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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

„Friedliche Revolution“ – ein umkämpfter Begriff

Modell, eine mit Gewalt ausgetragene Oktoberrevolution,

die auch im November stattfand. Dieser Satz, der einmal

eine Utopie von Teilen der politischen Linken gewesen

ist, stimmt heute nicht mehr.“

14

Indem auch Vollmer den

Revolutionsbegriff vom Element der Gewalt trennte, löste

sie ihn vom marxistischen Begriffsverständnis und von

den „kommunistischen Zukunftserwartungen“

15

, die sich

mit ihm verbanden. Explizit entkleidete sie den Begriff

seiner leninistischen Prägung, die das jakobinische Revo-

lutionskonzept „zu einem Avantgardemodell der Füh-

rung von Massenbewegungen durch Berufsrevolutionäre

zugespitzt“

16

hatte. Dies dürfte die Anschlussfähigkeit des

Begriffs – im westlichen Kontext ohnehin „als Modewort

ubiquitär verwendet“ und dadurch „zerschlissen“

17

innerhalb und mehr noch außerhalb einer fragmentierten

bundesdeutschen Linken befördert haben.

Hieran konnte West-Berlins Regierender Bürgermeis-

ter Walter Momper anschließen, wenn er laut Lindner

am 10. November am Rathaus Schöneberg als Erster den

Begriff der „friedlichen und demokratischen Revolution“

gebrauchte. Momper hatte an der zitierten Bundestags-

sitzung zwei Tage zuvor teilgenommen. Die Grenzöff-

nung war in seinem Verständnis „nicht der Tag der Wie-

dervereinigung, sondern der Tag des Wiedersehens“.

18

In der DDR-Bürgerbewegung konnte sich der Revo-

lutionsbegriff vorerst nicht durchsetzen.

19

Gleichwohl

konnte er auch hier, gerade nach dem Mauerfall, als Argu-

ment gegen westliche „Vereinnahmung“

20

dienen. So,

wenn das oppositionelle Neue Forum im November die

Bürger in einem Flugblatt beschwor: „Ihr seid die Hel-

den einer politischen Revolution, lasst Euch jetzt nicht

ruhigstellen durch Reisen und schuldenerhöhende Kon-

sumspritzen“, und vor einer „Gesellschaft, in der Schieber

und Ellenbogentypen den Rahm abschöpfen“, warnte.

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14 Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll 11/173, S. 13030 ff.

15 Reinhart Koselleck: Revolution, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Histori-

sches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 5 , Stutt-

gart 1984, S. 653–788, hier S. 771.

16 Detlef Lehnert: Revolution (Begriffsgeschichte und Theorie), in: Thomas Mey-

er u. a. (Hg.): Lexikon des Sozialismus, Köln 1986, S. 532–533, hier S. 532.

17 Koselleck (wie Anm. 15), S. 787.

18 Tagesschau vom 10.11.1989. Vgl. Lindner (wie Anm. 11), S. 73 f.

19 Vgl. Lindner (wie Anm. 11), S. 74 f.

20 Stefan Heym etwa bezeichnete Helmut Kohls Zehn-Punkte-Programm als

„Ouvertüre zur Vereinnahmung“, zit. nach Michael Richter: Die Friedliche

Revolution: Aufbruch zur Demokratie in Sachsen 1989/90, Bd. 2, Göttin-

gen 2009, S. 858.

21 Zit. nach Hannes Bahrmann/Christoph Links: Chronik der Wende, Bd. 1:

Die DDR zwischen 7. Oktober und 18. Dezember 1989, Berlin 1994, S. 76.

Bereits zu Beginn des Umbruchs hatte das Neue Forum

betont: „Für uns ist die ‚Wiedervereinigung‘ kein Thema,

da wir von der Zweistaatlichkeit Deutschlands ausgehen

und kein kapitalistisches Gesellschaftssystem anstreben.“

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Ausbreitung des Begriffs und konkurrierende

Begriffsverständnisse

Doch musste der Gebrauch des Revolutionsbegriffs kei-

neswegs immer gegen die Idee einer Wiedervereinigung

gerichtet sein. Vielmehr griffen ihn in den Tagen nach

dem Mauerfall etwa konservative Kommentatoren gleich-

falls auf. Auch sie unterstrichen die Gewaltlosigkeit der

Ereignisse und schlossen damit im Kern an das Begriffs-

verständnis an, das der telegraph auf östlicher sowie Voll-

mer und Momper auf westlicher Seite eingeführt hatten.

So schrieb Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allge-

meinen Zeitung: „Immer wieder ist von dieser einzigar-

tigen Revolution die Rede, die sanft, buchstäblich ohne

eine Fensterscheibe zu zerbrechen, Tyrannen von der

Bildfläche fegte und ein Regime veränderte.“ Und Kon-

rad Adam, Redakteur der FAZ, bestätigte: „Was sich

im Osten von Berlin und an den Grenzen ereignet hat,

war eine Revolution, vielleicht die erste in der deutschen

Geschichte. Gegen die Tradition, die den Umsturz immer

nur von oben kannte, kam er diesmal von unten. [...] Dies

war das eine Wunder. Das andere bestand in der Friedfer-

tigkeit der Revolutionäre. [...] Die gewohnte Kulisse der

Revolution, die Brände, Plünderungen und bewaffneten

Milizen, fehlte.“

23

Zugleich nahmen konservative Kommentatoren mit der

Adaption des Revolutionsbegriffs eine zusätzliche Bedeu-

tungsausweitung vor. Während telegraph wie Vollmer den

Begriff auf die Protestierenden und Oppositionsgruppen

innerhalb der DDR bezogen hatten, fasste FAZ-Redakteur

Günther Nonnenmacher auch die Abwanderung zehn-

tausender DDR-Bürger in die Bundesrepublik darunter:

„Wenn die SED-Führung, getrieben von der demokrati-

schen Revolution, die von den Deutschen in der DDR

durch politische Verweigerung, Flucht und Demonstra-

tionen erzwungen wurde, an ihrem Wendekurs festhält,

wird der 9. November 1989 als großes Datum in die

Geschichte des 20. Jahrhunderts eingehen, als der Tag, an

dem die Nachkriegsepoche, die Ära des ‚Kalten Krieges‘

[…] zu Ende ging.“ Statt für eine eigene „DDR-Identität“

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http://www.chronik-der-mauer.de/system/files/dokument_pdf/47824_ cdm-891001-schritte-NF.pdf

[Stand: 07.11.2019].

23 Frank Schirrmacher: Es gibt wieder Hoffnung in der Welt, in: FAZ vom

11.11.1989; Konrad Adam: David, in: FAZ vom 11.11.1989.