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Einsichten und Perspektiven 3 | 19

benötigt, um zu durchdenken, wie er in so einer Situation

handeln würde. So reflektiert er über Handlungsoptionen

und kann dabei möglicherweise die grundsätzliche Mitge-

staltbarkeit des gesellschaftlichen Umfeldes erkennen. Da

sich viele Figuren allmählich als politische Wesen erken-

nen und eine politische Teilhabe zunehmend einfordern,

können die Leser die Bedeutung dieser Aspekte auch für

sich selbst erkennen.

Die Lektüreauswahl sollte deshalb grundsätzlich von

den Identifikations- und Irritationsangeboten, die vom

Roman für die Lerngruppe ausgehen können, erfolgen.

Der Unterricht kann diese Angebote unterstützen, indem

die jugendlichen Figuren in ihrer zeitlichen Fremdheit,

ihrem Unwissen oder ihren Irrtümern ebenso betrachtet

werden wie in ihren alterstypischen Erfahrungen und Pro-

blemen. Während die Identifikation über die positive Ent-

wicklung prinzipiell so etwas wie ein ‚Lernen am Modell‘

ermöglichen kann, dienen die Irritationen dazu, nicht auf

dieser Ebene stehen zu bleiben, sondern das für demokra-

tische Meinungsbildung zentrale eigenständige und kog-

nitive Lernen zu initiieren.

Durch die irritierenden Elemente kann der Leser die

Entwicklung des Protagonisten in Abhängigkeit der

gesellschaftlich-politischen Rahmenbedingungen sehen,

und im unterrichtlichen Anschlussgespräch können am

Einzelfall historische Erfahrungen und Änderungen in

Werthaltungen mit den jeweiligen Konsequenzen dis-

kutiert werden. Hier ist die Gelegenheit zum Austausch

wichtig, damit die Schülerinnen und Schüler ihre Sach-

und Werturteile begründet darstellen, in der Auseinander-

setzung mit anderen Interpretationen ausdifferenzieren

und individuelle Sichtweisen auf die Romanhandlung

tolerieren lernen. So ist im günstigsten Fall die demokrati-

sche Meinungsbildung Inhalt und Methode zugleich.

Damit das gelingt, sollten schon in der Bearbeitungs-

phase Impulse, Aufgabenformate und Anschlussgespräche

nicht auf eindeutige Lösungen abzielen, sondern die Aus-

einandersetzungen mit und Diskussionen über Werthal-

tungen der Figuren und ihre Handlungsoptionen in den

historischen Strukturen anregen. Besonders ertragreich

kann für die Demokratieerziehung sein, ein offenes Ende,

das eine positive Entwicklung lediglich andeutet, auszu-

gestalten und dabei verschiedene Handlungsmöglichkei-

ten und ihre möglichen Auswirkungen in der historischen

Entwicklung spekulativ zu durchdenken. So können letzt-

lich doch noch erfahrungsbasierte positive Narrative zur

Demokratiegeschichte entstehen.

Der Roman „Kopf runter, durchhalten“ – nicht nur

eine Mitläufer-Narration

8

„Kopf runter, durchhalten“ von Daniel Höra erzählt ent-

sprechend des Reihenkonzepts von Carlsen Clips auf gut

100 Seiten und in sprachlich bewusst einfach gehaltener

Weise, aber literarisch ansprechend von der Anfangszeit

der nationalsozialistischen Herrschaft. Es ist somit beson-

ders geeignet für leseschwache Jugendliche am Ende der

Sek.I, die aber dennoch ein anspruchsvolles Thema bear-

beiten wollen und können.

Die Romanhandlung setzt am 30. Januar 1933 ein

und veranschaulicht die Zeit der Gleichschaltung anhand

des Pfadfinders Hans. Er erlebt zu Beginn mit seinem

Freund Heini den Fackelzug der Nationalsozialisten am

Abend des 30. Januar mit. Während er verhalten fasziniert

gegenüber den Begeisterungsstürmen ist, die die Ernen-

nung Hitlers zum Reichskanzler ausgelöst hat, lässt sich

sein Freund stärker von der neuen Bewegung beeindru-

cken. Auch im weiteren

Verlauf bleibt Hans seinen

Pfadfinder-Idealen treu,

Heini ist dagegen schnell

bereit, der HJ beizutreten.

Beide Jugendliche passen

mit ihren Haltungen in

ihre jeweiligen Familien.

Heinis Vater macht als

Polizist Karriere und wird

zum Parteianhänger. Die

Eltern von Hans stehen als

Katholiken zwar den Nati-

onalsozialisten

äußerst

8 Daniel Höra: Kopf runter, Durchhalten! Carlsen Clips, Hamburg 2019, 108

Seiten, 4,99 €.

Lehrerin und Schüler im Klassenzimmer

Abbildung: Giordano Poloni/ picture alliance / Ikon Images

Abbildung: Carlsen Verlag

Historische Jugendromane im Geschichtsunterricht