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Einsichten und Perspektiven 3 | 19

Politikdidaktik macht auf diese Möglichkeiten für die

gegenwartsorientierte Kinder- und Jugendliteratur bereits

aufmerksam.

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Im Folgenden wird aus geschichtsdidaktischer Perspek-

tive geprüft, inwieweit historische Jugendliteratur sich als

Lernmedium zur Demokratieerziehung auch dann anbie-

tet, wenn sie undemokratische Narrative aufgreifen.

Historische Romane als Lernmedium in der Demo-

kratieerziehung

Historische Jugendliteratur hat als Lernmedium für

Demokratieerziehung den großen Vorteil, dass sie ihre

Wertorientierung nicht im Text, sondern über den Text

transportiert. Der aktuelle Jugendbuchmarkt stellt Sicht-

weisen, Auffassungen und Werte zur Diskussion, mit

subjektiven und komplexen Erzählweisen sind diese Fik-

tionen ein Experimentierfeld menschlicher Handlungsop-

tionen, die der Leser beobachten kann, sich seine eigenen

Gedanken machen kann, ohne dass – wie in der älteren

Jugendliteratur oft noch beobachtbar – eine Korrektur

durch den Erzähler erfolgt. Die Texte präsentieren keine

fertigen Lösungen und gerade dadurch wirken sie für die

Leser, die sich auf sie einlassen, auffordernd. Gerade weil

sie keine Handlungsanweisungen vorschreiben, können

sie als Erkenntnisinstrumente fungieren.

Dabei greifen die literarische Ästhetik und die histo-

risch-politische Zielsetzung im Sinne eines Demokratie-

5 Vgl. Werner Wintersteiner: Wie ein Stück Brot. Kinder- und Jugendlite-

ratur und Politische Bildung. In: kjl&m 19.2 (2019), S. 3-12, hier S. 4 f.

Susann Gessner: Kinder- und Jugendliteratur im Kontext politischer Bil-

dung. Online abrufbar unter:

https://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/

kulturelle-bildung/135134/kinder-und-jugendliteratur-im-kontext-poli-

tischer-bildung?p=all. [Stand: 09.09.2019].

lernens durchaus befruchtend ineinander.

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Das gilt auch

für die Romane, die Diktaturerfahrungen darstellen.

Durch ihre identifikations- und imaginationsanregenden

Fiktionalisierungen lassen sie nahezu erlebbar werden, was

es bedeutet, wenn Grundrechte nicht für alle Menschen

gelten, wenn Ausgrenzung erfolgt oder wenn sich ein Staat

nicht an Freiheitsrechte hält. Insofern regen diese Romane

auch eine Auseinandersetzung mit den Werten der Demo-

kratie an.

Wenn Romane für eine unterrichtliche Bearbeitung

ausgewählt werden, sollten deshalb moderne Texte bevor-

zugt werden, in denen nicht ein allwissender Erzähler

moralische Urteile oder ideologische Wertungen vorgibt.

Vielmehr kann bei Romanen, die mit subjektiv gepräg-

ten, mehrperspektivischen Erzählweisen arbeiten oder in

Gesprächen vielseitige Perspektiven abbilden, ihre Bedeu-

tungsoffenheit ebenso genutzt werden wie die Möglichkeit,

unterschiedliche Bezüge zur Gegenwart zu diskutieren.

Weiterhin kann für das Demokratielernen hilfreich

sein, dass die aktuelle geschichtserzählende Jugendlitera-

tur mit dem Adoleszenzmodell ein Erzählmuster für das

Vergehen von Zeit verwendet, das letztlich in der Ten-

denz zumeist eine positive Entwicklung des Protagonisten

aufzeigt. Idealtypisch wird es in drei Schritten realisiert:

existentielle Erschütterung und Identitätskrise des ado-

leszenten Individuums durch politisch-gesellschaftliche

Gegebenheiten (Schritt 1), allmählicher Selbstfindungs-

und Emanzipationsprozess (Schritt 2) sowie letztlich Aus-

bildung einer spezifisch-eigenen Ich-Identität, die einen

Beitrag zur positiven Weiterentwicklung der Gesellschaft

leisten kann (Schritt 3).

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Diese Entwicklung läuft in den

meisten Romanen keineswegs gradlinig und der dritte

Erzählschritt wird meist in einem offenen Ende nur ange-

deutet. Die Figuren sind nicht als Helden angelegt, son-

dern sie werden als Jugendliche in ihrer alterstypischen

Zerrissenheit, mit ihren Fehlern und Irrtümern sowie

auf der Suche nach einer eigenen Identität gezeigt. Sie

sind damit keine Vorbilder im heldenhaften Sinn, aber

gerade das eröffnet besondere Identifikationsangebote,

weil die Leserinnen und Leser Ähnlichkeiten zu sich selbst

erkennen können. Gleichzeitig verhilft es zu Irritationen,

weil die Figuren erkennbar Irrtümern aufsitzen, für den

Leser nicht nachvollziehbar oder in seinen Augen einfach

widersprüchlich oder falsch handeln. Durch solche Text-

passagen tritt der Leser in eine Distanz zur Figur, die er

6 Vgl. ebd., S. 4 f.

7 Vgl. Gina Weinkauff/Gabriele v. Glasenapp: Kinder- und Jugendliteratur,

Paderborn,2014, S. 130f. In Übertragung auf den historischen Jugendro-

man: Rox-Helmer (wie Anm. 3), S. 106 ff.

Schulbibliothek des Wilhelmsgymnasiums in München, 2019

Abbildung: Florian Peljak/Süddeutsche Zeitung Photo

Historische Jugendromane im Geschichtsunterricht