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Wer war es?

Einsichten und Perspektiven 1 | 20

Er hatte das Überlebensgesetz der großen Finanzkrise von

2008 schon Jahrzehnte vorher erfasst und ausprobiert.

Too big to fail

“ – nach dieser Logik wurden in der sog.

subprime

-Krise“ marode, aber systemrelevante Großban-

ken mit Steuermitteln wieder aufgepäppelt. Er hatte diese

Erkenntnis schon lange vorher auf die Staatenwelt über-

tragen. Denn systemrelevant für die Weltwirtschaft war

das geschlagene Deutschland auch noch nach dem Welt-

krieg; hing doch der Wohlstand des Kontinents mit der

Bedeutung Deutschlands als florierender Konsum- und

Exportmarkt für die Siegerstaaten aufs Engste zusammen.

Das erkannte er mit messerscharfer Logik. Und deshalb

gab er 1925 die Devise aus: „Man muss so viel Schulden

haben, dass der Gläubiger seine eigene Existenz mitge-

fährdet sieht, wenn der Schuldner zusammenbricht.“

Da sprach kein dumpfer Revanchist, der die Demü-

tigung von Versailles mit Gewalt und Krieg auslöschen

wollte. Da sprach ein gewiefter Taktiker, dessen Blick wie

ein Seziermesser unter die Oberfläche der aufgeheizten

Stimmung schnitt, der ein Sensorium für die wechselseiti-

gen ökonomischen Abhängigkeiten hatte. Dieser Grund-

satz wurde zu seinem politischen Werkzeug, mit dem er in

einem geduldigen Entfesselungsakt die „Ketten von Ver-

sailles“ nicht sprengen, sondern lockern, ja durchrosten

lassen wollte, mit dem er die Konfrontation durch Koope-

ration und die Vergeltung durch Verflechtung ersetzte.

Der internationale Finanzkreislauf, den er Mitte der

Zwanzigerjahre auf den Weg brachte, war der Zauberstab,

der das „zerstückelungswillige“ Paris an die kurze Leine

der New Yorker Wallstreet legte, der die bedrohte Einheit

des Reiches rettete, der das verfemte Deutschland vom

Paria zum Partner machte und der aus dem taumelnden,

ausgebluteten Land binnen kurzer Zeit ein blühendes

Gemeinwesen machte.

Seltsamerweise ist das Mirakel, das er bewirkte, heute

nahezu vergessen. Sein hundertster Geburtstag im Jahre

1978 war den Deutschen weder Erinnerung noch Eloge

wert; und sein 90. Todestag glitt im letzten Jahr ebenso

spurlos am Geschichtsbewusstsein der Nation vorüber.

Dabei war er das größte politische Talent, der blen-

dendste Kopf, den Deutschland zwischen Bismarck und

Adenauer hervorgebracht hat. Der britische Botschafter

verglich ihn mit Winston Churchill: „Die gleiche Gestalt,

Haare – Haut – und Augenfarbe. Die gleiche Ähnlichkeit

im Temperament und geistigen Habitus. Beide brillant,

kühn und wagemutig, in beiden mehr als ein Schuss Toll-

kühnheit [..]. Keine Halbtöne; keine verschwommenen

Umrisse. […] Fraglos ein großer Mann – und er weiß es

auch.“

Diese Jahrhundertgestalt, mit einer leicht näselnden,

metallisch preußischen Stimme und einem massigen,

gedrungenen Körper, der unaufhörlich von schlimmen

Krankheiten gepeinigt wurde, von Schilddrüsenüberfunk-

tion, Niereninsuffizienz, grippalen Infekten und Herzat-

tacken, kam aus kleinen, bescheidenen Verhältnissen: aus

der Luisenstadt, im Berliner Südosten. Dort, in der Köpe-

nicker Straße 66, wurde er als jüngstes von acht Kindern

der Eltern Ernst August und Mathilde geboren, die eine

Wer war es?

Ein historisch-biographisches Rätsel

von Rainer F. Schmidt

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Abbildung: picture alliance/imageBROKER/Manfred Bail

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