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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

Warum können Worte verletzen?

Symbolische Gewalt – ein Kulturgut?

Doch die kritische Erörterung sprachlicher Gewalt sollte

nicht überdecken und vergessen lassen, dass die Gewalt in

ihrer symbolischen Form als Wort, Schrift und Bild auch

eine

kulturelle Errungenschaft

ist.

14

Eine Initialzündung für

diese Einsicht kann der Karikaturenstreit 2005/06 sein,

bei dem eine Zeichnung, die den Propheten Moham-

med mit Bombenhut zeigte, bei radikalen Muslimen,

die sich in ihrem religiösen Empfinden gekränkt fühlten,

umschlug in körperliche Gewalt, die 139 Menschen das

Leben kostete.

15

Die Unterscheidung zwischen physischer

und symbolischer Gewalt – so sehr diese auch in welt-

weiten Gewalthandlungen sich beständig überschneiden

– bleibt ein Herzstück der europäischen Aufklärung. So

sehr wir kulturelle Differenzen in der Verletzungsanfäl-

ligkeit für verbale und bildliche Äußerungen respektieren

und in Rechnung stellen sollten, so sehr auch ist der Wert

zu verteidigen, welcher darin besteht, zwischen Wort und

Sache zu trennen und die Meinungsfreiheit, Kritikfähig-

keit und Satire sowie die Freiheit der Kunst anzuerken-

nen. Die Gratwanderung zwischen konsequenter Straf-

verfolgung übler Hetzrede, nicht-juridischem Widerstand

gegen Hassrede und aufgeklärter Toleranz gegenüber den

Spielräumen symbolischen Handelns bleibt ein Balance-

akt.

14 Sybille Krämer: ‚Humane Dimensionen‘ sprachlicher Gewalt oder: Warum

symbolische und körperliche Gewalt wohl zu unterscheiden sind, in: Ge-

walt in der Sprache. Rhetoriken verletzenden Sprechens, München 2010,

S. 21-44.

15 Dieter Grimm: Nach dem Karikaturenstreit, in: Juristische Studiengemein-

schaft, Jahresband 2007, Heidelberg 2008, S. 21-36.

Die Journalisten Deniz Yücel und Yassin Musharbash lesen im Rahmen einer

Hate Poetry-Veranstaltung zusammen mit anderen Journalisten mit ‚Migra-

tionshintergrund‘ Hassbriefe, die sie erhalten haben, einem Publikum vor.

Fotos: picture alliance/AP Photo/Oliver Krato