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Einsichten und Perspektiven 3 | 19

Frauen im Ministerium für Staatssicherheit

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) blieb von seiner Gründung bis zu

seinem Untergang fest in Männerhand – fast 85 Prozent der über 91.000 haupt-

amtlichen Mitarbeiter, die im Jahr 1989 die Überwachung und Repression der

DDR-Bevölkerung verantworteten, waren männlich. Wenige boten ein anderes

Bild, darunter die für das Archiv und die Karteien zuständige Abteilung XII.

Doch auch hier blieben leitende Funktionen meist Männern vorbehalten. Der

Blick in die Geschichte der Abt. XII zeigt, welche Bedeutung Frauen im MfS

trotz der fehlenden Gleichberechtigung hatten. Insbesondere anhand ausge-

wählter Biographien lässt sich erkennen, mit welchen Schwierigkeiten weibliche

Hauptamtliche in dem von Männern geprägten Organ zu kämpfen hatten. Da

die Frauen in der Regel auch die häusliche Arbeit und die Kindererziehung zu

leisten hatten, galten sie MfS-intern als weniger belastbar – ein hoher Frauen-

anteil wurde deshalb nicht gern gesehen. Nichtsdestotrotz spielten Frauen auch

in der Abt. XII, einem der „wichtigsten Sammelpunkte der Informationsflüsse“

innerhalb des MfS, eine nicht unbedeutende Rolle und trugen so zum Auf- und

Ausbau des Repressions- und Überwachungsapparates bei.

Anfang 1962 hatten die männlichen Mitarbeiter der Abt.

XII des Ministeriums für Staatssicherheit ein Problem. Sie

waren einfach zu wenige, um, wie im MfS üblich, ihren

Kolleginnen die Feier aus Anlass des Frauentages am 8.

März mit Spenden zu finanzieren. Doch die Männer hat-

ten Glück: Das Ministerium schoss 350,- Mark zu, die

Feier konnte stattfinden.

1

Ein solches Problem war äußerst untypisch für den All-

tag im MfS. In fast allen Diensteinheiten der Geheimpoli-

zei dominierten nämlich die männlichen Mitarbeiter – und

dies galt sowohl für die Gesamtzahl der Mitarbeiter als auch

in Bezug auf die jeweils leitenden Kader. So lag der Anteil

hauptamtlicher Mitarbeiterinnen im MfS im Jahr 1954 bei

rund 25 Prozent, bis zum Ende der DDR sank er sogar auf

rund 15,7 Prozent.

2

Und der Eindruck, es mit einer „Män-

nerwelt“ zu tun zu haben, verfestigt sich, wenn man die

1 Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der

ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), MfS, AS 76/70

Bd. 2, S. 76. Das schriftliche und audiovisuelle Erbe des MfS wird heute

beim BStU im Stasi-Unterlagen-Archiv bewahrt und nach den Vorschrif-

ten des Stasi-Unterlagen-Gesetzes den Betroffenen bzw. der Öffentlich-

keit zugänglich gemacht.

2 Vgl. Jens Gieseke: Die hauptamtlichen Mitarbeiter des Ministeriums für

Staatssicherheit (MfS-Handbuch), Berlin 1995, S. 98 u. 101.

unterschiedlichen Hierarchieebenen in den Blick nimmt.

Bei nur 1,8 Prozent lag beispielsweise der Anteil weibli-

cher Abteilungsleiter im MfS im Jahr 1988. Und unter den

„oberen Zweitausend“ der Besoldungsliste befanden sich

1989 nur 48 Frauen, davon 31 im Medizinischen Dienst.

3

Die Gründe für diese Ungleichbehandlung von Frauen

im MfS sind vielfältig. In erster Linie war sie Folge des-

sen, dass die Staatssicherheit ein militärisches Organ dar-

stellte, durchdrungen vom gleichen Frauenbild und vom

gleichen Korpsgeist männlicher Angehöriger wie etwa die

Nationale Volksarmee. Auch dort waren Frauen natur-

3 Vgl. Gieseke (wie Anm. 2), S. 55. Zu hauptamtlichen Mitarbeiterinnen des

MfS liegen nur wenige Veröffentlichungen vor; vgl. Renate Ellmenreich:

Frauen bei der Stasi. Am Beispiel der MfS-Bezirksverwaltung Gera, Erfurt

1999; Angela Schmole: Frauen im Ministerium für Staatssicherheit (MfS),

in: Horch und Guck 34 (2/2001), S. 15–19; dies.: Frauen und MfS, in:

Deutschland Archiv 29 (1996) H. 4, S. 512–525; dies.: Die Spitzenfrau-

en des MfS. Bei der Staatssicherheit diente das weibliche Personal nur

selten in gehobenen Stellungen, in: Zeitschrift des Forschungsverbundes

SED-Staat 18 (2005), S. 107–114; Elisabeth Martin: „Ich habe mich nur

an das geltende Recht gehalten“. Herkunft, Arbeitsweise und Mentalität

der Warter und Vernehmer der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Berlin-

Hohenschönhausen, Baden-Baden 2014, S. 132–136; Alexander Bastian:

Repression, Haft und Geschlecht. Die Untersuchungshaftanstalt des Mi-

nisteriums für Staatssicherheit Magdeburg-Neustadt 1958–1989, Halle

2012, S. 25–30.