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Einsichten und Perspektiven 3 | 19

zwar ihren Dienst in der NS-Frauenschaft leistet, aber nur

wenig Anerkennung findet, weil sie nicht mehr als zwei

Kinder bekommen hat. Sie setzen sich fort, als die Familie

in eine Villa umzieht, die vorher einer jüdischen Familie

gehörte, und verstärken sich, als sie beobachtet, wie die

Gestapo gegen einen Anhänger der Swing-Jugend vorgeht

und ihr Vater offenbar an solchen Aktionen nicht unbe-

teiligt ist. Eine große Wider-

sprüchlichkeit ergibt sich für

Paula durch ihre Freund-

schaft zu Mathilda, die als

Halbjüdin zunehmend aus-

gegrenzt wird. Hier beob-

achtet der Leser, wie Paula

ihre Vorurteile, die sie über

Juden hat, für Mathilda

lange Zeit ausblendet und

sich nicht vorstellen kann,

dass Mathilda überhaupt

in Gefahr sein könnte. Erst

als Mathilda untertaucht

und sie nur noch über einen

geheimen ‚Briefkasten‘ kommunizieren können, wird

Paula allmählich bewusst, was es bedeutet, wenn rechts-

staatliche Prinzipien und Menschenrechte nicht für alle

Menschen gelten. Mit diesem Bewusstsein lässt sie sich

auch unter der massiven Gewaltanwendung ihres Vaters,

nachdem er weiß, dass sie ihn bei der Deportation jüdi-

scher Mitbürger beobachtet hat, nicht von ihrer Haltung

abbringen. Aufgrund des Einschreitens der Großeltern

kann Paula in einem Kloster Zuflucht finden und das

offene Ende legt nahe, dass Paula dort ihr Trauma allmäh-

lich überwinden wird.

Die Erzählung veranschaulicht im ersten Teil die Funk-

tionsweise der ‚Zustimmungsdiktatur’ und deckt deren

Mechanismen auf. Im zweiten Teil ist sie ein positives Bei-

spiel des aktiven Eintretens für humanistische und demo-

kratische Ideale. Auch wenn sich diese bis zum Ende der

Romanhandlung noch nicht durchsetzen, wird die posi-

tive Wirkung, die diese Grundhaltung für eine Zeit nach

Krieg und Nationalsozialismus haben kann, angedeutet.

Der Leser nimmt Paula am Romanende als moralisch

überlegene Figur wahr, die sich extremistischen Grund-

motiven wie unkritischem Respekt gegenüber Autoritäten

oder der Loyalität gegenüber der eigenen Gruppe ebenso

widersetzt wie rassistischer Ausgrenzung. Der Leser erlebt

mit, wie problematische Sichtweisen entstehen, wenn

Ideologien nicht zu Ende gedacht werden, aber auch, wie

sich ein neuer Blick auf die Wirklichkeit entwickeln kann,

wenn stereotype Wahrnehmungen als solche erkannt

werden. Insofern kann die Entwicklung von Paula auch

unterrichtlich zum Anlass genommen werden, eine Sach-

und Werturteilsbildung anzustoßen sowie eine positive

Demokratienarration anzuschließen.

Abbildung: S. Fischer Verlag

Vertiefende Literatur:

Michele Barricelli: Demokratiegeschichte als

Lerngeschichte. Zu einem vernachlässigten

Zweig der historisch-politischen Bildung, in:

Demokratiegeschichte als Beitrag zur Demo-

kratiestärkung. Eine Publikation von Gegen

Vergessen – für Demokratie e.V. und der

Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin

2018, S. 29 ff.

Katharina Donat/Bianca Fischer: Kulturelle

und politische Bildung für nachhaltige Ent-

wicklung, o.O. 2012. Online abrufbar unter:

https://www.bpb.de/162706/kulturelle-und-

politische-bildung-fuer-nachhaltige-entwick-

lung?p=all. [Stand: 14.8.2019].

Susan Gessner: Kinder- und Jugendliteratur im

Kontext politischer Bildung. Online abrufbar

unter:

https://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/

kulturelle-bildung/135134/kinder-und-jugend-

literatur-im-kontext-politischer-bildung?p=all.

[Stand: 09.09.2019].

Peter Heintel: Politische Bildung als Prinzip

aller Bildung, Wien 1977.

Monika Rox-Helmer: Der historische Jugend-

roman als geschichtskulturelle Gattung. Fiktio-

nalisierung von Geschichte und ihr didaktisches

Potential, Frankfurt 2019.

Dies.: Jugendbücher im Geschichtsunterricht,

Schwalbach im Taunus 2006.

Werner Wintersteiner: Wie ein Stück Brot.

Kinder- und Jugendliteratur und Politische

Bildung, in: kjl&m 19.2 (2019), S. 3 ff.

Historische Jugendromane im Geschichtsunterricht