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Einsichten und Perspektiven 3 | 19

Dr. Martina Weyrauch

Landeszentrale:

Brandenburgische

Landeszentrale für

politische Bildung

Alter:

61

Geboren in:

Berlin Lichtenberg

Dieses Foto steht für mich für die Deutsche Einheit,

weil …

die Glienicker Brücke 1961 zum Symbol der Tren-

nung (Agentenaustausch) wurde. Jetzt verbindet sie Berlin

und Brandenburg. Das Landschaftsensemble um die Brü-

cke wurde von der UNESCO zumWeltkulturerbe erklärt.

So habe ich den 9. November 1989 erlebt:

Am Abend

des 9. November 1989 sah ich mit Freunden in Berlin

Lichtenberg (also im Ostteil) imWestfernsehen die spekta-

kuläre Pressekonferenz. Ich verstand die Aussagen Günter

Schabowskis so, dass alle, die weg wollten, jetzt auch direkt

über Westberlin gehen könnten. Da ich nicht gehen wollte,

ging ich mit meiner Tochter (sieben Jahre) schlafen. Später

klingelten die Nachbarn bei mir (wir waren zwölf Parteien

im Haus) und wollten mich überreden, mit nach Westber-

lin zu kommen. Ich war fest davon überzeugt, wer rüber

geht, der wird nicht wieder zurückgelassen. Alle wollten

ihre Kinder im Bett lassen und nur mal rüber schauen.

Ich hielt alle für naiv und verantwortungslos. Ich blieb da,

mit einem Berg von Schlüsseln und zahlreichen schlafen-

den Kindern im Haus. Ich saß mutterseelenallein vor dem

Fernseher, wo sich die jubelnden Menschen in den Armen

lagen. Ich weinte stundenlang vor Freude. Gott sei Dank

kamen alle Nachbarn zu ihren Kindern zurück. Zwei Tage

später machte meine Familie bei unseren Verwandten in

Berlin-Lichterfelde ein Freudenfest. Mit ordentlichen Visa

fuhren wir hin. Die Mauer hatte unsere große Familie

geteilt und es wurde ein unvergesslicher Tag.

Ich persönlich habe mir 1989 politisch erhofft, dass …

jetzt die volle Palette der Grund- und Menschenrechte

auch für uns gilt. Ich war für eine temporäre Zweistaaten-

lösung. Daran mitzuwirken, die DDR dann geordnet und

erhobenen Hauptes in die deutsche Einheit zu führen, das

war mein Ziel.

So eingetroffen?

Es ist teilweise so eingetroffen. Ich habe

1989 intensiv in mehreren Arbeits-/Untersuchungsgrup-

pen mitgearbeitet. Es ging um die Rehabilitierung ver-

waltungsrechtlich, arbeitsrechtlich und strafrechtlich Ver-

folgter. Ich war Referentin im Ministerrat des MP Lothar

de Maizière und verantwortlich für die völkerrechtlichen

Fragen der Deutschen Einheit und Teil der Arbeitsebene

der Zwei-plus-vier-Verhandlungen.

Die Brandenburgische Landeszentrale für politische

Bildung setzt in ihrer Arbeit zur Deutschen Einheit vor

allem auf…

die Bedürfnisse der Brandenburgerinnen

und Brandenburger. Zahlreiche freie Träger haben unter-

schiedliche Formate und Angebote geplant (Gesprächs-

reihen, Filme, ein Wendejahrmarkt). Es wird sehr bunt,

fröhlich, aber auch nachdenklich.

Der beste Film, den ich zum Thema Einheit gesehen

habe,

heißt „Gärtner führen keine Kriege“. Die preußi-

schen Schlösser und Gärten entlang der Havel sind heute

UNESCO-Weltkulturerbe und einmalige Kulturland-

schaft. 1961 wurden die Gärten im Grenzgebiet zwischen

Potsdam und West-Berlin zu einem Schauplatz des Kalten

Krieges: Mauer, Grenzzäune und Todesstreifen zerstörten

über 35 Hektar der historischen Parkanlagen. Die Gärtner

hielten über die Grenze hinweg Kontakt und versuchten

soviel wie möglich zu retten. Man kann ihn z.B. unter

https://www.rbb-online.de/doku/f-g/gaertner-fuehren-

keine-kriege.html [Stand 30.09.2019] ansehen.

Das beste Buch, das ich zum Thema gelesen habe:

Maxim Leo: „Haltet Euer Herz bereit“, weil es in sehr

empathischer Weise sich familiär an das Thema heranwagt

und jegliche Stereotype vermeidet.

Die Glienicker Brücke verbindet Berlin mit Brandenburg; in

den Zeiten der deutschen Teilung fand hier der Austausch

von Agenten statt.

Fotos: LZ Brandenburg (li.); picture alliance/Fotograf: Jochen Eckel (re.)