Table of Contents Table of Contents
Previous Page  58 / 76 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 58 / 76 Next Page
Page Background

58

Die Geschichte eines KZ-Kommandanten – erzählt in drei Bildern

Einsichten und Perspektiven 2 | 20

Die Geschichte eines

KZ-Kommandanten – erzählt in

drei Bildern

von Dirk Riedel

Die Geschichtswissenschaft kennt verschiedene Methoden,

um Täterbiografien zu analysieren. In der Regel wird nach

Prägungen und Motiven gefragt, im Mittelpunkt steht die

„Karriere“ der Täter. Einzelne jüngere Arbeiten greifen

Saul Friedländers Konzept einer „integrierten Geschichte“

3

1 Carl Schrade: Elf Jahre. Ein Bericht aus deutschen Konzentrationslagern,

Göttingen 2015, S. 77, 86.

2 Ausführlich: Dirk Riedel: Ordnungshüter und Massenmörder im Dienst der

„Volksgemeinschaft“. Der KZ-Kommandant Hans Loritz, Berlin 2020. Die-

ses Buch ist bei der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsar-

beit erhältlich.

3 Saul Friedländer: Den Holocaust beschreiben. Auf dem Weg zu einer inte-

grierten Geschichte, Göttingen 2007. Vgl. die wegweisende Zeitschrift von

Wolfgang Benz/Barbara Distel: Dachauer Hefte. Studien und Dokumen-

te zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, 1-25

(1985-2009). Vgl. folgende Täterstudien: Jakob Saß: Gewalt, Gier und

Gnade. Der KZ-Kommandant Adolf Haas und sein Weg nach Wewelsburg

und Bergen-Belsen, Berlin 2019; Riedel (wie Anm. 2).

auf und bemühen sich, Opferzeugnisse als Quelle in ihre

Darstellung einzubeziehen. Viele Studien fragen auch nach

der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung und betrach-

ten das soziale Umfeld der Täter.

4

Über all diese Wege lässt

sich auch Loritz’ Biografie erschließen, wie hier anhand

dreier Abbildungen ausgeführt werden soll.

Militarismus, Polizei und SS

Das erste Bild befindet sich in Loritz’ SS-Personalakt. Ähn-

liche Aufnahmen sind von zahlreichen SS-Mitgliedern

überliefert; das Foto entspricht den gängigen Abbildungen,

die in Abhandlungen über KZ-Kommandanten gezeigt

4 Michael Wildt: Von Apparaten zu Akteuren. Zur Entwicklung der NS-

Täterforschung, in: Angelika Benz/Marija Vulesica (Hg.): Bewachung und

Ausführung. Alltag der Täter in nationalsozialistischen Konzentrationsla-

gern, Berlin 2011, S. 21 f.

Acht Jahre befehligte der Augsburger Hans Loritz die Konzentrationslager Ester-

wegen, Dachau und Sachsenhausen. Der KZ-Häftling Carl Schrade erinnert sich

an die erste Begegnung in Esterwegen: Loritz beobachtete, wie seine wütenden

SS-Männer – angeblich auf der Suche nach versteckten Waffen – die Gefange-

nenbaracken verwüsteten. Einige Monate später befahl derselbe Kommandant,

Schrade wegen „absoluten Mangel(s) an Disziplin“

1

auszupeitschen, weil dieser

nachts die Häftlingslatrine aufgesucht hatte. Die Mischung aus willkürlichem

Terror und pseudomilitärischer Ordnung kennzeichnete den rechtsfreien Raum

der Konzentrationslager. Sie war auch für Loritz charakteristisch.

2