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Frauen im Ministerium für Staatssicherheit

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

tionen im NS-Regime gewesen, aber alt genug, um das

Gemeinschaftsgefühl in den NS-Organisationen erlebt zu

haben. Verbunden mit der Euphorie über den gesellschaft-

lichen und politischen Neuanfang, der ihnen eine glückli-

cher Zukunft versprach, bildete diese Art der Sozialisation

eine zentrale Prägung für diejenige Bevölkerungsgruppe,

die die weitere Geschichte der DDR in entscheidender

Weise mitbestimmen sollte. Die fehlende kommunisti-

sche Biographie ersetzten sie oft durch bedingungsloses

Engagement, totale ideologische Überzeugung und – im

Fall der weiblichen hauptamtlichen Mitarbeiter des MfS –

oftmals durch Kinder- oder Ehelosigkeit. Ein Beispiel für

eine solche Karriere im MfS ist Oberstleutnant Ingeburg

Heinritz, hauptamtliche Mitarbeiterin der Abteilung XII –

mit zum Teil mehrjährigen Unterbrechungen – von 1953

bis 1987. Ingeburg Heinritz wurde 1927 als Tochter eines

Brettschneiders und einer Hausfrau in Olbernhau im Erz-

gebirge geboren. Sie besuchte die Volksschule. Von 1942

bis 1944 absolvierte sie eine Ausbildung zur Bürogehilfin

und arbeitete anschließend über das Kriegsende hinaus als

Angestellte in einer Firma in Olbernhau, bis sie imOktober

1945 bei der örtlichen Stadtverwaltung anfing.

Der Wandel der politischen Verhältnisse ging an der jun-

gen Frau nicht spurlos vorüber. Bereits im Mai 1946 wech-

selte sie zur SED-Kreisleitung ins nahe gelegene Marienberg,

wo sie drei Jahre als Sachbearbeiterin tätig war. In die Partei

– damals noch die KPD – war sie bereits am 1. September

1945 eingetreten. In diesen Erfahrungen ihrer Jugend dürfte

auch der Grundstein für eine Lebensauffassung liegen, die

Heinritz Jahrzehnte später in ihrer Abschiedsrede vor den

Delegierten ihrer SED-Parteigruppe so formulierte: „Für

mich persönlich war immer der Grundsatz entscheidend, [1.]

nie zu vergessen, dass ich ein Kind der Arbeitsklasse bin, [2.]

immer treu und zuverlässig zu meiner Partei und zu unserem

Staat zu stehen, [3.] alle Beschlüsse der Partei bedingungslos

zu erfüllen, [4.] meinen Auftrag im MfS als höchsten Partei-

auftrag zu betrachten, [5.] nach mehr Wissen zu streben und

ein ehrlicher, bescheidener Mensch zu sein.“

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Den Aufbau der ostdeutschen Geheimpolizei erlebte

Heinritz von Beginn an. Am 9. Januar 1950 wurde sie in

der Abteilung K der Volkspolizei Sachsen eingestellt und

arbeitete dann nach Gründung des MfS als Schreibkraft

in der örtlichen Kreisdienststelle des MfS. Der anschlie-

ßende Wechsel in die Abteilung PK (Politkultur) bedeutete

für Heinritz einen deutlichen Einschnitt, denn damit war

auch ein Umzug nach Berlin verbunden. Ihr Aufstieg in der

14 BStU, MfS, Abt. XII 4359, S. 42–55, hier S. 50.

Geheimpolizei begann mit demWechsel zur Abteilung XII

im November 1953. Bis 1961 arbeitete sie hier als Sach-

bearbeiterin, später als Hauptsachbearbeiterin. Dann wech-

selte sie in die neu geschaffene Arbeitsgruppe des Ministers,

zu deren Anleitungsbereich die Abteilung XII gehört. In

dieser Zeit, im Jahr 1965, absolvierte sie einen dreimona-

tigen Kurs „Einführung in die Datenverarbeitung“ bei der

Betriebsakademie der Staatlichen Plankommission.

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Nach

acht Jahren kehrte sie zur Abteilung XII zurück und wurde

1970 Leiterin des Arbeitsgebietes „Schlüsselung“, ein Jahr

später des Referates 4 der Abteilung.

Damit gehörte sie zu den wichtigsten Akteuren der

Einführung der Elektronischen Datenverarbeitung in der

Abteilung XII. Denn das Referat sollte diese Einführung

maßgeblich vorbereiten und umsetzen – ein Quanten-

sprung für die Abteilung, deren Bedeutung innerhalb

des MfS durch den Einsatz der modernen Technik in

dieser Zeit zuzunehmen begann. Erst die neuen techni-

schen Möglichkeiten der EDV eröffneten schließlich der

Geheimpolizei die Möglichkeiten zu der so umfassenden

Überwachung der Bevölkerung, wie sie Ende 1989 mit

dem Ende der DDR offenbar werden sollte.

Offensichtlich war man an höherer Stelle mit Heinritz‘

Arbeit zufrieden, denn Ende 1974 wurde sie als Offizier

für Sonderaufgaben im politisch-operativen Dienst zur

ZAIG versetzt. In dieser Funktion fungierte sie als Daten-

schutzbeauftragte in der Arbeitsgruppe Datenschutz/

Datensicherung.

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Bei dieser Aufgabe ging es natürlich

nicht um das, was meist unter Datenschutz verstanden

wird, nämlich um den Schutz der Daten der Bürger. Viel-

mehr wirkte Heinritz in ihrer Rolle als Datenschutzbe-

auftragte in einem Kernbereich der Konspiration, jener

tragenden Säulen des Selbstverständnisses der Geheim-

polizei. Der Schutz elektronischer Daten bildete dabei in

dieser Zeit einen ganz neuen Zweig der Konspiration, mit

der insbesondere ausländische Geheimdienste am Zugriff

auf die Speicher des MfS gehindert werden sollte.

Mit der Planung und Realisierung des EDV-Einsatzes

war auch die elektronische Erfassung der in den riesigen

Karteien gespeicherten Personendaten verbunden. Die

dafür notwendigen Tätigkeiten – im MfS als „Daten-

umsetzung“ bezeichnet – wurde vorwiegend von Frauen

ausgeübt. So kam es, dass Heinritz ein ausgesprochenes

„Frauenreferat“ leitete: Im Jahr 1969 waren von den ins-

gesamt 28 Hauptamtlichen des Referates 23 weiblich, und

15 Vgl. BStU, MfS, Abt. XII 5148, S. 3.

16 Vgl. BStU, MfS, Abt. XII 5148, S. 23.