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Warum Trump die Wahl am 3. November 2020 verlieren wird

Einsichten und Perspektiven 3 | 20

Formsache. Dagegen drängten die Republikaner, aufge-

putscht durch die radikale Tea-Party-Bewegung, mit aller

Energie zurück an die Schalthebel der Macht. Diesmal

sind die Demokraten die „out“-Partei und wollen ihre

Nemesis Trump unbedingt aus dem Weißen Haus jagen.

Geldprobleme haben sie nicht. Kleinspender und Groß-

mäzene pumpen enorme Summen in den Wahlkampf von

Joe Biden. Anfang September kündigte der Super-Milliar-

där Mike Bloomberg an, dem demokratischen Herausfor-

derer mit 100 Millionen Dollar im wichtigen Swing State

Florida beizustehen.

Schließlich haben die Demokraten aus den Fehlern

Hillary Clintons gelernt und werden ihre traditionellen

Unterstützerstaaten im „Rostgürtel“ um die Großen Seen

diesmal nicht vernachlässigen. Denn Trump siegte 2016,

weil er den Demokraten die seit 1992 von ihnen ohne

Unterbrechung gewonnenen Bundesstaaten Wiscon-

sin, Michigan und Pennsylvania mit der hauchdünnen

Mehrheit von zusammen 77.744 Stimmen entriss. In den

entscheidenden hundert Tagen vor der Wahl besuchte er

diese drei Staaten doppelt so häufig wie Clinton.

Mit Joe Biden haben die Demokraten zudem den richti-

gen Kandidaten aufgestellt. Er mag mit 77 Jahren der älteste

Präsidentschaftsbewerber der Geschichte sein, er mag oft

unkontrolliert daher schwadronieren, er mag ein schlechter

Wahlkämpfer und wenig inspirierend sein – aber er kann

die heterogene Partei besser zusammenhalten als jede(r)

andere. Biden war weltanschaulich immer in der Mitte der

Demokratischen Partei, jede ihrer vielen Partikulargrup-

pen – Gewerkschafter, Umweltschützer, Minderheiten,

Feministinnen – kann mit ihm leben. 2016 gewann Trump

nicht zuletzt deshalb, weil er die Wähler davon überzeugte,

Clinton sei ideologisch viel extremer als er. Dem skrupello-

sen Präsidenten fällt es aber viel schwerer, Biden als sozialis-

tischen Revolutionär zu brandmarken. Ohne ein klares Ziel

seiner spalterischen Parolen gerät die Präsidentschaftswahl

am 3. November wie gewohnt zu einem Referendum über

die bisherige Bilanz des Amtsinhabers – und diese fällt für

Trump wenig schmeichelhaft aus.

Lesestoff zur US-Wahl

Eine Besprechung aktueller Literatur

Vom Leuchtturm zum Problemfall? Die USA vor den

Präsidentschaftswahlen

Amerika hat es nicht leicht im 21. Jahrhundert: angegrif-

fen von mörderischen islamistischen Terroristen, verstrickt

in langwierige kostspielige Kriege im Irak und in Afgha-

nistan, herausgefordert von der Wirtschaftssupermacht

China, parteipolitisch zerrissen wie zu keinem anderen

Zeitpunkt in der Geschichte, Land mit den in absoluten

Zahlen meisten Corona-Opfern, heute geführt von einem

Mann, der die Zukunft der Nation in ethnischer Exklu-

sion, Alleingängen, Abschottung und dem Recht des Stär-

keren sieht. Haben die USA ihre besten Tage hinter sich?

Die Gefahr besteht, schreibt der Politikwissenschaftler

Torben Lütjen in „Amerika im Kalten Bürgerkrieg“. Seit

den 1960er Jahren habe das Land Maß und Mitte verlo-

ren, hätten sich Wähler und Politiker immer mehr radika-

lisiert. Der Grund: Bürgerrechtsbewegung, Studentenpro-

Joe Biden und Kamala Harris bei einem Wahlkampfauftritt im August 2020

Foto: picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Fotografin: Carolyn Kaster

Bekanntmachung der offiziellen Nominierung Bidens im August 2020

Foto: picture alliance

/ZUMAPRESS.com/Courtesy

C-Span

Torben Lütjen: Amerika im Kalten

Bürgerkrieg. Wie ein Land seine

Mitte verliert, WBG, 2020, 224 S.