Table of Contents Table of Contents
Previous Page  73 / 76 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 73 / 76 Next Page
Page Background

73

Teil II: „Es lebe die Weltrevolution!“ – Die Kommunistische Räterepublik

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

Das Bild zeigt das Versteck Ernst Tollers im Schwabinger Maleratelier von

Johannes Reichel. Die hier geöffnete Tapetentür war mit darüber gehängten

Bildern verdeckt worden, um nicht auf den Raum dahinter schließen zu

können.

Foto: SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Mit der Niederschlagung der Räterepublik setzte in

Bayern die ideologische Wende ein. Aus dem freigeistigen

liberalenMünchen wurde die „Hauptstadt der Bewegung“:

„Bayern wurde zum Ordnungsstaat, auf den die ganze

deutsche Reaktion mit Neid blickte, die „Ordnungszelle“,

in der jede Verunglimpfung des Weimarer Systems gestat-

tet war, das gelobte Land der Deutschnationalen und der

Vorhimmel des Dritten Reiches“, schrieb der spätere bay-

erische Ministerpräsident Wilhelm Hoegner 1966.

19

Mit

dem Ende der Revolution wurde Bayern vom Experimen-

tierfeld sozialistischer Utopien zum Aufmarschgebiet des

Nationalsozialismus, während die Einheit der Arbeiterbe-

wegung unwiederbringlich zerstört war.

Die Revolutionäre von 1918/19 aber wurden bis weit

nach dem Zweiten Weltkrieg als Umstürzler, Hasardeure,

Träumer und Radikale gebrandmarkt. Dabei war die

Revolution in Bayern eines der letzten Beispiele des 20.

Jahrhunderts dafür, dass politisch Verantwortliche eigen-

mächtig Entscheidungen auch gegen die offizielle Linie

ihrer Partei trafen. Damit wurden sie zum Alptraum jeder

zentralistischen Parteiführung und zum Beispiel für den

persönlichen Mut von Personen, die im entscheidenden

Moment ihre Chance, ihre Ideale zu verwirklichen, ergrif-

fen. Die bayerische Revolution ist ein Beispiel dafür, wie

Menschen Geschichte machen, wie der freie Wille sich

über objektive Gegebenheiten hinwegsetzt und Menschen

auch in einer hoffnungslosen Situation zu Handelnden

werden können. Der Mensch, das revolutionäre Subjekt,

war in jenen Monaten, ganz unabhängig vom Ergebnis,

der entscheidende Faktor. Denn ganz im Sinne Rosa

Luxemburgs machen Menschen ihre Geschichte zwar

nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst.

19 Wilhelm Hoegner: Der politische Radikalismus in Deutschland 1919-

1933, München 1966, S. 53.