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Einsichten und Perspektiven 3 | 19

versammelt hatte, um den Übergang zum 3.10. zu erle-

ben. Beim Schein von nur wenigen Kerzen und in erwar-

tungsvoller Stille lauschte man den zwölf Glockenschlä-

gen, um dann bei vollem Geläut und der schließlich hell

erleuchteten Kirche alle elf Strophen des Te Deum – also

Großer Gott wir loben dich – zu singen. Etwa 600-700

Menschen, darunter auch von der westdeutschen Part-

nerpfarrei, waren dankbar und glücklich, umarmten sich,

weinten, jauchzten vor Freude oder konnten angesichts

der Ergriffenheit kein Wort über die Lippen bringen… .

In dieser Kirche wurde – wie auch im gesamten katho-

lischen Eichsfeld – jahrzehntelang wöchentlich bis zum

2.10.1990 für die Deutsche Einheit gebetet. „Dass Du

unserem Volke die Einheit schenken mögest…“, lautete

die Formel. Und nun war sie da!

So habe ich den 9. November 1989 erlebt:

Das wichti-

gere Datum ist für mich der 9. Oktober. Er steht für den

Durchbruch der Friedlichen Revolution. Ich bin mit zwei

Kommilitonen nach Leipzig gefahren, um an der geplan-

ten Demonstration teilnehmen zu können, was nicht ganz

einfach war. Der Platz vor der Nikolaikirche war bereits

dicht gefüllt. Als der Demonstrationszug auf dem Platz

vor dem Gewandhaus ankam und auch dieser offenkun-

dig voller Demonstrierender war – insgesamt ca. 70.000

– hatte ich die feste Gewissheit, dass mit dem heutigen

Tag ein unumkehrbarer Umbruch im Gange sei. Der 9.

November ist eine Folge des 9. Oktober – also der Fried-

lichen Revolution. Ich befand mich am 9.11. auf einer

Bürgerversammlung, die sich fast bis Mitternacht hinzog.

Niemand dort bekam etwas mit von den Ereignissen des

Abends. Undenkbar im heutigen digitalen Zeitalter… .

Ich persönlich habe mir 1989 politisch erhofft, dass…

die Macht der SED gebrochen wird; Freiheitsrechte sich

durchsetzen – insbesondere auch Reisefreiheit – und ein

Demokratisierungsprozess in Gang kommt.

So eingetroffen?

Mehr als das! Im Zeitraum Sommer

1989 bis zum 3. Oktober 1990 hat die Realität die Phan-

tasie überholt. Vieles, was in der Entwicklung rückbli-

ckend konsequent und zwangsläufig erscheint, war seiner-

zeit nicht oder kaum erwartbar.

Die Thüringische Landeszentrale für politische Bil-

dungsarbeit setzt in ihrer Arbeit zur Deutschen Einheit

vor allem auf…

eine angemessene Gewichtung der fried-

lichen und demokratischen Revolution als elementare

Voraussetzung für den Prozess der Deutschen Einheit;

außerdem auf die Erwartungshaltungen der DDR-Bürger

sowie die Herausforderungen, Probleme und Langzeit-

folgen, die sich aus dem damit verbundenen umfassen-

den Transformationsprozess ergaben, ohne den großen

Gewinn, den die Einheit für alle – auch die Westdeut-

schen – brachte, aus den Augen zu verlieren. Schließlich

gehört zum Thema auch die europäische und globale

Dimension mit Deutschland als wiedervereinigtem und

souveränem Akteur.

Der beste Film, den ich zum Thema Einheit gesehen

habe:

„Deutschlandspiel“ (zweiteiliger deutscher Fernseh-

film bzw. Dokudrama des ZDF aus dem Jahr 2000).

Weil?…

Er spannt den Bogen vom Herbst 1989 bis zum

Tag der Wiedervereinigung; räumt der Friedlichen Revo-

lution großen Raum ein und berücksichtigt zugleich alle

anderen wichtigen Dimensionen des Prozesses in einer

Mischung aus Dokumentation und Fiktion – informativ,

spannend und unterhaltsam zugleich.

Das beste Buch, das ich zum Thema gelesen habe:

An‑

dreas Rödder, Deutschland einig Vaterland. Die

Geschichte der Wiedervereinigung.

Weil?…

es sich um eine souveräne, sorgfältig differenzie-

rende und mit großer Sensibilität für die unterschiedli-

chen Perspektiven von West- und Ostdeutschen geschrie-

bene Gesamtdarstellung der Deutschen Einheit handelt.

Was können die Deutschen durch die Erfahrung der

Friedlichen Revolution/den Prozess der Einheit inter-

national einbringen?

Die Erfahrung und die Kunde von

der Offenheit der Geschichte sowie der Kraft und Macht

von Freiheitsbewegungen, der Selbstermächtigung und

Subjektwerdung von Bürgerinnen und Bürgern.