Table of Contents Table of Contents
Previous Page  51 / 72 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 51 / 72 Next Page
Page Background

51

Wer war es?

Einsichten und Perspektiven 4 | 19

In der Bildsymbolik der Nationen werden die Staaten

mitunter als Tiere dargestellt: der britische Löwe, der

amerikanische Adler, der russische Bär und der gallische

Hahn. Er entsprach keinem dieser Wappentiere, obschon

er seine Nation wie kein zweiter verkörperte. Er war der

Tiger. So nannten ihn seine glühenden Anhänger mit Ver-

ehrung und Bewunderung und seine Feinde mit Abscheu

und Hass.

Er stammte aus der Peripherie seines Landes: aus dem

waldreichen Westen, unweit der Meeresküste, wo er 1841

in einem Nest mit kaum 1000 Einwohnern geboren

wurde. Aber in ihm verdichtete sich der Freiheitskampf

seines Volkes wie in keinem anderen: der Aufstand gegen

die Tyrannei im Innern und die Unbeugsamkeit gegen

die Usurpation von außen; der unerbittliche Kampf

gegen Verräter wie Schwindler und das harte, unduld-

same Durchgreifen gegen alle Defätisten und Feinde der

Nation. Sie alle waren im Sprungbereich des Tigers, gegen

sie richtete er seine scharfen Krallen und gegen sie führte

er einen nie erlahmenden Feldzug für Gerechtigkeit und

Glorie seines Landes.

Dabei sah er aus wie ein freundlicher Großpapa: mit

seinen klaren blauen Augen, seinem struppigen, weißen

Schnauzbart, seiner abgewetzten Kappe und seinem run-

den, Güte und Gemütlichkeit ausstrahlenden Gesicht.

Darunter aber verbarg sich ein Vulkan, der mit seinem

Lavastrom an glühenden Worten und zündenden Parolen

das Volk aufrüttelte und mit sich fortriss. Das machte ihn

zum Schrecken der Regierung, wenn er in der Opposition

war und zum Schrecken seiner Gegner, wenn er an der

Regierung war.

Die Krallen dieses Tigers wurden im Glutofen eines

Jahrhunderts geschärft, das voller Skandale und Ver-

schwörungen war, voller Intrigen und Meineide. Eine

Regierung gab der anderen die Klinke in die Hand. Roy-

alisten, Bonapartisten, Republikaner und Sozialisten gin-

gen sich unversöhnlich an die Gurgel und fochten blu-

tige Bürgerkriege aus. Immer wieder zogen fremde Heere

in die Hauptstadt ein, um den Frieden zu diktieren und

ganze Landstriche zu amputieren. Sein unstetes Leben,

das keine Ruhe und keine Rast kannte, vom ersten bis

zum letzten Tag in den Novembernebeln des Jahres 1929,

spiegelte dies wider: niemals eine Pause, nie die Suche

nach Ausgleich, immer nur Kampf und Konfrontation:

mit den Peitschenhieben seiner Zunge, dem Gift seiner

Feder oder – in zahllosen Duellen – mit dem Degen oder

der Pistole.

Eine ganze Reihe von Regierungen brachte er zu Fall,

indem er im letzten Viertel des Jahrhunderts ihre Korrup-

tionsaffären ans Licht der Öffentlichkeit zerrte. An seiner

Tür hingen die politischen Skalps von einem knappen

Dutzend Ministern, deren Intrigen und Verfehlungen er

ruchbar gemacht hatte. Und als er nach der Jahrhundert-

wende für drei Jahre selbst für die Radikalsozialisten zum

Innenminister und Regierungschef avancierte, bekamen

die streikenden Arbeiter, die arbeitsunwilligen Lehrer und

Postangestellten seinen kompromisslosen Gerechtigkeits-

sinn zu spüren. Unser Land, so ließ er sich vernehmen,

Wer war es?

Ein historisch-biographisches Rätsel

von Rainer F. Schmidt

?

?

?

?

?

?

?

?

?

?

?

?

?

?

?

?

?

?

?

?

?

Abbildung: picture alliance/imageBROKER/Manfred Bail

?