Mossul zu (1926 Mossulvertrag mit der Türkei). [2]

Die formale Unabhängigkeit

Mit dem Vertrag von Bagdad von 1930 und der Aufnahme in den Völkerbund 1932 erhielt der Irak formal seine Unabhängigkeit. Britische Privilegien und die Militärpräsenz blieben jedoch weiter bestehen: So erlangte die britisch dominierte Iraq Petroleum Company faktisch ein Monopol über die irakische Erdölwirtschaft und es etablierte sich außerdem eine politische Klasse, die von der britischen Vormachtstellung im Irak profitierte und diese daher beibehalten wollte. Während des Zweiten Weltkriegs versuchten im April 1941 nationalistische Offiziere im Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland, durch einen Staatsstreich das Land von Großbritannien zu lösen. Britische Truppen vereitelten jedoch das Vorhaben. 1945 wurde der Irak Gründungs-Mitglied der Arabischen Liga.

Die endgültige Unabhängigkeit/Gründung der Republik Irak

Bei einem blutigen Staatsstreich am 14. Juli 1958 wurde die Briten-freundliche Monarchie gestürzt (Ermordung König Feisals II.) und die Republik ausgerufen. 1959 räumten die britischen Truppen ihre letzten Stützpunkte. Vermutlich um von innenpolitischen und wirtschaftlichen Problemen abzulenken, provozierte der Vorsitzende des Revolutionsrates, General Kassem, Spannungen am Persischen Golf, indem er 1961 Ansprüche auf Kuwait erhob. Im selben Jahr brach ein Aufstand der Kurden aus, der (mit Unterbrechungen) bis 1970 andauerte und auch danach immer wieder aufflammte.

1963 wurde Kassem durch panarabisch-nationalistische Kräfte um General Aref gestürzt. Als Folge des verlorenen Sechstagekrieges (1967) der arabischen Staaten gegen Israel übernahm die nationalistische Baath-Partei im Zuge eines Militärputsches im Juli 1968 die Macht. Präsident al-Bakr brach die Kooperation mit Syrien und Ägypten ab und betrieb eine Politik enger Anlehnung an die Sowjetunion. Mit Massenverhaftungen und öffentlichen Exekutionen setzte sich das Regime 1969 nach innen durch. 1972 wurde ein irakisch-sowjetischer Freundschaftsvertrag unterzeichnet. Mit der Nationalisierung der Iraq Petroleum Company (IPC) im selben Jahr expandierte die Wirtschaft. 1977 wurden Baath-Partei und Regierung durch die Ernennung der Mitglieder der obersten Parteiführung zu Ministern und zu Mitgliedern des Revolutionären Kommandorates aufs Engste verbunden. Im Nahostkonflikt blieb der Irak bei seiner betont antiisraelischen Haltung, besonders seit Abschluss des ägyptisch-israelischen Rahmenabkommens von Camp David (1978). Im Juli 1979 trat Präsident al-Bakr zurück. Sein Nachfolger wurde Saddam Hussein.

Der Irak als "Ölmacht"

Der Irak verfügt mit rund 112 Milliarden Barrel über die weltweit zweitgrößten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt. Nur Saudi-Arabien besitzt mit 220 Mrd. Barrel mehr Erdölvorkommen. 1960 gründete der Irak zusammen mit Iran, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela die OPEC, die Vereinigung erdölproduzierenden Länder. Ziele des Zusammenschlusses waren der Abbau der Übermacht ausländischer Ölkonzerne, die Revision ungerechter Konzessionsverträge und die Erlangung der Kontrolle über die nationalen Rohstoffvorkommen. Dem Irak gelang es 1972, die nationale Kontrolle über seine Ölvorräte zu bekommen, die zuvor von internationalen Firmen ausgebeutet worden waren. Spätestens jetzt standen der Regierung hohe Einnahmen aus dem Erdölgeschäft zur Verfügung. 95 Prozent der Exporterlöse wurden in den 1980er Jahren durch Erdöl erzielt. Die Einnahmen kamen dabei nicht nur einem kleinen Zirkel, sondern auch der Gesellschaft insgesamt zugute. So wurde ein umfassendes irakisches Gesundheitssystem aufgebaut, das bis zu Beginn der 1990er Jahre als das beste der arabischen Welt galt. Auch wurde die Wirtschaft diversifiziert (Schwerindustrie etc.). Der Irak stand Ende der siebziger Jahre an der Schwelle zum Industrieland. [3]

Diese Situation verschlechterte sich mit dem irakisch-iranischen Krieg von 1980 bis 1988 und noch einmal dramatisch nach der Invasion in Kuwait 1990. Die von der UNO gegen den Irak verhängten umfangreichen Wirtschaftssanktionen verboten es dem Land u.a., Öl auf dem internationalen Markt zu verkaufen. Erst 1996 wurde dies in kleinerem Rahmen durch das Programm "Öl für Nahrungsmittel" vom UN-Sicherheitsrat wieder ermöglicht. Im Jahr 2000 war der Irak wieder der neuntgrößte Erdölproduzent der Welt und förderte rund 2,4 Prozent der Weltproduktion (1. Halbjahr 2002). Allerdings konnte er über die Verwendung der Einnahmen aus dem Ölgeschäft nicht frei verfügen. Die drei Golfkriege, in die der Irak in den letzten 25 Jahren verwickelt war, und die 1990 eingeleiteten Sanktionen haben das Land wirtschaftlich und sozial ruiniert und wieder deutlich auf den Status eines Entwicklungslandes zurückgeworfen.

Der Irak unter Saddam Hussein

1979 setzte sich Saddam Hussein, der bereits zweiter Mann im Staat war, nach dem Rücktritt von General Bakr an die Spitze des Staates. Er zementierte seinen Einfluss in der Baathpartei, indem er kurz nach der Machtergreifung alle wichtigen innerparteilichen Rivalen beseitigen ließ. Saddam Hussein, der seine Machtübernahme schon lange Jahre vorbereitet hatte, richtete eine Diktatur ein, die Clan-mäßig geprägt war: Verwandte und Freunde nahmen die wichtigsten Positionen im Staat ein. Er selbst war Präsident und Ministerpräsident der Republik, Vorsitzender des Revolutionären Kommandorates, Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Generalsekretär der Baathpartei und ihrer Militärbüros.

Zu seiner Sicherheit hatte Saddam Hussein sich mit einem ausgeklügelten fünfstufigen Sicherheitssystem umgeben: reguläre Armee, Republikanische Garde, spezielle Republikanische Garde, Sicherheits- und Geheimdienste, persönliche Leibgarde. [4] Kurz nach seiner Machtübernahme begann Saddam Hussein den ersten Golfkrieg gegen den Iran. Während seiner "Amtszeit" führte er drei Kriege, zwei davon als Aggressor. Im Innern ging er äußerst brutal gegen Kritiker und Oppositionelle sowie die Volksgruppe der Kurden und die Schiiten vor; Saddam selbst ist sunnitischer Araber. "Durch die systematische Verfolgung und physische Vernichtung Tausender Regimegegner hat Saddam Hussein selbst embryonale Strukturen von organisiertem Widerstand gegen sein Regime in Irak zerschlagen."[5] So ließ er zum Beispiel die Massenaufstände der Kurden und Schiiten im März 1991 von der Republikanischen Garde mit aller Härte niederschlagen. Ein Putschversuch einer Gruppe von Offizieren im August 1996 endete mit der Exekutierung von 30 Putschisten und der Einkerkerung von rund 100 weiteren Beteiligten. [6]

Eine wichtige Rolle innerhalb des zivilen Machtapparates nahm die Baath-Partei ein. Die Partei zählte bis zu ihrer Auflösung nach dem dritten Golfkrieg rund 1,5 Millionen Mitglieder. Sie sollte die Massen für Saddam mobilisieren und kontrollierte auch andere Massenorganisationen wie Gewerkschaften, Handels- und Industriekammern usw. Besonders wichtig für den Machterhalt Saddam Husseins waren aber loyale Stämme. Rund 75 Prozent der irakischen Bevölkerung lassen sich rund 150 Stämmen und Clans zuordnen, die sich in mehreren Wellen im Irak ansiedelten. Der Zusammenhalt innerhalb dieser Stämme ist bis heute noch recht groß. Es gibt auch Rivalitäten zwischen ihnen. In den letzten Jahren seiner Herrschaft förderte Saddam gezielt loyale Stämme und setzte deren Führer örtlichen Funktionären der Baath-Partei gleich. Insbesondere die Clans des Bu Nasir-Stammes, die in und um Tikrit siedeln, spielten eine herausragende Rolle in der Politik des Landes. Einer dieser Sippen gehörte schon der irakische Präsident al-Bakr an, Saddam stammt aus der Abu-Khattab-Großfamilie. Viele herausragende Machtpositionen besetzte Saddam Hussein mit Mitgliedern dieser Familie. Der Irak vermittelte daher "eher das Bild eines Familienunternehmens als eines modernen Staates", meint daher der Irak-Kenner Henner Fürtig. [7]

 

Fußnoten

1.Vgl. hierzu u.a. Fürtig (2003), S. 11 ff., Hrouda (2002) und Faroqhi (²2001); ein umfassendes Sittengemälde Bagdads als Zentrum der islamischen Welt im 8. Jahrhundert findet sich bei André Clot: Harun al-Raschid, Kalif von Bagdad, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1990.

2. Vgl. zu den folgenden Ausführungen über die Geschichte des Irak Fürtig (2003), Pitt/Ritter (2003), S. 23-36, Sponeck/Zumach (2003), S. 107 ff., Brockhaus multimedial sowie Munzinger Archiv.

3. "1980 wurde der Irak mit einem BIP pro Kopf von 3000 US-Dollar direkt nach Venezuela und weit vor dem heutigen EU-Mitgliedsland Portugal eingestuft." Wurzel (2003), S. 565

4.Vgl. zum institutionellen Aufbau der Diktatur Saddam Husseins Fürtig (2003), S. 138 ff.

5. Fürtig (2003), S. 140

6. Fürtig (2003), S. 140/41

7. Fürtig (2003), S. 144.

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