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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

„Friedliche Revolution“ – ein umkämpfter Begriff

Revolution und Gewalt

Dass sich der Revolutionsbegriff für den DDR-Umbruch

gleichsam eingebürgert hat, ist durchaus erklärungs-

bedürftig. Zum Ersten, weil der Begriff „sehr norma-

tiv aufgeladen“5 ist, wie Andreas Rödder feststellt. Zum

Zweiten in Anbetracht der deutschen Geschichte vor

1989 – zu denken wäre an das Scheitern des weitge-

hend gewaltlosen Aufbruchs 1848/49, die Schwäche der

Demokratie nach 1918/19 und die Inanspruchnahme des

Revolutionsbegriffs durch die Nationalsozialisten. Zum

Dritten, weil ein solcher Wortgebrauch mit Bedeutungs-

schichten kollidiert, die das Begriffsverständnis mindes-

tens vor der Umbruchszeit prägten. So endet im Fischer

Lexikon Geschichte von 1990 die (offensichtlich noch vor

dem Herbst 1989 finalisierte) Einführung zur betreffen-

den Begriffsgeschichte mit der russischen und der chine-

sischen Revolution, welche eine „erneute Aufwertung der

5 Rödder (wie Anm. 4).

Gewalt als notwendiger Bestandteil von Revolutionen“6

bewirkt habe. Erst die Neuauflage von 2003 fügt nach

dieser Passage folgenden Absatz an: „Das 20. Jahrhundert

endete jedoch mit der Rehabilitierung der ‚friedlichen

Revolution‘, denn die Auflösung der Sowjetunion infolge

der von Gorbatschow durchgesetzten Reformen führte zu

Umbrüchen, die zumindest teilweise unblutig verliefen.“

7

Die Zäsur von 1989/90 ist insofern auch als semantischer

Einschnitt, als Verschiebung im Gehalt des Revolutions-

begriffs zu verstehen.

Warum überhaupt der Umbruch in der DDR – anders

als etwa in Rumänien – weitestgehend gewaltlos blieb, ist

intensiv diskutiert worden. Als wichtige Faktoren gelten

etwa die Unbeweglichkeit von Führung und Repressions-

organen, das Ausbleiben militärischen Beistands seitens

der Sowjetunion, die Sanktionen westlicher Staaten gegen

China nach dem Pekinger Massaker vom Juni 1989, der

6 Dieter Langewiesche: Revolution, in: Fischer Lexikon Geschichte, Frank-

furt 1990, S. 250–270, hier S. 254.

7 Ders.: Revolution, in: Fischer Lexikon Geschichte, Frankfurt 2003, S. 315–

337, hier S. 318 f.

Blick in den Demonstrationszug am Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989

Foto: ullstein bild - ADN-Bildarchiv