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Frauen im Ministerium für Staatssicherheit

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

gemäß in der Minderheit. Zwar spielte die körperliche

Überlegenheit von Männern im Alltag der Geheimpolizei

weit weniger eine Rolle als bei der Armee, doch scheint

dies trotzdem zum Bild von der Frau als dem weniger

wertvollen Mitarbeiter beigetragen zu haben.

Zugleich spiegelte der Alltag im MfS in vielerlei Hin-

sicht auch die Lebensrealität in der DDR-Gesellschaft

überhaupt. Zwar waren Frauen in der DDR in Fragen der

Gleichberechtigung vor allem in den 1950/60er-Jahren

etwa in arbeits- und familienrechtlicher Hinsicht weitaus

bessergestellt als ihre Geschlechtsgenossinnen in der Bun-

desrepublik. Doch auch in der DDR lagen das Durch-

schnittseinkommen von Frauen und der Anteil von Frauen

in Führungspositionen unter dem der Männer. Und wie

im Westen trugen Frauen in der Regel die Hauptlast bei

der Versorgung des Haushalts und der Kinder.

Schließlich soll es im MfS wohl auch, so der Histori-

ker Jens Gieseke, „eine gehörige Portion Zweifel“ gegeben

haben, „ob Frauen die für die operative Arbeit als notwen-

dig erachteten tschekistischen Persönlichkeitsmerkmale

wie Verschwiegenheit und Härte in ausreichendemMaße“

hätten aufbringen können. „Für ‚Schwatzhaftigkeit‘, eine

der verpöntesten Charaktereigenschaften, galten Frauen

als besonders anfällig“

4

, so Gieseke weiter – ohne aller-

dings konkrete Belege dafür zu nennen.

Im Selbstbild des MfS kamen Frauen oft nur als „Hin-

terland eines jeden Tschekisten“

5

vor – so bezeichnete die

Geheimpolizei die Freundinnen, Ehefrauen oder sonstigen

Verwandten und Bekannten der männlichen Mitarbeiter.

Dieses „Hinterland“ wurde aufmerksam beobachtet, galt es

doch mit allen Mitteln die Konspiration zu schützen. Die

Partnerinnen der hauptamtlichen Mitarbeiter betrachtete

man im MfS als mögliches und zudem besonders effektives

Einfallstor für feindliche Aktivitäten anderer Geheimdienste.

In diesem Selbstbild erscheinen Frauen dann als die-

jenigen, die dem männlichen Tschekisten den Rücken

freihalten und dafür sorgen, dass sich der Mann seinen

eindeutig wichtigen Aufgaben widmen kann. Einen Ein-

druck von diesem Bild gibt das Gedicht „Mein Vati“, das

ein hauptamtlicher Mitarbeiter in der Anthologie „Wir

über uns“ der Kreisarbeitsgemeinschaft „Schreibende

Tschekisten“ 1985 veröffentlichte:

4 Gieseke (wie Anm. 2), S. 56 f. Das MfS orientierte sich auf allen Gebie-

ten am sowjetischen Vorbild, dem Geheimdienst KGB, und dessen Vor-

läufer, der Tscheka. Daraus leitete sich auch die (Selbst-) Bezeichnung

als „Tschekisten“ ab und definierte die Rolle der MfS-Mitarbeiter in der

Nachfolge des ersten Leiters der Tscheka Feliks Edmundowitsch Dzierzyn-

ski (1877-1926).

5 Zit. n. Schmole (wie Anm. 3), S. 516.

Mein Vati ist Tschekist.

Noch werd ich nicht ganz schlau,

was er da alles ist,

doch eins weiß ich genau:

Er macht es sich im Dienst

zu keiner Stunde leicht

und freut sich jeden Tag,

wenn er recht viel erreicht.

Mein Vati macht gern Spaß.

Er tobt oft mit mir rum.

Selbst eine Kissenschlacht,

die nimmt er mir nicht krumm.

Wenn ich mal Sorgen hab,

ist er sofort ganz Ohr.

Dann denkt er drüber nach

und schlägt mir manches vor.

Auch in der Schule läuft

mitunter mal was schief,

was viele nur empört,

doch Vati wird aktiv.

Er redet nicht drumherum,

sagt jedem ins Gesicht:

Wir ändern es vereint

und lamentieren nicht!

Kommt Vati abends spät

vom Dienst, schleicht er noch sacht

zu mir ins Zimmer und

wünscht mir ‚ne gute Nacht.

Das Telefon, das ruft

ihn manchmal ganz früh raus.

Danach kann’s sein, er kommt

gleich Tage nicht nach Haus.

Da muß ich dann ganz lieb

zu meiner Mutti sein.

Sie ist genau wie ich

nun mal nicht gern allein.

Mein Vati ist Tschekist.

Es ist schwer zu durchschaun,

was er da alles ist.

Doch ich kann auf ihn baun.

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6 Karlheinz Nobis: Mein Vati, in: Wir über uns. Anthologie der Kreisarbeits-

gemeinschaft „Schreibende Tschekisten“, Berlin 1985, S. 86 f.