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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

Warum können Worte verletzen?

Die Allgegenwart symbolischer Gewalt

In der digitalen Welt sind Hassrede und Hasskommentare

allgegenwärtig. Sie bedrohen nicht nur die Meinungs-

vielfalt und untergraben damit, was doch Voraussetzung

demokratischer Willensbildung ist. Vielmehr kann die

Verrohung aufhetzender Sprache – wie die Ermordung

Walter Lübckes (2. Juni 2019) zeigte – immer auch

umschlagen in reale, brutale Gewalt. Überdies war das

bestürzende Attentat auf die Synagoge in Halle (9. Okto-

ber 2019) begleitet von Netzaktivitäten, angefangen vom

Live-Stream des Attentats bis hin zur elektronischen Ver-

breitung des volksverhetzenden ‚Manifestes‘ des Attentä-

ters. Die kritische Öffentlichkeit ist alarmiert; die Mög-

lichkeiten, gegen verletzende Rede auch strafrechtlich

vorzugehen, tritt zunehmend in den Fokus und wird – mit

mehr oder weniger Erfolg allerdings – auch praktiziert.

Doch das, was Beleidigungen und Hassrede so problema-

tisch macht, sind nicht alleine ihre praktischen Folgewir-

kungen. Es ist nicht nur das akute Bedrohungspotenzial

und der Umschlag symbolischer in physische Gewalt, wel-

che die Verletzung mit Worten so anfechtbar macht.

Gerade die Aktualität des Themas der Hassrede im Netz

überdeckt und verdrängt einige der damit verbundenen

grundlegenden Fragen: Wie kann es überhaupt sein, dass

Diskriminierung, Beleidigung und Kränkung mit den

Mitteln von Wort, Schrift und Bild etwas sind, das sich

nicht nur heute, sondern – wenn auch noch nicht hoch-

geputscht im Echoraum des Internets – zu allen Zeiten in

menschlicher Kommunikation und Kultur ereignet hat?

Erinnern wir an eine biblische Urszene: Kain, bevor

er seinen Bruder Abel erschlug, fühlte sich gekränkt, weil

Gott Abels Opfer wohlgefälliger angenommen hatte.

Kann es sein, dass das, was der Mensch ist, sich gerade

darin zeigt, dass er eben nicht nur ein Lebewesen ist, das

physisch, sondern das auch symbolisch verletzbar ist? Der

‚Waffengang mit Worten‘, also verbale Demütigung und

Herabsetzung, ist immer noch die am häufigsten prakti-

zierte Form von Gewalt. Doch wieso können Menschen

durch etwas verletzt werden, das ihre Physis – zuerst ein-

mal – unbeschädigt lässt? Und ist der Umstand, dass es

symbolische Formen von Gewalt gibt, tatsächlich nur ein

Problem oder nicht auch eine Art von zivilisatorischer

Errungenschaft?

Was bedeutet ‚Gewalt‘?

Die Sprache stiftet Kommunikation und Gemeinschaft;

der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“

1

macht es

möglich, Streit gewaltlos zu schlichten. Die Sprachlichkeit

bildet unser kulturstiftendes Band und allzu gerne würde

man kränkende, beleidigende Worte als einen

Missbrauch

von Sprache verstehen, als Entgleiten des zivilisierten

Umgangs miteinander in einen barbarisch anmutenden

Akt. Doch die Alltäglichkeit und Allgegenwart verlet-

zender Worte auf nahezu allen zwischenmenschlichen

und öffentlichen Problemfeldern zeigt etwas Anderes, das

durchaus unabhängig ist von den digitalen Brutstätten der

Hassrede. Aus unserer Geschichte und den spezifischen

Traditionen unserer Kultur sind Phänomene wie Blasphe-

mie, politische Schmährede, satirische Kritik, boshafte

Ironie nicht nur vertraut, sondern kaum mehr wegzuden-

ken. Eine „Unhintergehbarkeit der Gewalt“ zeichnet sich

ab.

2

Ob das nun gefällt oder nicht: Die Sprache, die uns

alle erst zu Mitmenschen macht, kann gleichursprünglich

Gewaltverhinderung

und

Gewaltausübung sein. Schon

der Philosoph J.L. Austin

3

erinnerte daran, dass wir ‚mit

Worten etwas tun‘. Für die verletzende Rede, auf die sich

Austin gerade nicht berief, heißt das: Worte stellen Gewalt

nicht nur dar oder drohen sie als zukünftige Handlungs-

option an, sondern der Akt der diskriminierenden Ver-

balisierung selbst

ist

in seinem Vollzug als eine Form des

gewaltförmigen Handelns zu begreifen. Das, was Men-

schen, indem sie sprechen, mit ihren Worten machen,

kann der Anerkennung anderer ebenso dienen, wie der

Entzweiung und Abwertung. Mit Worten kann nicht nur

etwas getan, sondern auch ‚angetan‘ werden.

An dieser Stelle ist aufschlussreich, dass das deutsche

Wort ‚Gewalt‘ eine Ambivalenz birgt: Im Lateinischen

meint ‚potentia‘ bzw. ‚potestas‘ die rechtmäßige, ordnende

Gewalt, die heute noch im Ausdruck ‚Amtsgewalt‘, ‚recht-

sprechende Gewalt‘ oder ‚Gewaltenteilung‘ fortlebt. ‚Vio-

lentia‘ dagegen bezieht sich auf die unrechtmäßige und

zerstörerische Gewalt gegenüber Personen und Sachen.

Das deutsche Wort ‚Gewalt‘ birgt beide Bedeutungsdi-

mensionen: die ordnungsstiftende, konstruktive wie die

ordnungszerstörende, destruktive. Erst die geschichtliche

Herausbildung des Gewaltmonopols, die allein den Staat

legitimierte, physische Gewalt auszuüben, zog eine ein-

1 Diesen Ausdruck prägte Jürgen Habermas.

2 Christoph Wulf: Die Unhintergehbarkeit der Gewalt, in: Michael Wimmer/

Christoph Wulf/Bernhard Dieckmann (Hg.): Das ‚zivilisierte Tier‘. Zur his-

torischen Anthropologie der Gewalt, Frankfurt am Main 1966, S. 77-83.

3 John L. Austin: Zur Theorie der Sprechakte, Stuttgart 1979.