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Frauen im Ministerium für Staatssicherheit

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

ter blickt, desto weniger Frauen lassen sich dort finden.

Allerdings ist auch hier ein Wandel zu beobachten. Wäh-

rend sich Mitte der 1970er Jahre eine Reihe von Frauen in

der mittleren Führungsebene finden, waren im Jahr 1989

unter den 13 Leitungskadern der Abteilung – damit sind

neben dem Leiter Heinz Roth und seinen drei Stellvertre-

tern noch die neun Abteilungsleiter gemeint – nur zwei

Frauen. Dies entsprach einem Anteil von rund 15 Prozent.

Die Tatsache, dass Frauen eine derartig geringe Rolle

in der Leitung der Abteilung spielten, wollte man intern

nicht allzu offensichtlich werden lassen. So zeigte eine

Graphik aus einer Ausstellung, in der MfS-Mitarbeiter

über die Leistungen der Abteilung informiert wurden,

einen Frauenanteil von 38 Prozent „bei Leitungska-

dern“, der exakt dem Frauenanteil „am Kaderbestand“

entsprach.

12

Die Statistiker hatten einfach den Kreis von

Führungskräften weiter gezogen, d.h. auch Referatsleiter

in die Zählung aufgenommen, sodass frauenpolitisch alles

in Ordnung schien.

Doch was waren das für Frauen, die trotz der begrenz-

ten weiblichen Aufstiegsmöglichkeiten einige Stufen auf

der Karriereleiter in der Abteilung XII nehmen konnten?

Um diese Frage zu beantworten, ist es ratsam, auf die

unterschiedlichen Generationen zu blicken, die Aufbau

und Tätigkeit des MfS prägten – ein Blick, der sich in der

Forschung zur Geschichte des MfS bislang im Wesentli-

chen auf die männlichen Hauptamtlichen gerichtet hat,

der sich jedoch auch zur Analyse weiblicher Akteure bei-

spielsweise in der Abt. XII nutzen lässt.

Eine ganz wesentliche Rolle spielte bis zu ihrem Aus-

scheiden in den 1960er Jahren – anschließend aber auch

noch in der MfS-internen Traditionspflege – die älteste

Gruppe von Mitarbeitern: altgediente Kommunisten, die

nach 1933 Widerstand geleistet hatten, ins Exil gegangen

oder inhaftiert gewesen waren und nach 1945 die politi-

sche Polizei mit aufgebaut hatten. Die zweite MfS-Gene-

ration bestand dann aus denjenigen, die bei Kriegsende

noch jung genug waren, um nicht in den Nationalsozia-

lismus verstrickt gewesen zu sein, aber alt genug, um nun

im neuen System schnell Verantwortung zu übernehmen.

Diese Lebenswege waren oft mit einem rapiden sozialen

Aufstieg verbunden, der die Betroffenen zusätzlich an den

Staat und vor allem auch an das MfS band. Schließlich

folgte die dritte Generation. Ihre Angehörigen waren

schon richtige „Kinder der DDR“, weniger geprägt durch

die Euphorie des Anfangs als durch nüchterne Analyse

12 BStU, MfS, Abt. XII 4579, S. 164.

dessen, was ihnen der Staat bieten konnte. Oft begann

mit dieser Generation auch die Karriere von MfS-Fami-

lien, wenn etwa der Sohn eines Hauptamtlichen ebenfalls

zum MfS ging. Die vierte MfS-Generation spielte bei der

Frage der Leitungsfunktionen keine Rolle, da ihre Ange-

hörigen Ende der 1980er Jahre meist noch zu jung für

höhere Positionen waren.

Auch bei der Struktur der weiblichen Hauptamtlichen

in der Abteilung XII lassen sich diese generationellen

Gruppen finden. Anhand einiger biographischer Beispiele

sollen im Folgenden deren Lebens- und Karrierewege

skizziert und auf diese Weise einige Aspekte der Rolle von

Frauen im MfS veranschaulicht werden.

Die altgediente Kommunistin

Die Anzahl altgedienter Kommunistinnen bei der ostdeut-

schen Geheimpolizei dürfte relativ überschaubar gewesen

sein. In der Abteilung XII lässt sich nur eine einzige ermit-

teln: Hauptmann Klara Schellheimer, geborene Ruseck,

geboren am 18. Oktober 1907 als Tochter eines Drehers

und einer Hausfrau in Magdeburg. Die spätere Leiterin

des Archivs der Staatssicherheit hatte nach dem Besuch

der Volksschule eine Lehre als Stenotypistin absolviert

und anschließend in diesem Beruf gearbeitet. 1931 trat

In einer internen Ausstellung der Abt. XII aus dem Jahr 1984 sollte ein

Säulendiagramm dokumentieren, dass der Anteil von Frauen am Leitungs-

personal (zweite Säule) demjenigen entsprach, der für das gesamte Personal

der Abteilung (erste Säule) gezählt wurde. Tatsachlich aber waren Frauen

in der Leitung der Diensteinheit unterrepräsentiert, da ihr Anteil in höheren

Hierarchieebenen deutlich geringer war als in niedrigen.

Abbildung: BStU, MfS, Abt. XII 4579, S. 164