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Wer war es?

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

Obschon ihr Name anderes vermuten ließ, war ihr Leben

eine einzige Niederlage – jedenfalls gemessen an ihren

Ansprüchen, ihrer Erziehung und ihrem Ehrgeiz.

Sie war die älteste Tochter der damals mächtigsten

Frau der Welt. Anders als ihr späterer Ehemann kannte

sie keinen elterlichen Dauerstreit, keine Eiseskälte in der

Beziehung zu den Eltern, kein soldatisches Gepräge, son-

dern nur Bildung, Elitebewusstsein und Pflichtgefühl.

Ihr Vater hatte mit ihrer Mutter insgesamt neun Kin-

der. Seine Erstgeborene, und nicht die anderen acht,

war sein Ein und Alles. Schon als Kind saß sie auf sei-

nem Schoß am Schreibtisch und wurde von ihm in die

Geheimnisse der Staatsführung eingeweiht. Seiner ältes-

ten Tochter und nicht etwa seiner Frau schüttete er sein

Herz aus, fragte sie um Rat und teilte ihr seine innersten

Gedanken mit.

Und sie erfüllte seine Erwartungen über alle Maßen:

mit ihrer frühreifen Altklugheit und ihrer brillanten Auf-

fassungsgabe, ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder, der

sich - trotz seiner Rolle als Thronanwärter - allen elterli-

chen Erziehungsbestrebungen entzog, der undiszipliniert

und hedonistisch lebte.

Ihre Mutter, leidenschaftlich verliebt in ihren früh ver-

storbenen Mann und eifersüchtig auf die Tochter, hatte

keine Einwände, als schon früh ein respektabler Freier auf

den Plan trat. Sie war zu diesem Zeitpunkt gerade mal

zehn Jahre alt. Er war ein sanftmütiger und ihr intellektu-

ell unterlegener Prinz, aber als einziger Sohn der zukünf-

tige Thronanwärter in seinem Land, zudem mit einer

markanten Statur ausgestattet. Im Auftrag ihres Vaters

führte sie ihn durch die Weltausstellung, in einer Stadt,

deren Konzerthalle bis heute den Namen ihres Vaters

trägt. Dort zeigte sie ihm stolz den größten Diamanten

der Welt und erklärte ihm die Funktionsweise eines sog.

„Alarmbettes“, das die Ingenieure ihres Landes konstru-

iert hatten. Es konnte den Schläfer zu jeder beliebigen

Zeit wecken, indem es ihn aus dem Bett in ein kaltes Bad

katapultierte.

Beide entflammten sofort füreinander und versicherten

sich in zahllosen Briefen ihrer Sehnsüchte und Liebe. Als

sie 14 war, hielt er um ihre Hand an, mit 18 wurde dann

am 12. Januar 1858 Vermählung gefeiert. Der Leitartikel

in der größten Zeitung ihres Landes artikulierte genau

das, was ihre Eltern sich von der Heirat versprachen: Das

unbedeutende Land, in das sie geschickt werde, könne

sich glücklich schätzen, ob der Verbindung mit der hoch-

stehendsten Nation der Welt. Die Ehe sei eine Art von

Entwicklungshilfe, sowohl politisch wie kulturell. Man

hoffe deshalb, dass sie nach einigen Jahren nicht wieder

in abgerissenen Kleidern vor der eigenen Haustüre stehe.

Tatsächlich war sie schockiert, als sie an einem eisigen

Februartag in ihrer neuen Heimat eintraf. „Ich habe nur

noch eine einzige warme Stelle, und das ist mein Herz,“

so stöhnte sie. Entsetzlich empfand sie die Dürftigkeit

ihrer neuen Umgebung: keine Bäder, keine Wasserklo-

setts, die Kamine ungefegt und unbrauchbar, die Fenster

ließen sich nicht öffnen, und wenn sie offen waren, nicht

wieder schließen.

Wer war es?

Ein historisch-biographisches Rätsel

von Rainer F. Schmidt

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Abbildung: picture alliance/imageBROKER/Manfred Bail

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