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Teil II: „Es lebe die Weltrevolution!“ – Die Kommunistische Räterepublik

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

wie Leviné sagte, mit erhobenem Haupt untergehen: „Es

ist ein Irrtum zu glauben, dass kleinmütige Unterwerfung

ein besserer Weg sei, um Blutvergießen zu vermeiden oder

zu verhindern. Im Gegenteil: Nur, wenn die Weißen Gar-

den eine kühn entschlossene Armee vor sich haben und

merken, dass der Kampf auch in ihren Reihen Opfer

fordern wird, werden sie bereits sein, Konzessionen zu

machen. […] Die Weiße Armee wird auf jeden Fall einen

Vorwand für ein Blutbad finden. […] Ist Arbeiterblut so

billig, dass man es zur Genugtuung von neugebackenen

Pazifisten wehrlos vergießen darf?“

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Die Regierung Hoffmann aber forderte die bedin-

gungslose Kapitulation. Aufgabe der Regierungstruppen

war die Niederschlagung der Räterepublik und die Auflö-

sung jeglicher Rätebildung in Bayern. Es ging um nichts

weniger als um das Ende der Revolution.

Da die Unabhängigen aller Verlautbarungen der Bam-

berger Regierung zum Trotz noch immer auf Verhandlun-

gen setzten, beschloss das Oberkommando umTollers Stell-

vertreter Gustav Klingelhöfer bei Dachau den Rückzug der

Truppen. Am 30. April wurde Dachau aufgegeben.

Der Belagerungsring um München schloss sich. Bei

ihrem Vormarsch auf München gingen die Regierungs-

truppen mit gnadenloser Härte vor. Wer mit dem Gewehr

in der Hand angetroffen wurde, mit dem wurde kurzer

Prozess gemacht. Als die Nachrichten von den Gräuel-

taten der Weißen Garden in München bekannt wurden,

kam es zu einer fatalen Racheaktion von Seiten der Roten

Armee. Im Luitpoldgymnasium wurden zehn Gefangene

erschossen, sieben davon Mitglieder der rechtsextremisti-

schen Thule-Gesellschaft. Die Thule-Gesellschaft war im

August 1918 aus dem „Germanenorden“, einem antise-

mitischen Geheimbund, hervorgegangen. Ihr Gründer

Rudolf von Sebottendorf war Anführer eines der nun

einrückenden Freikorps. Über Monate hinweg war sie

zur tragenden Säule der Gegenrevolution geworden. Zu

ihren Mitgliedern zählten neben dem späteren NS-Ideo-

logen Alfred Rosenberg der Herausgeber des „Stürmers“,

Julius Streicher, der spätere Generalgouverneur in Polen

Hans Frank und Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess. Teile

der Thule-Ideologie flossen später in die Ideologie der

NSDAP mit ein, so dass die Thule-Gesellschaft ideolo-

gisch als Keimzelle des „Dritten Reiches“ galt. Emblem

der Thule-Gesellschaft war das Hakenkreuz, welches spä-

ter zum Zeichen der NSDAP wurde. Ihr Gruß waren die

Worte „Sieg und Heil“, ihr Organ hieß „Münchner Beob-

12 Meyer-Leviné (wie Anm. 2), S. 182 f.

achter“ und wurde 1920 unter dem Namen „Völkischer

Beobachter“ von der NSDAP übernommen.

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Am 1. Mai war es so weit. Die Weißen, bestehend aus

Reichswehr, einem württembergischen Gruppenkom-

mando und zahlreichen Freikorps, waren da. Leiter der Ope-

ration in Bayern war der preußische Generalleutnant Ernst

von Oven. Die Namen derer, die sich an der Niederschla-

gung der Bayerischen Räterepublik beteiligten, lesen sich

wie das „Who is who“ der späteren Nazi-Prominenz: Hein-

rich Himmler, Karl Wolff, Adolf Hühnlein, Ernst Röhm,

Hans Frank, Rudolf Heß sowie die Gebrüder Gregor und

Otto Strasser. Besondere Beachtung verdient die Marine-

Brigade Ehrhardt, die am Stahlhelm das Hakenkreuz trug,

und deren Nachfolgeorganisation, die nationalsozialistische

Terrororganisation Consul, die für zahlreiche Fememorde

verantwortlich zeichnete, unter anderem an den Politikern

Matthias Erzberger und Karl Gareis sowie an Außenminis-

ter Walther Rathenau. Dies waren die Truppen, mit denen

die Demokratie in Bayern verteidigt werden sollte. Wäh-

rend Lenin auf dem Roten Platz in Moskau noch feierlich

von der Bruderrepublik „Sowjetbayern“

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sprach, begann

in München der Häuserkampf. Die Revolutionäre wehrten

sich verzweifelt, aber letztlich ohne Erfolg. Am Nachmittag

des 2. Mai war die Räterepublik besiegt, die Revolution in

Bayern endgültig vorbei. Was nun einsetzte, schildert der

Schriftsteller Gustav Regler: „Am nächsten Tag begann die

Hysterie einer Stadt, die ‚befreit‘ wurde […]. Die Zeitun-

gen nannten es ‚die Reinigung von dem roten Gesindel‘.

Die württembergischen Soldaten, die die Reinigung vollzo-

gen, brüsteten sich damit, dass es eine biblische Rache war.

‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘, sagte ihr Plakat.“

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Die meisten Toten der Maitage waren Zivilisten. Will-

kürlich ermordet – aufgrund übler Verleumdung oder

eines vagen Verdachtes. Viele stammten aus den Arbei-

tervierteln Münchens. Ihre Leichen wurden auf den

Ostfriedhof geschafft, wo verzweifelte Angehörige nach

ihnen suchten. Manche waren derart verstümmelt, dass

eine Identifizierung nicht mehr möglich war. Die Straf-

verfolgung der Rotarmisten wurde von den Standgerich-

ten übernommen, wobei man mit den meisten kurzen

Prozess machte. Rudolf Egelhofer wurde in der Wohnung

der kommunistischen Ärztin Dr. Hildegard Menzi unter

13 Jan Philipp Pomplun: Thule-Gesellschaft, in: Wolfgang Benz (Hg.): Hand-

buch des Antisemitismus, Bd. 5: Organisationen, Berlin 2012, S. 597.

14 Kees van der Pijl: Vordenker der Weltpolitik (Grundwissen der Politik, Bd.

13), Opladen 1996, S. 145.

15 Gustav Regler: Das Ohr des Malchus. Eine Lebensgeschichte, Frankfurt am

Main 1975, S. 107.