Table of Contents Table of Contents
Previous Page  22 / 76 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 22 / 76 Next Page
Page Background

22

Frauen im Ministerium für Staatssicherheit

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

offen darüber, dass 38 Prozent seiner weiblichen Unterge-

benen „die sozialpolitischen Maßnahmen (z.B. 40-Stun-

den-Woche) in Anspruch“

28

nähmen. Neben dem hohen

Anteil älterer Mitarbeiter seien diese Maßnahmen die

zentrale Belastung für die „Kaderstabilität“. Entspannung

für die Zukunft sah Roth in erster Linie in der „Zufüh-

rung junger, schichtdienstfähiger und gesundheitlich voll

belastbarer Angehöriger“. Dass damit eher nicht weitere

Frauen gemeint waren, auch wenn Roth das im Kaderbe-

richt nicht so deutlich hätte formulieren dürfen, zeigt sich

schon allein an der Entwicklung des Frauenanteils in der

Abteilung XII – bis Ende der 1980er Jahre sank dieser, wie

schon erwähnt, kontinuierlich.

Karrierechancen einer Nachgeborenen

Trotzdem stiegen auch in dieser Zeit Frauen in mittlere

Leitungsfunktionen der Abteilung XII auf, ohne dass

allerdings eine von ihnen in dieser Zeit bis zur Ebene

der Stellvertreter des Leiters der Abteilung vorgedrungen

wäre. Welche Karrieren für diese nachrückende Genera-

tion möglich waren, zeigt das Beispiel von Oberstleutnant

Rosemarie Redmann.

Am 4. Dezember 1945 wurde Redmann in einem

Dorf im Erzgebirge, zufälligerweise nur wenige Kilo-

meter vom Geburtsort ihrer späteren Kollegin Heinritz,

geboren – „unehelich“, wie die Kaderkarteikarte des MfS

vermerkt.

29

Ihre Mutter war systemnah und arbeitete spä-

ter als politische Mitarbeiterin bei der SED-Stadtleitung

Leipzig. Nach der Grundschule in ihrem Heimatdorf

und der Erweiterten Oberschule in Leipzig konnte Red-

mann an der Arbeiter- und Bauerfakultät Halle II 1964

das Abitur ablegen. Anschließend begann sie eine Ausbil-

dung zur Chemiefacharbeiterin in Bitterfeld – mit Erfolg,

denn bereits 1965 nahm sie an der TU Dresden ein Stu-

dium in der Fachrichtung „elektrische Energieanlagen“

auf. Hier zählte sie „zu den besten Studenten“, wie ihre

Kaderakte vermerkte. Im selben Jahr heiratete sie – ihr

Mann war ebenfalls Chemiefacharbeiter und studierte

später Mathematik. Drei Monate nach der Hochzeit trat

Redmann schließlich auch der SED bei, nachdem sie in

den üblichen Massenorganisationen FDJ, FDGB, Gesell-

schaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) und

Gesellschaft für Sport und Technik (GST) bereits früher

Mitglied geworden war.

28 BStU, MfS, Abt. XII 4415, S. 241.

29 Vgl. im Folgenden BStU, MfS, Abt. XII 4161, S. 4-13.

Noch während ihres Studiums, das 1970 endete, nahm

die Abt. XII Kontakt zu ihr auf. Am 28. März 1969 führ-

ten zwei Vertreter der Abteilung ein Kadergespräch mit

ihr, schlossen einen Vorvertrag und versprachen eine

Erhöhung des Stipendiums um 80,- Mark.

30

Redmann

erklärte sich zu einer hauptamtlichen Tätigkeit bereit,

auch der notwendige Wechsel aus ihrem bisherigen Spe-

zialgebiet Elektrotechnik zur EDV fiel ihr nicht schwer,

denn „die Wahl ihrer jetzigen Studienrichtung [sei] seiner-

zeit etwas unglücklich zustande“ gekommen. Am selben

Tag sprachen zwei andere MfS-Mitarbeiter mit Redmanns

Ehemann und gewannen ihn für eine Tätigkeit bei der

Hauptabteilung VI. Später wurde auch ihr Bruder haupt-

amtlicher Mitarbeiter des MfS.

Offensichtlich trug die Faszination, die von der damals

noch neuen elektronischen Datenverarbeitung ausging,

dazu bei, dass sich Redmann beim MfS verpflichtete. Hier

sah sie wohl ihre Chance, an der Entwicklung moderner

Technologie mitwirken zu können. Hinzu kam, dass sie

sich in einem familiären Umfeld bewegte, in dem offen-

bar keine Zweifel am Herrschaftsanspruch von SED und

MfS existierten. Außerdem dürfte vermutlich auch die

finanzielle Seite eine Rolle bei der Entscheidung für eine

Verpflichtung beim MfS gespielt haben.

Am 1. Oktober 1970 nahm Redmann ihre Tätigkeit

in der Abt. XII in Berlin auf und beschäftigte sich hier in

den nächsten Jahren hauptsächlich mit Fragen der EDV.

Bereits 1974 wurde sie stellvertretende Referatsleiterin,

später stieg sie auf zur Referatsleiterin, dann zur stellver-

tretenden Leiterin der Auswertungs- und Kontrollgruppe.

Im Jahr 1985 schloss sie schließlich ihren kontinuierlichen

Karriereweg als Leiterin der für die Zentrale Personenkar-

tei zuständigen Abteilung XII/6 ab. Damit fungierte Red-

mann in der Abteilung XII in dieser Zeit als diejenige Frau

mit dem höchsten Rang und der wichtigsten Funktion.

Anders als ihre Vorgängerinnen in leitenden Positi-

onen der Abteilung XII blieb Redmann nicht kinder-

los. 1972 wurde sie Mutter einer Tochter, unterbrach

ihre Berufstätigkeit jedoch nicht. Einerseits dürften

die sozialpolitischen Maßnahmen die außerfamili-

äre Betreuung von Kindern mittlerweile erleichtert

haben, andererseits werden der Druck des MfS und

sicher auch die Bereitschaft der Mitarbeiterin dazu

beigetragen haben, dass die Unterbrechung nur auf

Schwangerschaft und Wochenbett beschränkt blieb.

30 Vgl. im Folgenden BStU, MfS, Abt. XII 4161, S. 2 f.