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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

Von der Revolution zum Exil

Von der Revolution zum Exil

Zum Verhältnis von Literatur und Politik im Werk Oskar Maria Grafs in den 1920er Jahren

Von Waldemar Fromm

„Besteht die Aufgabe des Schriftstellers nicht darin, mit seinem Schreiben

das Unrecht auf der Welt, wo immer es sich auch zeigt, zu bekämpfen, die

Menschen für soziale und moralische Einsichten empfänglich und für sich

selbst verantwortlich zu machen?“ Diese Worte schrieb Oskar Maria Graf in

der „Vorbemerkung zur ersten Ausgabe nach 1945“ seines autobiografisch

geprägten Romans „Wir sind Gefangene“. Rückblickend hat er sich als enga-

gierten Schriftsteller bezeichnet. Literatur soll helfen, die ethische Wahr-

nehmungsfähigkeit des Lesers zu schärfen. Schreiben ist für Graf deshalb

„zugleich eine unabdingbare menschliche und soziale Verpflichtung“.

Während der Zeit der Weimarer Republik (1918-1933)

erfährt Oskar Maria Graf seine literarische und politische

Sozialisation. Für ihn heißt engagierte Literatur, an der

Eigenständigkeit der Literatur gegenüber anderen Berei-

chen der Gesellschaft festzuhalten und die Widersprüche

in der Gesellschaft literarisch prägnant zu formulieren.

Die folgende Darstellung möchte den Werdegang Grafs

in den 1920er Jahren bis zu seinem Exil in Wien, Brünn

und später in New York nachzeichnen.

1

Revolution

Graf nahm an der Revolution 1918/19 als einer in der

Masse teil. Er suchte nach einer Antwort auf die erfahre-

nen Wirren des ersten Lebensabschnittes. Er war zu die-

sem Zeitpunkt 24 Jahre alt, hatte mehr als ein halbes Jahr

in der Psychiatrie zugebracht, weil er wegen Befehlsver-

weigerung während des Militärdienstes auf seine psychi-

sche Gesundheit hin untersucht wurde. Er war nach der

1 Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis, München 1978, S. 9.

Oskar Maria Graf, 1928

Foto: Bayerische Staatsbibliothek München / Bildarchiv