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Teil II: „Es lebe die Weltrevolution!“ – Die Kommunistische Räterepublik

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

einem Berg schmutziger Wäsche gefunden und verhaftet.

Nach schweren Misshandlungen wurde er am 3. Mai in

aller Frühe zum Verhör abgeholt. Minuten später war er

tot, erschossen. In der Eremitage von St. Petersburg hängt

zur Erinnerung an die Geschehnisse des 3. Mai 1919 ein

Tryptichon des Malers Heinrich Ehmsen mit dem Titel

„Die Erschießung des Matrosen Egelhofer“. Der Huma-

nist und Pazifist Gustav Landauer war einen Tag zuvor im

Gefängnishof von Stadelheim grausam ermordet worden.

Eugen Leviné selbst wurde am 13. Mai 1919 verhaftet

und des Hochverrats angeklagt. Am 2. Juni begann der

Prozess. Levinés Verteidigungsrede vor Gericht ging in

die Geschichte ein: „Wir Kommunisten sind alle Tote auf

Urlaub, dessen bin ich mir bewusst. Ich weiß nicht, ob

Sie mir meinen Urlaubsschein noch verlängern werden,

oder ob ich einrücken muss zu Karl Liebknecht und Rosa

Luxemburg. Ich sehe auf jeden Fall Ihrem Spruch mit

Gefasstheit und mit einer inneren Heiterkeit entgegen.

Die Ereignisse sind nicht aufzuhalten. Die Staatsanwalt-

schaft glaubt, die Führer hätten die Massen aufgepeitscht.

Wie die Führer die Fehler der Massen nicht hintertreiben

konnten unter der Scheinräterepublik, so wird auch das

Verschwinden des einen oder des anderen Führers unter

keinen Umständen die Bewegung hindern. Und über kurz

16 Vgl. hierzu Bruno Thoß: Weißer Terror, 1919,

https://www.historisches-

lexi-

kon-bayerns.de/Lexikon/Wei%C3%9Fer_Terror

,_1919 [Stand: 18.09.2019].

oder lang werden in diesem Raume andere Richter tagen,

und dann wird der wegen Hochverrats bestraft werden,

der sich gegen die Diktatur des Proletariats vergangen

hat. Fällen Sie das Urteil, wenn Sie es für richtig halten.

Ich habe mich nur dagegen gewehrt, dass meine politi-

sche Agitation, der Name der Räterepublik, mit der ich

mich verknüpft fühle, dass der gute Name der Münche-

ner Arbeiter beschmutzt wird. Diese und ich mit ihnen

zusammen, wir haben alles versucht, nach bestem Wissen

und Gewissen unsere Pflicht zu tun gegen die Internatio-

nale, gegen die Kommunistische Weltrevolution.“

17

Nach nur einem Tag Verhandlung fällt das Urteil: Tod

durch Erschießen. Obwohl Leviné Fürsprecher in der gan-

zen Republik fand, darunter Berühmtheiten wie den spä-

teren Reichsjustizminister Gustav Radbruch, wurde das

Urteil am 5. Juni 1919 vollstreckt. Bevor ihn die Schüsse

an der Gefängnismauer in Stadelheim trafen, erhobt er die

Faust und rief: „Es lebe die Weltrevolution“. Nur einen

Tag, nachdem das Todesurteil gegen Eugen Leviné gespro-

chen war, wurde Ernst Toller am 4. Juni 1919 hinter einer

Tapetentür in der Wohnung des Kunstmalers Johan-

nes Reichel in München Schwabing verhaftet. Er wurde

ebenso wie Erich Mühsam und viele seiner Mitstreiter zu

langer Festungshaft verurteilt.

18

17 Tankred Dorst/Helmut Neubauer: Die Münchner Räterepublik. Zeugnisse

und Kommentar, Frankfurt am Main1966, S.157-167.

18 Toller (wie Anm.9), S. 151.

Heinrich Ehmsen stellt im Hauptbild seines Tryptichons (ca. 1930-1933) die Erschießung Rudolf Egelhofers am Münchner Odeonsplatz dar. Das linke Bild

zeigt unter anderem die an ihrem weißen Helmband erkennbaren Weißgardisten, das rechte Bild präsentiert im Vordergrund Mitglieder der Roten Armee.

16

Foto: The State Hermitage Museum, St. Petersburg; Photograph © The State Hermitage Museum/photo by Vladimir Terebenin