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Einsichten und Perspektiven 1 | 20

ter sein als heute. Die stärkere weltweite Vernetzung der

Firmen und eine Produktion, die rasch auf kurzfristige

Nachfrage reagieren muss, werden die Betriebe stärker

unter Druck setzen.

Die besten Jobchancen haben künftig Techniker und

Technikerinnen. Qualifizierte Angestellte in techni-

schen Berufen werden nach einer IAB-Modellrechnung

im Jahr 2030 bundesweit fehlen. Manche Kaufleute,

Juristen und Wirtschaftswissenschaftler werden dage-

gen im Jahr 2030 Probleme bei der Jobsuche haben.

Fachkräfte werden auch künftig gesucht sein. Unter-

nehmen müssen ihnen daher nicht nur attraktive

Arbeitsbedingungen bieten, sondern sich auch auf indi-

viduelle Arbeitszeitwünsche einstellen. Familienzeit,

Sabbatjahr, Zeit für Fortbildung werden nach Einschät-

zung der Arbeitsmarktforscher in Unternehmen selbst-

verständlich sein müssen, wenn sie im Wettbewerb um

die Köpfe nicht das Nachsehen haben wollen.

Das „Ende der Arbeit“?

Viele Skeptiker sprechen bei der Debatte über die Arbeit

der Zukunft immer wieder vom „Ende der Arbeit“: Globa-

lisierung, Digitalisierung, „Industrie 4.0“ und „Künstliche

Intelligenz“ würden massenweise Arbeit vernichten und

zu einer gewaltigen Krise der Erwerbsgesellschaft führen.4

Die Entdinglichung der Produktion, die Verlagerung

der Wertschöpfung aus Fabriken in den raumlosen Orbit

virtueller Netzwerke und der Ersatz menschlicher Arbeit

durch selbstregulierte, mit künstlicher Intelligenz ausge-

stattete Automaten würden den Strukturwandel unserer

Arbeitswelt weiter beschleunigen. Wer mithalten kann,

würde profitieren, die anderen würden zurückbleiben.

Ohne Risiken ist der durch die Digitalisierung

beschleunigte Strukturwandel unserer Arbeitswelt sicher

nicht. Deswegen ist aktuell auch wieder eine Debatte um

das bedingungslose Grundeinkommen entstanden. Dafür

sprechen sich Joe Kaeser von Siemens, Timotheus Höttges

von der Deutschen Telekom, Götz Werner von der Droge-

riekette dm oder der Tesla-Chef Elon Musk aus. Dadurch

sollten künftig soziale Spannungen vermieden werden, da

4 Die Debatte wurde insbesondere durch eine Studie von Frey/Osborne aus

dem Jahr 2013 zu den Automatisierungsrisiken für Beschäftigte durch die

Digitalisierung ausgelöst. Danach sei fast jeder zweite Arbeitsplatz durch

die Digitalisierung bedroht. Vgl. Carl Benedikt Frey/Michael A. Osborne:

The future of employment: how susceptible are jobs to computerisation?,

Oxford 2013.

sonst – wie sich Joe Kaeser in der Presse geäußert hat5

– absehbar „einige auf der Strecke bleiben, weil sie mit

der Geschwindigkeit auf der Welt einfach nicht mehr mit-

kommen“.

Neue Jobs in neuen Berufen

Aber: Jeder Technologieschub erzeugte bisher – und dies

ist auch künftig anzunehmen – eine gesteigerte Nachfrage

und ganz neue Bedürfnisse. Diese Auffassung vertreten

wie bereits erwähnt das Institut für Arbeitsmarkt- und

Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit und eine

Reihe weiterer Experten. Selbst automatisierte Fabriken

erzeugen Bedarf nicht nur nach hohem Service und tech-

nischer Expertise, sondern auch nach einfacherem Service

im Bereich Wartung und Betreuung. Auch der Dienstleis-

tungssektor bietet noch zahlreiche, zum Teil neue Mög-

lichkeiten.

Matthias Horx vom Zukunftsinstitut geht davon aus,

dass freigesetzte Beschäftigte neue Jobs in Berufen finden,

von denen man gestern noch nichts ahnte.6 Ein Beispiel

von Horx: Künftig würden uns „Humanagenten“ dabei

helfen, unser Leben zu bewältigen: In Zukunft leisten wir

uns einen persönlichen Gesundheitscoach, einen Wohl-

standsguide, eine Bildungsberaterin, einen Mobilitäts-

agenten oder einen Wissensnavigator.

Allein damit lassen sich die strukturellen Probleme der

künftigen Arbeitswelt jedoch nicht lösen. Ganz entschei-

dend wird es vielmehr auf die Erhaltung der internatio-

nalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, auf

Innovationen, neue Produkte und Dienstleistungen und

auf die Erschließung neuer Märkte ankommen. Für die

Zukunft der Arbeit ist es besonders wichtig, die Chancen

neuer Wachstumsmärkte konsequent zu nutzen. Zu den

Wachstumsmärkten gehören insbesondere:7

Wachstumsmarkt Materialtechnologien: innovative

Verbundwerkstoffe, Nanotechnologie, generell: res-

sourcenschonende Produkte,

Wachstumsmarkt Informations- und Kommunikati-

onstechnologien: Digitalisierung,

5 Vgl. Max Hägler: Siemens-Chef plädiert für ein Grundeinkommen, in:

Süddeutsche Zeitung vom 20.11.2016; vgl.

https://www.sueddeutsche.de/ wirtschaft/sz-wirtschaftsgipfel-siemens-chef-plaediert-fuer-ein-grund- einkommen-1.3257958

[Stand: 28.01.2020].

6 Matthias Horx: Fünf Thesen zur Zukunft der Arbeit, unter:

https:// www.zukunftsinstitut.de/artikel/fuenf-thesen-zur-zukunft-der-arbeit

[Stand: 27.01.2020].

7 Vgl. hierzu Ulrich Reinhardt/Reinhold Popp: Zukunft! Deutschland im

Wandel – Der Mensch im Mittelpunkt, Wien/Zürich 2015, S. 120 f.

Arbeitswelt der Zukunft: Die Anforderungen steigen