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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

„Friedliche Revolution“ – ein umkämpfter Begriff

Begriff, um zugleich die Eigenständigkeit der DDR zu beto-

nen: „Demokratieformen können nicht einfach unreflek-

tiert aus Westen oder Osten übernommen werden, sondern

müssen darauf abgeklopft werden, wieweit sie dem Selbst-

regierungsbedürfnis und der Selbstregierungsfähigkeit der

DDR-Bevölkerung gerecht werden.“ Schließlich hätten,

so der telegraph, zumindest die Ost-Berliner „nichts gegen

einen neuen Versuch zu einem wirklichen Sozialismus“.

12

Mit dieser Logik kreierte das Blatt, das sich politisch links

verorten lässt,

13

ein Argumentationsmuster, das die initiale

Begriffsverwendung durchziehen sollte.

12 R.L.: Eine Kundgebung als Plebiszit, in: telegraph 7/1989, S. 1. Zur Chro-

nologie vgl. Lindner (wie Anm. 11), S. 74. Unter

Samizdat

(russ. „Selbst-

verlag“) versteht man alternative, nonkonforme Untergrundpublikationen

im damaligen „Ostblock“.

13 Auch im vereinten Deutschland ging es dem Blatt um „neue Widerstands-

formen unter neuen Verhältnissen“, und Herausgeber Rüddenklau beton-

te: „Dass Kapitalismus keine Alternative ist, braucht man uns nicht zu sa-

gen", s. Wolfgang Rüddenklau: Störenfried. DDR-Opposition 1986–1989,

Berlin 1992, S. 369 und 387.

Revolution contra Wiedervereinigung

Denn fast wortgleich sprach wenige Tage später, am 8.

November, die Grünen-Fraktionssprecherin Antje Vollmer

im Bundestag von einer „gewaltfreie[n] demokratische[n]

Revolution“, durch die in der DDR „die erste selbster-

kämpfte Demokratie auf deutschem Boden“ entstehe.

Ähnlich wie der telegraph leitete auch Vollmer hieraus

ab: „Zum erstenmal [sic!] entsteht hier eine eigene DDR-

Identität.“ Gegen Bundeskanzler Kohl und dessen Rede

zur Lage der Nation gerichtet, fügte sie noch an: „Jetzt,

ausgerechnet in dieser Lage, von Wiedervereinigung zu

sprechen, heißt, das Scheitern der Reformbewegung zu

postulieren und vorauszusetzen.“

Damit nahm auch Vollmer den Revolutionsbegriff zum

Argument für die Eigenständigkeit der DDR. Außerdem

wandte sie ihn gegen den Begriff der Wiedervereinigung,

der damals selbst hoch umstritten war. Zugleich verwarf

sie ein Revolutionsverständnis, dem sie als frühere Mao-

istin einst selbst angehangen hatte, und distanzierte sich

demonstrativ von ihrer eigenen Vergangenheit: „Mao

Zedong hat einmal gesagt: ‚Die Haupttendenz in der heu-

tigen Welt ist Revolution‘, und er meinte damit das alte

12. November 1989: Der Regierende Bürgermeister von Berlin Walter Momper spricht anlässlich der Öffnung der innerdeutsc​hen Grenze am Potsdamer Platz

in Berlin.

Foto: picture alliance / ddrbildarchiv / Gerhard Murza