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Frauen im Ministerium für Staatssicherheit

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

Solche Selbstbilder hauptamtlicher männlicher Mitar-

beiter, aber auch der hohe Anteil von Männern im gesam-

ten Kaderbestand und besonders in Führungspositionen

des MfS könnten dazu verleiten, Frauen in der Frage der

Täterschaft, der Mitwirkung am Repressionsregime des

MfS generell zu entlasten. Dass weibliche Hauptamtliche

im öffentlichen Bewusstsein, im Bild von der Stasi über-

haupt keine Rolle spielen, dürfte eine derartige These stär-

ken – Fotografien von ordensbehängten Stasioffizieren oder

Kunstlederjacken tragenden Beschattern haben die Erinne-

rung derartig geprägt, dass nach 1990 für die Frage nach

der Bedeutung weiblicher Hauptamtlicher, die immerhin

rund ein Viertel bis ein Fünftel des gesamten Mitarbeiterbe-

standes ausgemacht hatten, meist kein Platz blieb.

Die geringe Aufmerksamkeit, die in der Öffentlichkeit

und in der Forschung bislang den weiblichen Hauptamt-

lichen geschenkt wurde, rührt auch daher, dass im MfS

Frauen vor allem in rückwärtig tätigen Diensteinheiten

eingesetzt worden waren, die mit Auswertungsaufgaben

oder mit der Verwaltung des MfS-Personals beschäftigt

waren. Besonders hoch lag der Frauenanteil beispielsweise

in der Abteilung Finanzen und im Medizinischen Dienst.

Hier wurden Zahlen von über 60 Prozent erreicht. Da sich

die Forschung bislang jedoch vorrangig den zentralen, nah

am „Feind“ operierenden und zugleich männerdominier-

ten Aufgabenfeldern des MfS gewidmet hat, blieb der

Blick auf die Rolle der weiblichen Hauptamtlichen auch

deshalb meist unberücksichtigt.

Weibliche Hauptamtliche in der Kartei- und Archiv-

abteilung

Zu den rückwärtig tätigen und zugleich durchaus weib-

lich geprägten Diensteinheiten zählte die bereits erwähnte

Abt. XII. Als Hüterin über die wichtigsten Karteien und

Archivbestände des MfS sah sich diese Diensteinheit, die

kurz nach Gründung des Ministeriums 1950 gebildet

worden war, in einer Selbstbeschreibung als „entschei-

dende Voraussetzung für eine gute Koordinierung der

Arbeit am Feind“. Ihre Mitarbeiter verwalteten Millionen

von Karteikarten, überprüften an den Karteischränken

Freund und Feind, verzeichneten die ein- und ausgehen-

den Akten, bemühten sich um den Erhalt des Archivma-

terials, verfilmten es und sorgten für Nachschub bei den

notwendigen Formularen und Aktendeckeln. Die Mitar-

beiter der Abteilung XII vernetzten das Wissen der unter-

schiedlichen MfS-Diensteinheiten, ihre Arbeit bildete

demnach, so unscheinbar die Abteilung innerhalb der

Geheimpolizei auch auf den ersten Blick wirken mag, die

Grundlage für die systematische Überwachung der Bevöl-

kerung und für den Ausbau des Repressionsapparates – sie

war das „Gedächtnis“ der Staatssicherheit.

7

Der Frauenanteil in der Abt. XII lag deutlich über

dem Durchschnitt für das gesamte MfS. So waren 1952

fast ein Drittel der Beschäftigten in der Abteilung XII

Frauen,

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zehn Jahre später bereits die Hälfte.

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Im Laufe

der 1970/80er-Jahre sank ihr Anteil jedoch langsam aber

kontinuierlich: 1983 betrug er 42 Prozent,

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1987 schließ-

lich nur noch 37 Prozent,

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also wieder fast so viel – bzw.

wenig – wie in den 1950er Jahren.

Vor allem in den 1960er Jahren lassen sich in der Abtei-

lung XII eine Reihe von Fällen finden, bei denen Mit-

arbeiterinnen der Abteilung mit Ehemännern verheiratet

waren, die in anderen Abteilungen des MfS in leitenden

Stellungen arbeiteten. Die Abteilung fungierte demnach

auch als eine Versorgungsinstanz für Ehefrauen, deren

Männer in der Geheimpolizei Karriere machten.

Entscheidender als der Anteil weiblicher Mitarbeiter

am gesamten Kaderbestand ist ihr Anteil an den Leitungs-

positionen. Hier sah es in der Abt. XII nicht viel anders

aus als im gesamten MfS: Je höher man auf die Karrierelei-

7 Vgl. Karsten Jedlitschka/Philipp Springer (Hg.): Das Gedächtnis der Staats-

sicherheit. Die Kartei- und Archivabteilung des MfS, Göttingen 2015.

8 BStU, MfS, AS 187/58, Bd.1, S. 255.

9 BStU, MfS, AS 82/70, S. 73.

10 BStU, MfS, Abt. XII 2161, S. 98 ff., hier S. 98.

11 BStU, MfS, Abt. XII 4415, S. 241.

Mitarbeiterin der Abt. XII bei der Vorgangsregistrierung

Foto: BStU, MfS, Abt. XII Fo 95, Bild 2