Table of Contents Table of Contents
Previous Page  62 / 72 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 62 / 72 Next Page
Page Background

62

Einsichten und Perspektiven 4 | 19

Dem eigenen Bekunden nach wurde Graf durch diese

familiären und Kriegserfahrungen zum Rebellen, lange

bevor Albert Camus diesen Begriff prägte. Der Rebell,

schreibt Graf, „handelt nicht nach dem Rezept einer poli-

tischen Überzeugung, die ihm von irgendwelchen poli-

tischen Ideologen oktroyiert worden ist, sondern einzig

und allein aus einer grundmenschlichen Empörung gegen

jeden Missbrauch der Schwächeren durch die Stärkeren,

aus der erlittenen Einsicht, dass Unrecht und Unmensch-

lichkeit, niederträchtiger Massenbetrug und chauvinis-

tische Völkerverhetzung gemeine Verbrechen asozialer

Machthaber sind“.

11

Man kann diese Aussage als Grafs

politisches Credo verstehen.

Er verwendet das Wort „Rebell“ in der Bedeutung, die

ihm Albert Camus im Buch „Der Mensch in der Revolte“

gegeben hat. Die englischsprachige Übersetzung, mit der

Graf in New York in Kontakt kam, hieß „The Rebel“.

Camus hatte in dem Buch alle totalitären Theorien ver-

urteilt. Dem Menschen bliebe allein, sich ohne jegliche

Gewissheiten für eine gerechtere Welt einzusetzen, und an

einer Gesellschaftsordnung mitzuwirken, wie wiederum

Graf meint, „in welcher der einzelne und die Völker das

gleiche Recht erhalten, in Freiheit und Frieden am Aufbau

einer glücklichen Welt“.

12

Engagement und Politik

Schon während der Revolution soll Graf Weiterbildungs-

kurse für Arbeiter und Soldaten angeboten haben. Sepp

Lutz, ein Rotgardist, erinnert sich, dass Graf Seminare

über die Arbeiterbewegung und das Rätesystem abgehal-

ten hat: „Da ham mir hin müssen. Des ist im Tagesbe-

fehl drin gestanden: Heute Abend Lehrgang mit Oskar

Maria Graf. Und da bist du auch hingegangen. Das war in

Schwabing draußen und so an dreihundert Mann waren

immer im Saal. Des war immer interessant. Da hast du

viel von der Vorgeschichte gehört, über die Entwicklung

des Kapitals und so weiter. Ein Professor hätt‘s net besser

machen können, wie der Oskar Maria Graf das gemacht

hat. Des war a Brocken Mannsbild, der war gut beiein-

ander. Nun ja, der hat sich nix abgehen lassen brauchen.

Der hat ja zu essen und zu trinken wahrscheinlich genug

gehabt. Und a Geld muss er auch gehabt haben. Der

muss doch a Geschäft gemacht haben mit seine Bücher.

Nur, dann ist er ja a rechter Säufer geworden, und das

war schad für den Mann. Der hat ein Wissen gehabt! Das

11 Graf (wie Anm. 9), S. 17.

12 Ebd.

hat schon Händ und Fuß gehabt, wenn der so a Seminar

abgehalten hat. Da hat‘s nix drüber geben.“

13

Trotz alledem war Graf nie ein Theoretiker oder Propa-

gandist. Ohne Mitglied einer Partei zu sein unterstützte er

die „Rote Hilfe“ in München, u. a. als Rechtsberater.

14

Er

war federführend im Münchener Komitee für die Freilas-

sung der in den Vereinigten Staaten unschuldig zum Tode

verurteilten Arbeiterführer Nicola Sacco und Bartolomeo

Vanzetti tätig, setzte sich für die Abschaffung der Todes-

strafe ein und war bei der Initiative für ein Volksbegehren

gegen die Fürstenentschädigung aktiv.

15

Er protestierte

gegen das Gesetz zum Schutze der Jugend vor Schund

und Schmutz, das es

de facto

ermöglichte, kritische Schrif-

ten auf eine Verbotsliste zu setzen, oder engagierte sich im

1926 gegründeten „Jungmünchner Kulturbund“.

16

Die

Gründungsveranstaltung fand am 12. Juli im Steinicke-

Saal in München statt. Teilnehmende waren u. a. Thomas

Mann, Ricarda Huch, Karl Henckell und Max Halbe.

Graf erklärte dabei als Referent, warum das Gesetz nicht

zeitgemäß sei: Der Gesetzgeber, der die Jugend vor Schund

13 Sepp Lutz: Du hast ja nichts gehabt. Ein Arbeiterleben in Süddeutschland,

Berlin 1984, S. 16 f.

14 Nikolaus Brauns: „Kraft wahrer Solidarität“. Oskar Maria Graf und die

Rote Hilfe in München, in: Jahrbuch der Oskar Maria Graf-Gesellschaft

2008/09, S. 9-69.

15 Gerhard Bauer: Oskar Maria Graf. Ein rücksichtslos gelebtes Leben, Mün-

chen 1994, S. 145.

16 Vgl. Rolf Recknagel: Ein Bayer in Amerika. Oskar Maria Graf, Leben und

Werk, Berlin 1977, S. 154, und die Beschreibungen in Graf (wie Anm. 3),

S. 340 ff., S. 347.

Von der Revolution zum Exil

Das im Münchner Stadtmuseum ausgestellte Arbeitszimmer von Oskar

Maria Graf in New York City, wohin er 1938 emigrierte, 2013

Foto: Alessandra Schellnegger/Süddeutsche Zeitung Photo