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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

Von der Revolution zum Exil

Entlassung aus dem Militärdienst 1917 als Gelegenheits-

bzw. Hilfsarbeiter tätig, der leidenschaftlich dichtete und

in kleineren literarischen Zeitschriften veröffentlichte.

2

Schon vor dem November 1918 wartete er „verzwei-

felt […] auf den jähen Ausbruch der Revolution“.

3

Er

besuchte in München u. a. die Diskussionsabende mit

Kurt Eisner in der Gaststätte „Zum goldenen Anker“, an

denen auch viele der führenden Köpfe der Revolution teil-

nahmen: Erich Mühsam, Ernst Toller, Felix Fechenbach,

Hans Unterleitner oder Josef Sontheimer. Als die Revolu-

tion am 7. November 1918 ausbrach, schloss er sich dem

Marsch mit Kurt Eisner von der Theresienwiese aus an. In

den nächsten Wochen suchte er nach Anknüpfungspunk-

ten zum revolutionären Geschehen. Er hatte eine klare

Vorstellung von sozialen Bewegungen, sie schien aber nur

bedingt zu den Ereignissen zu passen. Sie beruhte auf dem

gewaltlosen Konzept des Einzelnen, der sich verändern

muss, damit aus der Vielzahl der individuellen Verände-

rungen eine andere Gesellschaft entstehen kann.

Graf berichtet in „Wir sind Gefangene“ von einer

Aktion Anfang Dezember 1918, für die er bei Hertha

König, einer Förderin seiner Dichtungen, Geld einge-

worben hatte: Er wollte einen Bund „Freier Menschen“

gründen. Der Titel war Programm, weil er auf den Einzel-

nen setzte. Graf wollte damit die Zustimmung möglichst

vieler gewinnen. Sein Ziel war es zu erreichen, „dass alle

Schichten erst einmal vollkommen einverstanden sind

mit der neuen Zeit“, denn dann erst gehe es vorwärts.

4

In der angespannten politischen und militärischen Situa-

tion konnte er jedoch unter den Zuhörern am Veranstal-

tungsort im Mathäser-Bräu in München keinen Konsens

herstellen.

Die Aktion wirkte politisch naiv und wurde von vielen

belächelt. Trotzdem zeigte sie die Vorstellung Grafs von

der demokratischen Umgestaltung der Gesellschaft an,

auch wenn oder gerade weil sie im revolutionären Feld-

versuch scheiterte. Graf wollte unter den Beteiligten einen

Konsens herstellen. Weil das nicht gelang, zog er entspre-

chende Konsequenzen: „Ich schwor mir, kein Unterneh-

men mehr anzufangen und begann wieder zu dichten“.

5

2 Stichworte zu Oskar Maria Grafs Leben und Werk findet man auf den

Seiten der Oskar Maria Graf-Gesellschaft unter dem OMG-Alphabet:

http://www.oskarmariagraf.de/biographie-omg-alphabet.html

[Stand:

28.10.2019], und in: Ulrich Dittmann/Waldemar Fromm: Oskar Maria

Graf. Rebellischer Weltbürger, kein bayerischer Nationaldichter, Regens-

burg 2017.

3 Oskar Maria Graf: Gelächter von aussen, München 1966, S. 65.

4 Graf (wie Anm. 1), S. 423.

5 Ebd., S. 430.

Zugleich fing er an, die Revolution skeptisch zu beur-

teilen: „Diese Münchner Revolution war ein Gaudium

für ihre Gegner. Sie war langweilig, sie war harmlos, sie

war unerträglich. Sie war eine Posse, und noch dazu eine

schlechte.“

6

Der öffentliche Raum schien Graf kein poli-

tischer Ort mehr zu sein, er nahm ihn vielmehr als eine

Bühne wahr. Die Absichten der Akteure und des Publi-

kums gingen gründlich aneinander vorbei.

Für die Räte-Idee trat Graf zwar ein und war in der

letzten Phase der Revolution auch als Hilfszensor tätig.

7

Gleichzeitig notierte er später: „Glaubte ich wirklich an

eine Revolution? Ich wusste nur dies: Seitdem mich bei

Kriegsausbruch jene Intellektuellen, denen ich völlig ver-

traut hatte, durch ihr Freiwilligmelden so tief enttäuscht

hatten, verachtete ich die Menschen und zweifelte an

allem.“

8

Viele, nicht nur Bekannte Grafs, hatten sich im

August 1914 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. Graf

hingegen verstand sich damals schon als Pazifist und Anti-

militarist. Er bekannte sich erst zur Revolution, als er

Zeuge von Hinrichtungen von Revolutionären wurde und

von einmarschierenden Regierungstruppen als „verdächti-

ger Räterepublikaner“ verhaftet und eingesperrt wurde.

9

Dank des Einsatzes seiner Lebensgefährtin Mirjam Sachs

sowie Fürsprachen des Dichters Rainer Maria Rilke und

des Literaturwissenschaftlers und Universitätsprofessors

Roman Woerner, eines Förderers Grafs, kam er nach zwölf

Tagen Haft ohne Gerichtsverhandlung wieder frei.

Zu dieser Zeit verfestigte sich bei Graf eine erfahrungs-

basierte Idee von Sozialismus. In der bekannten Nach-

schrift zum Protestartikel „Verbrennt mich!“ schreibt er,

sein Sozialismus sei ihm von Kind an auf den Rücken ein-

geprügelt worden.

10

Tatsächlich wurde er in jungen Jahren

von seinem Bruder Max immer wieder brutal zusammen-

geschlagen. Dafür machte Graf dessen Ausbildung beim

Militär verantwortlich, die zu einem Wesenswechsel bei

seinem Bruder geführt hätte. Nach der Wehrpflicht habe

dieser angefangen, alle, die anderer Meinung gewesen

seien, windelweich zu prügeln. Max machte auch nicht

vor dem Vater halt. Eine Prügelszene führte schließlich

zum Auszug des jungen Graf aus dem elterlichen Haus in

Berg am Starnberger See.

6 Graf (wie Anm. 1), S. 409.

7 Unter einem Hilfszensor versteht man eine Person, welche an der staatlich

angordneten Zensur mitwirkt.

8 Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter, München 1994, S. 526.

9 Oskar Maria Graf: Autobiographische Schriften, München 1994, S. 222.

10 Oskar Maria Graf: An manchen Tagen. Reden, Gedanken, Zeitbetrachtun-

gen, München 1985, S. 16 f.