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Einsichten und Perspektiven 2 | 19

Ein zeitweise sehr schmerzhafter, aber letztendlich schöner Prozess

„Ein zeitweise sehr

schmerzhafter, aber

letztendlich schöner Prozess“

Nationalsozialismus in Österreich

In Ihrer künstlerischen Arbeit setzen Sie sich intensiv mit

Ihrem familiären Bezug zum Nationalsozialismus auseinan-

der – wie sind Sie zu dem Thema gekommen?

Das Thema hat eher mich gefunden als umgekehrt. Mich

wundert immer, wie viele Leute es schaffen, an der NS-

Geschichte ihrer Familie vorbeizuleben. Die große „Kul-

turleistung“ besteht in Österreich und Deutschland bei

vielen darin, das Thema Nationalsozialismus zu ignorieren

– eine große Verdrängungsarbeit.

Vor allem im schulischen Umfeld heißt es oft, Schülerinnen

und Schüler könnten das Thema „nicht mehr hören“, man

sei der „Berieselung“ mit NS-Geschichte überdrüssig … .

Ja, diese Aussagen gibt es im Grunde schon seit 1945.

Schon da wird gesagt, es werde endlich Zeit, Schluss mit

der Aufarbeitung zu machen. Während in Mauthausen

noch Menschen umgebracht wurden, war im bereits be-

freiten Wien schon die Rede davon, einen Schlussstrich

unter diese Geschichte ziehen.

Welche Rolle hat die sogenannte „Opfer“-Debatte in Öster-

reich dabei gespielt?

Genau genommen gibt es nicht eines, sondern drei Op-

fernarrative in Österreich; Margit Reiter hat das in ihrem

Aufsatz „Postnationalsozialistische Familien(re)konstruk-

tionen im österreichischen Kontext“ in meinem Band

„Sag Du es Deinem Kinde“1 analysiert. Die „offizielle“

Opfererzählung, dass Österreich das „erste Opfer Hitlers“

gewesen sei, hat seinen Ursprung in der Moskauer De-

klaration von 1943. Die Außenminister Großbritanniens,

der UdSSR und der USA erklärten darin Österreich zum

„ersten freien Land“, das der nationalsozialistischen Er-

oberungspolitik zum Opfer gefallen sei. Der Appell rich-

tete sich vor allem an ein österreichisches Nationalgefühl,

1 Friedemann Derschmidt: Sag Du es Deinem Kinde! Nationalsozialismus

in der eigenen Familie, Wien 2015.

Der Wiener Künstler Friedemann Derschmidt

Foto: Stefan Fuertbauer

Webseite:

https://www.derschmidt.com

Ein Interview mit Friedemann Derschmidt über seine künstlerische Auseinandersetzung mit der

NS-Vergangenheit seiner Familie