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Teil II: „Es lebe die Weltrevolution!“ – Die Kommunistische Räterepublik

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

von Truppen angeboten, falls er sich außerstande sehe, die

soziale Ordnung aufrechtzuerhalten. Davon waren nicht

zuletzt die Lebensmittellieferungen nach Deutschland

abhängig. Man betrachtete die Rote Armee als Feindesar-

mee und war entschlossen einzuschreiten.

11

Bei ihrem nächsten Angriff waren Regierungstruppen

und Freikorps besser vorbereitet und zahlenmäßig enorm

angestiegen. Am 20. August kapitulierte Augsburg, nach-

dem sich die Arbeiter der Vororte zunächst drei Tage lang

erbittert gewehrt hatten. Die Eroberung des Eisenbahn-

kontenpunkts Augsburg war für die Eroberung Münchens

von entscheidender strategischer Bedeutung.

Am letzten Tag des Generalstreiks kam es zu einer Mas-

sendemonstration für die Räterepublik. Es war die letzte

große Kundgebung der Revolution. Am 26. April entstand

auf einer Betriebsräteversammlung ein heftiger Streit zwi-

schen Kommunisten und Unabhängigen. Der russische

Revolutionär Towje Axelrod hatte als politischer Kom-

missar verfügt, Schmuck und andere Wertgegenstände aus

11 Schmolze (wie Anm. 5), S. 327.

Bankschließfächern zu entnehmen. Die USPD-Genossen

im Aktionsausschuss hielten dies für Diebstahl und traten

von ihren Ämtern zurück. Die Mehrheit der Betriebsräte

stand hinter ihnen. Weitere Spannungen bezüglich der

Verteidigungsstrategie der Räterepublik sprengten den

Aktionsausschuss schließlich. Eugen Leviné trat von sei-

nem Posten als Leiter des Vollzugsrates zurück.

Ein neu zusammengesetzter Aktionsausschuss betei-

ligte die Kommunisten nicht mehr an der Regierung.

Daraufhin wurde das Hofbräuhaus von einer Roten Garde

umstellt, sodass de facto die Rote Armee die Macht über-

nahm, womit die letzte Phase der Revolution in Bayern

begonnen hatte.

Leviné erhielt von der Zentrale in Berlin den Befehl,

sich in Sicherheit zu bringen. Doch er weigerte sich, ver-

suchte stattdessen nach Ungarn zu fliegen und Bela Kun,

den Anführer der ungarischen Räterepublik, um Unter-

stützung zu bitten. Doch das Flugzeug, das ihn nach Buda-

pest bringen sollte, landete aufgrund eines vorgetäuschten

Defekts in der Nähe von Wasserburg auf einem Acker.

Hilfe von außen gab es für die bedrängte Räterepublik

nicht. Die Revolution würde untergehen, doch sie sollte,

Am 22. April 1919 stellte die Rote Armee wegen der für die Räterepublik bedrohlichen Entwicklungen ihre Entschlossenheit mit einem großen Truppenauf-

marsch zur Schau. Der Oberbefehlshaber Rudolf Egelhofer fährt in seinem Mercedes, von seiner Leibgarde begleitet, durch das Siegestor auf der Ludwig-

straße.

Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo