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Frauen im Ministerium für Staatssicherheit

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

sie der KPD bei und heiratete den Kommunisten Johann

Schellheimer. Die beiden nahmen später seine Nichte als

Adoptivtochter an. Gemeinsam mit ihrem Mann baute

Klara Schellheimer nach 1933 eine Widerstandsgruppe

auf. Von 1936 bis 1938 und von 1944 bis 1945 wurde

sie deshalb inhaftiert. Auch ihr Mann war in Haft und

wurde im Februar 1945 im Zuchthaus Brandenburg hin-

gerichtet.

Nach dem Krieg arbeitete Schellheimer zunächst als

Stenotypistin für den Freien Deutschen Gewerkschafts-

bund (FDGB), dann als Arbeitsschutzinspektorin beim

Amt für Arbeit und Sozialfürsorge und schließlich als

Kaderleiterin bei der Transportpolizei. Nun war der

Weg zum MfS nicht mehr weit: Im März 1951 kam sie

als Sekretärin zur Hauptabteilung Kader und Schulung

in die Berliner Zentrale, nach verschiedenen anderen

Abteilungen wechselte sie dann im November 1953 zur

Abteilung XII, wo sie 1958 Leiterin des Referats 3, also

des sogenannten Archivs der Geheimpolizei, wurde.

Hier arbeitet Schellheimer bis zu ihrer Verrentung im

Jahr 1964.

Während der Zeit, in der Schellheimer in der Abtei-

lung XII arbeitete, spielte das „Sammeln“ von Unterlagen

über NS-Verbrecher eine wichtige Rolle in der Arbeit des

MfS. Mit den in Berlin zentralisierten Materialien sollten

DDR-Bürger auf NS-Täterschaft überprüft werden, aber

auch Munition im Propagandakampf mit der Bundes-

republik bereitgestellt werden. Dem Archivbereich kam

dabei entscheidende Bedeutung zu. So reiste Schellheimer

zusammen mit einem Kollegen im Jahr 1957 knapp drei

Wochen nach Warschau, um in dortigen Archiven nach

Unterlagen zu recherchieren. Ebenso wie sie selbst war

auch ihr Kollege vor 1945 in Haft gewesen. Möglicher-

weise sollte diese Auswahl des Personals die Bereitschaft

der Polen zur Kooperation erhöhen.

Auch nach ihrem Ausscheiden aus dem MfS blieb sie

der Geheimpolizei verbunden. So wie zahlreiche andere

– inzwischen verrentete – Angehörige ihrer generatio-

nellen Gruppe wurde sie 1969 für zweieinhalb Jahre als

Zivilbeschäftigte angestellt.

13

Offenbar ging es bei diesem

Einsatz um die Aufbereitung der Karteien für die elek-

tronische Datenverarbeitung – für diese sensible Arbeit

benötigte man äußerst zuverlässiges Personal. Darüber

hinaus wurde Schellheimer, die 1986 starb, im Rahmen

der in den 1980er Jahren im MfS verstärkt einsetzenden

Traditionsarbeit immer wichtiger. Mitarbeiter der Abtei-

13 Vgl. BStU, MfS, Abt. XII 2666, S. 1.

lung XII dokumentierten ihre Biographie und stellten sie

im Traditionskabinett, einem im MfS üblichen, der Tra-

ditionspflege gewidmeten Raum, aus. Zugleich erhielt die

Grundorganisation der FDJ in der Abteilung den Ehren-

namen „Johann Schellheimer“. Auf diese Weise wurde

Klara Schellheimer zum Scharnier der Verbindungsli-

nie zwischen dem aufopferungsvollen Kampf gegen den

Nationalsozialismus und der Arbeit in der Abteilung XII.

Dabei dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass man mit

Schellheimer eine Frau als Vorbild präsentieren konnte.

Insbesondere für die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen

der Abteilung, die immer weniger „Helden des Kampfes

gegen den Faschismus“ aus eigener Anschauung als Kol-

legen kannten, wurde so eine Identifikationsfigur aufge-

baut, der nachgeeifert werden sollte.

„Unter Zurückstellung aller persönlichen Interessen“

Während also die Karrieren der seltenen „alten“ Kommu-

nistinnen imMfS in besonderer Weise durch ihren Lebens-

weg im Nationalsozialismus befördert wurden, konnten die

Angehörigen der nachfolgenden Generation, der sogenann-

ten „Flakhelfergeneration“, einen derartigen Hintergrund

nicht vorweisen. Sie waren meist noch zu jung für den

Einsatz an der Front bzw. zur Übernahme tragender Funk-

Klara Schellheimer (1907-1986), Leiterin des Archivs der Abt. XII von 1958

bis 1964

Abbildung: BStU, MfS, KS 160/64, S. 150, Bild 3