Table of Contents Table of Contents
Previous Page  64 / 76 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 64 / 76 Next Page
Page Background

64

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

reserviert gegenüber, dennoch opponieren sie nicht, weil

sie keine Gefahr für die Demokratie sehen. Sie sitzen

dem Irrtum auf, eine Regierung Hitler werde sich ebenso

schnell erledigen wie die letzten Präsidialkabinette. Doch

schon bald müssen sie erkennen, wie sich das politische

Leben verändert und sich Angst breitmacht. Der Vater

gibt daraufhin das Motto aus: „Kopf runter, durchhal-

ten“. In Bezug auf Hans selbst lässt der Roman mit seinem

Ende wenige Monate nach Hitlers Regierungsübernahme

offen, ob er sich dem anschließt oder ob er seine unange-

passte Haltung beibehalten wird.

In der Erzählung treffen verschiedene Positionen auf-

einander, die in Gesprächen über einzelne Ereignisse

verdeutlichen, aus welchen Motiven und mit welchen

Grundüberzeugungen Menschen auf das Aushöhlen der

Demokratie durch die Nationalsozialisten reagiert haben.

In der Kürze der Erzählung wird zwar weder eine Ent-

wicklung des Protagonisten beschrieben noch werden die

Veränderungen in Deutschland langfristig und in ihrer

Komplexität betrachtet, dennoch kann insbesondere die

Figurenkonstellation interessante Impulse für eine Urteils-

bildung im Sinne einer Demokratieerziehung geben.

Neben den historischen Ereignissen der Gleichschaltung

werden eine ganze Reihe Themen des Nationalsozialismus

angeschnitten, die im Unterricht in ihrer Beziehung zu

demokratischen Grundwerten thematisiert werden kön-

nen: die Veränderungen, die sich durch die Gleichschal-

tung in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt und im Alltag

ergeben; die NS-Volksgemeinschaft in ihrer Ambivalenz

zwischen Integrationskraft und Ausgrenzung; die Lebens-

umstände, die Menschen zu Widerstandshandlungen

motivieren; die Probleme, die auf jüdische, behinderte

oder homosexuelle Menschen zukommen, weil ihnen

Grundrechte verweigert werden.

Ein zusätzliches Potenzial kann daraus erwachsen,

dass sich bei den Urteilen der Figuren schnelle Wertun-

gen meist als trügerisch erweisen. Das zeigt, wie politi-

sche Situationen sich wandeln können, und dass deshalb

eigene Einschätzungen immer wieder neu durchdacht

werden müssen. Da der Roman keine Handlungsalterna-

tiven darstellt, ist es wichtig, diese im Unterrichtsgespräch

zu diskutieren, um der ‚Mitläufer-Erzählung’, für die

Hans‘ Familie steht, als Anpassung an die Veränderungen

eine Gegenerzählung gegenüberzustellen, bei der ein akti-

ves Eintreten für die demokratischen Grundrechte nicht

von vorneherein ausgeschlossen wird.

Das kann insbesondere durch ein spekulatives Weiter-

denken von Hans‘ Entwicklung erfolgen, das durch das

offene Ende angeregt wird. Mögliche Füllungen können

in alle Richtungen vorgenommen werden, da sowohl

angelegt ist, dass Hans sich anpasst, als auch, dass er für

seine Überzeugungen aktiv eintreten könnte. Zum Bei-

spiel zeigt seine erste Liebesbeziehung zu Ursula, die sich

mit besonderer Leidenschaft der nationalsozialistischen

Bewegung verschreibt, dass es für Hans schon persönlich

nicht einfach ist, sich zu verweigern, weil er sich damit

selbst in eine Ausgrenzung begibt. Das wird verstärkt

durch die Berichte, wie stark die Pfadfindergruppe unter

Druck gesetzt wird. Dass eine oppositionelle Haltung

gefährlich werden könnte, wird dabei deutlich. Auf der

anderen Seite ermöglicht Hans‘ unbeirrbares Festhalten

an dieser immer kleiner werdenden Gruppe auch die

Denkoption, dass Hans für persönliche Freiheits- und

Menschenrechte kämpfen könnte. Unterstützt wird diese

Interpretationsrichtung dadurch, dass er mit Irene ein

Mädchen kennenlernt, das sich nicht einfach dem Druck

der NS-Jugendpolitik beugt. Im Austausch über ein sol-

ches Weiterdenken mit anderen Lesern kann jeder für sich

selbst klären, unter welchen Bedingungen und für welche

Werte er stehen und sich einsetzen will.

„Vaters Befehl oder Ein deutsches Mädel“ – eine

Emanzipationserzählung gegen den Führerstaat

9

„Vaters Befehl oder Ein deutsches Mädchen“ von Elisa-

beth Zöller erzählt im Adoleszenzmodell die Entwicklung

der 1941 fünfzehnjährigen Paula und zeigt ihren Wandel

von einem überzeugten BDM-Mädel zu einer sich wider-

setzenden, humanistische Ideale vertretenden Siebzehn-

jährigen.

Der Roman, der in den Abschlussklassen der Sek. I

einsetzbar ist, beginnt mit einer Szene, in der Paula über-

glücklich ein Exemplar von „Mein Kampf“ mit einer

Widmung Hitlers verliehen bekommt. Anlass ist ihre

Ernennung zur Schaftführerin. Diese Aufgabe übernimmt

sie stolz und pflichtbewusst, wofür sie viel Lob und

Anerkennung erfährt. Besonders ihr Vater, der seit der

Regierungsübernahme der Nationalsozialisten eine steile

Karriere gemacht hat, lobt, wie sie überzeugt die Volksge-

meinschaft über ihre individuellen Wünsche stellt.

Dennoch wird im weiteren Verlauf des Romans deut-

lich, dass Paula immer wieder Gedanken beschleichen, die

das Konzept des Führerstaates und die Ideologie der ras-

sisch definierten Volksgemeinschaft in Frage stellen. Die

Zweifel entzünden sich an der Situation der Mutter, die

9 Elisabeth Zöller: Vaters Befehl oder Ein deutsches Mädel. Fischer Schat-

zinsel, Frankfurt 2012, 270 Seiten, 12,99 €.

Historische Jugendromane im Geschichtsunterricht